Und hingehaucht gemessne Melodien.
Und rosengleich in Farbe, Form und Duft,
Das Auge kühlend, stand in Pracht erschlossen,
Dem Gotte Einlaß bietend, dieses Tor
Zu aller hehren Himmelsherrlichkeit.
Er überschritt die Schwelle, doch in Zorn:
Sein Kleid goß Flammen hinter seinen Füßen
Und gab ein Brausen, wie von Feuersbrunst,
Daß all die ätherzarten Stunden flohn,
Erschreckt wie Taubenflug. Und weiter flammte
Von hohem Säulengang zu Saal und Saal,
Durch Bogenhallen voll verhülltem Glanz
Und lange lichte Diamant-Arkaden
Der Gott bis hin zur ungeheuren Kuppel.
Dort stand er feurig still und stampfte auf,
Daß tief vom Fundament zu höchsten Türmen
Sein goldnes Reich erbebte; und bevor
Das Donnerrollen noch geendet hatte,
Brach, göttlicher Beherrschung müd, sein Schmerz
In diesem Ruf: O Träume Tag und Nacht!
O Graungestalten, Bilder ihr von Leid!
Geschäftige Geister durch die kalte Nacht!
Langohrige Gespenster schwarzer Sümpfe!
Was kenn ich euch? Was sah ich euch? Warum
Ist so zerstört mein ewiges Dasein, daß
Ich neu und immer neu die Schrecken sehe?
Saturn sank hin, soll dies auch mir geschehn?
Soll ich den Hafen meiner Ruh verlassen,
Die Wiege meiner Pracht, dies sanfte Reich,
Den stillen Glanz des segensvollen Lichtes,
Krystallne Pavillons und reine Tempel
All meiner Herrscherherrlichkeit? Nun liegt
Mein Zufluchtsort vereinsamt, leer und tot;
Die Helle, Freudigkeit und Symmetrie –
Ich seh sie nicht – nur Dunkel, Tod und Dunkel.
Selbst hier ins Tiefste meiner Schlummerhallen
Sind düstre Visionen eingedrungen,
Um meine Macht zu kränken und zu stürzen. –
Zu stürzen? – »Nein, bei Tellus' salzigem Kleid!
Hervor aus Feuergrenzen meines Reichs
Will furchtbar dräuend rechten Arm ich recken
Und den Rebellen Jupiter vernichten,
Den knabenhaften Donnrer, und Saturn,
Den Greis, von neuem auf den Thron erheben.« –
Er sprach, verstummte; denn noch schlimmres Drohn
Würgt' ihn im Hals, doch wagte sich nicht vor.
Denn wie ein Lärm, je mehr man Ruhe fordert,
Sich durchs Theater weiterpflanzt, so regten
Beim Wort Hyperions sich die bleichen Schatten
Wohl dreifach grauenvoll und dreifach kalt.
Und von der Spiegelfläche, wo er stand,
Stieg Nebel auf wie Schaum von glattem Sumpf.
Da kroch ein wilder Schmerz durch seinen Leib,
Von Fuß zu Kopf, wie muskelstarke Schlange,
Die sich geschmeidig windet, Kopf und Nacken
In Krampf erstarrt. Erlöst entfloh er dann
Zum Tor des Ostens; und sechs volle Stunden
Eh Dämmrung ein Erröten schuldig war,
Blies an verschlafnes Tor sein heißer Atem,
Blies schwere Dünste fort und warf sie weit
Auf Meeres eisige Strömungen hinaus.
Die Feuerkugel, die ihn jeden Tag
Von Ost nach West durch alle Himmel trug,
Flog wirbelnd hinter schwarzen Wolkenschleiern;
Doch darum nicht verschleiert und verborgen,
Denn oft erglommen Kreise und Koluren
Und flochten in das milde Dunkel Blitze
Tief vom Nadir bis aufwärts zum Zenith –
Uralte Hieroglyphen, die die weisen
Sterndeuter jener Erdenzeiten lasen
Und durch Jahrhunderte erobert hatten –
Verloren nun, bis auf die wenigen Zeichen
Auf allen Steinen oder Marmortafeln,
Ihr Sinn nicht faßbar, ihre Weisheit fort. –
Zwei breite Silberschwingen trug die Kugel,
Zwei Flügel ihrer Pracht und Herrlichkeit,
Die bei des Gottes Nahn verzückt erbebten.
Jetzt spreiteten sich vor aus Dämmerdunkel
Die riesigen Federn, eine nach der andern,
Bis alle flugbereit gebreitet lagen.
Noch immer aber schwamm der Ball in Dunkel,
Hyperions Befehl entgegenbebend.
Gern hätte er befohlen, gern den Thron
Bestiegen und den Tag beginnen lassen –
Er durfte nicht – er, der Urgötter einer –
Weh dem, der heiligen Zeitenlauf verrückt!
So hielt das Morgenweben zögernd inne
Und harrte, wie es hier beschrieben steht.
Die Silberschwingen schwammen schwesterlich,
Des Flügelschlags begierig. Hohe Tore
Enthüllten offen weite Nachtbereiche.
Und der Titan, in Weh und Wahnsinn bebend,
Dem Beugen ungewohnt, er beugte nun
Den Sorgen dieser Zeit die starre Seele.
Und weit entlang auf grausen Wolkenrücken,
An schmalem Grenzgebiet von Nacht und Tag,
Streckt er in Gram und matten Glanz sich hin.
Als so er lag, sah Himmel mit den Sternen
Mitleidig nieder, und aus Weltallräumen
Drang Coelus' Stimme leis und ernst zu ihm:
»O hellstes meiner lieben Kinder du,
Den Himmel zeugte, Erde mir gebar,
Sohn von Geheimnissen, selbst denen dunkel,
Die dich geschaffen: seltsam süße Freuden
Und Herzgefühle, die mir Wunder waren,
Mich, Coelus, wunderten, woher sie kamen.
Und Wunder waren dieser Freuden Früchte,
Klar sichtbare und göttliche Symbole,
Wie Offenbarung jenes schönsten Lebens,
Das ungesehn durch ewige Weiten strömt:
Von diesen Neugeschaffnen bist auch du,
Sind jene Göttinnen und deine Brüder!
Doch wehe! Streit ist unter euch, Empörung
Des Sohnes gegen seinen Herrn. Ich sah,
Sah meinen Ältesten vom Throne sinken!
Zu mir reckt' er die Arme, sandte Rufe
Hervor aus Donnersturm, der ihn umtost.
Erbleichend barg ich mein Gesicht in Wolken.
Droht solch Geschick auch dir? Dies ängstet mich,
Denn wenig göttlich seh ich meine Söhne.
Als Götter wurdet ihr erschaffen; göttlich,
In Würde, himmelhehr und ungestört
Gleich hohen Göttern lebtet, herrschtet ihr.
Jetzt seh ich Furcht in euch und Leid und Hoffen,
Und Wut und Leidenschaft durchloben euch,
Als wärt ihr nichts denn niedre Staubgeborne
Und Todessöhne. – Dies ist Leid, o Sohn!
Verfall und Angst und Sturz! Doch ringe du,
Der du, ein wahrer Gott, dich regen kannst
Und jeder bösen Stunde Körperkraft
Und Wesenheit entgegensetzen kannst.
Ich selbst bin nichts als Stimme, und mein Leben
Ist Leben nur von Strömungen und Stille,
Nur Strömungen und Stille dienen mir. –
Du aber kannst! – So sei ein kühner Kämpfer,
Ja, halt des Feindes Pfeile auf, bevor
Die straffe Sehne summt. – Hinab zur Erde!
Dort findest du Saturn und seine Klagen.
Ich will indessen deine helle Sonne
Und deiner Zeiten rechten Lauf behüten.« –
Eh halb dies Weltgeflüster niederkam,
War auf Hyperion; die gebogenen Lider
Zu Sternen hochgerichtet, horchte er,
Bis Stille ward. Und schaute immer noch
Und noch hinauf in feierliche Sterne.
Dann, wie der Taucher taucht in Perlenmeere,
Bog sachte er die breite Brust nach vorn
Und stieß von luftiger Küste weit hinab
Und tauchte lautlos unter in die Nacht.
Zweites Buch
Derselbe Flügelschlag der Zeit, der sachte
Hyperion durch bewegte Lüfte trug,
Ließ Thea mit Saturn den Ort erreichen,
Wo Cybele und die Titanen murrten.
Kein Lichtschein konnte ihre Tränen treffen
In jener Höhle, wo sein eignes Grollen
Ein Jeder fühlte, doch nicht hören konnte;
Denn donnernd brüllten nahe Wasserstürze
Und gossen ewig neue Mengen aus.
Block griff empor zu Block, und Felsen schienen
Wie aufgeschreckt aus langem fernem Schlaf
Eng Stirn an Stirn und Horn an Horn zu pressen
Und schufen so in tausend Traumgebilden
Dem Klagenest ein seltsam düstres Dach.
Sie saßen nicht auf Thronen; harter Kiesel
Und zottiger Stein und spitzer Schiefergrat,
Den Eisen härtete, gab ihnen Lager.
Nicht alle waren da, denn manche rangen
In Kettenbanden, manche schweiften weit.
Cocus und Gyges und Briareus,
Typhon und Dolor und Porphyrion
Und viele mehr, die Sehnigsten im Kampfe,
Sie waren eingepfercht zu Not und Mühn,
In dunkle Elemente eingekerkert,
Wo sich verbissner Mund nicht öffnen durfte
Und festgeschlossne Glieder reglos drohten,
Gepreßt, gekrampft, wie Adern von Metall.
Nur ihre großen Herzen keuchten Qual
Und pulsten fiebernd auf in blutiger Not.
Es schweifte Mnemosyne durch die Welt
Und Phoebe weilte ihrem Monde fern.
Und viele andre waren frei zu wandern –
Die meisten aber suchten hier den Schutz.
Wie leblos lagen sie: Druidenblöcke,
Die auf verlassnem Moor in Runde stehn
Wenn Abend dunkelt und der kühle Regen,
Novemberregen fällt in ihre Gruft,
Der Himmel selbst in Nacht erblindet ist.
Verschlossen lag ein Jeder, gab dem Nächsten
Nicht Wort noch Blick, noch Zeichen der Verzweiflung.
Creus war einer; mächtiger Eisenhammer
Lag neben ihm, und ein zersprungner Fels
Gab Bild von seiner Wut, eh daß er sank.
Iäpetus ein andrer. Seine Faust
Umspannte schleimigen Schlangenhals; gespalten
Quoll aus der Gurgel gierig lange Zunge,
Und steif und tot lag sie und nicht gerollt
Und konnte dem Erobrer Jupiter
Nun nicht ihr Gift ins kecke Auge spritzen.
Dann Cottus, auf der Erde das Gesicht,
Kinn aufgereckt als wie in Schmerz, denn noch
Schlug er den Schädel wütend an den Stein
Mit offnem Mund und furchtbar wilden Blicken.
Nächst ihm Asia. Caf, die ungeheure,
Gebar sie, die, ein Weib, der Mutter Tellus
Mehr Weh gemacht als einer ihrer Söhne.
Nicht Leid, – Verträumtheit lag in ihrem Blick,
Denn Ruhm und Ehre ahnte sie voraus.
Vor ihren weiten Seheraugen standen
Palmschattige Tempel, ragende Altäre,
Am Oxus und auf heiligen Gangesinseln.
Wie Hoffnung sich auf ihren Anker stützt,
Doch nicht so schön, so lehnte sie am Stoßzahn,
Der ihrem größten Elefant genommen.
Auf zackigem Klippenrande über ihr,
Den Arm gestützt und lang am Boden liegend,
Düstrer Enceladus; einst zahm und mild,
Wie friedlich grasend Rind auf grüner Wiese,
Jetzt tigerwild und löwenlauernd, plante
Und raste er und warf Felsblöcke auf
In jenen Kampf, daß scheu die jungen Götter
In Tiergestalt sich zu verbergen suchten.
Nicht ferne Atlas; neben ihn gestreckt
Lag Phorkus, der Gorgonen Herr. Und enge
Beisammen Thetis und Oceanus.
In Thetis Schoß gebettet lag Clymene
Und schluchzte ruhlos in ihr schönes Haar
Inmitten aller Themis, eng zu Füßen
Von Ops, der Königin, die ganz umwölkt,
Den Blicken unsichtbar – noch mehr; als wenn
Aus Wolken und aus Fichtenwipfeln Nacht
Ein Ganzes macht – und viele andre hoch.
Ihr Name sei verschwiegen, denn wenn Muse
Die Schwingen hebt, wer hindert ihren Flug?
Und von Saturn und seiner Führerin
Muß nun sie singen, die mit nassem Fuß
Aus Tiefen kamen, die noch grauenvoller.
Ob düstern Felsen ragte beider Haupt,
Und die Gestalten wuchsen, bis ihr Schritt
Auf ebnem Boden endlich Ruhe fand.
Da reckte Thea bebend ihre Arme
Hin über dieses Nest des großen Leids
Und seitwärts sah sie in Saturns Gesicht:
Hier flammte harter Kampf. Der große Gott
Rang schwer mit Gram und Schwäche, Furcht und Wut,
Besorgnis, Mitleid, Reue und Verzweiflung.
Vergeblich stritt er gegen diese Plagen,
Denn Schicksal hatte tödlich schwächend Gift
Ihm übers Haupt gegossen, so daß Thea
Erschreckt zur Seite wich und ihn als ersten
Eintreten ließ zu der gefallnen Horde.
Wie Sterblichen das schwerbeladne Herz
Noch mehr in bangem Druck und Qualen fiebert,
Wenn es dem trauervollen Haus sich nähert,
Wo andre Herzen gleicher Schmerz gebrochen,
Befiel Saturn, der zu den andern trat,
Ein Ohnmachtweh, das fast ihn niederwarf.
Da aber traf sein Blick Enceladus,
Des Auge machtvoll, doch in Ehrfurcht flammte
Und alle Kräfte hob; und laut erscholl
Sein Wort: »Titanen, blickt auf euren Gott!«
Da grollten manche Antwort, manche sprangen
Erwacht empor, und manche schrien laut.
Und manche weinten, andre klagten schwer,
Und alle neigten sich in Ehrerbietung.
Und Ops hob ihren schwarzen Schleier auf,
Ließ bleiche Wangen, müde Stirne sehn,
Schwarzdünne Augenbraun und hohle Augen. –
Ein Raunen weht durch kalte Fichtenstämme,
Wenn Winter seine Stimme hebt; ein Raunen
Durcheilt die Ewigen, wenn ein Gott den Finger
Verwarnend hebt, zum Zeichen, daß ihm nun
Die volle Wucht urmächtiger Gedanken
Mit Donner und Musik vom Munde komme.
Solch Raunen ist wie Rauschen kalter Fichten,
Dem, wenn es in der Bergeswelt verstummt,
Kein andrer Laut mehr folgt. Doch hier bei diesen
Gefallnen hob Saturnens Wort sich nun
Wie Orgel, die ihr Tönen neu beginnt,
Wenn andre Harmonien, schnell verstummt,
Die Luft in Schwingungen zurückgelassen.
So hob es an: – »Nicht in der eignen Brust,
Die selbst ihr Richter und Erforscher ist,
Find ich den Grund, weshalb ihr also seid;
Nicht in Legenden von urerstem Tage
Aus jenem Buch, drin Weisheit jedes Blatt,
Das sterniger Uranus mit hellem Finger
Vom Meeresstrand der Finsternis gerettet,
Du Ebbewogen es in Dunkel bargen,
Aus jenem Buch, das immer, wie ihr wißt,
Als sichre Fußbank mir gedient: – wahrhaftig,
Nicht dort und nicht in Zeichen noch Symbol,
Noch Warnungsbild in Erde, Wasser, Luft
Und Feuer, Krieg und Frieden oder Streit
Des einen Elementes gegen andres,
Noch auch im Streit von dreien oder allen,
Noch auch wenn eines gegen dreie steht,
Wenn Luft und Feuer miteinander zanken,
Wenn Regen sie in Wasserflut ertränkt
Und beide ans Gesicht der Erde preßt,
Wo, Schwefel findend, vierfach Ungestüm
Das arme Weltall aus den Angeln hebt;
In jenem Kampfe nicht, aus dem ich Kunde
Seltsamer Weisheit tief verstehend lese,
Find ich den Grund, weshalb ihr also seid.
Enträtseln kann ich nicht – wie sehr ich suche
Im ungeheuren Buche der Natur,
Bis Schwindel mich erfaßt – weshalb ihr Götter,
Ihr Erstgebornen von Gestalt und Form,
Euch beugen solltet unter eine Macht,
Die, euch verglichen, nur erbärmlich ist.
Da seid ihr dennoch! Überwunden, siech,
Verachtet und geschlagen seid ihr hier!
Titanen! soll ich sagen: Auf! – Ihr grollt.
Ich sage: Nieder! – Ah, ihr grollt! – Was also?
O weiter Himmel, lieber ferner Vater!
Was kann ich? Sagt mir, all ihr hehren Brüder,
Wie kämpfen wir, wie formen wir die Schlacht?
O sprecht jetzt Rat! Saturnens Ohr verlangt
Nach euerm Wort. Oceanus, nun rede,
Du grübelst tief, und staunend sieht mein Auge
In deinem Antlitz jenen sanften Ernst,
Den klares Denken breitet. Gib uns Hilfe!«
So endete Saturn. Der Gott der Meere,
Sophist und Weiser, zwar nicht von Athen,
Vielmehr ein Denker tief in Wassergrotten,