Mögen diese Andeutungen genügen!
Ich schreibe dies zwanzig Jahre nach dem Erlebnis selbst nieder. Damals, als ich mit dem rätselhaften Manne in der kleinen Kajüte jener Dschonke saß, ließ er sich nicht auf solche Erklärungen ein. Ich hätte ihn ja doch nicht verstanden, ich hatte ja noch nicht einmal etwas von Hypnotik gehört.
Dieser Mann ging stets seine eignen Wege, und eine Eigentümlichkeit von ihm war es, wie er sich selbst ausdrückte, alles von hinten anzufangen. Auch bei mir verfuhr er so.
Sein Entschluß hatte bei ihm von Vornherein festgestanden, mich zu seinem Stellvertreter zu machen. Daß ich in jener Nacht auf den Walfischfahrer gepreßt worden, über Bord gefallen war und nun hier als Gefangener der chinesischen Piraten, die seine Dschonke angriffen, wieder sozusagen in seine Hände lief, das machte nun gar einen kolossalen Eindruck auf ihn, das bestärkte ihn erst recht in seiner Ansicht: diesen jungen Mann mußt du um jeden Preis an dich fesseln, den hat das Schicksal für dich bestimmt.
Ein andrer, der Großes in mir vermutet, hätte mich doch von klein anfangen lassen und mich, wenn ich die Prüfungen bestanden, nach und nach zu immer höheren Stellen befördert. Nobody aber stellte mich, den unerfahrnen Knaben von siebzehn Jahren, sofort an seine Seite, erkannte mich als Gleichberechtigten an, gab mir über seine Leute und über alles, worüber er selbst verfügte, unumschränkte Vollmacht.
Freilich sagte er mir dies nicht direkt, aber er tat es. Wie dies gemeint ist, wird gleich gezeigt werden. - - -
Unsre Unterhaltung wurde durch zwei Matrosen unterbrochen, welche einen kleinen Panzerschrank in die Kajüte trugen.
Nachdem der eine Bericht erstattet hatte, daß nach Ansicht des wieder hochgekommenen Tauchers, welcher auch diesen Stahlschrank unten abgelöst hatte, der Dampfer wirklich hoffnungslos wrack sei, und daß er nur wenig Reis und sonst Ballast enthalte, entfernten sich die Männer wieder.
»Sehen Sie, das ist ein Vexierschloß, welches auf ein bestimmtes Wort eingestellt werden muß, dann kann man den Schrank öffnen,« sagte Nobody, sich mit der runden Scheibe beschäftigend, welche an der Panzertür angebracht war und viele verstellbare chinesische Buchstaben zeigte.
Er erklärte mir, wie ein solches Vexierschloß funktioniert, und von jetzt an erklärte er fort und fort mit unermüdlicher Geduld, und wenn ich einmal nicht mehr fragte, weil ich glaubte, sie müsse doch endlich erschöpft sein, so forderte er mich gleich wieder auf, über alles, was mir unklar sei, Aufschluß von ihm zu verlangen.
»Wissen Sie, woher mir das Vexierschloß bekannt ist?«
Nein, woher sollte ich das wissen?
»Haben Sie schon von der Hypnose gehört?«
So kurz wie möglich, aber auch vollkommen deutlich, erläuterte er mir das Wesen dieses rätselhaften Zustandes, und was ich nicht in Jahren aus dicken Büchern hätte lernen können, wußte mir dieser Mann in drei Minuten beizubringen.
»Ich habe,« fuhr er dann fort, »einen der gefangenen Japaner hypnotisiert, den ich ganz richtig für einen in die Geheimnisse des gelben Drachen Eingeweihten hielt, und er hat mir denn auch im hypnotischen Zustande die wichtigsten Geständnisse gemacht. Die Hauptsache war, daß ich erfuhr, wo sich in dem gesunkenen Dampfer dieser Panzerschrank befand, welcher Papiere und Instruktionen des gelben Drachen enthält. An diesem Panzerschrank waren nicht nur Selbstschüsse und andre Vorrichtungen angebracht, um ihn gegen fremde Hände zu schützen, sondern es war auch eine Dynamitpatrone vorhanden, und ein leichter Schlag hätte genügt, um den stählernen Schrank samt Inhalt in Atome zu zerschmettern. Das war für den Fall, daß der Dampfer einmal in feindliche Hände geraten sollte. Sie sehen, wie vorsichtig die Mitglieder dieses Geheimbundes sind, und daß der, welcher den Schlag hätte führen müssen, selbst mit in die Luft geflogen wäre, das hat für einen Japaner gar nichts zu sagen. Dadurch, daß ich den Dampfer in den Grund rammte, ist dies alles vereitelt worden und sind mir diese geheimen Instruktionen in die Hände gefallen.«
Der Schrank war geöffnet. Mich blendete vor allen Dingen das viele Gold, welches eine Kassette enthielt; ferner zählte Nobody gegen 60.000 Mark in englischem und amerikanischem Papiergeld, am wichtigsten aber waren für ihn die vorgefundenen Briefe und Dokumente, und er ließ sich nicht verdrießen, mir alles zu übersetzen.
So wurde ich nach und nach in alles eingeweiht, was diesen Geheimbund des gelben Drachen betraf, und nebenbei begann ich spielend, ohne daß ich es eigentlich merkte, die chinesische Sprache zu lernen.
Dieser Mann besaß eine wunderbare Gabe, einem so etwas beizubringen.
Dann begaben wir uns an Deck. Das Boot war schon nach der Insel abgefahren. Jetzt lichtete die Dschonke die Anker und fuhr selbst nach dem Hafen.
Unterwegs erkundigte sich Nobody nach meinen Erlebnissen bei den Piraten, doch viel konnte ich ja nicht erzählen.
Nobody wußte, warum ich verhältnismäßig ganz gut behandelt worden war und immer im ersten Boote hatte sitzen müssen; er gab eine Erklärung dafür. Ich selbst hatte es ja geahnt und habe es auch schon angedeutet.
Hierbei kam ein Aberglaube in Betracht, der unter den chinesischen Piraten herrscht. Alles, was in und auf dem Meere schwimmt, ist nach ihren Begriffen ihr Eigentum, und der Schiffbrüchige, den sie lebendig aus dem Wasser fischen, soll ihnen nach alten Ueberlieferungen großes Glück bringen. So galt ich als ein Talisman, den man, da er nicht gut um den Hals gehangen werden konnte, einstweilen, wenn man ihn nicht brauchte, vor einer Höhle an die Kette legte. Dann mußte ich jedesmal mit in das erste Boot der eine Dschonke angreifenden Piraten. Der heilige Schiffbrüchige sicherte ihnen den Sieg.
Jener Chinese, der mich mit dem Tode bedroht hatte, war schon etwas aufgeklärter gewesen als seine Genossen und hatte von solchem Aberglauben nichts wissen wollen.
Da brachte der Dampfer die inspizierenden Japaner, welche in dem Geheimbunde des gelben Drachen eine führende Rolle spielten. Obgleich nun diese jedenfalls gebildeten Männer am allerwenigsten an die Zauberkraft solch eines lebendigen Talismans glaubten, ist doch gerade der gelbe Drache darauf bedacht, die alten Überlieferungen der Chinesen in voller Reinheit zu bewahren, und sei es auch der gröbste Aberglaube.
Jener Chinese, der an dem uralten Glauben seiner Vorfahren gezweifelt hatte, war des Todes - desgleichen der, der mich geschlagen hatte. Zugleich sollte ein sensationelles Beispiel des unbedingten Gehorsams statuiert werden - jener junge Japaner schlitzte sich freiwillig den Leib auf.
»Ja, das sind die Japaner!« sagte Nobody. »Es gibt übrigens noch ein andres Volk, aber auch nur noch ein einziges, bei dem man denselben fanatischen Gehorsam findet. Das sind die Russen. Rußland ist freilich groß. Ich denke nur an die sogenannten Stockrussen, vor allen Dingen an die Kosaken. Die opfern sich auch in blindem Gehorsam auf einen Wink ihres Gebieters.«
Er erzählte als Beispiel eine Anekdote, die aber, wie ich später erfuhr, auf Tatsache beruhen soll. Ich gebe sie hier wieder, sie ist es wert.
Peter der Große besucht in Berlin den preußischen König Friedrich den Ersten. Im Gefolge des Zaren befindet sich eine Leibgarde von Kosaken. Eines Tages stehn die beiden auf dem Söller eines Kirchturmes, der König zeigt seinem fürstlichen Gast Berlin aus der Vogelperspektive. Da gerät das Gespräch auf die Disziplin unter dem Militär, welche Friedrich noch mehr durchführen will, als schon sein Vater getan.
Peter der Große hört schweigend zu, plötzlich winkt er einem seiner Kosaken, deutet in die Tiefe und sagt: >Spring!<
Der Kosak sieht seinen Kaiser an, salutiert und ... springt hinab in die Tiefe.
»Hat mein königlicher Bruder auch solche gehorsame Soldaten in seinem Lande?« wendet sich Peter der Große an Friedrich.
Der König blickt lange hinab, wo der Kosak mit den zerschmetterten Knochen liegt, dann schüttelt er langsam den Kopf und entgegnet: »Nee, Gott sei Dank, solche dumme Kerls gibt's in meinem Preußen nicht!« -
Nobody blickte nach Norden, dorthin, wo das asiatische Festland lag, und es klang feierlich, was er sprach:
»Es wird eine Zeit kommen - sie muß kommen - da Rußland mit Japan um die Herrschaft in Asien ringen wird, und es wird der fürchterlichste Ringkampf werden, den die Weltgeschichte jemals gesehen hat. Und man wird sich irren. Nicht das kleine Japan ist es, welches gegen Rußland kämpft, sondern ein gelber Drache geht gegen einen Bären los. Und dann - ich sehe noch weiter in die Ferne - wird eine Zeit kommen, da es nur drei große Reiche auf der Erde gibt, und diese drei Reiche werden heißen: Germania, Slavia, Mongolia - und sie werden miteinander um die Herrschaft über die Erde ringen.« -
Wir waren im Hafen der Felseninsel angelangt, wo auch schon das Eisenboot der Dschonke lag. Ich vermißte kein einziges Fahrzeug der Piraten; sie hatten also nicht die Gelegenheit benutzt, um die Flucht zu ergreifen.
Die Zurückgebliebenen hatten beobachtet, wie die sechs Prauen in den Grund geschossen worden waren, wie sich die hölzerne Dschonke wie ein Widder auf den eisernen Dampfer geworfen und ihn mitten durchgeschnitten hatte, und da waren sie alle von einem lähmenden Entsetzen gepackt worden.
Nobody hatte das zwar vorausgesehen, war aber doch hocherfreut, daß es auch wirklich so gekommen war. So blieb das Geheimnis seiner mysteriösen Dschonke bewahrt, wie er es bisher zu wahren gewußt hatte.
Die Bootsbesatzung hatte die sämtlichen Piraten, welche sich mit Frauen und Kindern zumeist in Höhlen versteckt hatten, bereits aufgespürt - es gab auch genug Verräter unter ihnen - sie wurden zusammengetrieben und gezählt. Es waren 38 Männer, lauter Chinesen, 53 Weiber und nicht weniger als 165 Kinder.
Nobody, wieder als Chinese maskiert, hielt eine Ansprache, welche eine freudige Erregung hervorzurufen schien. Er hatte ihnen, wie er mir dann erklärte, versichert, daß ihr Leben geschont würde; vorläufig blieben sie hier auf der Insel, bis sie abgeholt würden, um dann mit einer leichten Arbeit beschäftigt zu werden, und bis dahin sollten sie den Wachtposten gehorsam sein, die er bei ihnen zurücklassen würde. Jeder Ungehorsam freilich würde sofort mit dem Tode bestraft.
Diesen letzten Satz wußte Noboby durch einen zu mildern, worauf die gefangenen Chinesen, wie auch die Frauen und Mädchen in ein schallendes Gelächter ausbrachen. Wiedergeben kann ich diesen Witz nicht; er hing damit zusammen, daß die Gefangenen, auch wenn sie von der Insel fortmußten, nicht von ihren Ehehälften getrennt würden.
Jedenfalls bewies Nobody hiermit, daß er mit solchem Gesindel und überhaupt mit Chinesen umzuspringen wußte. Verzweifelte oder stumpfsinnige Menschen, welche den Tod erwarteten, hatte ich vorgefunden - und als wir gingen, hörte ich noch lange ihr kreischendes Gelächter.
»Was wäre sonst das Los der Frauen und Kinder?« fragte ich.
»Der Tod,« lautete die ernste Antwort. »Auch die Angehörigen der Inselpiraten werden gehenkt, weil sie um das Treiben der Männer gewußt haben, so aber sind auch sie laut Kontrakt mit der Regierung meine Sklaven, auch sie nehme ich mit mir und beschäftige sie, ohne sie von den Männern zu trennen. Es ist ein gutes Werk, was ich tue.«
Wir besichtigten die auf der Insel aufgespeicherte, ganz beträchtliche Beute, wobei ich nicht von Nobodys Seite weichen durfte und er unermüdlich im Erklären war.
Das eiserne Boot ward wieder auseinandergeschraubt und an Bord der gepanzerten Dschonke genommen, welche den schönen Namen >Fatschul< führte, das ist nämlich auf deutsch >Popanz<. Als Wachtposten blieben zwölf Mann zurück, welche sich in den chinesischen Dschonken, nachdem diese gereinigt worden, was sehr nötig war, häuslich einrichteten, stark bewaffnet und außerdem mit zwei Revolvergeschützen versehen. Sie sollten die Piraten und deren Familien bewachen, bis ein größeres Fahrzeug käme, um alle abzuholen.
Der >Popanz< hatte von den Prauen 37 Mann gefangen genommen, dann von dem Dampfer noch 15 Chinesen und 7 Japaner ausgefischt; diese blieben als Gefangene an Bord, als die Dschonke am Abend die Anker lichtete und unter Motorkraft davonfuhr.
So sehr Nobody auch darauf bedacht war, mich in alles einzuweihen, so erklärte er mir doch nur stets das, was meine Augen eben sahen. Ich erfuhr nicht einmal das Ziel unsrer nächtlichen Fährt, während der keine Lichter ausgesteckt wurden. Ich hörte nur, daß der >Popanz< sich bloß in der Nacht seiner Motorkraft bediente und dann stets ohne Lichter fuhr, während er am Tage immer nur das Bastsegel oder höchstens, aber auch schon als seltene Ausnahme, die Ruder zum Vorwärtskommen benutzte. Wurde dabei dennoch die Motorkraft gebraucht, so durfte das doch von keinem Beobachter bemerkt werden.
Um was es sich hierbei handelte, liegt wohl klar auf der Hand. Es war ein genialer Einfall gewesen, den Nobody gehabt, als er sich zum Kampfe gegen die chinesischen Piraten ein gepanzertes Fahrzeug bauen ließ, welches äußerlich ganz einer Dschonke glich, und es auch noch mit einem Motor ausstattete. Alle die, welche durch die Räubereien der chinesischen Piraten zu leiden haben - und das sind nicht zum mindesten europäische Kaufleute - hätten eigentlich selbst auf diese Idee kommen können. Aber das ist eben die alte Geschichte vom Ei des Kolumbus.
Solch ein Fahrzeug mußte in Wirklichkeit bald zum Popanz aller Piraten werden. Keine Prau durfte ja noch wagen, irgend eine harmlose Dschonke anzugreifen, aus Furcht, sie könne sich als der schreckliche, feuerspeiende Popanz entpuppen, der die stärksten Eisenplatten wie Butter durchschnitt, und die Furcht vor jeder Dschonke mußte um so größer sein, weil dieses Fahrzeug, wie ich selbst später häufig genug sah, oftmals sein Aussehen veränderte. Somit also wäre der chinesischen Seeräuberei in diesen Gewässern überhaupt gleich ein Ende bereitet gewesen.
Hieran aber war Nobody durchaus nichts gelegen. Ganz im Gegenteil! Mehr noch als um die Beute, welche er den Piraten wieder abnahm, war es ihm um die Gefangenen selbst zu tun - zu einem Zwecke, den wir bald kennen lernen werden - Nobody betrachtete eben diesen ihm von der Regierung konzessionierten Kriegszug gegen die chinesischen Piraten, ganz einer Kaperei entsprechend, als eine unerschöpfliche Quelle von Kapital und billiger Arbeitskraft - so lange unerschöpflich, wie er das Geheimnis seiner Dschonke zu wahren wußte, und bisher war ihm das auch gelungen.
Eine weitere Erklärung ist wohl nicht nötig. -
Als ich am andern Morgen nach einigen Stunden Schlafes in einer komfortablen Koje wieder an Deck kam, gewahrte ich hinter mir in weiter Ferne einen Gebirgszug, während sich die Dschonke in einem Labyrinth von kleinen Felseninseln befand.
Nobody leitete immer noch als chinesischer Kapitän selbst die schwierige Passage durch die schmalen Wasserstraßen, wobei beständig gepeilt werden mußte. Als er meiner ansichtig wurde, winkte er mir sofort, an seine Seite zu kommen.
»Sehen Sie dort hinten den Gebirgszug? Er gehört zur Insel Formosa, welche wir heute nacht umfahren haben. Formosa ist der Schlüssel zu China. Wer sich einst in den Besitz von Formosa setzt, wird der Herr über China sein. Und die Japaner werden es sein. Darüber aber kann noch lange Zeit vergehen, vielleicht ein paar hundert Jahre. Vorläufig ist so gut wie ganz Formosa, einige befestigte Hafenplätze abgerechnet, in der Gewalt von chinesischen Riffpiraten, denen unter den jetzigen Verhältnissen, da sich die chinesische Regierung noch keine Vorschriften zu machen braucht, gar nichts anzuhaben ist. Diese Felseneilande hier gehören noch zu der Gruppe der Pescadoresinseln, ebenfalls alles unbestrittenes Eigentum der Piraten, wenn sie deswegen auch nicht im Grundbuche eingetragen sind. Eine der größten dieser Felseninseln nun habe ich mir, wie ich Ihnen schon sagte, als Operationsbasis für meine Züge gegen die Piraten abtreten lassen. Aber das war nur pro forma, für mich hat diese Insel, die Sie bald zu sehen bekommen werden, noch eine ganz andre Bedeutung.«