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作者:德- Erich von Mendelssohn 当前章节:15461 字 更新时间:2026-6-18 20:16

»Ich? Ich war nie da, aber ich kann mir doch vorstellen, wie das ist.«

»Hm. Ich meine, wenn Sie China nicht so genau kennen, es wäre doch immerhin möglich, wenigstens denkbar, daß die chinesischen Städte auch wie die unserigen eine geordnete Verwaltung hätten.«

Melchior schwieg und dachte nach. Dann sagte er:

»Aber dann denken Sie doch bitte an einen Ameisenhaufen, der doch wohl die geordnetste Organisation auf der Welt darstellt – wo ist da Verwaltung und Regierung? Und doch geht alles in der besten Ordnung.«

Melchior sah, daß es um Otto Meyers Mund zuckte, und er fürchtete eine indiskrete Frage nach dem Ursprung seiner Kenntnisse der Ameisen. Deshalb fuhr er schnell fort:

»Die Beispiele tun gar nichts zur Sache. Tag für Tag habe ich diese ungeschriebenen Gesetze herausgefühlt und ich weiß, daß ich deshalb mit meinen Arbeitskollegen keine wirkliche Fühlung gewinnen konnte, weil ich diese instinktiven Gesetze intellektuell suchte.«

»Sie suchen Probleme, wo es keine gibt«, sagte Jakob Silberland. »Die ungeschriebenen Gesetze, die Sie sehr richtig als die instinktiven bezeichnen, sind die, die sich aus den natürlichen, animalischen Bedürfnissen des Menschen: Hunger, Liebestrieb und so weiter ergeben. Die geschriebenen Gesetze dagegen stellen eine recht hilflose Kodifikation dieser aus den animalischen Bedürfnissen im weitesten Sinne sich ergebenden praktischen Folgerungen für die Sozietät dar, die immer in ihrem tatsächlichen Zustande die genaueste Abwägung der realen Stärke- und Bedürfnisverhältnisse darstellt. Die Gesetze hinken natürlich immer nach. Und das ist ja unser Bestreben hier, so wenig wie irgend möglich mit festen Gesetzen zu arbeiten, sondern alles so fluid zu lassen, wie es geht. Gesetze stellen in ihrer starren Abstraktion immer einen Fremdkörper im zuckenden, lebendigen Organismus der menschlichen Gesellschaft dar.«

Melchior ließ die Hand schlaff auf die Stuhllehne fallen:

»Da sitzen wir wieder fest. Aber Dr. Allan scheint doch recht zu haben, wenn er sagt, daß die Begriffe ein eigenes, lebensfremdes Dasein führen. Und wie ist das möglich, daß sie gleichzeitig ein höheres und ein tieferes Niveau als die Menschheit darstellen! In diesem Rätsel liegt doch der Schlüssel zum Problem verborgen.«

Otto Meyer räusperte sich:

»Wahrscheinlich ist die Sache einfach so, daß man sie, von zwei verschiedenen Gesichtspunkten aus betrachtend, verschieden sieht. Vom Tale aus gesehen sind sie hoch, vom Berge aus erscheinen sie tief, weil sie eben auf halber Höhe liegen.«

Melchior sprang auf. Seine Augen waren aufgerissen:

»Ich bitte Sie, mehr! Wie ist Ihr Gedankengang?«

Otto Meyer lachte:

»Um Gotteswillen beruhigen Sie sich. Ich habe gar keinen Gedankengang. Ich meinte nur ganz harmlos, daß wenn Sie behaupten, daß der Teppich grün ist, Silberland ihn dagegen für gelb hält, er vermutlich auf der einen Seite grün und auf der anderen gelb ist.«

Melchior sah ihn verständnislos an; dann sank er gleichsam in sich zusammen. Nach einer Weile sagte er leise:

»Ich weiß, daß Sie mich verspotten, und doch haben Sie mir damit geholfen. Ich sehe jetzt wieder den Weg vor mir. Ich danke Ihnen.«

»Bitte, bitte, gern geschehen«, sagte Otto Meyer und stand auf. Er hatte draußen Schritte gehört. Es war Paul Seebeck.

»Ah, Melchior, Sie«, sagte er eintretend. »Schön, daß ich Sie hier treffe. Dann können wir die Sache ja gleich besprechen. Ich habe nämlich fast gar keine Zeit. – Grüß Gott, Jakob.«

»Wir haben Herrn Melchior schon die Sache vorgetragen; er ist auch einverstanden«, erklärte Jakob Silberland.

»So? Schön. Es handelt sich also darum«, sagte Paul Seebeck, sich setzend, »daß das bisherige Verfahren, bei dem alle Streitigkeiten von der Monatsversammlung geschlichtet werden, auf die Dauer nicht durchführbar ist. In Zukunft soll die Monatsversammlung nur noch Berufungsinstanz sein, vielleicht sogar erst dritte Instanz. Zunächst sollen alle Sachen jedenfalls von einem Richter entschieden werden, vor allem die reinen Bagatellsachen. Ob wir als nächste Instanz die Vorstandschaft nehmen, oder gleich die Monatsversammlung, müssen wir uns noch überlegen. Praktisch kommt es ja auf dasselbe hinaus, da die Versammlung ja fast immer gemäß den Vorschlägen der Vorstandschaft beschließt. Na, wir werden sehen, wie sich das am besten formulieren läßt. Jedenfalls soll Otto Meyer der Richter sein. Und Sie würden wir bitten, seine Stellung zu übernehmen. Wenn Sie einverstanden sind, würde ich Ihnen vorschlagen, bis zur nächsten Jahresversammlung als Otto Meyers Gehilfe zu arbeiten, um mit den Geschäften vertraut zu werden. Auf der Jahresversammlung lassen wir dann entsprechend beschließen. Die Sache wird uns natürlich ohne weiteres genehmigt; die Leute sind ja nur froh, wenn wir ihnen wieder ein Stück Denkarbeit abnehmen. Sind Sie einverstanden?«

»Ja, Herr Seebeck, ich würde ja gern ein Amt übernehmen, seitdem ich eingesehen habe, daß meine Anschauungen einseitig bleiben müssen, solange ich nur einfacher Arbeiter bin. Aber hinter dem, was Sie jetzt sagten, liegt noch so viel verborgen, was ich erst durchdenken muß. Wollen Sie mir nicht einige Tage Bedenkzeit lassen?«

»Ich kann es nicht, lieber Melchior. Es ist unmöglich. Ich habe alles aufs Genaueste durchdacht und weiß, daß es richtig ist. Ich bitte Sie, sich jetzt sofort zu entscheiden.« Seebeck hatte seine Augen kalt und streng auf Melchior gerichtet, und dieser krümmte sich unter dem Blick. Endlich sagte er:

»Herr Seebeck, ich vertraute Ihnen, als ich hierherkam. Ich tue es auch jetzt noch, obgleich ich Sie nicht mehr verstehe. Ich nehme Ihren Vorschlag an.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Seebeck aufstehend. »Aber jetzt muß ich wieder an meine Arbeit.«

Er ging aber nicht nach Hause, sondern an den Strand. Dort saß er, trotz des strömenden Regens, lange auf einem Steine und sah zu, wie ein Licht nach dem andern erlosch. Zuletzt auch die Straßenlaternen. Da erhob er sich, und der große, starke Mann ging langsam, mit schleppenden Schritten wie ein Kranker, die Straße hinauf. Vor Frau von Zeuthens Haus blieb er stehen; nur die verhängten Fenster ihres Schlafzimmers waren erleuchtet. Wie er weitergehen wollte, hörte er bei ihrer Haustüre ein Geräusch. Schnell trat er etwas zur Seite und sah hin. Die Tür wurde geöffnet, und eine dunkle Gestalt trat heraus, sah sich scheu um und kam dann mit seltsamen Schritten näher. Paul Seebeck sah den kurzen Oberleib mit den langen Armen. Kein Zweifel: es war der Krüppel.

Das Licht in Frau von Zeuthens Schlafzimmer erlosch.

Paul Seebeck ließ Herrn de la Rouvière vorbei gehen und im Dunkel verschwinden. Dann richtete er sich stramm auf, biß die Zähne zusammen und ging nach Hause.

Auf seinem Schreibtisch stand Frau von Zeuthens Bild; er nahm es, sah ihm lange in die Augen, küßte es und setzte sich dann an seine Arbeit.

17. Kapitel

Schon als die Schwefelquellen erst notdürftig eingefaßt waren, und die ersten Baracken am See standen, bildete der »Vulkan«, wie die entstehende Stadt kurz genannt wurde, einen beliebten Ausflugsort. Die schweren Lastautomobile waren auch zur Mitnahme einiger Personen eingerichtet, aber das genügte bald nicht mehr. Sobald die Straße gebrauchsfertig war, ließ Jakob Silberland als Geschäftsführer einige Personenautomobile kommen, die den täglich anwachsenden Verkehr kaum zu bewältigen vermochten. Natürlich war es unmöglich, in der Schnelligkeit genügende Unterkunftshäuser zu schaffen, aber da fand Edgar Allan einen Ausweg. In den Schluchten am Fuße des Vulkans ließen sich mit ganz geringer Mühe mit Hilfe von Segeltuchdächern und Fußmatten Wohnstätten improvisieren, die im warmen, regenlosen Sommer ausreichten.

Es kamen auch Fremde zum »Vulkan«; die Durchreisenden, die oft einige Tage oder Wochen auf der in Deutschland natürlich vielbesprochenen Schildkröteninsel verweilten, versäumten nicht, die neuentstandene zweite Stadt zu besuchen, und nachdem erst die großen Schwefelbäder in ordnungsmäßen Betrieb gesetzt worden waren, wurden sie nicht zum geringsten Teil von den Besuchern der Insel benutzt.

Einer der ersten Besucher war übrigens ein Herr von Hahnemann, ein bei Neu-Guinea stationierter Marineoffizier, der auf der Schildkröteninsel seinen Urlaub verbrachte. Dieser Herr von Hahnemann fiel eigentlich besonders durch seine Wißbegierde auf; man sah ihn oft stundenlang mit einfachen Arbeitern im Gespräch. Auch hatte er bei den Vorstehern und einigen anderen hervortretenden Persönlichkeiten, wie Nechlidow, Herren de la Rouvière und Frau von Zeuthen Besuche gemacht und wurde auch von diesen gelegentlich eingeladen.

Einige Tage vor seiner Abreise kam Herr von Hahnemann zu Paul Seebeck, um sich zu verabschieden. Paul Seebeck empfing ihn, wie er schon so manchen derartigen Besucher empfangen hatte, mit dem sehnlichen Wunsche, daß dieser ihn bald wieder allein ließe. Da Herr von Hahnemann aber blieb, fragte er ihn nach Verlauf einer Stunde:

»Haben Sie vielleicht ein besonderes Anliegen? Wenn ich Ihnen irgend eine besondere Aufklärung geben könnte –?«

»Sie sind außerordentlich liebenswürdig«, antwortete der Offizier mit einer leichten Verbeugung. »Entschuldigen Sie die etwas indiskrete Frage mit meinem großen Interesse: wie denken Sie sich die Zukunft, Herr Seebeck?«

Paul Seebeck sah ihn zweifelnd an. Dann stand er auf und ging zum Fenster.

»Ich verstehe Ihre Frage nicht recht. Wir werden so weiterarbeiten wie bisher.« Und dabei sah er seinem Besucher gerade in die Augen.

»Pardon, gewiß. Ich meinte aber, wie denken Sie sich in Zukunft Ihre persönliche Stellung zu der Sache?«

»Solange ich das Vertrauen der Mehrheit habe«, sagte Paul Seebeck ziemlich schroff, »bleibe ich hier auf meinem Posten.«

Herr von Hahnemann stand auf:

»Aber die haben Sie ja nicht mehr. Auf der letzten Jahresversammlung sind Sie von einer Minorität nur deshalb gewählt worden, weil sich die oppositionellen Stimmen auf zwei Kandidaten verteilten.«

»Herr von Hahnemann«, sagte Seebeck und trat dicht vor ihn hin. »Ich bin ordnungsgemäß gewählt worden, und damit ist dieser Punkt erledigt. Im Übrigen bedauere ich, mich mit einem Außenstehenden nicht über innere Verhältnisse unserer Gemeinschaft aussprechen zu können.«

»Herr Seebeck, ich verstehe Ihre Erregung über meine taktlosen Fragen durchaus. Ich möchte Sie aber darauf aufmerksam machen, daß ich – nicht nur als Privatmann hier bin.«

Seebeck setzte sich an seinen Schreibtisch und fragte ganz ruhig:

»Sie sind im Auftrage der Reichsregierung hier?«

»Ja«, sagte Herr von Hahnemann. »Es war eine Klage eingelaufen, und ich wurde hierher geschickt, um ihre Grundlagen zu prüfen. Zu meinem Bedauern fand ich sie bestätigt.«

»Darf ich Sie fragen, wer außer Nechlidow die Klage unterzeichnet hat, deren Inhalt ich mir denken kann«, fragte Paul Seebeck zwischen den Zähnen.

»Ich bedaure, Ihnen darauf die Antwort verweigern zu müssen. Sie sagen selbst, daß Sie sich den Inhalt der Klageschrift denken können, damit erübrigt sich, auf die einzelnen Punkte einzugehn. Ich bin völlig unbefangen hierhergekommen und habe alles mit eigenen Augen geprüft, besonders das Protokoll jener Sitzung. Da ich mich leider von der Stichhaltigkeit jener Klage überzeugen mußte, sehe ich mich zu meinem Bedauern genötigt, von meinen Vollmachten Gebrauch zu machen. Sie müssen die Reichsregierung verstehen, Herr Seebeck. Wenn hier nur einige Idealisten auf einem unfruchtbaren Felseneilande säßen, könnte man sie ja in Gottes Namen machen lassen, was sie wollten, und ihre Experimente mit Wohlwollen und Interesse betrachten. Da es sich jetzt aber schon um Hunderte handelt, die Zahl der Ansiedler wahrscheinlich noch bedeutend steigen wird, und ferner das Interesse des Reichs an diesem Teile seines Kolonialbesitzes durch die Schwefelfunde noch erhöht ist, ist es nicht nur das gute Recht, sondern die Pflicht des Reiches, hier absolut korrekte Zustände zu schaffen.«

Er machte eine Pause, als erwartete er eine Antwort; aber Paul Seebeck sagte nichts, sah ihm nur ruhig ins Gesicht. Der Offizier wurde nervös unter diesem Blicke; er holte aus seiner Brusttasche einige Papiere, sowie ein kleines Etui hervor.

»Herr Seebeck, auch für den Fall, daß sich jene Klage als stichhaltig erweisen sollte, will die Reichsregierung in Anbetracht Ihrer unbestreitbaren großen Verdienste Ihnen auch nur den Schatten einer Demütigung ersparen. Sie verlangt nichts, als daß Sie Ihr Mandat als Reichskommissar niederlegen, und wird dann von sich aus einen neuen ernennen. Was wir gesprochen haben, bleibt unter uns. Und hier haben Sie noch einen ausdrücklichen Gnadenbeweis.« Dabei legte er das kleine Etui auf den Schreibtisch.

»Das Ding enthält vermutlich einen Orden«, sagte Paul Seebeck aufstehend. »Bitte stecken Sie ihn wieder ein. Wollen Sie so liebenswürdig sein, mir eine Frage zu beantworten: Was wird geschehen wenn ich mich jetzt weigere, das Reichskommissariat freiwillig niederzulegen?«

Der Offizier war aufgesprungen:

»Überlegen Sie sich, was Sie sagen.«

»Ich habe es mir überlegt.«

»Das ist ein Affront.«

Seebeck zuckte die Achseln:

»Nicht gegen Sie, verehrter Herr von Hahnemann. Sie sind ja nur Werkzeug. Sie spielen in einer Komödie mit, glauben Regisseur zu sein und sind nur Puppe. Soll ich Ihnen sagen, weshalb ich gehen soll? Nicht, weil es hier schlecht geht, nicht weil ich meine Stellung mißbraucht habe, sondern weil alles gut geht, besser geht, als es sich die Herren dort in Berlin je träumen ließen. Weil wir mit unserer Arbeit vorwärts kommen. Wir haben hier etwas Brauchbares geschaffen, haben die Durchführbarkeit gewisser Utopieen erwiesen, und das ist der springende Punkt. Alles andere ist ja nur Vorwand. Einige kleine Schwierigkeiten, die die Durchführung einer großen Sache naturgemäß mit sich führt, die Nörgeleien und Quertreibereien irgendwelcher Personen, die gar nicht verstehen, worum es sich hier handelt, geben den bequemen Vorwand, um alles zu vernichten. Ein Reichskommissar aus Berlin hier, hier in meinem Werke! Nein mein Freund. Nehmen Sie Ihr Ding da mit und schämen Sie sich, bei einer so unwürdigen Komödie mitzuwirken. Erzählen Sie den Herren in Berlin, daß Paul Seebeck nicht für einen lausigen Orden sein Lebenswerk verkauft. Das Reichskommissariat lege ich nicht nieder.«

»Ich will – durchaus gegen meine Gewohnheit – die Spitze überhört haben, die meine Person betrifft, um die unerhörte Beschuldigung zurückzuweisen, die Sie gegen die Reichsregierung gerichtet haben. Sie fühlen sich in einer schwachen Position und sehen deshalb voll ungerechtfertigter Bitterkeit auf alle anderen. Überlegen Sie sich doch: die Reichsregierung hat Sie mit dem größten Wohlwollen behandelt; was soll die Regierung aber anders tun, als Ihnen in schonendster Form den Abschied nahezulegen, wenn sich die Mehrzahl Ihrer eigenen Bürger gegen Sie erklärt? Und mehr, wenn die Klage sich als berechtigt erweist? Sie selbst tragen allein Schuld an dieser Wendung der Dinge, jetzt müssen Sie auch die Konsequenzen ziehen. Legen Sie das Reichskommissariat nieder!«

»Ich tue es nicht!«

»Dann wird man Sie dazu zwingen!«

»Versuchen Sie es!« sagte Paul Seebeck und ging in sein Schlafzimmer, dessen Tür er hinter sich zuschlug.

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