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作者:德- Erich von Mendelssohn 当前章节:15396 字 更新时间:2026-6-18 20:16

18. Kapitel

Sobald die »Prinzessin Irene« mit Herrn von Hahnemann an Bord die Anker gelichtet hatte, berief Paul Seebeck die Vorsteher der Gemeinschaft zu sich und zwar die offiziellen Inhaber der Ämter, nicht ihre ständigen Stellvertreter. Das war auffällig, denn die ständigen Stellvertreter, wie zum Beispiele Herr de la Rouvière, pflegten sonst immer zu den Sitzungen zugezogen zu werden. Paul Seebeck schickte auch Fräulein Erhardt fort, die gewöhnlich bei den Sitzungen das Protokoll geführt hatte, und schloß aufs Sorgfältigste alle Türen und Fenster seines Arbeitszimmers. Seine Freunde sahen erstaunt seinem Tun zu; als er ihnen aber dann seine Unterredung mit Herrn von Hahnemann erzählt hatte, die schon drei Tage zurücklag, über die beide Teilnehmer aber bisher völliges Stillschweigen bewahrt hatten, begriffen sie ihn. Ein langes Schweigen folgte seinem Berichte.

Als erster ergriff Herr von Rochow das Wort:

»Man kann Nechlidow nicht einmal einen Vorwurf machen; er hat nur aus den reinsten Motiven heraus gehandelt, freilich ohne die Tragweite seines Vorgehens auch nur im Entferntesten zu übersehen.«

»Ach wissen Sie was, Herr von Rochow«, unterbrach ihn Paul Seebeck müde, »es mußte einmal so kommen. Ob Nechlidow oder ein anderer nun den entscheidenden Schritt tat. Aber bei Gott«, rief er aufstehend, »ich lasse mir mein Werk nicht zerstören. Und was würde es helfen, daß die Leute einen von unseren Leuten zum Kommissar machen; sie werden schon dafür sorgen, daß es ein richtiger Eunuche ist, der ihren Willen tut. Was eine unfähige Verwaltung aus lebenskräftigen Kolonien machen kann, sieht man ja deutlich genug aus unseren afrikanischen Kolonien.«

»Besonders, wenn man an die englischen Nachbarkolonien denkt«, sagte Jakob Silberland.

»Gehen wir doch zu England«, sagte Otto Meyer gemütlich; »die werden uns schon in Frieden lassen; die Engländer wissen, daß die Kolonieen von Männern gemacht werden und nicht von Korpsstudenten.«

Seebeck sah ihn starr an.

»Bitte«, sagte er.

»Ich meine«, sagte Otto Meyer, »wir haben keinen Grund, das positive Resultat unserer Arbeit zerstören zu lassen, bloß weil einige Geheimräte im Kolonialamt Bauchschmerzen haben. Wenn die Deutschen eine anständige Kolonie nicht haben können, erklären wir uns für autonom und lassen uns dann von England annektieren. Sowas läßt sich doch machen, deswegen braucht man doch nicht gleich tragisch zu werden.«

»Das wäre Revolution«, sagte Hauptmann a. D. von Rochow ernst.

Paul Seebeck dachte nach; dann fuhr er heftig auf:

»Ist das unsere Schuld? Was gehen wir das Reich an? Wir haben den Leuten nicht einen Pfennig gekostet; alles haben wir allein gemacht, mit unserer Arbeit, unserem Gelde. Jetzt wo die Sache nahezu vollendet ist, wollen sie es nicht etwa übernehmen, um es in unserem Sinne fortzuführen, sondern sie wollen es zerstören. Ich bitte Sie, stellen Sie sich doch hier einen Berliner Gouverneur vor! Oder noch schlimmer, einen hiesigen Idioten, der die Puppe der Herren da oben ist! Aber das erlaube ich nie! Vorläufig bin ich hier.«

»Also, erwäge doch meinen Vorschlag. Ich glaube, das ist der einzige Ausweg.«

Jakob Silberland stand auf und trippelte auf seinen kurzen Beinchen im Zimmer auf und ab:

»Wir wollen doch zunächst mal überlegen, was jetzt geschehen wird. Vom nächsten Hafen aus telegraphiert der Mann nach Berlin, daß Seebeck sich weigert, freiwillig zurückzutreten; die Antwort lautet wahrscheinlich, daß Herr von Hahnemann Vollmacht erhält, Seebeck abzusetzen, und entweder er oder ein anderer wird vorläufig Reichskommissar hier, bis sie den richtigen Idioten herausgefunden haben. Hahnemann kann vor einem Monat überhaupt nicht wieder hier sein; das wäre das allerfrühste. Vorläufig kann man Seebeck nichts tun. Daß er sich weigert, freiwillig seinen Abschied zu nehmen, ist kein Verbrechen. Kritisch wird die Sache erst, wenn ihm das Reichskommissariat entzogen wird, und er sich nicht darum kümmert. Dann kommt ein Kriegsschiff und nimmt ihn als Aufrührer mit. Bis dahin würde aber mindestens ein zweiter Monat vergehen. In diesen zwei Monaten müßte alles entschieden sein; denn wenn wir offenen Aufruhr begehen und uns nicht durchsetzen, sind wir verloren.«

Seebeck hatte sich wieder gesetzt; ruhig sagte er:

»Kinder, ihr beide wißt Bescheid im Staatsrecht. Existiert denn überhaupt eine Möglichkeit, sich von England annektieren zu lassen?«

»Gewiß, die Möglichkeit ist da. Einer von uns müßte mit dem nächsten Schiffe nach Sidney und sehen, was er dort ausrichten kann«, sagte Jakob Silberland eifrig.

»Wenn Herr von Rochow als Fachmann mir helfen will, baue ich Ihnen in sechs Wochen Befestigungen auf, die dem Kriegsschiff eine harte Nuß zu knacken geben werden. Eine Landung zu verhindern, ist bei unserem Hafen eine Kleinigkeit, einige Seeminen genügen«, fügte der hagere Architekt hinzu.

»Ich beschwöre Sie, meine Herren, überlegen Sie sich, was Sie tun wollen! Revolution, Vaterlandsverrat!« rief Herr von Rochow.

»Das Vaterland hat uns verraten, nicht wir das Vaterland«, sagte Paul Seebeck scharf. »Aber ich will Sie zu nichts verleiten, was Ihrem Gewissen widerspricht. Noch ist es Zeit für Sie alle, sich zurückzuziehen. Ich aber bleibe hier ...«

»Und ich bleibe bei Ihnen«, sagte Herr von Rochow und ergriff Seebecks Hand. »Ich bleibe bei Ihnen, was auch kommen mag.«

»Ich auch«, sagte Otto Meyer und zündete sich eine Zigarette an.

»Wo bekommen wir aber das Geld her?« fragte Jakob Silberland. »Es handelt sich doch jedenfalls um Hunderttausende.«

»Wir müssen es uns natürlich ganz korrekt bewilligen lassen«, erklärte Otto Meyer, »sonst wird die Sache zu deutlich. Wir sagen einfach, daß bei der dauernden Spannung zwischen England und Deutschland die Befestigung unvermeidlich ist. Und da wir ja leider Spione im Lande haben, können wir sagen, daß die Bewahrung militärischer Geheimnisse in einem kleinen Kreise – hier also in der Vorsteherschaft – eine absolute Notwendigkeit ist. Übrigens wäre es am besten, in aller Heimlichkeit so viel zu bauen, wie nur irgend geht und sich die Kredite nachträglich bewilligen zu lassen. Denn wenn man draußen erfährt, daß wir befestigten, wird das Kriegsschiff mit Windeseile angerannt kommen.«

Paul Seebeck war ans Fenster getreten und blickte hinaus:

»Schade, schade, daß es so kommen mußte.« sagte er.

»Was brauchen wir eigentlich,« wandte sich Otto Meyer an Herrn von Rochow, »eine Strandbatterie und –«

Hauptmann a. D. von Rochow schüttelte den Kopf:

»Eine Strandbatterie hat gar keinen Sinn; die schießt ein Kriegsschiff in einer Viertelstunde zusammen. Nein, ein schweres Festungsgeschütz und einige Maschinengewehre hier oben für alle Eventualitäten genügen. Das Hauptgewicht müssen wir auf die Seeminen legen. Die natürlich mit elektrischer Zündung von hier oben aus.«

»Ist das nun alles eine Kette von Zufällen oder war es eine Notwendigkeit? Mußte es so kommen?« sagte Seebeck, noch immer am Fenster stehend und hinausblickend.

»Zerbrich dir darüber nicht den Kopf«, sagte Otto Meyer und klopfte ihm auf die Schulter, »die Probleme sind dem tüchtigen Melchior reserviert. Wir können ja handeln, brauchen also nicht nachzudenken.«

»Bravo!« rief Edgar Allan.

Und dann begannen die Vorsteher der Gemeinschaft, die zu unternehmenden Schritte bis in die kleinste Einzelheit zu beraten. Erst bei Tagesgrauen trennten sie sich, und da war alles beschlossen.

19. Kapitel

Wie schon oft in der letzten Zeit holte Nechlidow seine junge Freundin um fünf Uhr vom Kindergarten ab, nachdem Hedwig ihre kleinen Schützlinge entlassen hatte.

Die beiden gingen schweigend durch die lange, einreihige Fischerstraße bis zur letzten Landspitze, die die bewohnte Bucht von der Irenenbucht schied.

»Wissen Sie, Hedwig, was Herr von Hahnemann mitgenommen hat?« fragte Nechlidow, als sie dort auf einer gewaltigen Klippe saßen, »Paul Seebecks Abschiedsgesuch.«

Hedwig sah ihn erschreckt an:

»Woher wissen Sie das?«

»Ja, ich weiß es. Herr von Hahnemann war hier, um die Richtigkeit meiner Klagen zu prüfen; er hat mir selbst gesagt, daß er sie in allen Punkten berechtigt gefunden hätte. Ich sprach ihn, gerade als er zu Herrn Seebeck hinaufgehen wollte. Ja, jetzt ist es mit Seebecks Selbstherrschaft vorbei – jetzt werden wir die Sache wieder in Ordnung bringen.«

»Sind Sie ganz sicher, daß Sie Recht haben?« fragte Hedwig leise.

»Seien Sie nicht traurig, liebe Hedwig. Es tut mir selbst um Seebeck leid, denn ich achte ihn als Menschen. Aber die Sache geht vor. Und Seebeck ist schwach, viel zu schwach, um sie durchzuführen. Seien Sie aufrichtig, was ist von den Idealen übrig geblieben, mit denen wir hierher kamen? Wodurch unterscheidet sich unsere »Gemeinschaft« von irgend einem beliebigen Staate? Nur durch Phrasen. In Wirklichkeit ist alles genau dasselbe. Sehen Sie, Hedwig, in jener entscheidenden Sitzung in Berlin sagte ich zu Paul Seebeck, daß es nur ein Mittel gäbe, um nicht in die Verlogenheit aller anderen Staaten hineinzugeraten, und daß dieses das absolute Festhalten an der menschlichen Vernunft sei. Er gab mir recht, er ist intelligent genug, das einzusehen, aber zu schwach, es durchzuführen. Der Todfeind aller Kultur, aller Fortentwicklung der Menschheit, die Sentimentalität liegt ihm so tief im Blute, daß sie stärker als alle Vernunft ist. Hier brauchen wir Männer, klare, vernünftige Männerköpfe, Kerle wie Herrn de la Rouvière, aber keine träumerischen, weibischen Dichter wie Seebeck.«

Hedwig hatte ihm ängstlich zugehört:

»Aber Paul ist doch so gut.«

»Eben deshalb muß er fort. Das ist ja gerade sein Fehler. Güte, Liebe – was sind das für Begriffe. Mißverstandene Naturtriebe. Heutzutage lieben Männer einander; was ist das für ein Unsinn! Oder ein Mann und eine Frau lieben einander, aber kommen aus irgend einem Grunde nicht zusammen. Denken Sie doch nur alle die kindischen Romane. Liebe ist der Wunsch nach dem Kinde, also ist sie nur dort wahr und nicht verlogen, wo zwei Menschen zusammen ein Kind haben wollen, sonst nicht. Seitdem wir aber das wissen, brauchen wir doch keine Dichter und keine Gefühle mehr. Wir haben doch die Vernunft, und die verirrt sich nie; wie oft tun das aber die unklaren, mystischen Gefühle. Sehen Sie doch, was so ein Gefühl für Bocksprünge macht: aus dem Triebe nach dem Kinde wird die Liebe, die alles mögliche verbindet, was mit dem Wunsche nach dem Kinde, nach der Zukunft der Menschheit, nicht das Geringste mehr zu schaffen hat; aus der Liebe wird die Güte und aus Güte und Rücksichtnahme nach allen Seiten ruiniert Seebeck diesen Staat, der eine neue Menschheit hätte gebären können. Ach was hätte hier werden können, wenn Seebeck stark gewesen wäre.«

»Aber hier geht alles doch so gut –« unterbrach ihn Hedwig schüchtern.

»Ungeheure Lügen sind hier gebaut, und die florieren glänzend, das ist wahr.«

Hedwig war aufgestanden und wandte sich langsam der Stadt zu. Nechlidow ging ihr nach und faßte sie bei der Hand:

»Liebe Hedwig« – sagte er bittend.

Aber sie riß sich los. Aus ihren großen, braunen Augen quollen Tränen.

»Ich will kein Kind von Ihnen haben, Herr Nechlidow«, sagte sie mit zuckenden Lippen. Dann machte sie sich schnell von ihm los und lief der Stadt zu.

Nechlidow folgte ihr langsam.

20. Kapitel

Als die Kredite für die in Hinblick auf die Spannung zwischen England und Deutschland notwendigen Befestigungen bewilligt wurden, war nicht viel mehr zu tun, als das Festungsgeschütz zu montieren, das zusammen mit den beiden Maschinengeschützen in der bombensicheren Kasematte im Felsen unter Seebecks Haus Platz finden sollte. Denn Hauptmann von Rochow hatte als Fachmann diese Stelle als die geeignetste gewählt, ganz abgesehen davon, daß sich nur hier die Arbeiten in völliger Heimlichkeit hatten vornehmen lassen. Ein mit Stahlplatten bedeckter Schacht führte von Paul Seebecks Kohlenkeller mehrere Meter tief hinab, und dort unten war ein Gewölbe ausgehauen, in dem die Geschütze stehen sollten.

Nur drei lange, schmale Schießscharten führten hinaus, und die lagen gerade über den Dächern der auf der nächsten Terrasse stehenden doppelten Häuserreihe, so daß diese fast mit Sicherheit die den Geschützen zugedachten Schüsse auffangen würde.

Die Seeminen hatten die Vorsteher in mehreren Nächten allein versenkt, und ihr Lageplan war in den Händen der Archivarin gut aufgehoben. Es war nicht so schwer, diese Arbeiten in voller Heimlichkeit auszuführen, als vielmehr gleichzeitig auch den Ausbau des »Vulkans« zu versehen, zum mindesten scheinbar, damit die plötzliche Arbeitseinstellung dort oben kein Mißtrauen erweckte.

Aber es ging. Die vier Männer arbeiteten mit eiserner Energie Tag und Nacht – nur vier waren sie jetzt, denn Jakob Silberland weilte in Sidney, wie es hieß, um größere Abschlüsse über den gewonnenen Schwefel zu erreichen. Und auf den riesigen Kisten, die die Geschützteile und die Munition enthielten, stand harmlos das Wort: »Maschinen«.

Sechs Wochen nach seiner Abreise kam Herr von Hahnemann wieder zur »Schildkröteninsel«. Diesmal auf einem Torpedoboot. In Paradeuniform stieg er ans Land und begab sich eine Stunde später zu Paul Seebeck. Dieser empfing ihn mit gelassener Höflichkeit und bat ihn, Platz zu nehmen. Der Offizier dankte mit einer Verbeugung, blieb aber stehen, während Paul Seebeck sich an seinen Schreibtisch setzte.

»Sie bringen mir meine Abberufung, Herr von Hahnemann?« fragte er ruhig.

»Herr Seebeck, bei der großen persönlichen Achtung, die ich für Sie hege, erlaubte ich mir, in meinem Berichte unsere letzte Unterredung wohl wahrheitsgetreu, doch – etwas harmloser zu schildern, als sie sich zugetragen hat. Es steht Ihnen noch heute frei, freiwillig das Reichskommissariat niederzulegen; trotz allem.«

»Ich tue es nicht«, antwortete Paul Seebeck und sah ihm gerade ins Gesicht.

»Ist das Ihr letztes Wort?«

»Ja.«

»Dann habe ich hiermit die Ehre, Ihnen kraft meiner Vollmachten Ihr Abberufungsschreiben zu überreichen«, sagte der Offizier und legte ein versiegeltes Kuvert auf den Schreibtisch. »Wollen Sie die Liebenswürdigkeit haben, mir den Empfang zu bestätigen.«

»Mit Vergnügen«, antwortete Paul Seebeck, entnahm einer Schublade einen Briefbogen und schrieb einige Zeilen darauf. »Ist es so recht?« Und er reichte dem Offizier das Blatt, das dieser aufmerksam las und es dann in seine Brieftasche schob.

»Gewiß, Herr Seebeck. Ich danke Ihnen. Damit ist die Sache erledigt. Ich verstehe aber nicht, weshalb Sie es so weit kommen ließen.«

»Ich pflege einem Briefträger nicht die Unterschrift für einen eingeschriebenen Brief zu verweigern – wozu soll ich dem nichtsahnenden Manne Schwierigkeiten machen. Er erfüllt ja nur seine Pflicht. Jetzt ist also der Brief ordnungsgemäß mein Eigentum geworden, und ich kann damit machen, was ich will.« Damit nahm er das versiegelte Kuvert und zerriß es mit seinem Inhalt in kleine Fetzen, die er in seinen Papierkorb warf. Dann wandte er sich wieder dem Offiziere zu und sah ihm ruhig ins Gesicht.

Herr von Hahnemann trat einen Schritt zurück; sein Gesicht war kreidebleich.

»Wissen Sie, was das heißt?« rief er.

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