»Ja«, sagte Paul Seebeck, »das heißt Aufruhr.«
»Wollen Sie sich denn dem aussetzen, daß man Sie mit Waffengewalt zwingt, den Willen der Reichsregierung anzuerkennen?«
»Was wollen Sie damit sagen, Herr von Hahnemann?« fragte Paul Seebeck freundlich.
Der Offizier hatte sich wieder etwas gefaßt. Seine Stimme bekam etwas vom scharfen Kommandoklang, als er sagte:
»Ein Kriegsschiff wird kommen und Sie als Gefangenen mitnehmen.«
»Ach so einfach ist die Sache? Aber wenn ich mich nun mit Gewalt der Gewalt widersetze?«
»Dann werden Sie standrechtlich erschossen.«
Paul Seebeck stand auf; er überlegte einen Augenblick. Dann ging er an dem Offizier vorbei zur Wand, hob ein Gemälde vom Nagel, wobei eine Stahlplatte sichtbar wurde, die der Tür eines in die Mauer eingelassenen Geldschrankes ähnlich war. Dann zog er einen Schlüsselbund aus der Tasche und blickte auf:
»Sie sind Marineoffizier, nicht wahr?«
Herr von Hahnemann neigte bejahend den Kopf.
»Dann sind sie auch natürlich imstande, Entfernungen auf dem Wasser abzuschätzen. Darf ich Sie bitten, hier ans Fenster zu treten? Danke. Sehen Sie die letzte flache Klippe dort rechts? Schön. Sehen Sie in gerader Richtung drei Kilometer weiter. Bitte halten Sie den Punkt im Auge.«
Seebeck war an den Schrank getreten und öffnete das Geheimschloß. Bei dem Geräusch wandte sich der Offizier unwillkürlich wieder nach ihm um und sah, daß der Schrank ein Tastbrett wie das einer Schreibmaschine enthielt.
»Ich habe Sie ersucht, jenen Punkt im Auge zu behalten«, sagte Paul Seebeck scharf. Der Offizier kniff die Lippen zusammen und blickte wieder hinaus. Paul Seebeck drückte rasch auf einen der Knöpfe und schlug dann die Stahltür zu. Im selben Augenblick erhob sich bei dem angegebenen Punkte auf dem Meere eine gewaltige Wasserpyramide, blieb einige Sekunden stehen und brach dann in sich zusammen. Erst eine halbe Minute später klang ein dumpfes Grollen herüber. Der mit Schaum bedeckte Wasserspiegel war in wilde Bewegung geraten. Selbst im Hafen schaukelten die Schiffe.
Herr von Hahnemann sah Seebeck stumm an; dann verbeugte er sich und verließ das Zimmer.
Er ging so schnell er konnte die Straße hinunter, an allen denen vorbei, die ihn wieder erkannten und ansprechen wollten, und stand eine Viertelstunde später in Herrn de la Rouvières Haus.
Der Krüppel bestürmte ihn mit Fragen, aber Herr von Hahnemann schüttelte nur unwillig den Kopf. Er fragte:
»Wissen Sie, daß die Insel befestigt ist?«
Herr de la Rouvière fuhr erstaunt auf:
»Daß sie befestigt ist? Das ist doch unmöglich. Erst vorgestern wurde doch die Befestigung beschlossen.«
Herr von Hahnemann lachte kurz auf:
»Herr Seebeck scheint keine große Achtung vor der Monatsversammlung zu haben. Jedenfalls ist die Insel schon befestigt, und die Versammlung hat etwas zu bauen beschlossen, was faktisch schon da ist. Er wird es wohl schon oft so gemacht haben. Ich will Ihnen etwas sagen«, fuhr er fort, wobei er dicht an den Krüppel herantrat, »ich habe Herrn Seebeck die Enthebung aus seinem Amte mitgeteilt, die er aber ignoriert. Er muß also mit Gewalt entfernt werden. Hier ist kein anderer Ausweg tunlich. Bei den Befestigungen ist es aber ohne Blutvergießen nicht möglich, und das zu verhindern ist meine Pflicht. – Sie haben sich ja Ihres großen Einflusses und Ihrer Verbindungen hier gerühmt; beweisen Sie mir jetzt, daß Sie wahr gesprochen haben. Und dann – die Reichsregierung kann Herrn Nechlidow als früherem, russischem Flüchtling kein Amt übergeben, aber Ihnen, dem Träger eines alten Adelsnamens, der Sie außerdem hier praktisch in die Geschäfte eingearbeitet sind, könnte ich das Reichskommissariat übertragen. Die Vollmacht dazu habe ich. Die Reichsregierung will unter keinen Umständen einen Kommissar von Berlin hierher senden; sie hat mich beauftragt, einer hiesigen geeigneten Persönlichkeit das Kommissariat zu übergeben, um jeden Schein eines gewaltsamen Eingriffes zu vermeiden. Also schaffen Sie mir die Befestigungspläne und Sie sind Reichskommissar!«
Die Augen des Krüppels glänzten:
»Das wird nicht schwer sein, Herr von Hahnemann. Wenn Sie so liebenswürdig sein wollen, eine halbe Stunde hier zu warten, komme ich mit den Plänen.«
»Wissen Sie denn, wo sie sind?«
»Jedenfalls doch im Archiv; und Frau von Zeuthen ist meine gute Freundin.«
»Ah!« Über das Gesicht des Marineoffiziers glitt ein gemeines Lächeln.
»Sie verstehen, Herr von Hahnemann? Eine Frau kann aus Edelmut sterben, aber sie kann sich keinem Skandal aussetzen. Am wenigsten sie, die Keusche, Reine, sie, die Unerreichbare, die ich doch erreichen konnte – wie alles andere auch.«
Der Offizier war wieder ganz ernst geworden:
»Wie Sie das machen, ist Ihre Sache. Aber nicht die Originale selbst, die könnten später vermißt werden, sondern Sie müssen die Pläne kopieren, verstehen Sie? Und Niemand darf etwas davon erfahren, dafür müssen Sie sorgen. Sonst wird die Sache einfach verändert, und wir sitzen da.«
»Keine Sorge, Herr von Hahnemann, bleiben Sie nur ruhig hier; ich bin bald wieder zurück.«
Und die langen Arme schlenkernd und eifrig vor sich hinmurmelnd, stolperte der Krüppel die Hauptstraße hinauf. Bei Frau von Zeuthens Haus angekommen, sagte er dem Dienstmädchen, er käme in Geschäften und wurde natürlich sofort eingelassen.
Mit Siegermiene trat er in Frau von Zeuthens Arbeitszimmer, aber er sank gleichsam in sich zusammen, als er in ihre strahlenden, braunen Augen blickte. Er wollte sich ihr nähern, aber sie hob abweisend die Hand. Da blieb er bescheiden an der Türe stehn.
»Geschäfte, Herr de la Rouvière?« fragte sie ruhig.
»Ja, gnädige Frau. Ich muß Sie um die Befestigungspläne bitten, die Sie ja als Archivarin in Verwahrung haben.«
»Nein«, sagte Frau von Zeuthen, »die Pläne habe ich allerdings. Sie gehn aber nur die Vorsteher an. Und so weit haben Sie es doch noch nicht gebracht.«
Mit eingezogenem Kopfe sah er sie von unten an.
»Gnädige Frau, ich bin – Reichskommissar an Paul Seebecks Stelle.«
Frau von Zeuthen lachte laut auf und sah ihm belustigt ins Gesicht.
Der Krüppel biß die Zähne zusammen.
»Gnädige Frau«, sagte er drohend.
»Wenn Ihre Geschäfte so sonderbarer Natur sind, brauchen wir sie nicht länger zu diskutieren. Gehen Sie, Herr Reichskommissar.« Damit drehte sie ihm den Rücken zu und setzte sich an ihren Schreibtisch.
Mit leisen, schleichenden Schritten näherte er sich ihr. Sie stand auf und wandte sich ihm zu. Mit beiden Händen hielt sie sich rückwärts am Schreibtische fest.
»Weshalb gehen Sie nicht«, sagte sie herrisch, aber ihre Stimme zitterte dabei.
»Ich muß die Pläne haben«, sagte er, dicht bei ihr, und hob dabei die langen Arme mit den schwarzbehaarten Händen.
»Aber ich gebe sie Ihnen nicht und damit gut. Gehen Sie! Jetzt bestätigt sich also meine Vermutung, daß Sie zu den Verrätern gehören. Gehen Sie, mit Ihnen bin ich fertig.«
»Gnädige Frau«, die Stimme des Krüppels war ganz sanft, »Sie scheinen sehr leicht zu vergessen!« Er schritt auf die Tür zu, faßte die Klinke und drehte sich wieder nach Frau von Zeuthen um. »Soll ich wirklich allen Leuten erzählen, was in einer gewissen Nacht zwischen uns vorgefallen ist?« Er richtete sich auf und sagte kameradschaftlich: »Geben Sie mir doch lieber die Pläne.«
Frau von Zeuthen ging zu ihrem großen Schranke, öffnete diesen aber nicht, sondern holte aus dem Winkel zwischen ihm und der Wand Felix’ Reitpeitsche hervor. Sie wog sie prüfend in der Hand, trat dann schnell auf Herrn de la Rouvière zu und schlug sie ihm zweimal mit aller Kraft durchs Gesicht. Dann warf sie die Peitsche fort und blieb hoch aufgerichtet vor ihm stehn. Er sah sie eine Weile ganz verständnislos an, griff dann mit beiden Händen an sein schmerzendes Gesicht und taumelte hinaus.
Vor der Haustüre blieb er stehn und nickte bedächtig mit dem Kopfe. Dann ging er langsam, sehr langsam, die Hauptstraße hinauf, am Volkshause vorbei und weiter am Flusse entlang zum Staubecken. Er ging dorthin, wo der Fluß in das Becken eintrat, sah lange auf das Wasser und stieg dann langsam und fröstelnd hinein. Er glitt aus, schrie auf, sah auf der Straße das Lastautomobil halten, sah ihm Leute entsteigen, die ihm zuwinkten, zuriefen; er wollte ans Ufer zurück, aber schon hatte ihn die Oberströmung erfaßt. Langsam führte sie ihn fort; er hörte das Brausen des Wasserfalles näher und näher, die Strömung wurde stärker, immer stärker, das Brausen kam näher, näher, jetzt –
Sechshundert Meter war die Felswand hoch, von der das Wasser senkrecht in das Meer stürzte.
Und am selben Abende verließ Herr von Hahnemann auf seinem Torpedoboot unverrichteter Sache die Schildkröteninsel.
21. Kapitel
Eine außerordentliche Versammlung der Gemeinschaft – das war noch nie dagewesen. Und doch war niemand erstaunt, als die Vorsteherschaft durch Maueranschlag zu dieser einlud; es lag so viel ungelöste Spannung in der Luft, soviele Vermutungen waren nur halb ausgesprochen, von Mund zu Mund gegangen, daß alle es als eine Erleichterung empfanden, eine klare Darstellung aller jener unverständlichen Vorgänge zu erhalten. Und das galt nicht nur von der Bürgerschaft – gerade die Vorsteher fühlten stärker als je die Kluft, die sie von den Anderen trennte, und wollten auch Kenntnis von allen dunklen Strömungen erhalten, von denen sie nur den letzten Wellenschlag gefühlt hatten.
Erst als die Gemeinschaft vollzählig versammelt war, betraten die Vorsteher den großen Saal des Volkshauses. Otto Meyer übernahm als Stellvertreter des abwesenden Jakob Silberland den Vorsitz. Sogleich, nachdem auf ein Glockenzeichen Ruhe eingetreten war, mehr als Ruhe: Totenstille, erhob sich Paul Seebeck. Sein Gesicht war bleich, erschreckend bleich, und seine Augen lagen schwarz umrändert tief in den Höhlen.
»Liebe Freunde«, sagte er, »jetzt ist die ernsteste Stunde gekommen, die wir bis jetzt hier erlebt haben. Jetzt handelt es sich um ein klares Ja oder Nein. Jetzt muß entschieden werden, ob der Staat, den wir alle in treuer Zusammenarbeit errichtet haben, zerstört werden darf oder nicht. Wir können das Unglück noch abwenden. Noch können wir unser Werk uns und unseren Kindern erhalten. Aber ein mutiger Schritt ist dazu notwendig.
Wir haben Verräter im eigenen Lager gehabt, gemeine Schurken, die, um sich selbst vorwärts zu bringen, die Zukunft der Gemeinschaft opferten, und wieder andere, die aus einem falschen, kurzsichtigen Idealismus heraus, in bester Absicht, den Feind ins Land riefen. Vielleicht sehen sie jetzt ein, wie unverantwortlich leichtsinnig sie gehandelt haben und benutzen jetzt die Gelegenheit, ihr Unrecht wieder gutzumachen. Aber auch sie waren nur Werkzeuge, boten nur den erwünschten Vorwand zur Vernichtung unseres Werkes etwas früher, als es sonst geschehen wäre. Was geschah, mußte geschehen, früher oder später, und deshalb hat es keinen Zweck, Betrachtungen über Verschuldungen anzustellen oder Vorwürfe zu erheben. Jetzt muß gehandelt werden. Die Sache liegt so: das Deutsche Reich will uns nicht mehr unsere Freiheit lassen, man sieht dort, daß wir hier die Durchführbarkeit freier Ideen beweisen und fürchtet die Einwirkung dieser Ideen auf die eigenen, innerpolitischen Verhältnisse. Jemand, der die gegenwärtig in Deutschland herrschende ultrareaktionäre Strömung kennt, versteht diese Furcht der zur Zeit regierenden Clique nur zu gut. Das wäre aber doch für uns nur ein Grund mehr, sollte ich meinen, unser Werk bis zum letzten Punkte durchzuführen, statt uns einfach vor Beschränktheit oder Bosheit zu ducken. Jetzt kommt aber eine große, große Frage, die ich Sie in aller Ruhe zu überlegen bitte: wenn wir uns hierher einen schnoddrigen Berliner Assessor setzen lassen, ist zwar unsere Arbeit vernichtet, und wir haben hier Zustände wie im schwärzesten Preußen, aber Sie haben Ruhe. Wenn wir uns aber das nicht gefallen lassen, sind wir Aufrührer und damit rechtlos, nach den heute üblichen Anschauungen nicht viel mehr wie wilde Tiere. Und da wird nicht gefragt weshalb wir uns nicht beugen, die Tatsache, daß wir es nicht tun, genügt. Kein Mensch in dem dumpfen Berliner Ministerium wird verstehen, daß man Menschheitsideale über hündischen Gehorsam stellt. Solche Gedanken sind uns reserviert.
Ich bin aber nicht so verblendet, Sie zu einem nutzlosen Widerstande zu verleiten, der nur den sicheren Untergang von uns allen bedeuten würde. Es gibt einen Ausweg, und das ist dieser: wir erklären uns autonom und lassen uns dann von England annektieren. Als englische Kolonie können wir sicher sein, völlig ungestört weiter arbeiten zu können. Dazu haben wir noch einige Wochen Zeit; Herr Doktor Silberland ist gegenwärtig in Sidney, und ich werde nachher die Versammlung um die Ermächtigung bitten, Herrn Doktor Silberland zur Vornahme der notwendigen Schritte zu beauftragen.
Was ich bis jetzt getan habe, geht nur mich selbst an und kann für keinen anderen Bürger der Gemeinschaft nachteilige Folgen haben, solange sich die Gemeinschaft nicht solidarisch mit mir erklärt. Sie brauchen also nicht zu fürchten, daß ich Sie in irgend eine schwere Situation hineingebracht habe. Sie können ganz frei beschließen.
Wenn Ihnen unsere Sache aber lieb ist«, und Paul Seebecks müde Augen bekamen Glanz und Feuer, »wenn Sie als Männer für Ihr Werk eintreten wollen, dann können wir es retten. Bevor ein Kriegsschiff hier ist, können wir unsere Befestigungen vollenden und können uns halten, bis wir unter englischem Schutze stehen.
Ich mag darüber nichts mehr sagen, ich will Sie zu keinem folgenschweren Entschlusse überreden, den Sie später bereuen. Überlegen Sie es sich in Ruhe.«
Das eiskalte Schweigen, mit dem Paul Seebecks Rede angehört worden war, dauerte noch fort, als er wieder auf seinem Platze saß. Dann erklang hinter ihm eine Stimme:
»Nechlidow soll antworten; wo steckt er?«
Eine andere Stimme antwortete:
»Der kommt nie mehr zu den Versammlungen.«
Und schwer und hart sagte eine dritte Stimme:
»Nechlidow ist ein Lump, mag er sich ersäufen wie der andere. Ich halte zu Herrn Seebeck.«
Jetzt wich die Starre von der Versammlung; man redete, schrie durcheinander, die Gesichter wurden rot, Arme wurden bewegt, der Lärm stieg und stieg –
Paul Seebeck trat wieder auf das Podium, aber er konnte nicht sprechen. Die Leute verließen ihre Plätze, umdrängten ihn, drückten seine Hände, jeder, jeder einzelne wollte ihm Treue geloben.
Paul Seebeck wollte reden, wollte ihnen danken, aber er stammelte nur einige Worte und sank dann bewußtlos um. Er hörte nur noch Edgar Allans schneidend scharfe Stimme:
»Aber jetzt bitte nicht nur Worte, Leute, auch Taten.«
Paul Seebeck wurde in ein anstoßendes Zimmer getragen und Frau von Zeuthen und Otto Meyer übernahmen seine Pflege.
Inzwischen wurden die Verhandlungen unter Herrn von Rochows Vorsitz fortgesetzt. Paul Seebecks Vorschläge wurden einstimmig genehmigt, obwohl sich manche recht zögernd von den Sitzen erhoben. Unter dem brausenden Beifall der Versammlung verkündete Herr von Rochow darauf die Autonomie der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel.
22. Kapitel
Noch immer keine Entscheidung von Sidney. Bei der immer stärkeren Spannung zwischen England und Deutschland wäre der Ausbruch eines Krieges in der allernächsten Zeit höchst wahrscheinlich, schrieb Jakob Silberland. Dann wäre die Annektion selbstverständlich. Bis dahin müßte man sich halten.