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作者:德- Erich von Mendelssohn 当前章节:15542 字 更新时间:2026-6-18 20:16

Frau von Zeuthen nickte und Paul Seebeck fuhr fort:

»Wie ich also die Insel sah und wußte, daß sie herrenloses Land darstellte, schrieb ich vom Dampfer aus einige Zeilen an Silberland. Ich erinnerte ihn an unsere Träume und bat ihn, hinzukommen. Ich schrieb ihm, er solle mir eine Vollmacht als Reichskommissar verschaffen. Er kam auch, der gute Kerl, steckte seinen Beruf und seine Stellung auf und kam. Aber das Kolonialamt hatte ihm doch nur eine sehr vorsichtige, sehr provisorische Vollmacht für mich mitgegeben und verlangte, mich selbst zu sehen und zu hören. So mußte ich also nach Berlin kommen.« Und Paul Seebeck schwieg, wobei er vor sich auf den Teppich sah.

»War Ihnen denn das so unangenehm?« fragte Frau von Zeuthen.

»Ja. Wenigstens zuerst. Ich hatte schon viele Wochen ganz allein auf meiner Felseninsel zugebracht und fühlte mich dort so heimisch, daß es mir schwer wurde, sie wieder zu verlassen. Und besonders fürchtete ich, sie mit etwas anderen Augen zu sehen, wenn ich nach dem Aufenthalt in Europa zu ihr zurückkehrte.«

»Wie denn?« fragte Frau von Zeuthen mit ihrem klugen Lächeln.

Er sah sie an und sagte langsam:

»Ich fürchtete, meine Insel nicht mehr so rein zu empfinden, nicht mehr so ganz als Symbol der Unberührtheit, kurz, nicht mehr so persönlich, mehr als eine von den vielen, ein Kuriosum, keine Offenbarung – Sie verstehen?«

Frau von Zeuthen nickte.

»Und weshalb sind Sie jetzt doch froh, hierher gekommen zu sein?« fragte sie nach einer kleinen Pause.

»Weil ich sehe, wie wertvoll es für mich ist, etwas Distanz bekommen zu haben – nicht nur aus praktischen Gründen.« Wieder schwieg er und sah vor sich hin.

»Dann habe ich hier auch einige Menschen wiedergefunden, die ich für meine Arbeit brauche. Und« – hier sank er vom Stuhle und ergriff ihre Hand und küßte sie – »eine Frau, die ich immer fragen muß, ob ich auch auf dem rechten Wege bin.«

Sie strich ihm mit ihrer schönen, weißen Hand über sein Haar.

»Wollen Sie mir auch diesmal Ihren Segen mitgeben?« fragte er, lächelnd zu ihr aufblickend.

»Ja«, sagte sie. »Und wenn Sie mich brauchen, komme ich zu Ihnen.«

Er küßte noch einmal ihre Hand und erhob sich dann. Im Zimmer auf- und abgehend, fuhr er lebhaft fort:

»Und wie bezaubernd die Idee wirklichen Neulandes, einer freien menschlichen Gemeinschaft ohne alle Traditionen wirkt. Ich kenne von der Schule her einen jungen Studenten, jetzt ist er übrigens Referendar, der fünf Jahre jünger ist als ich. Einen richtigen Berliner Juden, obwohl er nicht so aussieht. Glänzend begabt, daß jede Arbeit für ihn Spielerei ist, frech wie ein Dachshund, nie um eine Antwort verlegen, immer witzig und nichts auf der Welt ernst nehmend. Dabei ein seelenguter Kerl und immer hilfsbereiter Kamerad. Wir treffen uns hier zufällig im Café, und er benutzt die Gelegenheit, um tausend dumme Witze über unsere Insel zu machen. Am Tage darauf esse ich bei seinen Eltern. Auch dort schont er mich durchaus nicht. Wie wir nach dem Essen bei einer Zigarre allein in seinem Zimmer sind, sagt er mir plötzlich in vollem Ernste, daß er mit uns kommen will, um dann sofort darüber dumme Witze zu machen. Aber ich bin überzeugt, daß es ihm im Grunde seines Herzens tiefernst ist, und daß er gerade durch seinen absoluten Mangel an Sentimentalität ein sehr gesundes Element darstellen wird.«

Er blieb stehen und lauschte, denn auf dem Korridore wurde ein Trampeln und eifriges Tuscheln laut. Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan.

»Die Kinder«, sagte sie.

Gleich darauf wurde auch die Tür aufgerissen und die dreizehnjährige Hedwig stürmte herein. Sobald sie Paul Seebeck erblickte, schlang sie beide Arme um seinen Hals und hüpfte vor Freude. Paul Seebeck konnte sich nur mit Mühe soweit von ihr befreien, um dem etwas verlegen hinter ihr stehenden zwölfjährigen Felix wenigstens flüchtig die Hand drücken zu können. Noch halb an Paul Seebeck hängend, begann Hedwig, ihrer Mutter übersprudelnd ein Schulerlebnis zu erzählen, doch Frau von Zeuthen unterbrach sie:

»Macht euch jetzt schnell zum Mittagsessen fertig, Kinder. Wir essen heute früher als sonst. Dann kannst du uns alles erzählen, Hedwig.«

Ein wenig schmollend zog Hedwig ab, Felix wandte sich in der Tür noch einmal zögernd um, dann ging er schnell zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu:

»Ich habe alles gelesen; ich weiß alles. Ich will zu dir auf deine Insel kommen.« Dann lief er tief errötend aus der Tür.

Während die Schritte der Kinder auf dem Korridore verklangen, wandte sich Frau von Zeuthen an Paul Seebeck:

»Ich erwarte noch einen Gast –«

»Herrn von Rochow?« fragte Seebeck.

»Rochow? Nein ... Wie kommen Sie auf ihn?«

»Ach, ich bin in den letzten Tagen oft mit ihm zusammen gewesen; er ist ja einer von den Unsrigen.«

»So? Das freut mich wirklich.«

»Er war einer von denen, an die ich von Anfang an dachte, und er kam auch gleich zu mir. – Ja, und gestern sagte er mir, daß wir uns wohl auch bald bei Ihnen treffen würden.«

»Rochow ist immer bei mir willkommen; er kommt vielleicht auch später zum Tee zu mir. Wissen Sie übrigens, daß er seinen Abschied nehmen mußte?«

»Nein, weshalb denn?«

»Ich weiß es nicht genau. Es handelte sich um eine Soldatenmißhandlung, wo Rochow in irgendwelcher inkorrekten Weise zu sehr für den Soldaten gegen den schuldigen Leutnant eingetreten ist. Aber jetzt zum Mittagessen erwarte ich einen jungen Freund, der Ihnen vielleicht große Freude machen wird.«

Es klingelte, und bald darauf stand ein bleicher, junger Mann mit tiefliegenden, rotumränderten Augen in der Tür. Man sah seiner Kleidung an, daß sie mit großer Mühe ordentlich instand gehalten war. Frau von Zeuthen ging auf ihn zu, führte ihn an der Hand zu Seebeck und sagte:

»Da haben Sie meinen Melchior. Seht zu, ob ihr nicht Freunde werden könnt.«

Und während die beiden Männer einander forschend und suchend in die Augen sahen, öffnete sie die Tür zum anstoßenden Eßzimmer, wo Hedwig und Felix bereits ungeduldig warteten.

5. Kapitel

Auf dem großen Tische in Paul Seebecks Hotelzimmer, der mit Zeitungen, Broschüren und Papieren bedeckt war, standen zwei schwere, fünfarmige Leuchter und erhellten die Gesichter der kleinen Versammlung. Erst jetzt waren sie zum ersten Male offiziell versammelt; so hatte es Paul Seebeck gewollt. Mehrere Wochen hatte er ihnen Zeit gelassen, um alles in Ruhe zu überlegen und sich einander kennen zu lernen.

Alle sieben waren da: am Tischende saßen Paul Seebeck, Jakob Silberland und Hauptmann a. D. von Rochow, dann kamen Edgar Allan und Referendar Otto Meyer, zuletzt Nechlidow. Der junge Melchior saß gesenkten Hauptes etwas im Hintergrunde und zuweilen hob sich sein bleiches, abgearbeitetes Gesicht aus dem Dunkel.

Paul Seebeck stand auf, und aller Augen wandten sich ihm zu. Er sagte:

»Ich habe ungefähr dreihundert Anfragen und Anmeldungen erhalten, habe aber Alle gebeten, sich etwas zu gedulden. Wir sind jetzt sieben, und das ist vorläufig genug, um die Sache in Gang zu bringen. Sobald wir die Umrißlinien gezogen haben, mögen die Anderen kommen, um sie auszufüllen oder zu verändern. Nun liegt die Gefahr vor«, fuhr er fort, wobei er den Kopf senkte und sich auf die eingezogene Oberlippe biß, »daß wir sieben auch in Zukunft eine bevorzugte Stellung einnehmen. Das darf natürlich nicht sein. Das wäre eine Oligarchie statt einer Demokratie.«

Nechlidow hob den Kopf und rief:

»Was bis zum heutigen Tage noch jede Demokratie gewesen ist, besonders in der wahnsinnigen Karrikatur des Parlamentarismus.«

Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:

»Tragen Sie das Ihrige dazu bei, Herr Nechlidow, daß unser Staat nicht an dieser Klippe strandet.«

Es ging ein Leuchten durch Nechlidows vergrämtes Gesicht; er sagte nichts, nickte nur.

»Nun läßt sich aber nicht leugnen, daß wir sieben Gründer, eben als solche, vorläufig eine Sonderstellung einnehmen. Wir müssen nur dafür sorgen, daß diese Sonderstellung nicht länger dauert, als unbedingt notwendig ist. Ich schlage deshalb folgendes vor: jeder Ansiedler, selbstverständlich Mann wie Frau, ist nach einjährigem Aufenthalt auf der Insel vollberechtigter Bürger. Wir sieben Gründer bleiben das erste Jahr allein auf der Insel und genießen das einzige Vorrecht, in diesem Jahre über uns selbst und den Staat, den wir ja allein repräsentieren, zu verfügen. Dieses Vorrecht ist natürlich nur ein anderer Ausdruck für alle unsere Pflichten und unsere Arbeit. Vom opportunistischen Standpunkte aus gesehen also ein Vorrecht, von recht zweifelhaftem Werte, vom moralischen Standpunkte ein Recht in der tief innersten Bedeutung des Wortes.«

Jetzt konnte Otto Meyer sich nicht mehr beherrschen, er mußte Jakob Silberland zuflüstern:

»Daß der Kerl seine geistreichen Bemerkungen nie sein lassen kann.«

Halb verlegen und belustigt, suchte Silberland nach einer Antwort; plötzlich aber erhob sich zum allgemeinen Erstaunen Melchior und sagte:

»Darf ich eine Frage stellen? Da ist etwas, was ich nicht verstehe.«

»Bitte«, sagte Seebeck.

Melchior zog die Brauen zusammen und versuchte augenscheinlich seine Frage scharf zu formulieren; er sagte dann:

»Nach alledem, was ich verstanden zu haben glaube, soll dieser Staat im Großen wie im Kleinen keine willkürliche Konstruktion darstellen, ebensowenig eine Gemeinschaft, die nur auf einen bestimmten Typus Mensch zugeschnitten ist. Wenn Sie mir den trivialen Ausdruck erlauben wollen, soll es nicht nur der ideale, sondern auch der normale Staat sein.«

Paul Seebeck nickte. Melchior sah ihn an:

»Ein Staat, oder wohl besser: eine Gemeinschaft, deren Bau aus der Natur des Menschen an sich, des zweibeinigen Säugetieres: Mensch, abgeleitet ist, nicht wahr?«

Wieder nickte Paul Seebeck, obgleich nicht so ganz zustimmend. Melchior war aber so in seinen Gedanken vertieft, daß er nichts um sich her sah. Er fuhr fort:

»Sie müssen mich recht verstehen, ich will nicht kritisieren, nur fragen. Wie läßt sich die Idee eines solchen Staates damit vereinigen, daß erst große Vorarbeiten nötig sind? Daß die Ansiedler sich erst ein ganzes Jahr lang akklimatisieren sollen? Würde es nicht genügen, die Menschen einfach in die Freiheit zu setzen, so daß sie selbst kraft ihrer Menschennatur sich die neue Gemeinschaft schaffen können? Wenn ihre Gedanken richtig sind, müßte der so sich selbst aufbauende Staat genau ebenso werden, wie der Ihrige, der doch – zunächst wenigstens – ein theoretisches, aus den jetzigen Staatsformen abstrahiertes Gebäude darstellt; nur mit dem Unterschiede, daß der sich selbst aufbauende Staat natürlicher wäre, ohne die Fehlerquellen, die bei dem Ihrigen, der theoretischen Grundlage wegen, möglich sind.«

»Bravo!« rief Nechlidow. »Der Mann kann denken.«

»Sie müssen mich richtig verstehen,« fuhr Melchior fast ängstlich fort, »ich vertrete gar keinen Standpunkt, ich sehe nur ein Problem und bitte Sie, es mir zu lösen. Sie haben natürlich alles das genau bedacht, Herr Seebeck?« Er richtete sich ganz auf und sah Seebeck gespannt an. Aber plötzlich verzog sich sein Gesicht, es wurde kreidebleich, er schwankte etwas, griff rückwärts nach der Stuhllehne, so daß der Stuhl sich auf einem Beine drehte, und Melchior sank, die Stuhllehne noch immer in der Hand, bewußtlos neben den Stuhl hin, der auf ihn fiel.

Alle sprangen entsetzt auf. Paul Seebeck war mit einigen Schritten bei ihm, hob ihn leicht wie ein Kind auf, klingelte nach dem Kellner, ließ sich ein freies Zimmer zeigen und bettete den Ohnmächtigen dort. Er löste ihm die Kleider auf Brust und Leib und flößte ihm dann Milch ein. Melchior schlug schon nach einigen Minuten die Augen wieder auf und sah unsicher um sich. Paul Seebeck fragte ihn besorgt:

»Fühlen Sie sich jetzt wieder wohl?«

»Ja, ja«, sagte Melchior zerstreut. »Das hat nichts zu sagen.« Sein Blick fiel auf die gefüllte Milchkanne. Mit zitternden Händen schenkte er sich ein Glas ein und stürzte es hinunter. Er sah dankbar zu Seebeck auf:

»Ich danke Ihnen, Sie sind so gut zu mir.«

»Wünschen Sie irgend etwas?« fragte Seebeck, die Hand schon bei der elektrischen Klingel.

»Ja, wenn ich etwas essen dürfte –« antwortete Melchior zögernd. »Ich werde zuweilen schwach, wenn ich hungrig bin.«

»Haben Sie denn heute Abend noch nichts gegessen?« fragte Seebeck besorgt.

»Heute Abend?« Melchior lächelte schwach. »Gestern und heute habe ich nichts gegessen. Wenn ich jetzt nur ein Stückchen Brot haben kann, ist mir gleich wieder gut.«

Der Kellner trat ein, und Seebeck bestellte, trotz Melchiors verlegen-abwehrender Handbewegungen ein ordentliches Abendessen, doch verlangte er nur Speisen, die in wenigen Minuten fertig sein konnten. Während dieses kurzen Gespräches schlummerte Melchior ein. Paul Seebeck überzeugte sich, daß sein Atem ruhig ging und verließ dann zusammen mit dem Kellner das Zimmer.

Als er zu seinen Gästen zurückkehrte, wurde er von allen Seiten nach Melchiors Befinden gefragt. Er gab aber nur kurze, sachliche Antworten und schlug dann lächelnd vor, wieder zur Arbeit überzugehen. Diesmal ergriff er aber nicht das Wort, sondern bat Jakob Silberland, zu erklären, wie sie ihren Staat zu finanzieren gedächten.

Jakob Silberland stand eifrig auf, und begann:

»Die finanzielle Grundlage unseres Staates ist als durchaus gesund zu bezeichnen. Wir haben Aktiven in den Naturschätzen, die fast ohne Betriebskapital zu heben sind. Nach dem Urteil von Sachverständigen repräsentiert eine ausgewachsene Riesenschildkröte allein an Schildkrott einen Wert von fünfundzwanzigtausend Mark, dazu kommt noch ihr Fleisch im Werte von ungefähr dreihundert Mark. Ein genaues Studium muß ergeben, wieviele Tiere man im Jahre erlegen darf, ohne Raubbau zu treiben; jedenfalls für mehrere Hunderttausende, vielleicht Millionen. Diese Einnahmequelle muß dem Staate selbst verbleiben.

Daß der Grund und Boden für immer gemeinsames Eigentum bleiben muß, ist ja selbstverständlich, ebenso die auf ihm stehenden Häuser, denn ein Privatbesitz an Boden läßt sich nur solange rechtfertigen, wie es herrenloses Land in genügender Menge gibt, so daß jeder andere sich gleichfalls – wenn er will – einen genügenden Platz sichern kann. Da es jetzt – speziell bei uns – herrenloses Land so gut wie nicht mehr gibt, oder bald nicht mehr geben wird, ist Privatbesitz am Grund und Boden ein Unding.

Wir brauchen nur etwas flüssige Mittel, um die notwendigen Bauten und Anlagen ausführen zu können. Wir schlagen vor, das Geld durch eine innere Anleihe aufzubringen, die rasch zu amortisieren wäre. Diese Anleihe müßte natürlich eine innere sein, um ausländischem Kapital keinen Einfluß zu geben ...«

Die Tür knarrte leise; aller Augen wandten sich ihr zu, und Jakob Silberland brach ab. Mit schleppenden Schritten kam Melchior herein und blieb verlegen stehen. Da sich aber alle Anwesenden Mühe gaben, ihn so unbefangen wie möglich zu behandeln, atmete er schnell auf und nahm seinen früheren Platz wieder ein. Jakob Silberland räusperte sich und wollte in seinem Vortrage fortfahren, konnte aber die Aufmerksamkeit nicht mehr sammeln. Paul Seebeck schlug deshalb vor, eine Viertelstunde lang zu pausieren. Da niemand widersprach, ließ er Tee und kleine Butterbrötchen, sowie auch einige Flaschen Wein kommen, was die Herren, auf- und abgehend, zu sich nahmen.

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