Nobody begann nun, mir von einem Gaukler namens Tsin Hei zu erzählen, wie dieser an jener Insel Perlmuscheln ausgesät hatte, wie Nobody mit ihm in Verbindung kam, und wie die beiden acht Jahre lang Gefangene des Taotai von Hangtscheu gewesen waren.
Dem Leser ist dies alles schon ausführlich bekannt, und nun füge ich noch hinzu, was ich mit eignen Augen zu sehen bekam und im Laufe der Zeit erfuhr.
Nicht Nobody selbst, sondern sein Kompagnon, bekannt unter dem Namen Kapitän Flederwisch, hatte als moderner Abenteurer bei der chinesischen Regierung um die Erlaubnis gebeten, unter den genannten Vergünstigungen auf eigne Faust einen Vernichtungskampf gegen die Piraten führen zu dürfen.
Es liegt hier überhaupt ein eigentümliches Verhältnis vor. Wenn Nobody allerdings auch der Mann war, von dem alles ausging, der die Pläne entwarf und zuerst alles arrangierte, so war Kapitän Flederwisch doch eigentlich der Hauptmacher. Nobody war der Kopf, Flederwisch war sein Arm. Sobald Nobody wußte, daß - wie er sich selbst ausdrückte - sein Schlitten lief, überließ er die Leitung einem andern und kümmerte sich nicht mehr darum, steckte nur noch seine Prozente ein. So hat Nobody stets gehandelt, tat es also auch jetzt. Selbst daß er jetzt als Kapitän der Motordschonke einen Beutezug gegen die südlichen Piraten gemacht hatte, das war eigentlich nur ein Privatvergnügen für ihn gewesen.
Vorläufig aber war er doch noch an Ort und Stelle seines neuen Unternehmens, das er, wie immer, einfach als ein gewinnbringendes Geschäft betrachtete, und auch noch, da er gerade nichts andres vorhatte, selbst mit in diesem Geschäfte tätig war.
Nach längern Verhandlungen hatte Kapitän Flederwisch die gewünschte Erlaubnis erhalten. Damals aber verfügten die beiden Kompagnons nur über die nach Art eines Torpedojägers gebaute >Wetterhexe<, und als sie nun die Gegend genauer sondierten, welche demnächst ihr Operationsfeld sein würde, und sich alles noch einmal reiflich überlegten, kamen sie zu der Ueberzeugung, daß sie da noch ganz andre Vorbereitungen treffen müßten, wenn sie zu ihrem Ziele kommen wollten. Ein großes Hindernis war schon, daß die ziemlich große >Wetterhexe< nicht in die seichten, von Riffen starrenden Wasserstraßen eindringen konnte. Es kamen aber auch noch ganz andre Verhältnisse in Betracht. Es war zu bedenken, daß sich in China auch unter den höchsten Verwaltungsbeamten Personen befinden, welche selbst mit zum Geheimbunds des gelben Drachen gehören. Verhindern konnten sie freilich nicht, daß dem Kapitän Flederwisch die Erlaubnis gegeben wurde, gegen die Piraten vorzugehen, aber sie würden im geheimen schon ihre Gegenminen legen; dessen durfte man sicher sein, denn sie waren doch eben mit den Piraten im Bunde.
So hielt man es für das Beste, alles, was man zur Ausführung des Unternehmens brauchte, so entfernt wie möglich von hier anzuschaffen, und daher dampfte die >Wetterhexe< erst noch einmal nach England zurück.
Während Nobody und Flederwisch in London einkauften, machten sie die Bekanntschaft des Lords Hannibal Roger. Hier sahen sie auch dessen Petroleum-Motorjacht, Nobody faßte den Plan, sich nach dem Muster derselben eine chinesische Dschonke mit innrer Panzerung bauen zu lassen. Zuerst hatte er nur an kleine, flachgehende Dampfer gedacht, die er sich allerdings auch noch verschaffte, aber doch nur zu Hilfszwecken.
In dieser Zeit der Vorbereitungen, als sie selbst zur Untätigkeit verurteilt waren, machte die ganze Gesellschaft einen Abstecher nach der Riviera, wobei sich Kapitän Flederwisch als der maskierte Prinz von Monte Carlo die >Heliotrop< verdiente - aber doch immer nur durch die Vermittlung Nobodys. Uebrigens trat jetzt auch Lord Hannibal Roger, der ja auf dieser schönen Welt ebenfalls nichts weiter zu tun hatte, als Abenteuern nachzugehn, als tätiger und kapitalkräftiger Teilhaber mit in die Firma Nobody und Kompanie ein.
Jetzt ging es mit der >Wetterhexe< und der >Heliotrop< wieder zurück nach China, an Bord die auseinandergenommene Dschonke, eine Menge Geschütze jedes Kalibers, Munition und sonst alles, was man zu gebrauchen gedachte.
Ohne weitere Umstände wurde Besitz ergriffen von der Felseninsel, welche den unternehmungslustigen Abenteurern von der chinesischen Regierung zugesprochen worden war. Daß diese nicht wußte, wie in der Umgebung der betreffenden Insel durch die Aussaat jenes alten Gauklers im Laufe der Zeit unterseeische Felder von Perlmuscheln entstanden waren, braucht wohl nicht erst erklärt zu werden.
Wie schon gesagt: der sonst so nüchterne Nobody glaubt an eine Fügung, an eine Bestimmung, an ein Schicksal, oder wie man es sonst nennen mag, dem kein Mensch entrinnen kann. Es ist dies eine Eigentümlichkeit, die er mit der ganzen Nation der Yankees teilt, wie Nobody überhaupt viel Yankeehaftes an sich hat - im besten Sinne gemeint.
Und er hat auch ganz recht, wenn er sich scherzhaft einen konzessionierten Felsenmaulwurf nennt. Es ist wirklich ganz seltsam.
Um sich aus der Meeresfeste von Hangtscheu zu befreien, meißelte Nobody innerhalb von 8 Jahren einen 40 Meter langen Tunnel. Zu dieser Arbeit hatte er sich ganz unbewußt schon vorgebildet, denn Nobody hat, wie er selbst erzählt, von klein auf eine merkwürdige Vorliebe für Felsenhöhlen und Tunnels gehabt. Das >Robinson-Spielen< genügte ihm nicht, er hat sich als Kind mit Hammer und Meißel immer in die Felsen einbohren müssen, wozu er in seiner Heimat die beste Gelegenheit hatte. Das war ihm sein liebstes Vergnügen gewesen, so, wie Kapitän Flederwisch erzählt, daß sich jeder Tisch, auf den er sich setzte, in seiner Phantasie in ein Schiff verwandelte, auf dem er nach unentdeckten Erdteilen ausfuhr.
Während Nobody sein Abenteuer in Aegypten am Birket el Kerun besteht, wird er als Blinder von jenem Mädchen in eine Wohnung von Kammern geführt, welche in die Felsen hineingehauen sind.
Dann kommt Nobody nach Monte Carlo - da läßt ihn das Schicksal in Gestalt der Prinzeß Turandot ein ganzes System von unterirdischen Tunnels finden, welche der >konzessionierte Felsenmaulwurf< schleunigst erweitern muß.
Ja, auch jenes englische Schloß, Red Castle, dessen Keller in den Felsen gehauen waren, kann hierzu gerechnet werden, und man braucht wirklich nicht abergläubisch zu sein, um in diesem Zusammentreffen etwas wie eine Fügung zu erkennen.
Nobody nun denkt hierüber noch anders. Er widerstrebt diesem Schicksal nicht, sondern kommt ihm auch noch mit seinem gewöhnlichen Humor entgegen. Er hat es seitdem auf solche Wohnungen geradezu abgesehen.
»Ein jedes Tierchen hat sein Pläsierchen, und die meisten Menschen haben ihr Steckenpferd,« äußerte er sich einmal bei Gelegenheit. »Der eine sammelt Schmetterlinge, der andre sammelt Briefmarken, der dritte sammelt alte Stiefeleisen. Well, ich sammle originelle Menschen und Felsenlöcher.«
Auch auf jenem quadratkilometergroßen Felseneiland, welches von den chinesischen Schiffern San-Le genannt wird, sollte sich wiederum sein Schicksal erfüllen. Nobody fand darauf ebenfalls ein ganzes System von Felsenkammern, nicht in die Wände gehauen, sondern kellerartig in den Boden hinein.
Zu verwundern war das in diesem Falle allerdings nicht. Nobody wußte bereits, daß diese Felseninsel ein Heiligtum des gelben Drachen war, wo die führenden Mitglieder ihre geheimen Versammlungen abhielten, wo nach dem Glauben des Volkes der gelbe Drache wirklich als feuerspeiendes Ungetüm hausen sollte, bis er dereinst alle >weißen Teufel< auffressen und die bezopften Söhne des himmlischen Reiches zur alten Herrlichkeit zurückführen würde - und die Japaner setzten noch hinzu: als Herren der ganzen Erde.
Die unterirdischen Gänge und Kammern waren vollkommen leer und nackt. Nobodys scharfer Blick aber erkannte, daß es noch vor kurzem hier anders ausgesehen hatte. Vor allen Dingen hatten hier Postamente gestanden, auf denen jedenfalls Götzen ruhten. Ein Geruch nach getrockneten Fischen verriet, daß hier auch Proviant aufgespeichert gewesen war, und dann zeigten auch die mitgebrachten Hunde ein ganz eigentümliches, ängstliches Verhalten.
»Ich kann es nicht behaupten, aber ich glaube bestimmt, daß hier zu gewissen Zeiten Menschenblut vergossen wurde,« sagte Nobody, als er mich auf der Insel herumführte, mir alles und jedes erklärend.
Die Piraten oder vielmehr die Geheimbrüder des gelben Drachen waren demnach in Kenntnis davon gesetzt worden - was nur von ganz oben herab geschehen sein konnte - daß die Regierung diese Insel einem >weißen Teufel< zur Verfügung gestellt hatte; man hatte alles schnellstens fortgeschafft.
Also da hatte der gelbe Drache, der sich seiner Allmächtigkeit rühmt, so ohne weiteres das Feld geräumt, noch dazu vor einem >weißen Teufel<, von dem es bekannt war, daß er gegen die Bundesgenossen des gelben Drachen, gegen die chinesischen Piraten, einen Vernichtungskrieg führen wollte?
Nobody traute denn auch dem Braten nicht recht und ... fand richtig in einer versteckten, sehr tief angelegten Felsenkammer eine allermodernste Dynamitmine, welche genügt hätte, die ganze Insel in die Luft zu sprengen!
Aber dieses >Finden< ist leichter gesagt, als es in Wirklichkeit war. Es hatte eine Spürnase dazu gehört, wie sie nur dieser Privat-Detektiv besaß, um das zurückgelassene Andenken des gelben Drachen aufzufinden und die Gefahr noch rechtzeitig zu beseitigen. Denn das mußten gar geriebene Köpfe und gar geschickte Hände gewesen sein, welche diese Torpedomine, schon mehr eine Art von Höllenuhr, gelegt hatten! Nur ein einziger unvorsichtiger Tritt oder Handgriff desjenigen, welcher die harmlos aussehende Kiste untersuchte, hätte genügt, die ganze Insel in einen feuerspeienden Vulkan zu verwandeln. Außerdem war die furchtbare Höllenmaschine durch einen elektrischen Draht mit einer andern, weitentfernten Felsenklippe verbunden, dort brauchte bei passendster Gelegenheit nur ein Hammerschlag geführt zu werden, um die ganze Gesellschaft in die Luft zu sprengen.
Ich will nicht des längern dabei verweilen. Die Gefahr wurde beseitigt; Nobody verfolgte auch das unterseeische Kabel und tat sein möglichstes, aber es gelang ihm leider nicht, den Feind, welcher auf jener Felsenklippe gegebenenfalls die Mine entzündet hätte, zu fassen. Die Piraten waren gewarnt.
Seit zwei Monaten wurde auf San-Le das Tauchen nach den Perlmuscheln betrieben, und der gelbe Drache hatte noch nicht das geringste Zeichen von sich gegeben. Friedlich konnten die Leute ihrer Arbeit nachgehn.
Trotzdem sagte mir Nobody selbst, daß sich diese Leute auf einem verlornen Posten befänden, und gegen den Angriff des gelben Drachen, der über kurz oder lang doch noch erfolgen würde, würden alle seine Sicherheitsmaßregeln nichts nützen. Er unterschätzte die Macht des gelben Drachen durchaus nicht.
In Anbetracht alles dessen, was ich zu hören bekommen hatte, machte die Insel, so lebhaft es auch darauf zuging, einen sehr niederschlagenden Eindruck. Es war ja auch nur ein nacktes Felseneiland.
Die Besatzung bestand aus 42 Europäern, von denen sehr viele Deutsche waren, nur ausgesuchte Männer, die Nobody und Flederwisch nach und nach um sich versammelt hatten, und aus etwa der doppelten Anzahl Chinesen, lauter gefangenen Piraten, welche Frondienste verrichten mußten.
Zuerst waren an Stellen, von denen aus man die ganze Insel und die weitere Umgebung beobachten konnte, aus losgesprengten Bruchsteinen zwei massive Forts errichtet worden, die man mit großen und kleinen Geschützen stark armiert hatte. Sie dienten mehr zur Verteidigung der Insel, falls der gelbe Drache einmal als moderner Angreifer erscheinen sollte, als um einer Meuterei der gefangenen Chinesen zu begegnen.
Diese wurden so vortrefflich verpflegt und behandelt, daß sie mit ihrem Schicksal ganz zufrieden waren. Eine Flucht von der Insel ward schon durch die zahlreich sie umschwimmenden Haifische unmöglich gemacht, dann waren auch eine Menge Wachthunde da, welche bei Nacht die Küsten abstreiften.
Das Einsammeln der Perlmuscheln auf dem Meeresgrunde geschah nur durch Europäer im Taucherkostüm, während den Chinesen das Durchsuchen der am Lande aufgeschichteten Muscheln, die schnell faulen und dann einen gräßlichen Gestank verbreiten, überlassen blieb. Obgleich dabei nur oberflächlich verfahren wurde, war die Ausbeute an Perlen doch eine ganz enorme. Eine Angabe des Wertes durch Zahlen ist hierbei unmöglich. Jedenfalls mußte die Firma Nobody und Kompanie bald eine der reichsten der Welt sein.
In einer Bucht lagen außer einigen Dschonken auch zwei kleine, eiserne Dampfer. Kurz vor unsrer Ankunft waren deren aber fünf hier gewesen. Drei waren bereits abgegangen, um die auf der Pirateninsel gefangenen Chinesen abzuholen.
Auf welche Weise man hier schon davon erfahren hatte, daß die drei Dampfer bereits unterwegs waren? Durch Brieftauben. Auf dieser Insel war eine Station von Brieftauben, der >Popanz< hatte solche an Bord gehabt. Es war eine ganz eigentümliche Art von Tauben, die ich zu sehen bekam, zierlich, gelb, mit einem weißen Federkrönchen, und Nobody erklärte mir, daß es arabische Tauben seien, Selmas genannt, die er hier eingeführt habe, weil sie sich, wenn es einmal gelungen sei, sie abzurichten, als die trefflichsten Briefbeförderer erwiesen, vor allem aber jedem vierbeinigen und jedem geflügelten Räuber entgingen.
Mir lag die Frage nahe, ob die Brieftaubenpost nur zwischen dieser Insel und den von hier abgehenden Schiffen bestände. Ganz sicher gab es auch noch andre Stationen. Und wohin wurden denn die Perlen gebracht? Wohin die vielen gefangenen Piraten? Mich beschäftigten überhaupt noch sehr viele andre Fragen, aber ich unterdrückte sie standhaft, weil ich immer deutlicher merkte, wie mich Nobody nur in das einweihen wollte, was ich zur Zeit mit meinen eignen Augen sah.
Als Oberbefehlshaber der Insel wurde mir ein Japaner namens Keigo Kiyotaki vorgestellt, derselbe, welchen Nobody einst in London vom Fallbrett des Galgens gerettet hatte. Dieser führte mich auch in das Innere der Forts ein, und als ich bei der staunenswerten Armierung - ich sah sogar zwei Dreißigzentimetergeschütze - fragte, wie man denn da die Piraten noch zu fürchten habe, und sei der gelbe Drache auch noch so mächtig, sie könnten sich dieser Insel doch nur in kleinen Fahrzeugen nähern - für die Nacht waren sogar Scheinwerfer vorhanden - da wurde mir statt aller Antwort etwas gezeigt, was wiederum einen sehr niederschlagenden Eindruck auf mich machte.
In einer der unterirdischen Kammern war ein vollständiges Laboratorium eingerichtet. Soeben war ein Herr, der mir als Dr. Abendrot vorgestellt wurde, damit beschäftigt, eine Probe Reis, die er einem großen Sacke entnommen, einer chemischen Untersuchung zu unterziehen, und gleichzeitig bekam ein Hund einen Teller mit gekochtem Reis zu fressen.
»Ich halte den Reis für giftfrei,« lautete dann die Erklärung.
Also Gift war es, was man hier mehr fürchtete als Pulver und Dynamit. Alle Nahrungsmittel, die man den Piraten abnahm, wurden auf Gift untersucht. Denn es war nicht möglich, sich vom Festlande aus mit Proviant zu versehen, und wenn der gelbe Drache auch noch nicht das Geheimnis der Motordschonke kannte, so wußte man doch, daß die Bewohner dieser Insel einen Kaperkrieg gegen die Piraten führten, woran ab und zu auch die kleinen Dampfer teilnehmen mußten, und wenn man den Geheimbund des gelben Drachen kannte, so hatte man vor allen Dingen mit Gift zu rechnen, welches dem Proviante von Dschonken beigemischt wurde, die vielleicht schon dazu bestimmt waren, sich von den >weißen Teufeln< kapern zu lassen.