Unsere Ausgaben waren folgende: Gehälter: abzüglich der Mietsbeträge eine Million siebenhundertachtunddreißigtausend fünfhunderteinundzwanzig Mark. Hausbau: drei Millionen achthundertsiebenundfünfzigtausend einhundertachtundsechzig Mark und zweiundvierzig Pfennige. Straßenbau, Anlage des Bewässerungssystems, Trinkwasserleitung, Hafenanlagen, Erde haben zusammen zwei Millionen, sechshunderttausend vierhundertachtundneunzig Mark sieben Pfennige gekostet. Verschiedenes kostete zusammen zweihundertachttausend neunhundertdreizehn Mark, neunundzwanzig Pfennige. Unsere gesamten Ausgaben betrugen also: acht Millionen, vierhundertfünftausend einhundert Mark und achtundsiebzig Pfennige. Wir schließen diese zweijährige Periode mit einem Defizit von anderthalb Millionen, siebenundvierzigtausend fünfhundertfünfundzwanzig Mark und sechsundneunzig Pfennigen ab.
Hierzu ist zu bemerken, daß wir dieses Defizit ja jeden Tag aus der Irenenbucht decken können; vielleicht sind wir sogar gezwungen, noch hundert Schildkröten herauszunehmen, um einen geordneten Zuchtbetrieb möglich zu machen. Dann, daß wir in diesen zwei Jahren einen großen Teil der Stadtanlage ausgeführt haben, so daß wir in der Zukunft nur einen geringen Posten dafür aufzuwenden haben werden. Dann, daß das für den Hausbau aufgewendete Geld sich mit neun Prozent verzinst. Die jährliche Miete beträgt zwar zehn Prozent der Baukosten, doch stellen wir ein Prozent für einen Reparaturfond zurück. Trotz dieses Defizits ist unsere finanzielle Stellung also sehr günstig.«
Jakob Silberland setzte sich, und Otto Meyer verließ das Podium. Im Hinunterschreiten flüsterte er Jakob Silberland zu:
»Bis an mein Lebensende werde ich nicht begreifen, weshalb ich hier heraufkrabbeln mußte. Aber wundervoll war es da oben.«
Jetzt erhielt Edgar Allan das Wort. Er kniff die Lippen zusammen und blickte über die Köpfe der Versammlung weg. Er sagte:
»Was ich gemacht habe, kann jeder Mensch sehen; ich hoffe, den hier vorherrschenden Geschmack getroffen zu haben. Jedenfalls habe ich alles getan, was in meinen Kräften stand.«
Jakob Silberland stand auf, gab wieder ein Glockenzeichen und sagte:
»Wünscht jemand aus der Versammlung das Wort? – Nicht? – Dann können wir zur Wahl schreiten. Hierzu ist zu bemerken, daß sich bis jetzt die Notwendigkeit von fünf Ämtern ergeben hat und zwar der folgenden: eines Vorstehers der Gemeinschaft, eines Schriftführers, eines Geschäftsführers, eines Architekten und eines Leiters der öffentlichen Anlagen. Zunächst wäre die Frage zu entscheiden, ob diese Ämter in der bisherigen Form weiterbestehen sollen. Weiterhin kann ich mitteilen, daß die bisherigen Inhaber dieser Ämter die bisher geltenden Bestimmungen zusammengefaßt haben. Ihre Nachfolger hätten dazu Stellung zu nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge der Versammlung zu unterbreiten. Ich erlaube mir daher, folgende Geschäftsordnung vorzuschlagen: zunächst erfolgt die Feststellung der Ämter, dann die Wahlen zu ihnen. Die so gewählten neuen Beamten hätten Stellung zu den bisherigen Gesetzen zu nehmen und ihre eventuellen Änderungsvorschläge einer späteren Versammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten. Schlägt jemand eine andere Geschäftsordnung vor? – Nicht? – Dann schreiten wir zu Punkt eins: Debatte über die bisherigen Ämter. Wer wünscht das Wort hierzu?«
Jetzt erhob sich endlich im Hintergrunde ein Mann und sagte grob:
»Ich meine, daß alles gut war, wie es war, und daß dieselben Herren oben bleiben sollen, denn die verstehen es doch am besten.«
Aller Augen hatten sich dem Redner zugewandt, der sich jetzt die Stirn eifrig mit einem roten Taschentuche rieb.
Jakob Silberland mußte zweimal läuten, bis das beifällige Gemurmel verstummte; dann sagte er:
»Der verehrte Herr Vorredner hat sich gleich zu den zwei ersten Punkten der Tagesordnung geäußert, und zwar schlägt er Beibehaltung der alten Ämter und Wiederwahl der bisherigen Beamten vor. Ist die Versammlung damit einverstanden, daß diese beiden Punkte gemeinsam behandelt werden?«
Jetzt kam Leben in die Versammlung, und von allen Seiten ertönten Beifallsrufe und Zustimmungsäußerungen. Da richtete Jakob Silberland sich stolz auf und sagte:
»Die ganz überwiegende Mehrheit wünscht die gemeinsame Behandlung beider Punkte. Ich stelle also den Vorschlag des Vorredners zur Abstimmung, die bisherigen Beamten zu ihren bisherigen Ämtern wieder zu wählen.«
Jetzt wich die Schüchternheit von der Versammlung. Die Beifallsrufe bekamen einen fast animalischen Charakter. Es wurde geschrieen, geklatscht und getrampelt.
Edgar Allan beugte sich zu Paul Seebeck und flüsterte ihm zu:
»Sehen Sie, wie sie bei dem Gedanken aufleben, wieder unter die Peitsche zu kommen. Wie ein Alp hat die Vorstellung auf ihnen gelastet, daß sie frei wären.«
Paul Seebeck seufzte und schwieg.
Endlich war es Jakob Silberland gelungen, mit seiner Glocke den Lärm zu übertönen. Sein Gesicht strahlte vor Freude und Stolz.
»Ich bitte diejenigen aufzustehen, die gegen den Vorschlag sind«, sagte er lächelnd. Und ebenfalls heiter lächelnd blieb die Versammlung sitzen.
Auf einen Wink von Jakob Silberland kamen Paul Seebeck, Edgar Allan, Otto Meyer und Herr von Rochow wieder auf das Podium. Paul Seebeck begann mit niedergeschlagenen Augen zu sprechen:
»Im Namen der anderen Herren danke ich Ihnen für Ihr Vertrauen. Die von dem Vorsitzenden vorgeschlagene und von Ihnen angenommene Geschäftsordnung bestimmt als nächsten Punkt die Vorlegung der bis jetzt bestehenden Gesetze samt unseren Vorschlägen. – Da wir der Lage der Dinge nach nicht nötig haben, uns mit dem fraglichen Materiale erst bekannt zu machen, können wir das jetzt gleich erledigen und brauchen keine spätere Versammlung dazu.«
Jakob Silberland reichte ihm einige Papiere. Paul Seebeck blätterte etwas in ihnen und sah dann auf:
»Ich will mir erlauben, das folgende Exposé vorzulesen, das wir sieben Gründer gemeinsam ausgearbeitet haben. Ich bitte, Änderungsvorschläge sofort vorzubringen, damit das, was unwidersprochen bleibt, als genehmigt angesehen werden kann. Ich möchte mir vorbehalten, in einigen Vorträgen oder in anderer Form die Gesetze vom rein-menschlichen Standpunkte aus zu erläutern – hier mögen sie rein praktisch angesehen werden.«
Er schwieg einen Augenblick; dann hob er ein Blatt in die Höhe und las:
»Die Gesetze der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel. – Erstens: Die Schildkröteninsel ist ein Teil des deutschen Kolonialbesitzes. Der jeweilige Vorsteher der Gemeinschaft auf der Schildkröteninsel ist in seiner Eigenschaft als Reichskommissar dem Staatssekretariat der Kolonien des Deutschen Reiches verantwortlich.
»Es ist dies nur eine Formsache«, erläuterte er aufblickend, »unter der selbstverständlichen Voraussetzung, daß der jeweilige Reichskommissar nichts gegen die Interessen des deutschen Reiches unternimmt, hat er ja – vom Reiche aus – unbeschränkte Vollmacht.
Zweitens: Nach einjährigem Aufenthalte erhält jeder Ansiedler und jede Ansiedlerin über einundzwanzig Jahre volles Bürgerrecht.
Drittens: Die Versammlung aller Bürger erläßt alle Gesetze, besetzt Ämter, bestimmt Ausgaben und Einnahmen der Gemeinschaft; sie faßt alle Beschlüsse mit einfacher Stimmenmehrheit.
Viertens: Der Gemeinschaft gehören folgende Dinge, die nie Privatbesitz werden können: der Grund und Boden mit Gebäuden, Gärten, Straßenanlagen, Wasser und Mineralien, dazu der Tierbestand der Irenenbucht. Häuser und Gärten, die dem Privatgebrauche bestimmt sind, werden verpachtet, wobei die jährliche Pacht zehn Prozent von den Bau- und Anlagekosten beträgt. Die Instandhaltung erfolgt auf Kosten der Gemeinschaft. Die Pacht ist unkündbar, solange der Pächter seinen Verpflichtungen nachkommt.
Fünftens: Alle Beamten und Arbeiter der Gemeinschaft beziehen ein jährliches Gehalt von fünftausend Mark und werden auf mindestens ein Jahr angestellt.
Sechstens: Schule, Krankenpflege, Alters- und Arbeitsunfähigkeitsunterstützung ist Sache der Gemeinschaft.
Siebentens: Jeder Bürger hat das unbeschränkbare Recht der freien Meinungsäußerung. –
Achtens –«
Er hielt einen Augenblick inne und sah auf die Versammlung, die sich ganz still verhielt. Dann legte er die Papiere auf den Tisch und sagte:
»Heute muß ein Schritt von großer Bedeutung unternommen werden. Bis jetzt sind wir alle Beamte gewesen; von heute ab ist es weder notwendig, noch wünschenswert. Wir brauchen vorläufig nur etwa ein Drittel der bisherigen Arbeitskräfte für den Dienst in der Gemeinschaft; die anderen zwei Drittel können sich jetzt freie Berufe ergreifen. Diejenigen, die auf ein weiteres Jahr im Dienste der Gemeinschaft stehen wollen, können sich später bei unserem Schriftführer, Herrn Otto Meyer, melden.«
Er sah mit leuchtenden Augen geradeaus:
»Ich bin kein Freund der Phrase. Aber ich darf wohl sagen, daß der heutige Tag in der Geschichte der Menschheit unvergeßlich bleiben kann. Helfen Sie mir dazu.«
Und die Verhandlungen nahmen ihren Fortgang.
Am Abend desselben Tages standen die sieben Gründer auf dem Balkon von Paul Seebecks Haus und sahen auf die Stadt hinunter. Wie leuchtende Perlenschnüre zogen sich die Reihen der Straßenlaternen durch das samtne Dunkel und zeigten hier deutlich, dort verschwommen die Silhouetten der Häuser. Und diese wiederum warfen aus ihren Fenstern einige scharfe und harte Lichtbündel in die Nacht.
»Unsere Gründung«, sagte Herr von Rochow und bewegte wie segnend die Arme, »unser großes Kind, das wir geboren haben, und das so traut und doch wieder so fremd dort unter uns liegt. Ein eigener, lebendiger Körper.«
»Und was sind wir in diesem Körper?« fragte Paul Seebeck, die Arme über der Brust verschränkt haltend.
»Doch wohl das Gehirn«, sagte Nechlidow ruhig.
»Und eben so fremd dem Körper, wie das Gehirn dem menschlichen Körper, der seine eigenen Wege geht, ohne sich um sein Gehirn zu kümmern«, fügte Edgar Allan hinzu.
Melchior griff sich mit der Linken an die Stirn.
»Der Körper lebt nach eigenen Gesetzen, kümmert sich nicht um das Gehirn, und die Menschheit ein Körper, ein lebendiger Körper, mit eigener Seele«, murmelte er. »Da liegt es ja!« schrie er auf.
Otto Meyer schlug ihn begütigend auf die Schulter:
»Nehmen Sie die Sache nur mit Ruhe. Sie brauchen die Welträtsel noch nicht heute abend zu lösen. Lassen Sie sich noch einige Tage Zeit. Die übrige Menschheit hat ja einige Tausend Jahre über sie nachgedacht, ohne sie zu lösen.«
Melchior sah dem Spötter ins Gesicht. Am ganzen Leibe vor Erregung zitternd, sagte er:
»Nicht die Welträtsel; aber das Problem des Menschen. Ich sehe jetzt, wo es liegt, sehe es klarer und klarer.«
9. Kapitel
Gabriele, jetzt brauche ich Sie. Helfen Sie mir, die Menschen zur Freiheit zu erziehen. Sie wollen das Bewußtsein der Freiheit haben, aber wagen nicht, sie zu gebrauchen.
Ich glaubte, die Elite der Menschen hier zu versammeln; ich sah die starken, freien Gesichter, die kühnen, rücksichtslosen Augen – und setzt man sie zusammen, wärmen sie sich wie eine Herde Schafe aneinander.
Und wir sieben stehen draußen, unverstanden und unverstehend.
Kommen Sie, die Mutter, kommen Sie und seien Sie ein Bindeglied zwischen uns und jenen, zwischen unserem Werke und unseren Gedanken.
Seebeck.
***
Trotz des Regens war Paul Seebeck in seinem Motorboote zur »Prinzessin Irene« hinausgefahren, um Frau von Zeuthen noch am Deck zu begrüßen.
Im Rauchsalon des Dampfers erwartete sie ihn mit ihren Kindern. Alle drei waren schon im Mantel.
Als sie sich begrüßt und eine halbe Stunde zusammen geplaudert hatten, sagte Frau von Zeuthen:
»Ich habe Ihnen wieder einen Menschen mitgebracht. Seien Sie lieb zu ihm, dann wird er wertvoll für Sie und Ihr Werk sein. – Felix, bitte Herrn de la Rouvière herzukommen.«
Felix sprang hinaus. Paul Seebeck erhob sich und blieb erwartungsvoll stehen. Unwillkürlich zuckte er aber zusammen, als er Herrn de la Rouvière sah, denn dieser war ein Krüppel. Er war nicht größer wie ein achtjähriger Knabe und hatte auch das Gesicht eines solchen. Seine Beine waren dick und kurz, seine Arme und die schwarzbehaarten Hände aber wohl noch größer, als die eines erwachsenen Mannes. Er blieb bescheiden im Türrahmen stehen.
Frau von Zeuthen sagte:
»Seine Vorfahren hat der Pöbel aus Frankreich vertrieben, und derselbe Pöbel machte dem Urenkel das Leben in Deutschland unmöglich. Nur hat er sich andere Waffen gewählt, die aber nicht weniger verletzen. Bei Ihnen sucht er eine Heimat, Seebeck!«
Seebeck trat auf ihn zu und reichte ihm die Hand, die der Krüppel fast schmerzhaft fest drückte:
»Seien Sie hier willkommen«, sagte er herzlich und sah ihm gerade ins Gesicht. Aber sein Lächeln erstarrte, als er in de la Rouvières Augen blickte. Sie schienen ihm plötzlich einen fast tierischen Ausdruck von Hunger zu bekommen. Aber im nächsten Augenblicke war dieser Ausdruck verschwunden, und der Krüppel stand wieder so bescheiden wie vorher da.
Im Augenblick vermochte Paul Seebeck nicht mehr mit ihm zu sprechen; er wandte sich daher an Frau von Zeuthen, die zusammen mit ihren Kindern etwas in den Hintergrund getreten war, und sagte:
»Darf ich Ihnen ein Amt anbieten, Gabriele? Ich kann doch wohl voraussetzen, daß Sie sich auch in äußerem Sinne nützlich machen wollen?«
Frau von Zeuthen trat lächelnd heran:
»Ich habe noch nie in meinem Leben ein Amt verwaltet. Vielleicht kann ich es hier. Wozu wollen Sie mich denn machen?«
»Zur Archivarin«, sagte Paul Seebeck. »Bis jetzt hat die Sekretärin, die ich mir habe geben lassen, auch das Archiv verwaltet. Aber die Arbeit wird ihr zu viel, und außerdem paßt sie nicht recht dazu.«
Gabriele dachte einen Augenblick nach; dann sagte sie:
»Ich danke Ihnen und freue mich auf diese Arbeit. Ich kann jetzt nur unklar sehen, worin sie besteht, und die Dame wird mich erst in die Einzelheiten einführen müssen. Ich stelle es mir schön vor, im stillen Zimmer zu sitzen und das unbegreiflich große und bunte Leben durch die festen Formen zu ahnen, in denen es sich grob und kalt niedergeschlagen hat.«
Paul Seebeck nickte ihr zu. Dann wandte er sich an Herrn de la Rouvière:
»Und wie denken Sie sich Ihre Zukunft hier? Wünschen Sie einen freien Beruf zu ergreifen, oder denken Sie an ein Amt?«
»Darf ich meine Zukunft nicht in Ihre Hände legen, Herr Seebeck?« antwortete der Krüppel und sah ihn treu und gut an.
»Wenn Sie mir soviel Vertrauen schenken wollen«, erwiderte Paul Seebeck und sah ihm gerade ins Gesicht.
»Aber was soll ich machen, Paul?« sagte Hedwig und ergriff einschmeichelnd seine Hand.
»Du? Ich glaube, wir werden dich als Kindergärtnerin brauchen können; unser Erziehungswesen liegt überhaupt recht im argen und muß erst gründlich organisiert werden«, fügte er, zu Frau von Zeuthen gewandt, erläuternd hinzu. Dann sah er sich nach Felix um; aber dieser sagte nichts, starrte ihn aber mit seinen großen, glänzenden Augen unverwandt an.
Frau von Zeuthen brach das sekundenlange Schweigen:
»Wie steht’s aber um die Dienstboten?«
»Dafür haben wir gesorgt; die jungen Leute zwischen sechzehn und einundzwanzig sind verpflichtet, sich irgendwie nützlich zu machen. Unsere jungen Damen sind Dienstmädchen, Krankenpflegerinnen oder Kinderfräuleins, die Jungen sind Laufburschen oder Hilfsarbeiter. Dafür bekommen sie etwas Taschengeld. Sie sehen, wir haben auch unsere allgemeine Wehrpflicht. Dispens wird nur erteilt, wenn Lust und Begabung zu selbständiger Tätigkeit vorliegt.«