Paul Seebeck trat zu Melchior heran:
»Haben Sie jetzt ordentlich gegessen?« fragte er.
»Ja, ja«, antwortete Melchior, zerstreut auf den Boden blickend. Dann schlug er die Augen auf:
»Herr Seebeck«, sagte er, »Sie sind mir noch eine Antwort schuldig.«
Paul Seebeck griff sich unwillkürlich an die Stirn; er verfolgte rückläufig die Vorgänge des Abends und kam damit auch auf Melchiors Frage.
»Überlegen Sie sich, wie viel die Menschen vergessen müssen, ehe sie reif für eine neue Gemeinschaft werden; vergessen, was sie selbst, und das, was ihre Vorfahren gelernt haben: die Masseninstinkte. Um die zu bekämpfen und zu vergessen, genügt weder die Möglichkeit, noch der Wille zur Freiheit – zwei Voraussetzungen, die bei uns glücklicherweise gegeben sind – eine große Arbeit jedes einzelnen an sich und an der Gemeinschaft ist notwendig. Unterschätzen Sie unser Vorhaben nicht; es gilt nichts weniger, als einen neuen Typus Mensch heranzuziehen, einen Typus, der eine Gemeinschaft von Individualitäten bilden kann, ohne daß diese zu einer homogenen Masse wird.«
»Sie gebrauchen dauernd das Wort: Typus im Sinne von Individuum. Ich finde das fast verdächtig.«
»Ach Gott, was ist denn dabei verdächtig?« sagte Paul Seebeck gleichmütig. »Typus – Art – was Sie wollen. Sie wissen ja, was ich meine, da spielt der Ausdruck doch keine Rolle.«
Melchior schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen:
»Was Sie meinen, scheint an und für sich so klar zu sein, daß ein etwas schiefer Ausdruck keine Unklarheit hereinbringen kann. Ich kann aber doch nicht anders, als gerade hinter diesem schiefen Ausdruck ein Problem zu sehen, nämlich dieses: daß Sie gar nicht den freien Menschen an sich brauchen können und entsprechend heranziehen wollen, sondern nur einen ganz bestimmten Typus des freien Menschen.«
Paul Seebeck hatte anfangs lächelnd zugehört, dann wurde er aber ganz ernst. Stehenbleibend, sagte er fast feierlich:
»Es gibt keinen Staat und keine Gemeinschaft der Welt, wo der Verbrecher, der Kinderschänder Raum fände. Wohl aber läßt sich eine Gemeinschaft denken, die dem Verbrechen keinen Nährboden gibt. Was stellen Sie sich denn überhaupt unter dem »freien« Menschen vor? – Doch nicht den, der ungehindert absonderlichen Gelüsten folgen kann? Gerade der in irgend einer Weise perverse Mensch ist im höchsten Grade unfrei. Frei sein heißt: von seiner eigenen Vergangenheit frei sein, von Traditionen und Vorurteilen frei sein, heißt Rückkehr zu einer Norm, die es kaum noch gibt.
In diesem Sinne haben Sie Recht: ich erkenne wirklich nur einen Typus des freien Menschen an; aber der ist sehr umfassend, nämlich alle einschließend, die in irgend einer Weise für die Gemeinschaft im höheren Sinne brauchbar, oder was dasselbe ist, notwendig sind.«
»Ja, ja«, sagte Melchior nachdenklich. »Ich glaube schon, daß ich Ihnen zustimmen werde, wenn ich in Ruhe alles richtig bedacht habe.«
Paul Seebeck sah ihm gerade ins Gesicht:
»Beantworten Sie mir bitte eine Frage: weshalb kommen Sie überhaupt zu uns? Ich sehe, daß Sie ernst arbeiten und daß Sie aufrichtig sind, uns also willkommen sein müssen – aber was wollen Sie von uns?«
Melchior sah mit zusammengezogenen Brauen vor sich hin:
»Ich muß aus zwei Gründen zu Ihnen. Erstens glaube ich bei Ihnen alle sozialen und sozial-psychologischen Phänomene im status nascendi, also in reinster und dabei konzentriertester Form zu finden. Also aus wissenschaftlichem Interesse. Dann glaube ich dort einmal ein Arbeitsfeld zu haben, wo die praktische Arbeit nicht vergeudete Zeit bedeutet.«
»Sie werden kein angenehmer Mitarbeiter sein, aber ein wertvoller.« Und er drückte Melchiors heiße Hand.
Hinter ihnen erklang ein leises Klirren. Sie wandten sich um und sahen, daß Jakob Silberland an sein Glas schlug, augenscheinlich in der Absicht, eine Rede zu halten. Er trippelte nervös auf seinen kurzen Beinchen hin und her und fuhr sich mehrmals mit der Hand durch sein langes, schwarzes Haar. Die anderen Herren saßen um den Tisch herum mit aufmerksamen und vielleicht etwas verlegenen Gesichtern. Paul Seebeck und Melchior blieben im Hintergrunde stehen.
Melchior sah mit einem Blicke, der fast ein Werben um Liebe enthielt, zu Paul Seebeck auf und flüsterte ihm zu, wobei er errötete:
»Sie müssen mir helfen, dann werde ich finden, was ich suche – dort auf Ihrer Insel werde ich das Geheimnis der Menschheit finden.«
Paul Seebeck nickte ihm freundlich zu. Er konnte ihm nicht mehr antworten, denn Jakob Silberland begann:
»Darf ich einige Worte sagen? Ich will nicht schwulstig sein, obwohl ich mich beherrschen muß, es nicht zu werden. Aber ohne jede Übertreibung kann man wohl sagen, daß von diesem Tage an eine neue Periode der Menschheitsgeschichte ansetzt. Unser Anfang ist bescheiden, aber unsere Bestrebungen werden Früchte tragen, deren Größe wir heute noch gar nicht übersehen können. Statt grotesker Verzerrungen den wirklichen Staat, die wirkliche Gemeinschaft von Menschen.«
»Gegründet auf die menschliche Vernunft«, unterbrach Nechlidow, von seinem Stuhle aufspringend, den Redner. »Weg mit den Sentimentalitäten, die nur Ausbeutung, Schwäche und Dummheit verschleiern sollen. Laßt uns die neue Menschheit auf die Vernunft aufbauen. Vernunft allein kann den Menschen weiterbringen. Gefühle erniedrigen ihn zum Tiere. Aber streng und ehrlich müssen wir sein.«
Otto Meyer hatte mit einem spöttischen Lächeln den beiden zugehört; jetzt aber wurde sein Gesicht ganz ernst. Er machte eine Bewegung, als ob er aufstehen wollte, besann sich dann aber wieder. Herr von Rochow hatte wohl zu viel Wein getrunken, denn sein Lächeln wurde blöder und blöder, und seine treuherzigen, blauen Augen verschwammen immer mehr. Edgar Allan hörte nur halb zu; mit einem Bleistiftstumpfe entwarf er auf dem weißen Tischtuche Hütten und Häuser in einem Stile, der in merkwürdiger Weise eine stark betonte Horizontale mit flachen Bogenlinien verknüpfte.
Jetzt trat Paul Seebeck mit einigen raschen Schritten an den Tisch und sagte:
»Meine Freunde! Heute Abend ist es zu spät, um noch alle die Einzelheiten zu erörtern, die ich gern besprochen hätte. Aber dazu haben wir ja die vielen Wochen auf dem Schiffe.
Nur eins: das ist jetzt der Abschied vom behaglichen Leben, von Großstadttrubel und den Vergnügungen. Jetzt beginnt für uns die Arbeit. Es liegt nur an uns, diese Arbeit so anzufassen, daß sie für Andere und uns selbst größeres gestaltet, als sonst je möglich wäre. Eine schwere Zukunft liegt vor uns, aber eine große.«
6. Kapitel
Die Sachverständigen waren nach Sidney zurückgekehrt. Alles war geprüft worden: der mutmaßliche Ertrag der anzulegenden Schildkrötenkultur, der Fischreichtum des Meeres, die Brauchbarkeit der Steine zum Hausbau, das Wasser, die auf der Insel vorkommenden Minerale – und jetzt saß Jakob Silberland den ganzen Tag in seinem Zelte an einem Holztische und rechnete, wobei er unausgesetzt die kurzen Beinchen bewegte und sich nicht selten mit den Händen durch das schwarze, strähnige Haar fuhr. Die andern sechs aber arbeiteten draußen in der glühenden Sonne, um erst am Abend zu den Zelten zurückzukehren. In den Stunden, wo sie dann am Strande lagen und auf das Meer hinaussahen, war manch ein gewichtiges Wort gefallen.
Jakob Silberland hatte viel zu tun: die gesamte Korrespondenz lag in seinen Händen, ebenso die Buchführung und die Verwaltung der Gelder. Er hatte die wöchentliche Verbindung mit Sidney durch einen kleineren Dampfer der »Australisch-Neu-Seeländischen Transport-Gesellschaft« zustande gebracht, und jetzt galt es für ihn, auf eine geraume Zeit hinaus den Bedarf an Geräten, Baumaterial und anderen Dingen vorauszusehen und geschickt auf die einzelnen Wochen zu verteilen, damit der Verkehr sich für die Gesellschaft lohnte.
Von diesen schwierigen Berechnungen bereitete die schwerste und verantwortungsvollste Arbeit – die Verwaltung der Gelder – Jakob Silberland den geringsten Kummer. Es war beschlossen worden, eine in fünfzehn Jahren zu amortisierende, dreiprozentige innere Anleihe in der Höhe von einer Million Mark aufzunehmen. In fünf Jahren hofften sie, mit dem größten Teile der Bauten und Anlagen fertig zu sein und wollten dann die Anleihe jährlich mit hunderttausend Mark amortisieren. Besondere Bestimmungen verhinderten den Handel mit diesen Papieren, um keinem Außenstehenden auch nur den geringsten Einfluß zu erlauben. Herr von Rochow und Paul Seebeck hatten ihr ganzes Vermögen – eine halbe Million und zweihundertfünfzigtausend Mark – in diesen Papieren angelegt, Otto Meyer konnte fünfzigtausend beisteuern, und Edgar Allan zwanzigtausend. – Jakob Silberland, Nechlidow und Melchior besaßen nichts, konnten also auch nicht die fehlenden hundertachtzigtausend aufbringen, etwas, was Jakob Silberland in seiner Eigenschaft als Geschäftsführer sehr bedauerte. Bis jetzt war nämlich das Kapital nur in ganz geringem Umfange angegriffen, und der weitaus größte Teil des Geldes lag mit sechsmonatlicher Kündigung in der Filiale der »Deutschen Bank« zu Sidney, wo es viereinhalbes Prozent trug; die Anleihe konnte also auch, solange sie nicht verbraucht war, als eine werbende betrachtet werden, die anderthalb Prozent Überschuß im Jahre erbrachte.
Aber Jakob Silberland war praktisch und fand einen Weg, um die Unterbringung der restlichen hundertachtzigtausend Mark der Anleihe zu erzwingen. Es war nämlich festgesetzt worden, daß alle Staatsarbeiter – und das waren ja vorläufig alle sieben Gründer – ein jährliches Gehalt von fünftausend Mark beziehen sollten. Die spätere, erweiterte Gemeinschaft mochte diese Bestimmung bestätigen, abändern oder umstoßen; sie galt vorläufig nur für das erste Jahr.
Da jetzt von getrenntem Haushalt noch keine Rede sein konnte, wurden die Notdürfte des Lebens gemeinsam bezogen und entsprechend vom Gehalte abgezogen. Der Rest sollte bar ausgezahlt werden. Jakob Silberland setzte aber durch, daß nur die Hälfte dieses Geldes bar ausgezahlt wurde, die andere Hälfte aber in jenen Anleihepapieren, von denen zu diesem Zwecke die in Frage stehenden hundertundachtzigtausend Mark in Scheinen von je hundert Mark ausgegeben wurden. Sogar gegen den Zinsverlust in der Zeit vor Unterbringung der ganzen Summe verstand Jakob Silberland die Staatskasse zu schützen, indem er diese Papiere nicht zum Nominalwert, sondern mit einem jährlichen Aufschlage von anderthalb Prozent ausgab.
Inzwischen arbeiteten die anderen in der heißen Sonne. Ihre erste Sorge galt der Zuführung von Trinkwasser, dessen tägliche Herstellung im Destillationsapparate zu langwierig war. Man verzichtete vorläufig auf die Herstellung einer wirklichen, unterirdischen Wasserleitung, begnügte sich vielmehr damit, den kleinen Bach durch Spalten und Rinnen in die Bucht zu leiten, wobei zwar ziemlich viele Sprengungen, aber nur wenig Mauerungsarbeiten notwendig waren. In den folgenden Wochen arbeitete Edgar Allan an dem Stadtplane, während die anderen fünf kleinere, aber notwendige Arbeiten ausführten. Es war beschlossen worden, sofort nach der Fertigstellung von Allans Plänen an den Häuserbau zu gehen, und zwar sollten die Häuser in der Reihenfolge gebaut werden, in der die Gründer sich endgiltig zur Übersiedelung auf die Insel bereit erklärt hatten.
7. Kapitel
Die Sonne war untergegangen, und schon wenige Minuten später umhüllte tiefe Nacht die Insel. Nur wenn eine Welle sich am Strande brach, leuchtete für eine Sekunde grünlich-weiß der Gischt auf.
Die Sieben lagen, des starken Nachttaues wegen in leichte Decken gehüllt, schweigend um das Feuer, das sie der Stimmung wegen entzündet hatten, und sahen zum strahlenden Sternenhimmel empor.
Keiner sprach ein Wort.
Viertelstunde auf Viertelstunde verrann; unbeweglich lagen die Männer da, nur ihre Gedanken arbeiteten bei dem ewigen Rhythmus des Wellenschlages.
Endlich setzte Melchior sich auf. Mit zusammengezogenen Brauen starrte er vor sich hin, und das leise flackernde Feuer ließ seine scharfen Züge unheimlich erscheinen. Nach einer Weile hob er den Kopf und sagte zu Paul Seebeck:
»Herr Seebeck, darf ich auf jenes Gespräch zurückkommen, das wir vor mehreren Monaten in Berlin führten?«
Seebeck drehte sich halb herum und sah ihn fragend an. Seine Rechte spielte mit einigen Kieseln.
Melchior sagte:
»Unser Gespräch fing so an: ich fragte Sie, weshalb man nicht die Menschen ohne weiteres hier hersetzen könnte, damit sich die langsam entstehende Gemeinschaft selbst jenen absoluten Staat aufbaue, den wir hier künstlich schaffen wollen. Sie antworteten, daß die Menschen so vieles zu vergessen hätten, bevor sie reif würden, Sie gebrauchten das Wort Masseninstinkte – erinnern Sie sich noch?«
Paul Seebeck nickte. Nechlidow, der an der anderen Seite des Feuers lag, war aufgestanden und hatte sich dicht neben Melchior gesetzt. Dieser fuhr fort:
»Ich habe darüber nachgedacht und habe zunächst folgende Formel gefunden: Sie wollen die tierischen Masseninstinkte durch das menschliche Massenbewußtsein ersetzen.«
Paul Seebeck nickte und hörte auf, mit den Steinchen zu spielen. Nechlidow beugte sich mit offenem Munde und glänzenden Augen weit vornüber. Edgar Allan aber sagte gleichmütig im Hintergrunde:
»Glauben Sie denn wirklich, daß das geht? Wir, die etwas besonderes zu sagen haben, haben die Pflicht, uns die besten Bedingungen zu schaffen, um das Betreffende zu sagen und können dann mit gutem Gewissen abtreten. Denn wir erleben doch nicht, daß die Masse uns versteht; in manchen Fällen geschieht es später – meistens wohl überhaupt nicht. Aber wir haben die Pflicht, das zu geben, was wir geben können, gleichgiltig, ob es genommen wird oder nicht. Auf die Masse warten können wir aber nicht. Dazu ist unsere Zeit zu kostbar. Wir müssen es ihr anheimstellen, ob sie uns nachhumpeln will oder nicht. Die Geschichte machen wir und nicht die Masse.«
Verlegenes Schweigen folgte diesen Worten. Seebeck griff wieder nach seinen Steinchen. Jakob Silberland sagte:
»Nein, Herr Allan, Sie begehen den Fehler, überhaupt einen Unterschied zwischen Führern und Masse zu konstruieren. Das geht nicht. Ich will damit nicht nur sagen, daß es sich hier nur um graduelle, niemals prinzipielle Unterschiede handeln kann, da es so unzählige Gebiete gibt, auf denen irgend jemand führt; soziale, politische, religiöse, literarische, vegetarische, alkoholgegnerische und weiß Gott noch was für Führer gehören auf jedem anderen Gebiete wieder zu der geführten Masse; es handelt sich also immer nur um eine partielle, niemals um eine absolute Führerstellung, und erst die Resultante aller dieser großen und kleinen Bewegungen stellt die Geschichte der Menschheit dar, sondern –«
Er stand auf und hob dozierend einen Finger:
»Daß die Mitglieder eines heutigen Staates vollständig, die Mitglieder der ganzen Menschheit zum großen Teile, dasselbe sind, was die einzelnen Teile eines Korallenriffs, die einzelnen Zellen im menschlichen Körper sind: Glieder eines größeren Individuums, die durch die Arbeitsteilung und die darin liegende Verzichtleistung auf universelle Tätigkeit, als Ganzes mehr zu vollbringen vermögen, als das Einzelwesen kann. Kurz und gut, wir leben eigentlich schon im sozialistischen Zukunftsstaate, nur daß die Staatsformen, der äußere Ausdruck der inneren Organisation, immer um einige hundert Jahre zurück sind, ebenso wie der jeweilige Stand der Orthographie immer die gesprochene Sprache vor einigen hundert Jahren darstellt. Alles Unglück kommt aus dieser Inkongruenz von Form und Inhalt – und die wollen wir ja hier abschaffen, indem wir die Staatsform einige hundert Jahre Entwicklung überspringen lassen und sie genau dem gegenwärtigen Stande der menschlichen Organisation anpassen.«