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作者:德- Erich von Mendelssohn 当前章节:15424 字 更新时间:2026-6-18 20:16

Hedwig sah voll Neid ihren Bruder an. Aber dann veränderte sich ihr Gesicht. Fast furchtsam fragte sie:

»Du Felix, sag mal, glaubst du, daß alles noch gut geht?«

»Weshalb soll es denn nicht gut gehen?«

»Ja, siehst du, ich ging neulich etwas mit Herrn de la Rouvière spazieren, und da kam Nechlidow, und die beiden sprachen zusammen. Nechlidow war ganz wütend und sagte immer wieder, daß Paul alles zerstört hätte. Dann sagte er auch etwas zu mir, was ich nicht verstand –«

»Nechlidow ist ein Idiot!« unterbrach sie Felix mit Nachdruck. »Allan sagt, daß gerade jetzt alles gut gehen wird, seitdem Paul eingesehen hat, daß er alles allein machen muß und nicht mehr darauf hört, was alle die da sagen.«

Aus irgend einem Grunde war es Hedwig peinlich, dies Gespräch fortzusetzen. Sie sagte, während sie ihrem Pferdchen den dicken Hals streichelte:

»Sollen wir nicht jetzt zum Wasserfall reiten? Er ist sicher wunderschön.«

Dagegen hatte Felix nichts einzuwenden, und so bestiegen sie ihre Pferde und ritten dem Staubecken entlang auf das Meer zu. Bald schob sich ein breiter Steinwall zwischen sie und das Becken und warf einen tiefen und kühlen Schatten auf sie. Sie trieben ihre Pferde zum Galopp an und standen plötzlich einige Schritte vor dem steilen Abfall zum Meere. Sie hörten ein Donnern, Zischen und Brausen, konnten den Wasserfall aber nicht sehen. Rasch entschlossen sprangen sie von den Pferden, ließen sie stehen und kletterten an dem Steinwalle empor. Er war höher, als sie sich ihn vorgestellt hatten, aber endlich standen sie doch oben. Sie sahen sich um: hinter ihnen streckten sich die drei Vorgebirge ins Meer, zwischen denen die Stadt und die Irenenbucht eingebettet lagen, und vor ihnen das große Wasserbecken, das in seiner ganzen Breitseite zum Meere hinab überfloß. Sie sahen die Wasserfläche in ruhigem Zuge bis zum Rande gleiten und dort entsetzt, verzweifelt, mit wahnsinnigem Schmerzgeheul in die Tiefe stürzen, hier auf einem Vorsprung aufprallend, dort an einer Klippe zerschellend, daß der Riese in tausend und abertausend glitzernde Tropfen zersprang, die erschrocken versuchten, sich wieder zusammenzufinden, und sich doch erst wieder im großen Meere trafen, das weit hinaus mit weißem Schaum bedeckt war.

Als sie sich satt gesehen hatten, traten sie langsam den Rückweg zu ihren Pferden an und ritten in scharfem Galopp im Schatten. Erst als der Steinwall sich wieder abflachte, und sie in den brennenden Sonnenschein hinauskamen, mäßigten sie ihr Tempo. Sie kamen an die Stelle, wo durch die große unterirdische Röhre das Wasser zur Stadt abfloß; dumpf dröhnte es da unter den Hufen der Pferde. Sie ritten weiter am Becken entlang bis dorthin, wo der Fluß hereintrat und folgten diesem weiter in der Richtung auf den Vulkan zu. Oft mußten sie den Fluß verlassen, weil Steinblöcke im Wege lagen, aber sie trafen doch immer wieder auf ihn. Zuweilen floß er breit und behäbig dahin, zuweilen rauschte er unheimlich an einer schmalen Stelle, oder teilte sich auch mitunter in viele Zweige, die sich aber immer wieder bald vereinigten. Hedwig und Felix kamen über breite Streifen feinen Sandes, in dem die Pferde bis über die Hufe einsanken.

Nach mehreren Stunden hielten sie an, sprangen von den Pferden, gaben ihnen von dem mitgebrachten Heu zu fressen und nahmen ihnen auch die Sättel ab. Dann hielten sie Umschau: so weit sie sehen konnten, umgab sie graublau und gelb die Steinwüste, aus der sich nur flache Rücken emporhoben. Und vor ihnen lag, kaum merklich in seiner Größe gewachsen, der Vulkan. Und die Sonne brannte heiß auf sie nieder und gab den Steinen einen blendenden Schimmer, der die Augen schmerzen machte.

Da setzte sich Hedwig plötzlich auf einen Stein und begann zu schluchzen: sie konnte die große Einsamkeit nicht ertragen, ihr war es zu viel des Schweigens. Felix fragte nicht; er verstand sie und fühlte dieselbe Angst wie sie, aber er beherrschte sich. Doch zitterten seine Hände, als er die Pferde wieder sattelte; er sagte aber ruhig:

»Der Vulkan ist ja viel weiter, als ich dachte; wir können heute nicht mehr hinkommen. Wollen wir nicht wieder nach Hause reiten?«

Hedwig nickte; sie konnte nicht sprechen. Und so schnell es die Hitze erlaubte, ritten sie nach Hause, zu den Menschen, zur Stadt.

13. Kapitel

Wieder war der Jahrestag der Gründung herangekommen, und die Gemeinschaft war versammelt. Die Vorsteher hatten Rechenschaft über das verflossene Jahr abgelegt. Es sollte jetzt zur Neuwahl geschritten werden.

»Wünscht jemand das Wort?« fragte Jakob Silberland, der wie immer den Vorsitz innehatte. »Nicht? Dann –«

»Ich bitte um das Wort«, rief Nechlidow überlaut und ging auf’s Podium. Die Versammlung verharrte in eisigem Schweigen. Jakob Silberland sah überrascht Paul Seebeck an; aber dessen Gesicht war hart und verschlossen. Auf der Tribüne aber beugte sich ein Mädchenkopf mit glänzenden, braunen Augen über die Brüstung.

Nechlidow richtete sich straff auf, verschränkte die Arme über der Brust und sagte:

»Es tut mir leid, daß ich die hier übliche gemütliche Handhabung der Geschäfte ein wenig störe. Hätte ich mich jetzt nicht zum Worte gemeldet, wäre die Wiederwahl des bisherigen Vorstehers wohl glatt erfolgt. Ich aber möchte verhindern, daß sie überhaupt erfolgt.«

Er sah Paul Seebeck an, und dieser erwiderte starr den Blick. Dann ließ Nechlidow seine Augen wieder über die Versammlung gleiten und fuhr fort:

»Wenn jetzt nicht ein energischer Schritt getan wird, verläuft die mit solchem Pathos angelegte Sache kläglich im Sumpf.

Hier geht zwar alles gut, ich fürchte fast zu gut; niemand hungert und jeder hat ein Dach über seinem Kopf – aber deswegen kamen wir nicht hierher.

Wir kamen hierher, um der Lüge zu entfliehen, die unser gesamtes Gesellschaftsleben durchzieht und sind jetzt dabei, eine ärgere und verabscheuungswürdigere Lüge zu stiften.

Hier kann nur eines helfen: das felsenfeste Vertrauen auf die menschliche Vernunft und das Abschütteln jener Herren, die den Ursprung alles Übels in der menschlichen Vernunft sehen. Wir müssen die großen und klaren Gesetze befolgen, die sich an der menschlichen Vernunft ergeben und dürfen sie nicht verwischen und im geheimen verspotten, wie es Herr Seebeck und seine Kreaturen tun.

Fragen Sie sich: was hat unsere Gemeinschaft neues gebracht als neue Phrasen? Ist hier wirklich ein neuer Geist? Wer wagt die Frage zu bejahen! Ist nicht vielmehr das Umgekehrte geschehen, daß einige, wenige Männer durch Worte und Scheingesetze, die sie nur äußerlich, in gröbstem Sinne befolgen, gestützt, einfach ihren Launen folgen, tun und lassen, was ihnen gefällt? Wer wagt die Frage zu verneinen!

Die Gemütlichkeit und die persönliche Rücksichtnahme – dieses ganze Spinngewebe von Gefühlsduseleien, das uns zu ersticken droht, muß fort.

Ich verkenne nicht, daß wir Paul Seebeck großen Dank schulden; aber unsere Dankbarkeit darf uns nicht hindern, kalt und klar zu sehen. Und wenn wir das tun, können wir nur eins sagen: Seebecks Zeit ist vorbei. Er ist ein großer Gründer, aber ein schlechter Ausbauer.

Ich bitte die Versammlung, nicht Paul Seebeck sondern mich zum Vorsteher zu wählen; mich treibt kein Ehrgeiz, sondern nur die Liebe zur Sache. Und ich kann mit ruhigem Gewissen sagen, daß ich keine Sentimentalitäten und persönlichen Rücksichten kenne.«

Mit zusammengekniffenen Lippen verließ Nechlidow das Podium. Jakob Silberland sah ihm verstört nach.

In der eisigen Stille dort unten entstand eine ganz leise Bewegung, ein Rücken auf den Bänken, ein Murmeln, ein Flüstern und zuletzt klang ein Gewirr von Worten, Namen –

Edgar Allan hatte mehrmals von der Seite her forschend in Paul Seebecks Gesicht geblickt und jedesmal hatte er zufrieden gelächelt, wenn er Seebecks starre Züge sah.

Jetzt erhob sich im Hintergrunde die schwere Gestalt eines Handwerkers:

»Wenn wir Herrn Seebeck nicht wieder wählen dürfen, dann doch lieber den Herrn Rouvière. Den kennen wir, der versteht seine Sache.«

Edgar Allan drehte sich herum; freundlich lächelnd rief er dem Sprecher zu:

»Sie dürfen Seebeck wieder wählen, guter Freund. Sie brauchen nicht immer das zu tun, was der letzte Redner gesagt hat.«

Aber seine Worte verloren sich; de la Rouvières Name hatte gezündet; von allen Seiten erscholl er, gerufen, gebrüllt.

Kreidebleich im Gesichte stand der Krüppel auf:

»Ich bitte Sie um Gotteswillen, wählen Sie mich nicht! Das geht nicht.«

Stille trat ein. Aber eine grobe Stimme zerriß sie:

»Weshalb denn nicht? So war’s doch ausgemacht.«

Jetzt hatte Jakob Silberland seine Ruhe wiedergefunden. Er läutete energisch und sagte:

»Wer meldet sich zum Worte?«

Paul Seebeck gab ein leichtes Zeichen mit der Hand und ging auf das Podium. Ruhig und geschäftsmäßig sagte er:

»Ich möchte nur einige Worte zur Klärung der Situation sagen. Es sind als Gegenkandidaten zwei Herren genannt worden, von denen allerdings der eine die Absicht zu haben scheint, eine eventuelle Wahl nicht anzunehmen. Bei aller Hochachtung vor den persönlichen Eigenschaften der beiden Herren und der Überzeugung von der absoluten Lauterkeit ihrer Absichten, glaube ich nicht, daß einer von ihnen imstande ist, das verantwortungsvolle Amt eines Vorstehers der Gemeinschaft zu verwalten. Ich glaube nicht, daß die Herren auch nur eine Ahnung von den Schwierigkeiten dieser Stellung haben; ihre Wahl würde nicht einen Fortschritt, sondern den Ruin unserer ganzen jahrelangen Arbeit bedeuten.

Nun kann ich Sie allerdings nicht daran hindern, einen der beiden Herren zu wählen; Sie können mich aber nicht zwingen, dem Gewählten meine Stellung als Reichskommissar zu übergeben. Die werde ich beibehalten und werde von den unbeschränkten Vollmachten Gebrauch machen, die sie mir gibt, sobald ich sehe, daß die Dinge eine Wendung nehmen, die ich für unrichtig halte. Wenn Sie aber einen Nachfolger wählen, der wirklich imstande ist, mein Amt zu übernehmen, gehe ich gern.«

Er verbeugte sich leicht und ging zu seinem Platz zurück.

»Bravo!« rief Edgar Allan, und dieser Ruf wurde von einem vielstimmigen »Pfui!« beantwortet. Nechlidow sprang auf und schrie:

»Das ist die Revolution! Jetzt wissen wir, was wir von dem Manne zu erwarten haben.«

Jakob Silberland läutete und läutete, aber erst nach mehreren Minuten gelang es ihm, den Sturm zu übertönen. Ganz heiser sagte er, während der Schweiß ihm in zwei Rinnen die Wangen entlang lief:

»Wünscht jemand noch das Wort? Herr Nechlidow, bitte!«

Nechlidow sprach von seinem Platze aus:

»Nachdem der bisherige Vorsteher offen den Bruch der Verfassung erklärt hat, behalten wir uns alle Schritte vor, wie auch die Abstimmung ausfallen mag.«

Unter steigendem Gemurmel wurden die Stimmzettel verteilt und wieder eingesammelt. Als Otto Meyer Jakob Silberland die Urne überreichte, trat lautloses Schweigen ein. Einen Zettel nach dem anderen öffnete Jakob Silberland und rief laut den darauf stehenden Namen. Otto Meyer notierte die einzelnen Stimmen und zählte sie dann zusammen. Dann verkündete Jakob Silberland das Resultat:

»Die Stimmen verteilen sich wie folgt:

Herr Seebeck zweihundertdreiundachtzig Stimmen;

Herr Nechlidow zweihundertsiebenunddreißig Stimmen;

Herr de la Rouvière einhundertachtundsiebzig Stimmen.

Elf Zettel sind blank.

Demnach ist Herr Seebeck ordnungsgemäß zum Vorsteher der Gemeinschaft wiedergewählt worden.«

»Aber von einer Minorität!« brüllte Nechlidow. »Ich verlange Stichwahl zwischen ihm und mir.«

»Herr Seebeck ist verfassungsgemäß gewählt worden«, donnerte Jakob Silberland ihm entgegen.

Jetzt erhob sich ein so unbeschreiblicher Lärm, daß Jakob Silberland nicht mehr Ruhe stiften konnte. Er setzte deshalb seinen Hut auf und deutete damit an, daß die Sitzung unterbrochen sei. Als auch das noch keinen Eindruck machte, verließ er mit seinen Freunden den Saal, gefolgt von der Mehrzahl der Versammelten. Zurückblickend sah er, daß Nechlidow auf dem Podium stand und eifrig auf die Zurückgebliebenen einredete.

14. Kapitel

Frau von Zeuthen stand in einem ausgeschnittenen schwarzen Schleppkleide hochaufgerichtet vor dem Krüppel, der die langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen demütig hängen ließ:

»Sagen Sie mir, Herr de la Rouvière, was hatte das zu bedeuten, daß man Sie als Seebecks Nachfolger vorschlug?«

»Gnädige Frau, es ist mir selbst vollständig unerklärlich. Ich habe nicht die geringste Veranlassung dazu gegeben. Wie sollte ich auch nur auf den Gedanken kommen!«

»Aber Herr de la Rouvière, wenn Sie, trotz Ihrer Erklärung, mehrere hundert Stimmen erhielten, so zeigt das, daß viele Sie für den designierten Nachfolger Seebecks hielten und Ihre Erklärung nur für ein Scheinmanöver ansahen. Wir stehen da vor einem System von Intriguen, an dem das Mißtrauen, das Nechlidow aussät, nur zum Teil Schuld haben kann. Sie müssen doch mindestens eine Vermutung haben, wie dieser seltsame Mißgriff geschehen konnte.«

Sie sah mit großen, braunen Augen ernst auf ihn nieder, und unter diesem Blicke wurde der Krüppel gleichsam noch kleiner:

»Gnädige Frau«, stieß er hervor. »Ich habe nicht gegen Herrn Seebeck intriguiert; im Gegenteil, ich habe den geringen Einfluß, den meine Stellung mir gab, nur dazu benutzt, die keimende Unzufriedenheit zu beruhigen und in vernünftige und sachliche Bahnen zu leiten. Und die Resultate meiner Tätigkeit liegen ja offen zutage.« Er wies auf eine Nummer der »Inselzeitung«, die sich auf dem Tische befand.

Frau von Zeuthen schüttelte den Kopf:

»Diese Erklärung genügt mir nicht; sie verschleiert nur. Ich will mehr wissen.«

Herr de la Rouvière trat einen Schritt zurück und hob gleichzeitig die langen Arme:

»Gnädige Frau, Sie, die hoch oben stehen, wo wir niemals hinkommen können – können Sie nicht verstehen, daß wir uns nach der Höhe sehnen?«

Frau von Zeuthen setzte sich auf den Divan; ein Schleier legte sich über ihre Augen, aber sie sagte nichts. Herr de la Rouvière trat etwas näher und hielt sich an einer Stuhllehne fest.

»Verspottet oder bemitleidet habe ich mein Leben verbracht; niemand wollte mich als vollen Menschen anerkennen. Dann brachten Sie mich hierher, und hier fand ich zum ersten Male in meinem Leben ein Arbeitsfeld. Ich wurde ein Mensch unter Menschen. Ich dachte an Sie und wollte Ihnen Ehre machen, wollte Sie, die Unerreichbare, erreichen.«

Frau von Zeuthen senkte den Kopf; ihr Blick ruhte unbeweglich auf ihren beiden weißen Händen.

»Die Menschen kamen zu mir, und ich kam ihnen entgegen. Viele haben mich um Rat gefragt, und ich habe ihnen nach bestem Gewissen geantwortet. Ich genoß Vertrauen, aber ich habe es nicht mißbraucht. Ich wollte nur helfen, dem Einzelnen und der Gemeinschaft helfen. Die anderen aber haben mich mißverstanden; sie glaubten, ich wollte sie beherrschen. Und das wurde mir erst gestern klar.«

Frau von Zeuthen erhob sich:

»Ich kann Ihnen heute nicht antworten«, sagte sie, »ich muß Sie bitten, mich jetzt allein zu lassen.«

Er ließ den Stuhl los, an dem er sich festgeklammert hatte und trat dicht an sie heran:

»Schicken Sie mich nicht so fort! Sagen Sie, daß Sie mich verstanden haben!«

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