»Ich glaube Sie zu verstehen«, sagte sie langsam, aber sie nahm nicht die Hand, die er nach ihr ausstreckte. »Aber gehen Sie jetzt; ich muß allein sein.«
Und Herr de la Rouvière ging.
15. Kapitel
Felix schämte sich doch, seine damalige Forschungsreise so kurz abgebrochen zu haben, und ohne die geringsten Entdeckungen zurückgekehrt zu sein. Obgleich er den größten Teil der Schuld seiner Schwester zuschob, konnte er sich doch nicht vergeben, nicht mehr Standhaftigkeit gezeigt zu haben. Andererseits sagte er sich auch, daß sie viel zu planlos losgezogen seien, so unvorbereitet, daß sie nicht einmal die Entfernung des Vulkans gekannt hatten.
Jetzt saß er fast jeden Nachmittag bei Paul Seebeck und studierte dessen Karten und Pläne, von denen fast alle – bis auf diejenigen, die die nächste Umgebung und die künstlichen Anlagen betrafen – noch aus der Zeit stammten, wo Paul Seebeck ganz allein auf der Insel geweilt hatte.
Paul Seebeck gab ihm alle Hilfsmittel, über die er verfügte, darunter auch mehrere Lehrbücher der Geologie und der verwandten Wissenschaften, und unterstützte ihn auch soweit mit Erklärungen, wie seine knappe Zeit es erlaubte. Fast immer freilich verliefen diese Nachmittage so, daß Paul Seebeck, mit der Zigarre in der Hand im Zimmer auf- und abgehend, Fräulein Erhardt Briefe diktierte, die diese stenographierte, um sie dann später auf der Schreibmaschine zu übertragen, während Felix, über sein Material gebeugt, still in einer Ecke saß. War Paul Seebeck mit dem Diktate fertig, ging er zu Felix, machte ihn auf einige besondere Dinge aufmerksam oder löste dem Knaben Zweifel, soweit er dazu imstande war, und verließ dann das Zimmer. Gewöhnlich packte Felix dann bald seine Sachen zusammen und ging nach Hause, denn es war ihm unangenehm, mit Fräulein Erhardt allein zu sein.
Aber als er wieder einmal mit einem kurzen Abschiedswort fortgehen wollte, drehte Fräulein Erhardt sich auf ihrem Rundsessel herum und fragte ihn:
»Sind Sie jetzt bald mit Ihren Plänen fertig, Herr von Zeuthen? Wann ziehen Sie los?«
Felix besann sich einen Augenblick, dann sagte er:
»Eigentlich bin ich schon fertig. Ich will nur warten, bis es etwas kühler geworden ist. Aber das wird es wohl schon in den allernächsten Tagen werden.«
Fräulein Erhardt faltete die Hände über den Knieen und beugte sich nach vorn; sie fragte:
»Darf ich Sie auf Ihrer Reise begleiten, Herr von Zeuthen?«
Felix sah sie überrascht an:
»Ja, wenn es Ihnen Freude macht, natürlich. Aber sie wird wenigstens eine Woche dauern.«
Fräulein Erhardt stand auf und reichte ihm die Hand:
»Ich danke Ihnen.«
Felix war etwas verwirrt, und um seine Ratlosigkeit zu verdecken, küßte er Fräulein Erhardts Hand. Sie ließ die ihre einen Augenblick in der seinen ruhen. Dann trat er an den Tisch zurück und suchte eine von Seebecks ersten Kartenskizzen heraus.
»Sehen Sie«, sagte er, »bis an den Fuß des Vulkans geht die Hochebene. Die kenne ich jetzt, und da ist nichts zu holen. Steinplatten, Geröll und zuweilen Sandstrecken. Und dasselbe sagt Paul; er ist da überall gewesen und hat nichts gefunden. Ich kann mir auch nicht denken, daß da irgend etwas sein sollte. Aber dort am Fuße des Vulkans, hier, wo Paul die Striche gemacht hat, sagt er, wäre eine Masse von Schluchten. Er ist nicht weiter gekommen, weil er keine Zeit hatte. Dort ist der Boden auch zuweilen so heiß gewesen, daß er ihn nicht betreten konnte. Da müßten wir also hin. Ich dachte, an einem Tage direkt bis zu den Schluchten zu reiten – Sie können doch reiten, Fräulein Erhardt?«
»Ja, aber ich habe kein Pferd.«
»Das tut nichts, Sie können das von Hedwig nehmen. – Ja, und dann müssen wir sehen, was wir da oben finden. Natürlich müssen wir auch auf den Vulkan steigen.«
»Ich werde Herrn Seebeck bitten, mir jetzt meinen Urlaub zu geben«, sagte Fräulein Erhardt. »Ich freue mich sehr auf die Reise, Herr von Zeuthen.«
Felix verbeugte sich etwas ungeschickt und ging.
Schon in den nächsten Tagen nahm die Hitze ab; kühle Winde strichen über die Insel und führten leichte, graue Wolkenzüge mit; ja, gelegentlich fielen sogar einige Regentropfen. Jetzt, zwischen Sommerhitze und Regenperiode, war die geeignete Zeit für einen längeren Ausflug gekommen.
Am Tage vor ihrem Aufbruch hatte sich Paul Seebeck mehrere Stunden von seiner Arbeit frei gemacht und half den beiden bei ihren Vorbereitungen. Er sorgte dafür, daß sie Proviant für vierzehn Tage, und auch sonst alles Notwendige, doch nichts Überflüssiges mit hatten. Was die Pferde anging, riet Seebeck, sie nach der Ankunft einfach loszulassen; sie würden dann ohne weiteres nach Hause laufen. Felix und Fräulein Erhardt müßten dann allerdings zu Fuß heimkehren. Auf dem Hinwege brauchten sie aber unbedingt die Pferde, des Transportes ihrer Sachen wegen.
Noch vor der Morgendämmerung brachen sie auf, und gerade, als sie das Volkshaus erreichten, hob sich die Sonne über den Horizont. Der Nachttau verschwand bald von den Steinen, aber trotz des wolkenlosen Himmels wurde es nicht heiß. Die Spitze des Vulkans lag vollkommen frei von Wolken und Schleiern vor ihnen.
Sie ritten in langsamem Trabe an dem Staubecken vorbei und kamen auch zu der Stelle, wo sich Felix und Hedwig damals zur Umkehr entschlossen hatten. Erst zur Mittagsstunde stiegen sie von den Pferden. Felix öffnete einige Konservenbüchsen und bot Fräulein Erhardt vom Inhalte an. Als sie gegessen hatten, warf er sich auf den Boden, zog eine seiner Kartenskizzen hervor und bemühte sich, sich über ihren gegenwärtigen Standort zu orientieren. Fräulein Erhardt saß inzwischen auf einem Stein und schaute abwechselnd auf ihren Reisegenossen und auf die starre Steinwüste. Nach zweistündiger Rast brachen sie wieder auf. Sie hielten streng die Richtung auf den Vulkan ein, mußten aber immer größere Umwege machen, um tiefe Spalten im Boden zu umreiten. Das Gelände wurde auch immer welliger, und gleichzeitig trat mehr und mehr Geröll und Grus auf. Das Geräusch vom Flusse her war vollkommen verstummt, aber immer höher und breiter reckte sich der Vulkan. Aus dem regelmäßigen Kegel lösten sich immer größere Vorsprünge heraus, und tiefe Einschnitte zeigten sich an seinen Wänden.
Auch das ganze Bild der Gegend hatte sich verändert. Es gab keine Ebene mehr, aus der sich plötzlich scharf umgrenzt der Vulkan erhob. Ebene und Vulkan kamen einander entgegen, verwischten in ihrer zunehmenden Zerklüftung ihre Gegensätze und verschmolzen zuletzt zu einem wilden Körper.
Fräulein Erhardt und Felix ritten an hohen Felsblöcken vorbei, mußten oft im Zickzackwege an steilen Geröllhalden hinab- und hinaufreiten. Das Traben war unmöglich geworden, und im mühsamen Schreiten wiegten die kleinen, starken Pferdchen rhythmisch die Köpfe.
Die Spitze des Vulkans war zurückgetreten und zuletzt ganz hinter einer hohen Felswand versunken. Und hier hielten die beiden an, um im Schutze der Felswand die Nacht zu verbringen. Sie nahmen das Gepäck von den Pferden, gaben ihnen den letzten Rest des mitgebrachten Heus zu fressen, nahmen ihnen dann das Zaumzeug ab und banden es an den Sätteln fest. Die klugen Tierchen blieben erst schnuppernd stehen, gingen einige Schritte heimwärts und wandten dann wieder die Köpfe nach Felix zurück. Da dieser aber keine Miene machte, sie zurückzuhalten, setzten sie sich in langsamen Trott und waren bald hinter den Felsen verschwunden.
Während Fräulein Erhardt und Felix fast schweigend ihr Abendessen einnahmen, wurden die Schatten unheimlich lang und kalt, krochen an den Felswänden empor, hier und da leuchtete noch eine Spitze, ein Vorsprung –
Wenige Minuten später war es dunkel, und sofort legte sich ein schwerer Tau auf Gesicht und Kleider.
Felix zündete eine kleine Lampe an und ordnete in ihrem schwachen Lichtscheine die mitgebrachten Sachen. Er rollte die Schlafsäcke auf und stellte die Konserven in eine kleine Spalte, die er – um sie vor den Sonnenstrahlen zu schützen – noch mit einem flachen Steine zudeckte. Dann kroch er in seinen Schlafsack, gähnte, wünschte Fräulein Erhardt eine gute Nacht und schlief fest ein. Fräulein Erhardt aber blieb noch lange auf ihrem Steinblock sitzen; zuweilen bewegte sie fröstelnd die Schultern. Zuletzt ging sie vorsichtig zu Felix, kniete neben den Schläfer hin, beugte ihr bleiches Gesicht über ihn und küßte ihn leise auf die Stirn. Felix rührte sich nicht. Da ging Fräulein Erhardt gesenkten Hauptes zurück und legte sich endlich zur Ruhe.
Als sie am Morgen aufwachte, war Felix fort. Sie sprang schnell auf und brachte ihre zerdrückten Kleider, so gut es sich machen ließ, in Ordnung. Felix kam erst nach einer Stunde. Er war beim Flusse gewesen und hatte Wasser geholt. Er setzte das Wasser über den Spirituskocher und sagte:
»Wissen Sie, was ich herausgefunden habe, Fräulein Erhardt? Wir sind vom Wege ein tüchtiges Stück nach links abgekommen. Die Spalten, von denen Paul mir erzählt hat, habe ich sehn können, wie ich zum Fluß ging. Hier ist sicher überhaupt noch nie ein Mensch gewesen. Am liebsten möchte ich die Spalten in Frieden lassen und noch weiter nach links, also nach Süden, gehn.«
Er stürzte in großer Hast seinen Tee hinunter und ging dann zum nächsten Hügel, wo er eine mächtige Steinpyramide errichtete.
»So, jetzt können wir unsere Sachen immer wieder finden«, sagte er. »Sind Sie fertig?«
Fräulein Erhardt war fertig und bereit, ihm zu folgen.
Sie gingen an der Felswand entlang und kamen nach einer halben Stunde an eine Geröllhalde. Hier stiegen sie höher hinauf, bis sie an einen Absatz kamen, von dem aus sie Umschau halten wollten. Aber sie konnten nicht weit sehen; hätten sie nicht gewußt, daß sie sich am Abhange des Vulkans befanden, der sich hoch über die Ebene reckte – hier hätten sie es nicht feststellen können, denn an allen Seiten sahen sie nur ein Gewirr von Felsen und Schutthügeln, das jede Aussicht versperrte. Nur an einem einzigen Punkte, gerade zwischen zwei Basaltfelsen, konnten sie die Ebene und sogar ein Streifchen des hellschimmernden Meeres sehn.
Sie gingen weiter; Felix immer zwanzig Schritte voraus. Das Gefälle war jetzt viel geringer, und das Geröll wurde oft durch Strecken von graublauem Sande und Lehm unterbrochen, aus dem oft kleine Quellen entsprangen, die aber alle bald wieder im Gerölle verschwanden. Plötzlich schrie Felix leicht auf: er war mit dem einen Bein bis zum Knie in ein Schlammloch gesunken. Fräulein Erhardt eilte erbleichend zu ihm, aber er hatte sich schon wieder beruhigt und zeigte ihr lachend das schmutzige Bein und das Loch, in dem sich jetzt gurgelnd trübes Wasser ansammelte. Aber Felix war durch den Vorfall vorsichtiger geworden; er umging die immer häufiger auftretenden feuchten, dunklen Strecken, bis sie endlich wieder auf festen Basaltgrund kamen. Hier sah Felix auf die Uhr: sie waren schon drei Stunden ununterbrochen gestiegen. Dann setzte er sich auf einen Stein, um Fräulein Erhardt zu erwarten, nahm sich einen Stein und kratzte den Schmutz vom Strumpf und Stiefel. Naserümpfend warf er den Stein fort, denn das Zeug hatte einen widrigen, fauligen Geruch.
Als Fräulein Erhardt neben ihm stand, reichte er ihr eine Tafel Schokolade und rückte gleichzeitig etwas auf seinem Steine zur Seite, um auch ihr Platz zu machen. Aber sie bemerkte es nicht; nachdenklich knabberte sie an der Schokolade und blickte dabei vor sich auf den Boden.
Etwas gelangweilt und mißvergnügt sah Felix sie an; aber dann wurden seine Züge plötzlich weich, und er wandte sich ab.
»Sehen Sie doch, wie schön es hier ist«, sagte er und streckte die Hand aus.
Fräulein Erhardt sah erst ihn mit ihren großen, schwarzen Augen an, dann drehte sie sich ganz langsam umher. Jetzt waren die Felsen, die ihnen vorher den Blick versperrt hatten, tief unten versunken. Sie hoben sich kaum merkbar über die Ebene, die breit und flach dort unten lag. Ein schmales Silberband – der Fluß – zog sich in Windungen hindurch; dort lag ein kleiner hell spiegelnder Fleck – das Staubecken, und hinten, weit hinten, das Meer –
Fräulein Erhardt hatte die Hand auf Felix’ Schulter gelegt, und er empfand wohlig den leichten Druck. Aber dann merkte er ihre Wärme durch seine Kleider dringen, und das verursachte ihm ein unbehagliches Gefühl. Er stand auf:
»Wir haben keine Zeit, Fräulein Erhardt, wenn wir heute noch hinauf wollen«, sagte er.
»Dann lassen Sie uns weitergehn«, antwortete sie einfach und schlug die Augen nieder.
Sie stiegen weiter. Plötzlich blieb Felix stehen.
»Riechen Sie nichts, Fräulein Erhardt?« fragte er.
Sie sog die Luft ein:
»Ja, das ist doch Meergeruch!« sagte sie erstaunt.
Felix schüttelte den Kopf:
»Ich finde es auch. Aber das ist doch ganz unmöglich. Wir sind doch ganz weit vom Meere, und außerdem so hoch –«
Aber je höher sie kamen, um so stärker wurde der unverkennbare Tanggeruch. Außerdem waren immer wieder große, feuchte Lehmflecke zwischen den Felsen. Um sie zu umgehn, mußten sie mehrmals an den zackigen Felsen emporklettern.
Auf einmal lag wieder die Spitze des Vulkans in ihrer bekannten Form vor ihnen, nur daß sie jetzt in der Nähe scharf und zackig aussah. Aber zwischen dem Vulkane und ihnen lag in einem langen und breiten Becken grünlich und fett schimmernd ein großer See. Jetzt nach dem heißen Sommer war der Wasserspiegel weit zurückgetreten, und die lehmigen Ufer waren mit ungeheuren Massen von Tang und vertrockneten Algen bedeckt.
Skelette von Fischen lagen zu Tausenden herum, ebenso die Reste von großen Seesternen und Krebsen.
Jetzt kam ein Windhauch und trieb Fräulein Erhardt und Felix den Gestank ins Gesicht. Trotzdem machte sich Felix an den Abstieg, während Fräulein Erhardt oben blieb. Sie sah ihm nach, wie er von Stein zu Stein hinuntersprang und dann unten am Rande des Wassers entlang ging. Nach einer Weile kam er, hochrot im Gesicht, den Abhang wieder hinaufgestürmt.
»Wissen Sie was, Fräulein Erhardt?« rief er, noch ganz atemlos. »Im Wasser wimmelt es von Fischen und Krebsen! Es sieht genau so aus, wie in der Irenenbucht.«
Sie gingen einige Schritte zurück, so daß sie der Geruch nicht mehr so belästigte. Dann fragte Fräulein Erhardt:
»Wie wollen Sie diese sonderbare Erscheinung erklären, Herr von Zeuthen?«
Felix dachte nach.
»Paul glaubt ja, daß die ganze Insel in etwas anderer Form schon früher da war, untersank und dann jetzt bei der Bildung des großen Vulkans wieder aufstieg. Es wäre ja möglich, daß wir hier den früheren Krater vor uns haben, in dem sich unter dem Meere alle die Tiere und Pflanzen angesiedelt haben. Wie die Insel aufstieg, hat sich diese ganze abflußlose Schüssel mit ihrem ganzen Inhalte mit gehoben und bildet jetzt tausend Meter über dem Meere einen Salzsee. Das muß ich Allan erzählen, der wird gleich etwas großartiges daraus machen.« Und Felix begann gleich Fräulein Erhardt großzügige Pläne zu entwickeln, wie man durch eine regulierte Wasserzufuhr verhindern könnte, daß der Spiegel sich in der Trockenheit senkte. Die konstante Höhe des Wassers wäre die erste Grundlage für weitere Arbeiten. Dann müßte man Fische hineinbringen, die sowohl im Meere wie in Flüssen leben könnten und die sich dann dem langsamen, aber unvermeidlichen, allmählichen Salzverluste des Wassers anpassen würden. Und ebensolche Pflanzen. Dann Vögel herlocken, den überflüssigen Tang als Dünger für Anlagen verwenden – oh, es würde schon alles gehn; Allan würde hier mitten in der Steinwüste ein Paradies schaffen.