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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15392 字 更新时间:2026-6-22 20:41

Die Klingel hatte geschellt, das Dienstmädchen brachte eine Karte.

»Willem Harderbrook, Kaufmann, Amsterdam,« las der Kapitän laut. »Wartet der Mann? Nichts, nichts, ich will niemanden mehr sehen!«

Der Schiffseigentümer und Kapitän, welcher keine Fracht zu haben schien, wie sogar in Schiffsblättern manchmal angedeutet war, wurde mit Anfragen aus allen Ländern überflutet, ob er nicht die und jene Ladung übernehmen wolle. Wurden die Briefe nicht beantwortet, so kamen die Schreiber nicht selten persönlich.

Das Dienstmädchen wandte sich, um wieder zu gehn; plötzlich wurde es von hinten durch eine rohe Faust bei den Röcken gepackt und festgehalten.

»Willem Harderbrook,« zischte Manuel seinem Herrn unter dem Zetergeschrei der tödlich Erschrockenen zu, »den Namen habe ich bei ihm gelesen - hole ihn!«

Aber das Mädchen war dazu nicht mehr fähig, Manuel holte jenen selbst.

Die Tür ging auf, vor Flederwisch stand ein eleganter Herr mit glattrasiertem, englischen Gesicht.

»Habe ich die Ehre, Mister Paul Müller zu sprechen, selbstfahrender Besitzer der Frithjof?«

»Bin ich! Setzen Sie sich!«

Der Herr nahm Platz, Flederwisch saß schon, ohne etwas davon zu wissen. In seinem Kopfe drehte sich alles, nur undeutlich sah er, wie der Mann in den Papieren einer Brieftasche blätterte.

»Sind wir hier ungestört?«

»Wir sind es.«

»Davis ist ermordet - schauderhaft!«

Noch einmal setzte des Kapitäns Herzschlag aus. Dann entstand ein eigentümliches Gefühl in seiner Brust, eine krampfhafte Spannung, dabei aber wurde er plötzlich ganz ruhig. Was jetzt kam, er war bereit, es zu ertragen.

»Standen Sie vielleicht mit Davis in Verbindung?« fragte er kalt.

Der andre lächelte flüchtig.

»Sie wissen, um was es sich handelt. Der holländische Dampfer Hermine läuft heute nachmittag Tilbury an. Er hat Ihre Fracht an Bord.«

Mr. Harderbrook suchte noch immer zwischen seinen Papieren. Wird er mir jetzt die unquittierten Rechnungen vorlegen? dachte Flederwisch mit unnatürlicher Gleichmütigkeit, während sein Herz wild schlug.

»Wir haben durch Davis' Tod doch keine Unannehmlichkeiten?«

»Alles in Ordnung, tausend Tonnen Revolver, zweihundert Tonnen Türschlösser, frei in das Katharinendock ans Schiff, Sie haben sich um gar nichts mehr zu kümmern. Hier - endlich - hier ist die Gesamtquittung. Ich wollte Ihnen nur mitteilen, daß die Hermine mit ihren fünftausend Tonnen nicht die Themse heraufkann, wodurch zwei Tage Verzögerung eintreten. Sie löscht in Tilbury, Ihr Kargo wird mit der Southeastern nach der Dockstation übergeführt und von dort mit Wagen vorgefahren. Selbstverständlich tragen wir alle Kosten ...«

Mehr hörte Flederwisch nicht mehr, der Agent mußte ihm später alles noch einmal wiederholen. Alles, was der Schmugglerkapitän bis jetzt zurückgedrängt, brach mit einem Male hervor, siedend heiß stieg ihm das Blut nach dem Kopfe, alles tanzte um ihn, er sah die Gedanken, die ihm durchs Hirn zuckten, in verkörperten Bildern vor sich. Die Göttin Fortuna lächelte ihm zu - er sah sein Schiff mit Waren gefüllt, die ihm im Verhältnis zu ihrem Werte so gut wie nichts kosteten - er sah Rechnungen um sich herumfliegen, mit ungeheuren Zahlen bedeckt, die er aber nie zu begleichen brauchte, weil niemand da war, der das Geld forderte - und dann der Verdienst, selbst wenn er nicht schmuggelte! Er war gerettet, gerettet!! Er war mit einem Schlage ein mehrfacher Millionär - selbst wenn er nicht schmuggelte, setzte er im Innern hinzu.

Der Agent war gegangen, und Flederwisch war in Manuels Kammer geeilt, nein, getaumelt. Wieder brauchte er einen Menschen. Schluchzend lag er an des Mulatten nackter, zottiger Brust, und grinsend blickte dieser auf seinen Herrn herab.

Der Traum ging in Erfüllung. Am Quai türmten sich die Kistenberge, die Krahne ächzten, alles arbeitete, keuchte und schwitzte, und immer tiefer sank der Riesenleib des Schiffes.

Singend und pfeifend ging Flederwisch auf der Kommandobrücke auf und ab, sprang selbst einmal zu und legte mit Hand an, und wenn er dann durch die Räume des Zwischendecks schritt und diese nur den Bildern seiner Phantasie belebte, befiel ihn oft ein Wonnetaumel, daß er sich setzen mußte.

Unterdessen aber hatte er sich auch mit nüchternem Verstande klargemacht, wie es mit ihm stand. Was er beging, war ein schweres Unrecht; er eignete sich fremdes Gut an. Denn Davis hatte Erben, und denen schuldete er jetzt ungefähr zwei und eine halbe Million. Doch der Kapitän dachte nicht daran, sich zu melden. Er durfte es auch gar nicht tun. Dann war er überhaupt erhaben über eine moralische Verpflichtung. Davis war ein Wucherer gewesen, ein Halsabschneider, ein Betrüger - wohl, diesmal hatte ihn ein andrer übervorteilt, das war für Flederwisch ganz ehrliches Spiel. Die Erben, weitläufige Verwandte, kleine Leute, hatten nie daran gedacht, in den Besitz des Vermögens zu kommen, für so reich hatten sie den alten Geizhals nie gehalten, es war ein großes, bares Kapital vorhanden, in das sie sich teilten, sie erhielten unzählige Ansprüche und Dividenden, und darüber vergaßen sie das andre, was ihnen durch den Brand vielleicht verloren gegangen war.

Ja, wenn Flederwisch einmal in der Lage war, sie auszahlen zu können, ohne das Geld zu vermissen, und ohne jede Gefahr, noch nachträglich mit den Gerichten in Konflikt zu kommen, dann wollte er es sicher tun, mit Zinsen - und damit hatte er die Gewissensbisse vollkommen erstickt.

Trotzdem kam Flederwisch nicht aus der Unruhe heraus. Immer neue Sorgen verdüsterten sein Gemüt. Von Davis' Mörder fehlte noch immer auch die leiseste Spur. Der Verbrecher war mit größter Vorsicht an sein blutiges Werk gegangen; man würde ihn wohl nie entdecken und nie erfahren, was für Papiere er verbrannt hatte. Er hatte gewiß außer Kapitän Flederwisch noch manchem andern einen unbezahlbaren Dienst erwiesen.

Das drohende Gespenst blieb trotzdem bestehn.

Um es kurz zu machen: für Flederwisch wurde der Boden hier zu heiß. Er beschloß, England für immer den Rücken zu kehren, sich einen andern Heimatshafen zu suchen, oder das Schiff wurde eben seine Heimat. In seinen Phantasiebildern änderte sich dadurch nichts. Auch eine vollständige Trennung von der geliebten Schwester brauchte nicht zu erfolgen, wenn er das Land, das die Geschwister ihre neue Heimat genannt, für immer verließ, vielmehr war Imma von vornherein in seinen Zukunftsplan aufgenommen gewesen.

Der Tag der Abfahrt war gekommen. Der erste Steuermann, Alfred Werner, stand im Oelrock und Südwester in seiner Kabine.

Er glich wirklich einem gewappneten Ritter. Der das Gesicht beschattende Südwester glich einem Helm mit aufgeschlagenem Visier und gab den Zügen des Steuermanns ein wildes, trotziges Aussehen, die imponierende Gestalt erschien in dem langen Mantel und in dem niedrigen Räume noch größer.

Der Lärm an Deck nahm zu, man vernahm Flederwischs Kommandorufe.

»Der Kapitän läßt die Raaen backbord brassen? Wozu denn schon jetzt? Ich muß an Deck!« Er eilte hinaus.

Es war ein ungemütliches Wetter. Ein feiner Sprühregen, von heftigem Ostwinde getrieben, peitschte ihm entgegen. Ein kleiner Dampfer manövrierte, um sich vorzuspannen. Matrosen standen am Bug bereit, die Taue in Empfang zu nehmen, andre zum Absetzen an der Steinmauer des Quais. Flederwisch befand sich ebenfalls schon im Oelzeug, auch seine Hände von Handschuhen aus Gummi umschlossen, und leitete die Arbeit der übrigen Mannschaft in der Takelage. Sie schienen die Zeisings auf den stark gewendeten Raaen schon jetzt von den Segeln zu lösen, obwohl erst hinter Tilbury das Schiff in freierem Wasser segeln konnte; bis dahin mußte es geschleppt werden, das war Hafengesetz. Bis dahin aber vergingen noch viele Stunden, und dort mußten die Raaen auch wieder ganz anders gerichtet werden. Kurz, man fand es ganz unbegreiflich, was denn der Kapitän da mache.

»Zum Henker mit Euch, wo steckt Ihr denn?« rief dieser Alfred entgegen. »Die Fockraa muß noch mehr nach backbord gebraßt werden. Seht Ihr denn nicht, daß wir den Schornstein sonst mitnehmen? Manuel, klar Deck überall, herunter von Bord, was nicht darauf gehört!«

Leichtfüßig sprang er die Kommandobrücke hinauf, Umschau zu halten, und war ebenso schnell wieder herunter, als er seine Schwester an Deck stehn sah. Er eilte auf Imma zu, und plötzliche beugte er sich zu ihr herab, schloß sie in seine Arme und küßte sie leidenschaftlich.

»Leb' wohl, mein Schwesterchen, leb' wohl, leb' wohl!« erklang es schluchzend, und er preßte sie an sich, daß es Imma schmerzte.

Dann schob er sie sanft über das Laufbrett, welches hinter ihr von Matrosen zurückgezogen wurde, und als sie sich umwandte, noch erschrocken und erstaunt über dieses Ungestüm beim Abschied, über diesen wahren Schmerz, der ihr an ihm ganz fremd war, sah sie ihn schon wieder auf der Brücke, mit schallender Stimme Kommandos erteilend. Alfred stand vorn auf der Back und leitete das Befestigen der Taue; er hatte ihr nicht noch einmal die Hand reichen können, konnte jetzt nicht mehr nach ihr blicken.

Die Abfahrt des neuen Seglers unter Kapitän Flederwischs Kommando hatte ein großes Publikum angelockt, trotz des Regenwetters, und nicht nur Seeleute und Flederwischs Freunde. Dieser ließ sich als Kapitän gern bewundern, und hier hatte er Gelegenheit, auch einmal im Hafen seine Kunst zu zeigen, er hatte ja eine Vorstellung versprochen. Schade nur, daß das schlechte Wetter nicht die Paradeuniform seiner Matrosen zuließ - so bedauerte er, nicht wissend, daß die in Oelanzüge gehüllten Gestalten mit den Südwestern viel bessere Figuren zu dem Bilde abgaben, welches sich bald entwickeln sollte.

Der kleine Dampfer zog an, die Matrosen an Deck des Seglers arbeiteten mit Winden und Hebebäumen, die Hafenarbeiter auf beiden Seiten der Schleusen rannten mit Tauen unter der Leitung der Hafenkapitäne, der Dampfer zischte und keuchte, Taue flogen durch die Luft, und alles wurde von dem jungen Kapitän beherrscht, der durch das Sprachrohr seine Befehle donnerte.

So gewöhnlich dieses Manöver im Hafen auch war, bot das Ganze doch ein imposantes Bild, wie die auf dem Riesenschiffe mit den himmelhohen Masten verschwindenden Menschlein mit dem Koloß und der Steinmauer kämpften, um beide voneinander zu trennen. Die Matrosen jagten umher, die braunen, wilden Gesichter glühten unter den Südwestern, Taue wurden ausgeschleudert und gefangen, eins war nicht rechtzeitig gelockert worden, ein Knall wie ein Kanonenschuß, das armstarke Manilaseil war wie Glas gesprungen, eine lange Reihe von Matrosen stürzten an Deck und überschlugen sich, mit blutenden Gesichtern erhoben sie sich, ein Wink, ein schriller Pfiff der Bootsmannspfeife, sie warfen sich auf ein zweites Tau, das nicht über den Boller wollte, ihr Gesang war ein Wutgeheul, und sie ruhten nicht eher, als bis sie es gebändigt hatten. Hochaufgerichtet stand die mächtige Figur des ersten Steuermanns auf einem Boller am Bug, ein Felsen inmitten des kämpfenden Gewoges, mit unerschütterlicher Ruhe Befehle austeilend. Seine hin und her fliegende Ordonnanz war der schwarze Bootsmann, während der Kapitän selbst überall zu gleicher Zeit zu sein schien, jetzt am Heck, jetzt auf der Back, jetzt mittschiffs, sein haarscharfes Messer fuhr über ein schenkeldickes Tau und zerschnitt es wie einen Bindfaden, und dann stand er schon wieder auf der Kommandobrücke, die Seele des Ganzen.

»Wie romantisch! Sind das nicht wirklich Wikingerhelden? Wenn es schon hier so zugeht, wie mag es da erst draußen auf dem Meere im Sturme sein!«

So sagte eine schwärmerisch veranlagte Dame, und sie hatte recht.

»Er kommt nicht frei, ohne den Schornstein dort umzureißen,« lautete das sachverständige Urteil aller zuschauenden Seeleute, »und das Fenster dort drückt er auch mit der Fockraa ein, wenn nicht die ganze Raa bricht, und dann gehn auch die Wanten über Bord!«

Frei von der Quaimauer war das Schiff, jetzt aber kam noch das Schwierigste. Das alte St. Katharinendock eignet sich nicht recht für große Schiffe, es ist unpraktisch gebaut. So stand hier der Takelage ein Kesselhaus mit hohem Schornstein im Wege. Wohl ein dutzendmal schon ist dieser Schornstein weggeknackt worden, aber der konservative Engländer baut ihn immer wieder hin. Die Reederei des betreffenden Schiffes muß den Schaden ja auch bezahlen.

»Da - da - da geht der Schornstein hin!« riefen vier Kapitäne gleichzeitig, und es klang etwas wie Schadenfreude hindurch.

So weit war es noch nicht; die Fockraa lag nur fest daran, freilich so, daß man den Schornstein schon sich biegen zu sehen glaubte, im nächsten Augenblick mußten die Steine zusammenprasseln.

Aber die Frithjof ging nicht mehr vorwärts, wenn es auch nur ein Aufschub sein konnte. Flederwisch donnerte mit feuerrotem Kopfe dem Kapitän auf dem Schleppdampfer Kommandos zu, jedes vierte Wort war ein Tiername, vom Kamel bis zum Heupferd, der weißbärtige Mann sagte nur immer: »ay, ay captain!« und folgte den fremden Befehlen, schließlich das eigne Kommando ganz aufgebend, sich selbst zum Handlanger degradierend, weil er seinen Meister erkannt hatte.

Noch einmal wurden die Taue ausgefahren und eingeholt. Flederwisch schleuderte den Matrosen vom Steuerrad und griff selbst in die Speichen, dirigierte mit seinem Kommando beide Schiffe zugleich, den unbeholfenen Riesen und den beweglichen Zwerg, seine Augen waren überall.

Und das für alle Seeleute anscheinend Unmögliche gelang, das Schiff kam frei von dem Schornstein, immer weiter, es drehte sich, die Raaen hatten ihn hinter sich, und sicher steuerte die Frithjof der Schleuse zu, dem letzten Hindernis. Flederwisch wandte sich um und machte mit der Hand eine Abschiedsbewegung, aber es sah wie eine höhnische Gebärde aus, und daß jetzt die am Ufer zusehenden Seeleute nicht in das brausende Hurra der Menschenmenge einstimmten, das konnte sich nur der erklären, der wußte, daß sie vor Staunen keine Worte fanden.

»Sakra, hat der a Schneid!« flüsterte ein österreichischer Kapitän neben Imma, und wieder schwoll dieser das Herz vor Stolz über ihren Bruder.

Aber das war nur das Vorspiel gewesen zu dem, was Flederwisch noch vorhatte. Er wollte in der Seemannskunst etwas zeigen, was London noch nie gesehen. Hätte er es als deutscher Kapitän in einem deutschen Hafen gewagt, er wäre sofort des Kapitänspatentes verlustig gewesen und außerdem noch schwer bestraft worden. In England jubelte man ihm deswegen zu, und eben darum fuhr er unter englischer Flagge.

Die Frithjof hatte im Schlepptau des Dampfers die Schleuse passiert, vor ihr lag die Themse, gar nicht sehr breit, eigentlich nur ein mittelmäßiger Fluß. Es ist strenges Gesetz, daß selbst kleine Segler von nur ein paar hundert Tonnen bis nach Tilbury oder von dort an herauf geschleppt werden, weil sie wegen der Enge und Belebtheit des Fahrwassers gar nicht manövrieren können.

»Los die Leine!« hörte Alfred Flederwischs Stimme; er sah, wie einige nach vorn springende Matrosen die Stahltrosse, an der der Dampfer zog, von dem Boller lösten und einfach abwarfen. Das so befreite Dampfboot schoß mit peitschender Schraube davon.

»Kapitän, was macht Ihr?!« schrie der Führer des Schleppers wahrhaft entsetzt.

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