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作者:德- Erich von Mendelssohn 当前章节:15374 字 更新时间:2026-6-18 20:16

Sie gingen weiter, des Geruches wegen immer so, daß ein Wall zwischen ihnen und dem See lag. Zuweilen konnten sie es sich doch nicht versagen, die paar Schritte hinaufzulaufen, um sich das Wasser wieder anzusehen, das sich mehr und mehr zur Seite schob. Gleichzeitig versank die Spitze des Vulkans wieder hinter vorspringenden Felsen. Nun konnten Fräulein Erhardt und Felix wieder höher steigen, aber nur schräg aufwärts, so daß sie immer mehr nach rechts gerieten. Jetzt befanden sie sich ungefähr über ihrem Schlafplatze, eine halbe Stunde über der Quelle des Flusses und dann über jenem Gewirre von Schluchten und Rissen. Der See war vollkommen verschwunden.

Plötzlich hielt Felix an; er faßte erregt Fräulein Erhardts Hand:

»Sehn Sie dort unten, was ist jetzt das?«

Fräulein Erhardt sah hin: in etwas geringerer Höhe, als in der, wo sie standen, lagen rötlich-gelbe Erdwellen, aus denen Dampf entstieg, hier als verteilter Dunst, dort in kleinen, festen Strahlen.

»Wollen Sie hingehn?« fragte Fräulein Erhardt.

»Natürlich, da müssen wir hin.«

»Aber dann kommen wir heute nicht mehr auf den Vulkan.«

»Dann gehn wir morgen hin. Wir haben ja Zeit. Aber das da muß ich untersuchen.«

Und er ging so schnell, lief lange Strecken, daß Fräulein Erhardt ihm nicht zu folgen vermochte. Als sie erst die halbe Strecke zurückgelegt hatte, kam ihr Felix schon wieder entgegen.

»Sehen Sie, was ich hier habe!« rief er und zeigte ihr einige grobkörnige, gelbliche Steinbrocken.

»Ist das nicht Schwefel?« fragte sie erstaunt.

»Ja, alle die gelben Hügel da unten bestehen aus Schwefelbrei und Lehm. Man muß vorsichtig sein, daß man da nicht versinkt. Und überall sind heiße Quellen, die entsetzlich nach Schwefelwasserstoff riechen. Gott, wie schön ist das alles.«

Fräulein Erhardt sah erst dem Knaben in das heiße, strahlende Gesicht und wandte sich dann langsam ab. Sie ließ den Blick über die weite Ebene schweifen, die, vom vielfach gewundenen Flusse durchzogen, dort unter ihnen lag. Sie folgte mit dem Auge der großen Linie des Horizontes, wo Meer und lichtblauer Himmel sich trafen, sie sah auf die starren Steinblöcke um sich, sah die Spitze des Vulkans in die Höhe ragen –

»Ist es nicht prachtvoll, daß es hier so etwas gibt?« sagte Felix ungeduldig und etwas ärgerlich.

Mit einem gütigen Lächeln wandte sie sich ihm zu.

»Gewiß ist das schön«, sagte sie. »Glauben Sie, daß es eine praktische Bedeutung hat?«

Felix wurde eifrig. Natürlich müßte man hier Schwefelminen anlegen –

Ob es ihm nicht leid täte, die Unberührtheit der Natur zu zerstören? Oh, Allan würde es so machen, daß es eine Verschönerung, eine Funktion der Natur würde, eine natürliche Fortentwicklung, wie das Wachsen des Mooses auf den Felsen.

»Allan und immer wieder Allan!« dachte Fräulein Erhardt und sah zu Boden. »Hat er denn keinen Gedanken mehr für andere Menschen übrig?«

»Was machen wir jetzt?« sagte Felix. »Auf die Spitze können wir nicht mehr kommen. Es ist ja schon vier Uhr. Wir können noch gerade vor der Dunkelheit unten sein. Dann haben wir aber morgen wieder dieselbe Geschichte. Ich glaube, es wäre am vernünftigsten, einfach hier zu übernachten. Ich habe noch drei große Konservenbüchsen mit Fleisch und eine ganze Masse Schokolade in meinem Rucksack. Damit können wir, wenn wir etwas sparen, gut noch zwei Tage auskommen.

Sobald wir dann wieder unten sind, können wir uns wieder satt essen. Was meinen Sie dazu?«

Fräulein Erhardt sah sich um und suchte sich vorzustellen, wie man hier auf den nackten Steinen schlafen sollte.

»Ja«, sagte sie etwas zögernd.

»Gut, dann steigen wir jetzt noch so hoch wir können. Vielleicht können wir dann schon morgen Abend wieder unten sein.«

Sie stiegen noch zwei Stunden. Der Weg bot keine besonderen Schwierigkeiten mehr, so daß sie im Gehen wirklich die immer großartiger werdende Aussicht genießen konnten.

Als sich die Sonne dem Horizonte näherte, sahen sie, daß sie nur noch wenige Stunden bis zum Gipfel brauchen würden. Eine kleine Terrasse mit Lehmboden und einem kleinen Wässerchen wählten sie als Schlafplatz. Felix knöpfte seine Jacke zu, steckte die Hände in die Hosentaschen, wünschte Fräulein Erhardt eine gute Nacht und schloß die Augen. Sie sah ihn mit ihren großen Augen an, sah im rasch fortschreitenden Dunkel seine Knabengestalt undeutlicher und undeutlicher werden. Sie fröstelte, sie zitterte; Angst und Sehnsucht überfielen sie. Mit einem Aufschrei warf sie sich auf den Schläfer und küßte ihm Augen und Mund.

Felix erwachte wieder, machte eine Bewegung, wie um sie abzuschütteln und zog sie dann tief aufatmend an sich.

Die Nachricht von Felix’ Entdeckungen erweckte naturgemäß großes Interesse in der Stadt. Paul Seebeck schlug ihm vor, er solle im Volkshause einen Vortrag über seine Reise mit Fräulein Erhardt halten; aber dazu ließ sich Felix nicht bereit finden.

»Ich habe die Sache schon so oft erzählt; ich kann sie nicht noch einmal erzählen«, sagte er.

Dabei hatte er sie mit allen Einzelheiten – doch nicht denen rein persönlicher Natur – und allen seinen Gedanken, die sich an das Geschehene knüpften, nur einem Einzigen ordentlich erzählt, und das war Edgar Allan. Und wenige Tage darauf – der Architekt hatte nur einige dringende Arbeiten fertig gemacht – ritten er und Felix, trotz des feinen, aber ständigen Regens, der die Regenzeit einleitete, zum Vulkane.

Als sie nach einigen Tagen zurückgekehrt waren, bewahrten sie absolutes Stillschweigen über die Resultate ihrer genauen Untersuchungen. Aber die beiden, der Mann und der Knabe, saßen täglich stundenlang zusammen.

Erst nach zwei Wochen waren sie so weit, daß sie die Vorsteher ins Vertrauen zogen, und gleichzeitig erschien eine kleine Notiz in der »Inselzeitung« des Inhalts, daß sich die Schwefellager als abbauwert erwiesen hätten.

In der nächsten Monatsversammlung der Gemeinschaft legte dann Jakob Silberland die von Edgar Allan und Felix ausgearbeiteten und von der Vorsteherschaft gutgeheißenen Pläne vor. Es handelte sich um nichts weniger, als die Errichtung einer zweiten Stadt dort auf halber Höhe des Vulkans; einer Stadt, die sich gleicherweise um das Schwefelgebiet wie den See gruppieren sollte. Die Schwefelminen sollten abgebaut, die Quellen aber zu Heilzwecken verwendet werden. Am Seeufer sollten die Wohnhäuser liegen. Otto Meyer verteilte Vervielfältigungen von Edgar Allans Skizze, aus denen in großen Zügen die geplante Verbindung von Minenstadt und Bade- und Luftkurort zu ersehen war.

Die Kredite, die zur Durchführung notwendig waren, waren nicht groß; Edgar Allan verlangte nur die Anlage einer für Lastautomobile fahrbaren Straße zum Vulkane und die Anschaffung der wenigen Maschinen, die zur Hebung des fast an der Oberfläche liegenden Schwefels dienen sollten. Die späteren Anlagen sollten aus der Hälfte der Erträgnisse der Schwefelminen bestritten werden, wobei die andere Hälfte der Gemeinschaft zufallen sollte. Und diese Kredite wurden natürlich ohne Widerspruch bewilligt.

Darauf bat Jakob Silberland um Urlaub aus seinem Amte bis zur nächsten Jahresversammlung, wo er sich über die endgiltige Niederlage seines Mandats entscheiden würde. Vorläufig wollte er die geschäftliche Leitung des neuen Unternehmens übernehmen. Der erbetene Urlaub wurde ihm gewährt, und als sein Stellvertreter wurde der durch Zuruf vorgeschlagene Herr de la Rouvière gewählt, der die Wahl mit einigen Dankesworten annahm.

16. Kapitel

Dr. Jakob Silberland hatte Otto Meyer aufgesucht, mit dem er ein Gesetzbuch für die Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel entwarf, und jetzt standen sie von ihrer Arbeit auf. Der Nationalökonom reckte sich und sagte:

»Sie sind eigentlich der Einzige hier, der eine wirklich gemütliche Wohnung hat; Ihre wunderschönen, orientalischen Teppiche und die dunklen Möbel –«

»Na, wissen Sie was, Doktor. Die schöne Frau wohnt doch noch ganz anders.«

Jakob Silberland zuckte die Achseln:

»Weiß nicht. Sie hat ja alles sehr nett und sehr geschmackvoll eingerichtet, aber ich kann bei ihr nun mal nicht warm werden. Ich glaube, sie hat zu viel Luft in ihren Zimmern.«

Der lange, blonde, jüdische Referendar lachte:

»Ja, da haben Sie wieder mal recht; nichts auf der Welt macht eine Wohnung so gemütlich, wie Staub und alter Tabaksrauch – ein Lehrsatz, den man übrigens auch gut und gern auf die große Welt übertragen kann. Finden Sie es vielleicht hier in unserem reinlichen und korrekten Staat gemütlich? Ich muß zu meiner Schande gestehen, daß ich mich zuweilen nach den ehrwürdigen, europäischen Spinngeweben sehne.«

Jakob Silberland war ernst geworden; er dachte einen Augenblick nach, dann sagte er eifrig:

»Sie können nicht so die Parallele zwischen Zimmer und Welt ziehen. Was im Zimmer erlaubt ist, kann draußen ein Verbrechen sein. Im Gegenteil fürchte ich, daß wir schon einige Spinnen hier haben, und wir müssen für einen kräftigen Besen sorgen, um die Gewebe wegzufegen.«

Otto Meyer klopfte ihm auf die Schulter:

»Nehmen Sie die Geschichte nicht so tragisch. So war es nicht gemeint.«

»Das weiß ich schon; Sie wollten nur einen Witz machen. Aber gerade im Witze sagt man oft Dinge, die man sonst nicht auszusprechen wagt.«

»Aber liebster Doktor, Sie brauchen meine Worte nicht als Bibelweisheit aufzufassen. Ich kann Ihnen versichern, daß ich kein Philosoph bin.«

»Gerade deshalb – Halloh!«

Es hatte geklingelt und Melchior war eingetreten. Er war augenscheinlich ohne Mantel gekommen, denn er triefte von Wasser.

»Guten Tag, Herr wissenschaftlich gebildeter Bauarbeiter!« Mit diesen Worten begrüßte ihn Otto Meyer und schüttelte ihm die Hand.

»Störe ich?« fragte Melchior und blieb an der Türe stehen.

»Durchaus nicht«, sagte Jakob Silberland und ging auf ihn zu. »Im Gegenteil, Sie sind uns sehr willkommen. Nachher kommt auch Seebeck. Wir wollten später zu Ihnen gehn; wir haben Wichtiges mit Ihnen zu besprechen.«

»Einen Augenblick«, sagte Otto Meyer und ging in sein Schlafzimmer, aus dem er mit einem großen, rosa Bademantel zurückkehrte, den er mit ernsthaftem Gesicht um Melchiors Schultern hängte. Er stülpte ihm auch die Kapuze über den Kopf.

»So«, sagte er, »jetzt werden Sie sich nicht erkälten.«

Melchior ließ sich alles ruhig gefallen. Er setzte sich, und seine heißen, tiefliegenden Augen wanderten zwischen den Beiden hin und her.

»Was wollen Sie von mir?« fragte er.

Otto Meyer zog die Hängelampe herunter, nahm Kuppel und Zylinder ab, putzte den Docht und zündete ihn dann an. Dabei sagte er:

»Ich soll ein neues Amt übernehmen, und da wollten wir Sie fragen, ob Sie an meine Stelle rücken wollten.«

Melchior schüttelte langsam den Kopf:

»Das geht nicht«, sagte er, »das wissen Sie ja.«

»Hören Sie mal«, sagte Jakob Silberland. »Wir wissen ja alle, aus welchen Motiven Sie bisher die Übernahme eines Amtes abgelehnt haben und einfacher Arbeiter geblieben sind. Sie wollten Studien machen und dabei Ihrem Studienobjekte so nah wie möglich sein. Das ist nicht nur verständlich, sondern sogar sehr vernünftig. Jetzt liegen sie aber so, daß wir Ihre Mitarbeit brauchen, dringend brauchen, und deshalb bitten wir Sie, aus dem Zuschauerraum auf die Bühne zu steigen.«

Melchior schüttelte den Kopf:

»Wir gingen von der Voraussetzung aus, daß alle Arbeit gleichwertig sei; deshalb muß es gleichgiltig sein, ob ich Vorsteher der Gemeinschaft oder Maurer bin.«

»Nein, da irren Sie sich gewaltig«, sagte Jakob Silberland mit hochgezogenen Brauen und ging nervös im Zimmer auf und ab. »Allerdings betrachten wir alle Arbeit als gleichwertig, was sich schon darin äußert, daß alle Arbeiter den gleichen Lohn beziehen. Doch ist dabei selbstverständliche Voraussetzung, daß jeder an dem richtigen Platze steht. Es ist eine doppelte Verschwendung menschlicher Energie, den geistigen Arbeiter an die körperliche Arbeit zu stellen, die er doch nicht so versehen kann, wie der Muskelmensch. Das ist doch die Grundlage einer jeden vernünftigen Gesellschaftsordnung, daß jeder ganz genau die Arbeit tut, zu der er am besten geeignet ist. Das ist doch gerade der Wahnsinn der üblichen Gesellschaftsordnungen, daß die Angehörigen gewisser Familien geistige Berufe ergreifen müssen, wenn sie auch tausendmal besser zu Handwerkern paßten, während der geborene geistige Arbeiter aus der Unterklasse nur in Ausnahmefällen auf den ihm seiner natürlichen Anlage nach zukommenden Platz kommt.«

Melchior war aufgesprungen. Erregt wollte er seinen Arm ausstrecken, aber der verfing sich in den Falten des Bademantels, ein Vorgang, der Otto Meyer ein Schmunzeln entlockte. Er verbiß es aber und sagte:

»Und dann noch eins, Herr Melchior: Sie haben ja Ihr berühmtes Problem, auf dessen Lösung wir alle gespannt sind. Schaun Sie mal, bis jetzt haben Sie die Geschichte von unten angesehn, wie wäre es, wenn Sie sie auch einmal von oben ansähen? Glauben Sie nicht, daß Ihnen dann manche Dinge klarer würden? Das wäre doch auch ein Gesichtspunkt, nicht wahr?«

Melchior hatte den Bademantel abgestreift.

»Oh Gott, oh Gott, was sagen Sie mir da alles, darüber werde ich nachdenken. Aber ich glaube, Sie haben Recht, meine Herren.«

»Na also«, sagte Otto Meyer und unterdrückte ein Gähnen.

Melchior war dicht an ihn herangetreten.

»Aber ich begreife die Menschen noch nicht, mit denen ich jetzt jahrelang tagtäglich zusammenarbeite. Wäre es nicht besser, solange bei ihnen zu bleiben, bis ich wirklich die Gesetze ihres Lebens kennte?«

Otto Meyer machte ein nachdenkliches Gesicht:

»Vielleicht, ja wahrscheinlich, werden Sie die Sache dann gerade besser verstehen können, wenn Sie etwas Abstand gewinnen. Sie können ja dann später mit neuen Gesichtspunkten an dieselben Probleme gehen.«

Melchior setzte sich wieder und starrte vor sich hin. Dann hob er die Augen und sah den blonden Juden an.

»Sehen Sie, Herr Referendar«, sagte er langsam, »deswegen kam ich zu Ihnen. Ich wollte Sie um Ihre Meinung fragen. Sie erinnern sich doch gewiß noch an jene Gespräche, besonders an das letzte, wo Herr Edgar Allan seine Theorie vortrug. Sie haben natürlich auch darüber nachgedacht. Sehen Sie, die eine, sehr interessante Frage, weshalb man die staatlichen Formen im weitesten Sinne, das, was Herr Edgar Allan kurz die Begriffe nennt, sowohl als fortgeschrittener, wie auch als zurückgebliebener in bezug auf den tatsächlichen Zustand der Menschheit ansehen könnte, möchte ich beiseite lassen. Denn mir scheint – ich bitte Sie, passen Sie auf, meine Herren – daß jene Begriffe mit den Gesetzen, nach denen die Menschheit tatsächlich lebt und sich entwickelt, überhaupt nichts zu tun haben.«

»Donnerwetter!« rief Jakob Silberland und fuhr sich mit der Hand durch das lange, blauschwarze Haar.

»Herr Doktor Silberland, ich bitte Sie, sich folgendes zu überlegen: stellen Sie sich doch eine chinesische Millionenstadt ohne Verwaltung, ohne Gesetze und ohne Polizei vor, die trotzdem lebt, wie ein geordneter Organismus lebt, nur durch die ungeschriebenen, inneren Gesetze erhalten –«

»Wie lange waren Sie in China, Herr Melchior?« fragte Otto Meyer interessiert.

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