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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15449 字 更新时间:2026-6-22 20:41

»An Deck, meine Herrschaften, die Polonäse beginnt!« rief endlich Kapitän Flederwisch.

Das Deck bot allerdings einen Tanzboden, wie ihn in gleicher Größe kaum ein Vergnügungslokal aufwies.

In Überraschungen für seine Gäste war Kapitän Flederwisch überhaupt groß. Hatte die Gesellschaft vor kaum einer Stunde das Verdeck noch in seiner ursprünglichen Einrichtung gesehen, so glich es jetzt einem geradezu märchenhaft dekorierten Saal. Eine aus Matrosen gebildete Kapelle ließ ihre muntern Weisen ertönen, und es wurde lustig unter freiem Himmel getanzt.

Mitten im Tanze brach Flederwisch plötzlich ab. Eine schwarze Katze, die vermutlich von dem dicht neben der Frithjof liegenden Schiffe herübergekommen, war zwischen den sich drehenden Paaren hindurchgehuscht. Der Kapitän aber besaß, wie so viele Menschen, einen ihm selbst unbegreiflichen Widerwillen gegen alle Katzen, und ihm zuliebe hatte Lady Muggridge alle ihre Lieblinge aus dem Katzengeschlecht abgeschafft.

»Fangt die Katze! Ueber Bord mit ihr!« rief er heftig.

Noch ehe die Matrosen jedoch die Jagd nach dem Tiere beginnen konnten, tauchte hinter einer Palmengruppe der Mulatte Manuel wie ein dunkler Schatten auf, hatte mit einem Sprung und Griff die Katze erhascht, die sich eben hinter die Segelleinwand flüchten wollte - er mochte derb zupacken, denn sie schrie jämmerlich - und verschwand mit ihr unter der Back, dem erhöhten Vorderteile des Schiffes, wo sich altem Herkommen gemäß auch die Schlafräume der Matrosen befinden.

Zufällig hatte Imma zu derselben Zeit dem ersten Steuermann ihres Bruders gegenüber den Wunsch geäußert, einmal unter seiner Führung die innere Einrichtung der Frithjof zu besichtigen.

Sie begaben sich durch den Salon zurück in den Korridor im ersten Zwischendeck, von wo Türen in die einzelnen Kabinen führten, über jeder ein Schildchen mit blanken Messingbuchstaben, angebend, wer in dem Räume wohne oder wozu dieser diene. Hier hatte der Kapitän seine große Schlafkabine, seine Schreibstube, seinen Wohnraum, seine Badeeinrichtung - alles Bequemlichkeiten, wie man sie nur auf großen Dampfern findet.

>Erster Steuermann< stand an einer Tür. Imma sah ein helles, für ein Schiff geräumiges Wohngemach, an der ein fast so großes Schlafzimmer grenzte. Beide Räume waren behaglich und modern eingerichtet.

Ein mißtönendes Geschrei unterbrach die Plaudernden, es klang in diesem niedrigen, nur von dünnen Eisenplatten umgebenen Zimmer schrecklich, es war wie das Schmerzgejammer eines kleinen Kindes; dazwischen kamen nicht zu schildernde Töne vor.

»Was ist das?« fragte Imma tödlich erschrocken und klammerte sich an Alfreds Arm.

Aber auch dieser wußte keine Antwort zu geben, regungslos saß er da und lauschte. Bald war es, als sei das Geschrei dicht neben ihm, dann schien das immer stärker werdende Geheul und Gewinsel aus der Tiefe des Kielraums zu kommen. Es schien ein Kind zu sein, im furchtbarsten Schmerze schreiend, aber Kinder befanden sich ja gar nicht an Bord.

»Ich weiß es,« rief Alfred aufspringend, »es ist die Katze, Manuel martert sie gewiß. Bleiben Sie! Ich komme gleich wieder.«

Er ergriff die noch brennende Lampe und stürzte hinaus, ohne zu beachten, daß Imma ihm folgte.

In einem Hellegat, das ist ein fensterloser Raum, als Niederlage dienend, hing eine Lampe an der Wand, und im Scheine derselben vollbrachte der Mulatte sein teuflisches Werk. Er hatte der Katze die Füße gebunden, das Maul mit einem Holzpflock weit auseinandergespannt, um sie am Beißen zu hindern, und sie so an einem an der Decke befestigten Strick aufgehängt. Sein Arm blutete aus einer Schmarre, das Tier hatte ihn gekratzt, und nun übte er Wiedervergeltung, wenn er nicht allein aus grausamer Wollust marterte, denn mit teuflischer Freude, die in seinen Zügen zu lesen war, weidete er sich an den Zuckungen seines Opfers.

»Halunke!« donnerte da eine Stimme. Eine Faust traf den Kopf des Mulatten, klirrend fiel das Messer auf die Eisenplatten, und taumelnd stürzte er selbst nieder.

Nur einen Moment freilich blieb er liegen, dann sprang er mit einem unartikulierten Wutschrei auf, die blutunterlaufenen Augen stierten auf den Gegner; sie erkannten den Steuermann; die rechte Hand fuhr in das dichte, wollige Haar, wie eine blaue Flamme zuckte es durch die Luft, und mit dem Sprunge eines Tigers stürzte Manuel sich auf Alfred, hinter dem ein gellender Schrei des Entsetzens erklang.

Der Steuermann aber hatte den Sprung berechnet, er fing die Faust auf, welche den kleinen Dolch, der sein Herz getroffen hätte, umklammerte. Es knackte.

Brüllend vor Schmerz ließ der Mulatte die Waffe fallen; die beiden Männer hatten sich zum Ringkampf gepackt, ein Wolfsgebiß lag an Alfreds Kehle, aber ehe es sich einschlagen konnte, wurde Manuel emporgehoben und krachend zu Boden geschmettert, daß er besinnungslos liegen blieb. Dies alles hatte kaum drei Sekunden gedauert.

»Hallo, was geht hier vor? Ruhe an Bord!« ertönte Flederwischs befehlerische Stimme. Er stand im Türrahmen, seine stammenden Augen überflogen den Raum und bohrten sich in die des Steuermanns. An der Wand lehnte halb ohnmächtig Imma. Sie war Alfred leise gefolgt.

Dieser deutete auf die verstümmelte Katze.

»Da, Kapitän, so hat dieser Schuft Euern Befehl, die Katze zu beseitigen, ausgeführt. Ich schlug ihn zu Boden, er raffte sich auf und warf sich mit dem Dolch auf mich.«

Doch Flederwisch, der ganz als despotischer Kapitän auftrat, schien sich auf Seite seines rohen Bootsmanns stellen zu wollen.

»Warum schlugt Ihr ihn zu Boden?« fragte er scharf und drohend.

Da richtete Alfred sich hoch empor, den zornigen Blicken des andern fest begegnend.

»Warum? Weil ich empört war! Weil er es verdiente! Und so würde ich jeden züchtigen, der auf diese Weise ein Tier martert.«

»Was?!« brauste Flederwisch auf. »An Bord meines Schiffes ...«

Er brach plötzlich ab; seine zornsprühenden Blicke hatten die Schwester gestreift, mit einem Male lachte er belustigt auf.

»Recht so, daß Ihr den schwarzen Hund gezüchtigt habt! He, du räudiges Scheusal, steh auf! Munter! Das hat dir nichts geschadet!«

Er trat den Mulatten mit Füßen. Manuel kam allmählich zu sich, richtete sich etwas auf, griff an den Kopf und schaute verwirrt um sich.

»Tue nicht so, als könnten dir deine Hirnschale und Knochen überhaupt gebrochen werden. Steh auf, bitte dem Steuermann ab!«

Diese Worte wirkten wie ein hypnotischer Befehl auf den Farbigen. Manuel stand vollends auf, sein eben noch verzerrtes Gesicht nahm einen demütigen Ausdruck an; nochmals aufgefordert, Abbitte zu leisten, trat er in kriechender Haltung vor Alfred hin und murmelte wie ein Kind etwas davon, daß es ihm leid täte und er es nie wieder tun wolle.

Der Steuermann beachtete ihn nicht, er beschäftigte sich mit der zitternden und der Sprache noch nicht fähigen Imma.

»Er hat Sie verwundet,« war das erste, was sie hervorbrachte.

»Nicht doch, er war in meiner Hand wie ein Kind, und solch ein Spielzeug von Messerchen brauche ich wahrhaftig nicht zu fürchten,« tröstete Alfred sie lächelnd. »Es ist gut, Manuel,« wandte er sich dann an den Farbigen, zugleich die Katze losknüpfend, »ich nehme an, du hast mich im Dunkeln nicht erkannt. Aber merke dir, wenn du noch einmal die Hand gegen den ersten Steuermann erhebst, kannst du sie nicht mehr gebrauchen. Diesmal habe ich dich noch geschont.«

Der Mulatte schlich davon; die starren Augen Immas folgten ihm, sie sah, wie er im Hinausgehn den Dolch aufhob, sie sah auch den furchtbaren Blick, der aus dieser gebückten Stellung den Steuermann traf, und eine entsetzliche, quälende Angst beklemmte ihr Herz. Wenn sie doch ein Recht gehabt hätte, Alfred zu warnen, oder gar die Möglichkeit, ihn ganz von der Teilnahme an der Fahrt zurückzuhalten. Aber sie durfte nicht wagen, zu ihm zu sprechen. Hätte sie es getan, jetzt, in dieser Minute, so hätte sie ihm verraten müssen, daß sie ihn liebte, denn nur das liebende Weib hat ein Recht, für den Auserwählten seines Herzens zu bangen.

Imma hätte allerdings wissen müssen, daß diesem ersten Steuermann nicht so leicht jemand etwas anhaben konnte, daß er nicht nur kühn und stark war, sondern auch über eine seltene Geistesgegenwart verfügte.

Allmählich aber schwand ihre Angst über der Bewunderung, die sie dem herrlichen Manne zollen mußte.

Alfred geleitete die Schwester seines Kapitäns an Deck zurück, aber sie konnte nicht wieder in die richtige Feststimmung kommen. Es schien überhaupt, als wenn auch die übrige Gesellschaft ermüdet und abgespannt wäre, und so wurden bald die Boote beordert, in denen die Gäste des Kapitäns Flederwisch an Land gesetzt wurden.

Der erste Steuermann kehrte nochmals in das Haus der Lady Muggridge zurück, und wenn er des Abends allein war, dann schrieb er entweder eifrig in ein Buch oder studierte Seekarten oder aber trieb eine ganz seltsame Beschäftigung. Bei sorgfältig verhängten Fenstern und verhülltem Schlüsselloch stand er vor dem großen Spiegel und strich sich mit den Fingern über Stirn, Nase, Kinn und Wangen, und wenn er dann die Hände wieder sinken ließ, dann schaute aus dem Glase allemal ein andres Gesicht, völlig verschieden von dem vorigen. Diese Uebungen dauerten oft stundenlang, aber erst in den letzten Tagen vor der Abreise bediente sich der Steuermann bei seinen Verwandlungen auch andrer Hilfsmittel. Er hatte sich Perücken und falsche Bärte besorgt.

Auf diese Weise bildete der, den der Lotsenkommandeur als Prinzen Alfred, Kapitän Flederwisch aber als Nobody bezeichnet hatte, sich für den Detektivberuf aus, den er bald für immer ergreifen wollte, allerdings in eigenartiger, noch nie dagewesener Weise. Auch übte er vorläufig die Rollen ein, die er in der nächsten Zukunft als Flederwischs Begleiter spielen wollte.

Das Buch aber, in das er so oft schrieb, liegt gegenwärtig vor dem, der diese Erzählung wiedergibt. Es führt den Titel:

»Detektiv Nobodys Tagebuch«,

und von einigen Kürzungen abgesehen, geben wir die eigenhändigen Aufzeichnungen des berühmtesten aller Detektiven nachstehend wieder, indem wir ihn für gewöhnlich als Steuermann Alfred Werner bezeichnen und ihn nur dann Nobody nennen, wenn er sich einer Verkleidung bedient, um wieder eine seiner wunderbaren Entdeckungen zu machen, wenn er Knoten an Knoten zu dem Netze schürzt, das er über dem Kapitän Flederwisch zusammenziehen will, um aus dem verwegnen Schmugglerkapitän seinen besten und brauchbarsten Freund zu machen. - -

Tage vergingen. Noch oftmals wanderte Kapitän Flederwisch ruhelos in seinem Zimmer auf und ab, irrte durch Londons Straßen oder stand am Quai und starrte träumend auf die Frithjof, deren Rumpf sich unheimlich hoch aus dem Wasser erhob. Es war ja noch eine Woche Zeit, aber dieses Warten, diese Ungewißheit! Dieses entweder oder! Entweder mit einem Schlage ein schwerreicher Mann - oder bankrott! Flederwisch verzehrte sich selbst, obgleich man es ihm äußerlich nicht ansah, was in ihm vorging. Seine urstarke Natur trotzte der seelischen Schwindsucht, und in Gesellschaft wußte er sich zu beherrschen.

Auch jetzt wieder war Manuel sein einziger Vertrauter, der seinen Herrn ständig mit besorgten Blicken verfolgte.

»Wenn sie nicht kommen - Manuel, ich lasse diesen Ring wirken!«

Der Mulatte mußte wissen, was es mit dem dicken, seltsam gravierten Goldringe an der ausgestreckten Hand des Kapitäns für eine Bewandtnis hatte.

»Sie werden zur bestimmten Zeit kommen, Massa, ich weiß es, ich habe davon geträumt, und meine Träume gehn immer in Erfüllung,« war die stehende Antwort des abergläubischen Negers; schon hundertmal hatte er dasselbe gesagt, seinen Traum erzählt, wie die Frithjof die 20.000 Kisten mit Revolvern übernahm, mit allen Einzelheiten, und stets hingen die Augen des verzweifelten und über jeden Aberglauben erhaben sein wollenden Kapitäns an den Lippen des Erzählenden. Der Ertrinkende klammerte sich an einen wahnwitzigen Traum als an die letzte Hoffnung.

Die Nachforschungen nach Davis' Mörder machten nicht die geringsten Fortschritte. Ein Zeitungsinserat hatte alle Gläubiger und Schuldner des Hausbesitzers aufgefordert, sich zu melden. Niemand kam, niemand ging in die Falle, welche der >Morning Leader< aufgedeckt hatte.

Wieder eine Woche verstrich. Morgen war der Termin, an welchem die Fracht neben der Frithjof liegen sollte, und niemand ließ etwas von sich hören.

Flederwisch stand auf seinem Schiffe, von dem ihm nicht einmal ein Nagel gehörte. Ein paar hundert Tonnen mit Bijouteriewaren aus gepreßtem Papierstoff hatte der ungeheuere Schlund verschlungen, aber was war das für den unergründlichen Magen! Durch die Luke blickte Flederwisch in eine gähnende Tiefe. Einmal fragte Alfred, ob die Fracht nicht bald käme, und sofort versicherte der Kapitän in seinem gewöhnlichen, leichten Tone, in einigen Tagen werde sie dasein.

Der andre Tag kam, aber keine Fracht, kein erlösender Brief.

»Manuel, mit mir ist's vorbei!« stöhnte Flederwisch, ballte die rechte Hand zusammen und stierte verzweifelt auf den Goldring.

»Sie kommen, Kapitän!«

»Ja, der Teufel kommt! Ich habe keine Lust, mich noch lange herumzuquälen oder etwa gar in fremde Dienste zu treten. Daß ich mir verdammt wenig aus Leben oder Tod mache, weißt du. Ich ertrag's nicht länger. Nur meine Leute dauern mich, daß ich den armen Kerls den Spaß verderben muß. Unter einem andern Kapitän kann ich sie mir gar nicht denken. Aber sie brauchen sich auch keinen neuen Kapitän zu suchen - ich will's nicht - ich mag's nicht - meine braven Jungens sollen wenigstens nicht darunter leiden - sie sollen an mich denken - ich habe für sie noch genug Geld beiseite gebracht ...«

Wahrhaftig, Flederwisch weinte! Der Tod schien bei ihm beschlossen zu sein. Für das Weib und seine Liebe zu diesem, wovon er zu der Schwester mit solch glühenden Worten gesprochen, hatte er gar keinen Gedanken. Aber als er an seine Matrosen dachte, die er verlassen sollte, da weinte er. Und er hatte für sie immer gesorgt gehabt, wie ein Vater für seine Kinder, jetzt stellte es sich heraus.

»Seht mich an, Kapitän!« unterbrach ihn der Mulatte mit tiefer Stimme, und Flederwisch blickte auf.

Manuel war von diesem Jammer und dieser Liebe nicht gerührt worden, Tränen hatte er nicht im Auge, aber jenen kleinen Dolch hatte er in der Hand, und diesen setzte er mit der Spitze auf sein rechtes Augenlid.

»Kapitän,« fuhr er leise fort, aber in seltsamem, unheimlichen Tone, »wartet noch bis morgen, bis übermorgen, gebt mir noch acht Tage Frist - ja, nur noch acht Tage - ist heute über acht Tage die bestellte Fracht nicht eingetroffen, so will ich mir hier vor Euch diesen Dolch langsam in mein Auge bohren, bis ins Hirn, und tot vor Eure Füße sinken.«

Es war eine furchtbare Versicherung der Gewißheit; selbst Flederwisch, der doch den Mulatten kannte, starrte ihn entsetzt an. Zugleich hatte er auch noch etwas andres herausgehört.

»Die bestellte Fracht?« flüsterte er. »Was weißt du davon?«

Der Mulatte ließ den kleinen Dolch wieder zwischen den dichten Haarbüscheln seines Kopfes verschwinden.

»Ich weiß eben, daß sie kommen wird, denn ich habe davon geträumt, und meine Träume trügen nie,« entgegnete er gleichgültig.

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