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作者:德-Robert Kraft 当前章节:15682 字 更新时间:2026-6-22 20:41

»Jawohl, Herr Makart hieß er.«

»Dieser Herr war ich.«

»Sie sehen ihm zwar nicht ähnlich, aber nach dem, was Sie mir soeben als Verwandlungskünstler vorgemacht haben, zweifle ich nicht daran, daß Sie es wirklich gewesen sind.«

»Dieses Vertrauen zu mir freut mich, das wird unser Gespräch sehr abkürzen. Können Sie sich ferner des alten Chinesen erinnern, der Sie in jener Spielhölle, die Sie mit einigen Kameraden betraten, immer so scharf anblickte?«

»Und ob ich mich seiner noch erinnern kann!«

»Das war ebenfalls ich.«

»Daran zweifle ich jetzt auch nicht mehr.«

»Ferner war ich auch derjenige, welcher mit Ihrem Vormund und Kapitän über Sie gesprochen hat. Zwar sagte Ihnen jener Makart, also ich selbst, er habe nur seinen Stellvertreter zu Ihrem Kapitän geschickt, aber dem war nicht so, ich selbst war es, jedoch wiederum in einer andern Maske, und ich sagte Ihnen diese kleine Unwahrheit nur, um Weitschweifigkeiten zu vermeiden. Jetzt wiederhole ich also meine Frage: wollen Sie in meine Dienste treten?«

»In was für Dienste? Was betreiben Sie?«

»Diese Frage gefällt mir von Ihnen. Sie beweist mir, daß Sie nicht in die Dienste eines jeden Menschen zu treten gewillt sind.«

»Allerdings nicht. Sie gaben sich für einen Mann aus, der sich zu seinem Vergnügen eine Jacht hält. Für diese wollten Sie mich anmustern.«

»Ich will Ihnen eine Erklärung geben, soweit eine solche jetzt in aller Kürze möglich ist. Ich habe mit der chinesischen Regierung einen Kontrakt abgeschlossen, wonach ich diese Gewässer von Seeräubern säubern soll und ... ja, mehr brauche ich eigentlich gar nicht zu sagen. Oder fragen Sie, wenn Sie noch etwas wissen wollen.«

Allerdings hatte ich da noch sehr viel zu fragen, und diese Gelegenheit dazu ließ ich mir nicht entgehen.

»Sie bedienen sich einer Dschonke und maskieren Ihre Mannschaft als Chinesen, um die Piraten auf sich zu locken und diesen dann selbst den Garaus zu machen. Ist es nicht so?«

»Ganz richtig. Davon sind Sie doch selbst Zeuge geworden.«

»Hat denn diese Dschonke eine Dampfmaschine?«

»Nein, aber einen sehr starken Petroleummotor, der ihr eine Geschwindigkeit bis zu 18 Knoten in der Stunde verleiht!«

»Einen Petroleummotor?« fragte ich, der ich noch nie so etwas gehört hatte.

»Sie sollen die Maschine dann zu sehen bekommen. Die Petroleummotore sind eine neue Errungenschaft der Technik. Ich sah eine große Jacht, welche statt mit einer Dampfmaschine mit solch einem Petroleummotor ausgestattet war, und ließ mir nach diesem Muster ein kleineres Fahrzeug auf einer Londoner Privatwerft bauen, unter der Garantie der Geheimhaltung, denn ich beabsichtigte eben, den chinesischen Piraten zu Leibe zu gehen, deshalb gab ich diesem Fahrzeug das Aussehen einer chinesischen Dschonke, scheinbar nur aus Balken und Brettern zusammengenagelt, während es in Wirklichkeit ein mit schweren Stahlplatten gepanzertes Schiff ist, vorn auch mit einem scharfen Rammer versehen. Nun begreifen Sie wohl auch, wie ich den eisernen Norweger so glatt durchschneiden konnte.«

Ja, das begriff ich, obgleich mein Staunen dadurch nicht geringer wurde.

»Immer fragen Sie nur, ich stehe ganz zu Ihrer Verfügung,« ermunterte mich der Kapitän, der überhaupt von vollendeter Liebenswürdigkeit war.

Meine Fragen waren nicht geregelt, und die nächstfolgende diktierte mir nur die Neugier. »Darf ich fragen, was Ihnen die chinesische Regierung dafür zahlt, daß Sie gegen die Piraten auf eigne Faust Krieg führen?«

»Sie dürfen nicht nur fragen, sondern Sie sollen sogar fragen!« rief der Kapitän lebhaft. »Ich habe mir ausbedungen, daß ich die von mir gefangenen Piraten als meine Sklaven behalten kann.«

»Als Sklaven?!«

»Sagen Sie, wenn Ihnen dieses Wort nicht gefällt, als meine Arbeiter. O, die haben bei mir über nichts zu klagen. Bedenken Sie nur, daß Piraterie eigentlich bedingungslos durch den Tod am Galgen bestraft wird. Ich schenke ihnen mit Genehmigung der Regierung das Leben. Dafür müssen sie arbeiten. Lohn bekommen sie allerdings nicht, aber, wie schon gesagt, sie leiden keine Not. Jedenfalls stehen sich die Piraten bei mir zehnmal besser als in den Diensten des gelben Drachen, von dem sie unter der Maske eines patriotischen Zweckes doch nur ausgenützt werden.«

»Wo beschäftigen Sie die gefangenen Piraten?«

»Auf einer Insel, die mir die chinesische Regierung als Operationsbasis überlassen hat. Sie ist unser nächstes Ziel, und Sie werden selbst sehen, was wir dort treiben. Da ich aber meine Gefangenen verwenden kann wo und wie ich will, bediene ich mich ihrer auch noch zu einem andern Zwecke. Sie werden nach und nach in alles eingeweiht werden, denn ich denke doch, Sie bleiben von jetzt an bei mir. Nicht wahr, mein junger Freund?«

Mir wollte etwas durchaus nicht in den Kopf. Welchen Anlaß hatte dieser Mann, daß er mich so äußerst liebenswürdig behandelte? Wenn er mich gern als Matrose haben wollte, wie kam er dazu, daß er mich in alles einweihte, mich immer aufforderte, alles zu fragen, was ich wissen wollte? Das ist vor allen Dingen der Stellung eines Kapitäns nicht entsprechend.

»Sie wollen mich für diese Dschonke als Matrose anmustern?«

»Als meine Ordonnanz.«

Darunter verstand ich damals den Diener eines Offiziers, einen Stiefelputzer. Dieses Bild eines stiefelputzenden Soldaten im Drillichanzug hatte ich eben nun einmal in meinem Kopfe, und das gefiel mir gar nicht.

»Als Ihren Diener?« fragte ich und mag dabei ein sehr mißtrauisches Gesicht gemacht haben.

Der schöne Mann lächelte, als er sich in seinem amerikanischen Schaukelstuhle zurücklehnte.

»Einen Augenblick! Haben Sie schon von Utopia gehört?«

Als ehemaliger Gymnasiast kannte ich die Bedeutung dieses Wortes.

»Unter Utopia versteht man ein Land, welches gar nicht existiert, etwa das Phantasiegebilde eines Dichters, einen Zukunftsstaat - es ist das Land Nirgendwo.«

»Das Land Nirgendwo,« wiederholte der Kapitän langsam, und es klang sogar feierlich. »Ich bin Nobody, ein Niemand, ich habe dieses Reich Nirgendwo gegründet und herrsche darüber als König Niemand. Verstehen Sie?«

Nein, ganz und gar nicht! Ich sagte das nicht, aber er mochte es mir ansehn.

»Es freut mich, wenn Sie noch nichts von diesem Reiche Nirgendwo gehört haben,« sagte er, und dann plötzlich fuhr er mit einem schwärmerischen Enthusiasmus fort, dessen ich diesen Mann gar nicht fähig gehalten hätte:

»Es ist ein Land, welches nicht sichtbar auf dieser Erde existiert - es ist ein Reich, welches nicht gesehen, sondern nur verstanden werden kann - es ist ein Symbol für alle Geister, die es begreifen - es ist eine Verbrüderung von freien, starken und kühnen Männern - und der freieste, stärkste und kühnste Mann ist der König!«

Seltsam! Gerade diese dunklen Worte verstand ich! Ich fühlte, was jener meinte, und solch ein Fühlen kann man nicht mit Worten erklären.

»Und dieser König sind Sie?«

»Sie sagen es. Ich bin der König Niemand vom Reiche Nirgendwo.«

Die Feierlichkeit verließ ihn, er begann wieder zu lächeln.

»Haben Sie schon gehört, daß ein König eine Ordonnanz hat, die ihm die Stiefel putzen muß?« fragte er dann plötzlich.

Es war wiederum ganz seltsam, wie dieser Mann meine Gedanken erraten hatte!

»Nein. Das ist auch etwas ganz andres. Die Ordonnanz eines Königs ist ein hoher Offizier.«

»Nun, als solcher sollen Sie in meine Dienste treten - die Ordonnanz eines Königs - meine rechte Hand, mein Stellvertreter, der in meinem Namen spricht und handelt.«

Da dachte ich daran, daß ich August, der Leichtmatrose war, der auch noch Schiffsjunge hätte sein können - ich dachte an andres - und ich stand auf.

»Herr, was habe ich Ihnen getan, daß Sie mich so verhöhnen?«

Es war eine merkwürdige Frage, er aber verstand mich.

»Sie glauben es nicht? Oder zweifeln Sie an meiner Zurechnungsfähigkeit? Herr, lernen Sie mich erst kennen!! Ich sagte Ihnen damals, ich wollte Sie als Matrosen engagieren. Wieviel bot ich Ihnen den Monat?«

»Achtzig Mark.«

»Das war nur ein Scherz von mir. Ich mußte so sprechen, weil Sie mich sonst nicht verstanden hätten. Achttausend Mark im Monat, so muß es heißen! Wollen Sie in meine Dienste treten? Wenn Sie mich erst kennen gelernt haben, dann werden Sie nicht mehr so große Augen machen!« - -

Hiermit will ich unser Gespräch abbrechen, obgleich es noch sehr lange währte.

Doch zunächst etwas andres! Ich habe eine bewundernde und dennoch ganz unparteiische Biographie über den bekannten Cecil Rhodes gelesen. In dieser wurde er unter anderm genannt: ein Hypnotiseur auf politischem Gebiet, der phantastischste Privatmann und der nüchternste Staatsmann, der rücksichtsloseste Patron und der edelste Mensch; Cecil Rhodes ist das größte menschliche Rätsel unsers Jahrhunderts.

Ich habe mit Cecil Rhodes persönlich verkehrt und kann alles dies bestätigen. Aber ich habe einen Mann kennen gelernt, bei welchem alles dies in noch viel höherem Maße zutrifft, welcher ein noch viel größeres und noch heute unergründliches Rätsel war - dieser Mann hieß Nobody.

Ich bin nie wieder einem Menschen begegnet, der so aus lauter Widersprüchen zusammengesetzt war wie dieser Mann. Beständig ist sein Kopf von phantastischen Ideen erfüllt, die manchmal schon mehr an Wahnwitz grenzen, und dabei ist er der praktischste und nüchternste Mensch. Seine Hartherzigkeit grenzt oft genug an Grausamkeit, und dann wieder kann er beim Anblick eines leidenden Tieres weinen. Er glaubt an nichts, nichts ist ihm heilig, er fürchtet sich weder vor Gott noch vorm Teufel - und er zittert vor fremden Gewalten. Er scharrt Schätze wie ein Geizhals zusammen - und dem ersten besten Menschen, der ihm sein Leid klagt, wirft er sie in den Schoß. Nobody läßt sich durch nichts täuschen, sein Blick dringt in jedes Herz und schaut dort die innersten Gedanken; er ist allumfassend, er sieht voraus, woran noch kein Mensch denkt - und dann wieder ist dieser selbe Mann naiv und vertrauensselig wie ein kleines Kind. Und nun bloß noch eins: dieser Nobody, welcher so aus Widersprüchen zusammengesetzt ist, dessen Charakter man gar nicht ergründen kann, ist die Beständigkeit selbst!

Wie soll man solch einen Charakter definieren? Also genug hiermit!

Ich bleibe bei mir selbst, hierdurch ein Beispiel gebend.

Nobody streift, auf der Spur des gelben Drachen, als alter Chinese verkleidet in Hongkong herum. Da sieht er mich in jener Spielhöhle, sieht mich zum ersten Male. Ich mache einen großen Eindruck auf ihn - aber wodurch, das kann man eben nicht sagen, da fehlen die Worte. Nobody ist beständig auf der Jagd nach Menschen, die er für seine Zwecke geeignet hält, und welche er an sich zu fesseln sucht. Dabei aber kommt, wie er selbst sagt, eine gewisse Ahnung mit ins Spiel. Kurz und gut, sofort, als Nobody mich sieht, sagt er sich: Das ist gerade der Mann, den ich suche, den kaufe ich mir!

Jawohl, kaufen, das ist der richtige Ausdruck!

Er sieht, wie ich den Schilling gewinne, ihn einstecke und nicht weiterspiele, und nun ist sein Entschluß gefaßt. Diesen jungen Mann kaufe ich mir.

Er geht an Bord der >Katharine<, horcht den Kapitän auf eine ganz raffinierte Weise über mich aus und sagt endlich mit der größten Naivität: Sie verkennen diesen Jungen total, der ist durchaus nicht so dumm, wie Sie denken, das ist vielmehr ein geborener Organisator, der gar nicht mit Gold zu bezahlen ist.«

Diese Worte hatte also der Steward aufgeschnappt und aus dem >Organisator< einen >Organisten< gemacht.

Mein Vormund, der nüchterne Mann, lacht den Besucher als einen Narren aus. Was, ich, der dumme August, der unselbständige Mensch, ein geborener Organisator?

Der sonst unerschütterliche Nobody befindet sich wieder einmal in einer Laune, in der er sich gekränkt fühlt! Er verteidigt seine Behauptung. Er habe in mir auf den ersten Blick ein Genie entdeckt, das nur geweckt werden müsse, und als Beispiel führte er unter andern Männern auch Linné und Alexander von Humboldt an.

Der berühmte Botaniker Linné war bekanntlich in seiner Jugend so dumm, daß er aus der Schule genommen, und einem Schuster in die Lehre gegeben wurde, und der große Alexander von Humboldt, als Knabe der Schrecken aller Lehrer, seinen Mitschülern als Muster von Dummheit und Faulheit hingestellt, erzählt von sich selbst, daß es ihm eines Tages gewesen sei, als ob ihm ein Brett vom Kopfe weggenommen worden wäre. Der Steward hatte aus diesem Alexander von Humboldt einen Alexander Humbug gemacht.

Nun, Nobody legitimierte sich als Jachtbesitzer, wenn er sonst auch den Kapitän durchaus in nichts einweihte, und wußte diesen doch noch zu überreden, daß er mich von meinem Kontrakt entband und ihm überließ.

Hiermit aber ist wiederum ein Geheimnis verbunden, wie überhaupt Nobody gar nicht so viel auf seine >Ahnung< gibt, wie er immer tut. Da kommt noch etwas ganz andres in Betracht.

Es liegt im Blick dieses genialen Mannes. Alle Welt hatte mich stets für einen etwas beschränkten Menschen gehalten - Nobody erkannte beim ersten Sehen, daß in mir unscheinbarem Menschen etwas Besonderes stecke, und er vollzog sofort die Probe.

Ich habe hundertfache Gelegenheit gehabt, zu beobachten, wie dieser Mann zu hypnotisieren versteht. Er besitzt eine wunderbare Macht über die Menschen und auch über die Tiere. Ich habe noch keinen gesehen, der seinem Blick zu widerstehn vermochte.

Da traf er mich, es fiel ihm etwas an mir auf - was, das wußte er selbst nicht mit Bestimmtheit zu sagen, es lag in meinem Auge. - »Ich glaube, das ist einer, den ich nicht hypnotisieren kann« - so sagte er sich, er probierte es, fixierte mich mit seinem faszinierenden Blicke. Ich hielt ihm stand, erwiderte ihn sogar - »Wahrhaftig, das ist selbst ein Hypnotiseur, wenn er vielleicht auch noch keine Ahnung davon hat, der nimmt es sogar mit mir auf, den fessele ich an mich, dessen Energie kaufe ich mir.«

Nun, Nobody war mein Lehrmeister, er hat mich zu einem Hypnotiseur gemacht, der von sich sagen darf, daß ihm in seinem Leben nur vier Personen begegnet sind, die seiner magnetischen Kraft widerstanden haben. Auch ich habe Hunderte von Menschen auf den ersten Blick hypnotisiert.

Das darf man aber nicht mißverstehn. Ich habe die Leute nicht hingesetzt und angestiert und mit ihnen Manipulationen gemacht, bis sie in einen willenlosen Zustand kamen. Ja, wohl habe ich dies auch manchmal getan, wenn es sein mußte, aber das waren doch nur Ausnahmen. Ich meine eigentlich etwas ganz andres, ich spreche hier von einer Willensbeeinflussung, man mag es meinetwegen auch Überredungskunst nennen, obgleich man dabei ein ganz wortkarger Geselle sein kann, so wie ich einer bin.

»Wenn sich irgend zwei Menschen begegnen,« sagte Nobody später einmal zu mir, »so kann man sich zwischen ihnen eine Wage denken, die sich augenblicklich in Bewegung setzt. Einer von ihnen ist der Willensstärkere, dessen Wagschale sinkt, die des andern wird hinaufgehoben. Der eine ist der Hammer, der andre der Amboß. Der eine mag noch so viel und noch so gewandt sprechen, während der andre stumm zuhört - dieser leitet dennoch das Gespräch, ohne daß jener davon etwas weiß. Dasselbe gilt für jede Gesellschaft, auch für die größte. Der eine herrscht kraft seines überlegenen Willens, dem alle andern gehorchen. Aber um befehlen zu können, muß man erst gehorchen gelernt haben. Das ist bei Ihnen der Fall, und Sie sind zum Hammer geboren, wie auch schon Ihr Name sagt.«

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