Sie weinte sehr stark, nicht wegen dem Geld, obwohl sie fast keines hatte, sondern weil ich immer wieder was anfange. Ich ärgerte mich furchtbar, daß meine Mutter soviel Kummer hatte, und nahm mir vor, daß es Werners Heinrich nicht gut gehen soll.
Die zerrissene Hose hat uns der Herr Ministerialrat nicht gegeben, obwohl er eine neue verlangte.
Am nächsten Sonntag nach der Kirche wurde ich auf dem Rektorat eingesperrt. Das war fad.
In dem Zimmer waren die zwei Söhne vom Herrn Rektor. Der eine mußte übersetzen und hatte lauter dicke Bücher auf seinem Tische, in denen er nachschlagen mußte. Jedesmal, wenn sein Vater hereinkam, blätterte er furchtbar schnell um und fuhr mit dem Kopfe auf und ab.
"Was suchst du, mein Sohn?" fragte der Rektor. Er antwortete nicht gleich, weil er ein Trumm Brot im Munde hatte. Er schluckte es aber doch hinunter und sagte, daß er ein griechisches Wort sucht, welches er nicht finden kann. Es war aber nicht wahr; er hatte gar nicht gesucht, weil er immer Brot aus der Tasche aß. Ich habe es ganz gut gesehen.
Der Rektor lobte ihn aber doch und sagte, daß die Götter den Schweiß vor die Tugend hinstellen, oder so was.
Dann ging er zum andern Sohn, welcher an einer Staffelei stand und zeichnete. Das Bild war schon beinah fertig. Es war eine Landschaft mit einem See und viele Schiffe darauf. Die Frau Rektor kam auch herein und sah es an, und der Rektor war sehr lustig. Er sagte, daß es bei dem Schlußfeste ausgestellt wird, und daß alle Besucher sehen können, daß die schönen Künste gepflegt werden.
Dann gingen sie, und die zwei Söhne gingen auch, weil es zum Essen Zeit war. Ich mußte allein bleiben und bekam nichts zu essen. Ich machte mir aber nichts daraus, weil ich eine Salami bei mir hatte, und ich dachte mir, daß die zwei dürren Rektorssöhne froh wären, wenn sie so viel kriegten.
Der Ältere stellte sein Bild an das Fenster im Nebenzimmer. Das sah ich genau. Ich wartete, bis alle draußen waren, und las dann die Geschichte vom schwarzen Apachenwolf weiter, die ich heimlich dabei hatte.
Um vier Uhr wurde ich herausgelassen vom Pedell. Er sagte: "So, diesmal warst du aber feste drin." Ich sagte: "Das macht mir gar nichts." Es machte mir aber schon etwas, weil es so furchtbar fad war. Am Montagnachmittag kam der Rektor in die Klasse und hatte einen ganz roten Kopf.
Er schrie, gleich wie er herein war: "Wo ist der Thoma?" Ich stand auf. Dann ging es an. Er sagte, ich habe ein Verbrechen begangen, welches in den Annalen der Schule unerhört ist, eine herostratische Tat, die gleich nach dem Brande des Dianatempels kommt. Und ich kann meine Lage nur durch ein reumütiges Geständnis einigermaßen verbessern.
Dabei riß er den Mund auf, daß man seine abscheulichen Zähne sah, und spuckte furchtbar und rollte seine Augen.
Ich sagte: "Ich weiß nichts; ich habe doch gar nichts getan ."
Er hieß mich einen verruchten Lügner, der den Zorn des Himmels auf sich zieht. Aber ich sagte: "Ich weiß doch gar nichts." Und dann fragte er alle in der Klasse, ob sie nichts gegen mich aussagen können, aber niemand wußte nichts.
Und dann sagte er es unserem Professor. In der Frühe sah man, daß im Zimmer neben dem Rektorat das Fenster eingeschmissen war, und ein großer Stein lag am Boden, der war auch durch das Bild gegangen, welches der Sohn gemalt hatte, und es war kaputt und lag auf dem Boden.
Unser Professor war ganz entsetzt, und sein Bart und seine Haare standen in die Höhe. Er fuhr auf mich los und brüllte:
"Gestehe es, Verruchter, hast du diese schändliche Tat begangen?" Ich sagte, ich weiß doch gar nichts, das wird mir schon zu arg, daß ich alles getan haben muß.
Der Rektor schrie wieder: "Wehe dir, dreimal wehe! Wenn ich dich entdecke! Es kommt doch an die Sonne."
Und dann ging er hinaus. Und nach einer Stunde kam der Pedell und holte mich auf das Rektorat. Da war schon unser Religionslehrer da und der Rektor. Das Bild lag auf einem Stuhl und der Stein auch. Davor stand ein kleiner Tisch. Der war mit einem schwarzen Tuch bedeckt, und zwei brennende Kerzen waren da und ein Kruzifix.
Der Religionslehrer legte seine Hand auf meinen Kopf und tat recht gütig, obwohl er mich sonst gar nicht leiden konnte. "Du armer, verblendeter Junge", sagte er, "nun schütte dein Herz aus und gestehe mir alles. Es wird dir wohltun und dein Gewissen erleichtern." "Und es wird deine Lage verbessern", sagte der Rektor.
"Ich war es doch gar nicht. Ich habe doch gar kein Fenster nicht hineingeschmissen", sagte ich.
Der Religionslehrer sah jetzt sehr böse aus. Dann sagte er zum Rektor: "Wir werden jetzt sofort Klarheit haben. Das Mittel hilft bestimmt." Er führte mich zum Tische, vor die Kerzen hin, und sagte furchtbar feierlich:
"Nun frage ich dich vor diesen brennenden Lichtern. Du kennst die schrecklichen Folgen des Meineides vom Religionsunterrichte. Ich frage dich: Hast du den Stein hineingeworfen? Ja - oder nein?" "Ich habe doch gar keinen Stein nicht hineingeschmissen", sagte ich.
"Antworte ja - oder nein, im Namen alles Heiligen! "
"Nein", sagte ich.
Der Religionslehrer zuckte die Achseln und sagte: "Nun war er es doch nicht. Der Schein trügt."
Dann schickte mich der Rektor fort.
Ich bin recht froh, daß ich gelogen habe und nichts eingestand, daß ich am Sonntagabend den Stein hineinschmiß, wo ich wußte, daß das Bild war. Denn ich hätte meine Lage gar nicht verbessert und wäre davongejagt worden. Das sagte der Rektor bloß so. Aber ich bin nicht so dumm.
Die Verlobung
Unser Klaßprofessor Bindinger hatte es auf meine Schwester Marie abgesehen.
Ich merkte es bald, aber daheim taten alle so geheimnisvoll, daß ich nichts erfahre.
Sonst hat Marie immer mit mir geschimpft, und wenn meine Mutter sagte: "Ach Gott, ja!", mußte sie immer noch was dazutun und sagte, ich bin ein nichtsnutziger Lausbub. Auf einmal wurde sie ganz sanft. Wenn ich in die Klasse ging, lief sie mir oft bis an die Treppe nach und sagte: "Magst du keinen Apfel mitnehmen, Ludwig?" Und dann gab sie Obacht, daß ich einen weißen Kragen anhatte, und band mir die Krawatte, wenn ich es nicht recht gemacht hatte. Einmal kaufte sie mir eine neue, und sonst hat sie sich nie darum gekümmert. Das kam mir gleich verdächtig vor, aber ich wußte nicht, warum sie es tat.
Wenn ich heimkam, fragte sie mich oft: "Hat dich der Herr Professor aufgerufen? Ist der Herr Professor freundlich zu dir?"
"Was geht denn dich das an?" sagte ich. "Tu nicht gar so gescheit! Auf dich pfeife ich!"
Ich meinte zuerst, das ist eine neue Mode von ihr, weil die Mädel alle Augenblicke was anderes haben, daß sie recht gescheit aussehen. Hinterher habe ich mich erst ausgekannt.
Der Bindinger konnte mich nie leiden, und ich ihn auch nicht. Er war so dreckig.
Zum Frühstück hat er immer weiche Eier gegessen; das sah man, weil sein Bart voll Dotter war.
Er spuckte einen an, wenn er redete, und seine Augen waren so grün wie von einer Katze. Alle Professoren sind dumm, aber er war noch dümmer.
Die Haare ließ er sich auch nicht schneiden und hatte viele Schuppen.
Wenn er von den alten Deutschen redete, strich er seinen Bart und machte sich eine Baßstimme.
Ich glaube aber nicht, daß sie einen solchen Bauch hatten und so abgelatschte Stiefel wie er.
Die andern schimpfte er, aber mich sperrte er ein, und er sagte immer: "Du wirst nie ein nützliches Glied der Gesellschaft, elender Bursche!"
Dann war ein Ball in der Liedertafel, wo meine Mutter auch hinging wegen der Marie.
Sie kriegte ein Rosakleid dazu und heulte furchtbar, weil die Näherin so spät fertig wurde. Ich war froh, wie sie draußen waren mit dem Getue.
Am andern Tage beim Essen redete sie vom Balle und Marie sagte zu mir: "Du, Ludwig, Herr Professor Bindinger war auch da. Nein, das ist ein reizender Mensch!"
Das ärgerte mich, und ich fragte sie, ob er recht gespukt hat und ob er ihr Rosakleid nicht voll Eierflecken gemacht hat. Sie wurde ganz rot, und auf einmal sprang sie in die Höhe und lief hinaus, und man hörte durch die Tür, wie sie weinte.
Ich mußte glauben, daß sie verrückt ist, aber meine Mutter sagte sehr böse: "Du sollst nicht unanständig reden von deinen Lehrern; das kann Mariechen nicht ertragen."
"Ich möchte schon wissen, was es sie angeht, das ist doch dumm, daß sie deswegen weint."
"Mariechen ist ein gutes Kind", sagte meine Mutter, "und sie sieht, was ich leiden muß, wenn du nichts lernst und unanständig bist gegen deinen Professor."
"Er hat aber doch den ganzen Bart voll lauter Eidotter", sagte ich.
"Er ist ein sehr braver und gescheiter Mann, der noch eine große Laufbahn hat. Und er war sehr nett zu Mariechen. Und er hat ihr auch gesagt, wieviel Sorgen du ihm machst. Und jetzt bist du ruhig!"
Ich sagte nichts mehr, aber ich dachte, was der Bindinger für ein Kerl ist, daß er mich bei meiner Schwester verschuftet.
Am Nachmittag hat er mich aufgerufen; ich habe aber den Nepos nicht präpariert gehabt und konnte nicht übersetzen.
"Warum bist du schon wieder unvorbereitet, Bursche?" fragte er.
Ich wußte zuerst keine Ausrede und sagte: "Entschuldigen, Herr Professor, ich habe nicht gekonnt."
"Was hast du nicht gekonnt?"
"Ich habe keinen Nepos nicht präparieren gekonnt, weil meine Schwester auf dem Ball war."
"Das ist doch der Gipfel der Unverfrorenheit, mit einer so törichten Entschuldigung zu kommen", sagte er, aber ich habe mich schon auf etwas besonnen und sagte, daß ich so Kopfweh gehabt habe, weil die Näherin so lange nicht gekommen war und weil ich sie holen mußte und auf der Stiege ausrutschte und mit dem Kopf aufschlug und furchtbare Schmerzen hatte.
Ich dachte mir, wenn er es nicht glaubt, ist es mir auch wurscht, weil er es nicht beweisen kann. Er schimpfte mich aber nicht und ließ mich gehen.
Einen Tag danach, wie ich aus der Klasse kam, saß die Marie auf dem Kanapee im Wohnzimmer und heulte furchtbar. Und meine Mutter hielt ihr den Kopf und sagte:"Das wird schon, Mariechen. Sei ruhig, Kindchen!"
"Nein, es wird niemals, ganz gewiß nicht, der Lausbub tut es mit Fleiß, daß ich unglücklich werde."
"Was hat sie denn schon wieder für eine Heulerei?" fragte ich. Da wurde meine Mutter so zornig, wie ich sie gar nie gesehen habe. "Du sollst noch fragen!" sagte sie. "Du kannst es nicht vor Gott verantworten, was du deiner Schwester tust, und nicht genug, daß du faul bist, redest du dich auf das arme Mädchen aus und sagst, du wärst über die Stiege gefallen, weil du für sie zur Näherin mußtest. Was soll der gute Professor Bindinger von uns denken?"
"Er wird meinen, daß wir ihn bloß ausnützen! Er wird meinen, daß wir alle lügen, er wird glauben, ich bin auch so!" schrie Marie und drückte wieder ihr nasses Tuch auf die Augen.
Ich ging gleich hinaus, weil ich schon wußte, daß sie noch ärger tut, wenn ich dabeiblieb, und ich kriegte das Essen auf mein Zimmer.
Das war an einem Freitag; und am Sonntag kam auf einmal meine Mutter zu mir herein und lachte so freundlich und sagte, ich soll in das Wohnzimmer kommen.
Da stand der Herr Professor Bindinger, und Marie hatte den Kopf bei ihm angelehnt, und er schielte furchtbar. Meine Mutter führte mich bei der Hand und sagte: "Ludwig, unsere Marie wird jetzt deine Frau Professor", und dann nahm sie ihr Taschentuch heraus und weinte. Und Marie weinte.
Der Bindinger ging zu mir und legte seine Hand auf meinen Kopf und sagte:
"Wir wollen ein nützliches Glied der Gesellschaft aus ihm machen."
Gretchen Vollbeck
Von meinem Zimmer aus konnte ich in den Vollbeckschen Garten sehen, weil die Rückseite unseres Hauses gegen die Korngasse hinausging.
Wenn ich nachmittags meine Schulaufgaben machte, sah ich Herrn Rat Vollbeck mit seiner Frau beim Kaffee sitzen, und ich hörte fast jedes Wort, das sie sprachen.
Er fragte immer: "Wo ist denn nur unser Gretchen so lange?", und sie antwortete alle Tage: "Ach Gott, das arme Kind studiert wieder einmal."
Ich hatte damals, wie heute, kein Verständnis dafür, daß ein Mensch gerne studiert und sich dadurch vom Kaffeetrinken oder irgend etwas anderem abhalten lassen kann. Dennoch machte es einen großen Eindruck auf mich, obwohl ich dies nie eingestand.
Wir sprachen im Gymnasium öfters von Gretchen Vollbeck, und ich verteidigte sie nie, wenn einer erklärte, sie sei eine ekelhafte Gans, die sich bloß gescheit mache.
Auch daheim äußerte ich mich einmal wegwerfend über dieses weibliche Wesen, das wahrscheinlich keinen Strumpf stricken könne und sich den Kopf mit allem möglichen Zeug vollpfropfe.
Meine Mutter unterbrach mich aber mit der Bemerkung, sie würde Gott danken, wenn ein gewisser Jemand nur halb so fleißig wäre wie dieses talentierte Mädchen, das seinen Eltern nur Freude bereite und sicherlich nie so schmachvolle Schulzeugnisse heimbringe. Ich haßte persönliche Anspielungen und vermied es daher, das Gespräch auf dieses unangenehme Thema zu bringen.
Dagegen übte meine Mutter nicht die gleiche Rücksicht, und ich wurde häufig aufgefordert, mir an Gretchen Vollbeck ein Beispiel zu nehmen.
Ich tat es nicht und brachte an Ostern ein Zeugnis heim, welches selbst den nächsten Verwandten nicht gezeigt werden konnte.
Man drohte mir, daß ich nächster Tage zu einem Schuster in die Lehre gegeben würde, und als ich gegen dieses ehrbare Handwerk keine Abneigung zeigte, erwuchsen mir sogar daraus heftige Vorwürfe.
Es folgten recht unerquickliche Tage, und jedermann im Hause war bemüht, mich so zu behandeln, daß in mir keine rechte Festesfreude aufkommen konnte.
Schließlich sagte meine Mutter, sie sehe nur noch ein Mittel, mich auf bessere Wege zu bringen, und dies sei der Umgang mit Gretchen.
Vielleicht gelinge es dem Mädchen, günstig auf mich einzuwirken. Herr Rat Vollbeck habe seine Zustimmung erteilt, und ich solle mich bereit halten, den Nachmittag mit ihr hinüberzugehen.
Die Sache war mir unangenehm. Man verkehrt als Lateinschüler nicht so gerne mit Mädchen wie später, und außerdem hatte ich begründete Furcht, daß gewisse Gegensätze zu stark hervorgehoben würden.
Aber da half nun einmal nichts, ich mußte mit.
Vollbecks saßen gerade beim Kaffee, als wir kamen. Gretchen fehlte, und Frau Rat sagte gleich: "Ach Gott, das Mädchen studiert schon wieder, und noch dazu Scheologie." Meine Mutter nickte so nachdenklich und ernst mit dem Kopfe, daß mir wirklich ein Stich durchs Herz ging und der Gedanke in mir auftauchte, der lieben alten Frau doch auch einmal eine Freude zu machen. Der Herr Rat trommelte mit den Fingern auf den Tisch und zog die Augenbrauen furchtbar in die Höhe. Dann sagte er: "Ja, ja, die Scheologie!"