»Und was machen Sie mit Ihren Verbrechern, Seebeck?« fragte Frau von Zeuthen wieder.
»Verbrechen sind noch nicht vorgekommen und werden wohl auch nie vorkommen. Einige geringfügige Übertretungen haben wir mit Geldstrafen belegt. – Dagegen haben wir »bürgerliche Rechtsstreitigkeiten«, wie Otto Meyer sich ausdrückt, in überraschend großer Anzahl, und da standen wir vor einer Schwierigkeit. Es war eine starke Stimmung vorhanden, ein Gesetzbuch auszuarbeiten, oder wenigstens einen unserer Juristen als Richter einzusetzen. Ich wollte natürlich nicht ein starres, eiskaltes Gesetzbuch in unser flutendes Leben werfen, und ebensowenig einen unserer, in ihrem Fach trotz allem verknöcherten Juristen anstellen. Schließlich setzte ich durch, daß die Monatsversammlungen alle Streitigkeiten durch Beschluß entscheiden.«
Frau von Zeuthen nickte und schwieg. Dann fragte sie:
»Wo sollen wir eigentlich wohnen?«
»Oh, dafür habe ich gesorgt,« antwortete Paul Seebeck schnell. »Ich habe Ihnen ein fünfzimmriges Haus reservieren lassen; wenn es Ihnen nicht gefällt, baue ich Ihnen ein anderes. Ich erlaubte mir, die ordnungsgemäße Reihe etwas zu durchbrechen«, fügte er lächelnd hinzu.
Frau von Zeuthen drohte scherzend mit dem Finger:
»Ihr Prinzip haben Sie durchbrochen? Diese Schandtat hätte ich Ihnen nicht zugetraut.«
»Durfte ich Ihretwegen nicht eine Ausnahme machen?« gab Paul Seebeck zurück.
»Aber was werden die andern dazu sagen?«
»Die andern? Ach Gott, Gabriele, die Verwaltung bringt es mit sich, daß wir so viele Dinge selbständig machen müssen – nachträglich wird dann alles gut geheißen.«
»Aber doch nicht, wenn Sie die grundlegenden Prinzipien verletzen.«
»Doch nur den Buchstaben, nicht den Sinn. – Ich scheue mich nicht ein Prinzip zu verletzen, wenn ich mir dadurch endlose Umwege spare und auf kürzerem Wege gerade das Ziel, den Sinn jenes Prinzips erfülle.«
»Aber betreten Sie damit nicht einen gefährlichen Boden? Wäre es nicht vielleicht doch besser, jene Umwege zu machen?«
»Nicht so lange ich so genau weiß, was ich will, und so klar mein Ziel vor Augen sehe. – Und hier liegt die Sache ja so klar: Ihre Mitarbeit ist für uns alle so ungeheuer wichtig, daß es meine Pflicht ist, Ihnen so schnell wie möglich volle Arbeitsmöglichkeit zu schaffen. Ob Fischer Petersen einige Wochen länger in der Baracke leben muß, erscheint mir, dagegen gehalten, als von geringerer Bedeutung.«
»Wenn aber Fischer Petersen sein Recht verlangt?«
»Wenn er es doch täte, Gabriele! Helfen Sie mir, ihn dazu zu erziehen! Und auch Sie, Herr de la Rouvière, müssen mir dazu helfen.«
»Fräulein Erhardt«, meldete das Dienstmädchen, und Frau von Zeuthen erhob sich vom Divan, auf dem sie in halb liegender Stellung ein Buch gelesen hatte.
Ein dunkellockiges Mädchen mit schwarzen, träumerischen Augen trat ein. Sie trug ein loses Reformkleid, das den Hals frei ließ. Unter dem Arme hatte sie eine schwarze dicke Aktenmappe, die einen ungraziösen Widerspruch zu der lieblichen Erscheinung des Mädchens darstellte.
»Gnädige Frau«, sagte sie und sank halb in die Knie.
Frau von Zeuthen war auf sie zugetreten, hatte sie bei der Hand ergriffen und fragte erstaunt:
»Sind Sie wirklich Herrn Seebecks Privatsekretärin?«
»Gewiß«, antwortete Fräulein Erhardt. »Schon seit drei Monaten.«
Frau von Zeuthen nahm ihr die Aktenmappe ab und legte diese auf einen Tisch. Dann bat sie Fräulein Erhardt, im tiefen Ledersessel Platz zu nehmen, setzte sich selbst auf den Divan und lehnte sich halb zurück.
»Erzählen Sie«, sagte sie dann.
»Ich habe nicht viel zu erzählen, gnädige Frau«, sagte Fräulein Erhardt. »Wie manche andere kam ich mit vielen unklaren Erwartungen und Hoffnungen hierher. In den ersten Tagen fühlte ich mich recht unglücklich hier in all der Geschäftigkeit und wußte gar nicht, was ich selbst beginnen sollte. Da verlangte Herr Seebeck von der Gemeinschaft eine Privatsekretärin – die anderen Herren hatten schon längst irgendwelche Hilfe bekommen – und ich meldete mich zu der Stellung. Das ist alles, gnädige Frau«, sagte sie und strich ihr Kleid glatt.
»Und wie war es in Ihrer Stellung?« fragte Frau von Zeuthen.
Über Fräulein Erhardts bleiches Gesicht glitt etwas Farbe. Sie sagte lebhaft:
»Es ist wunderschön, mit Herrn Seebeck zusammenzuarbeiten. Nur verlangt er von den anderen Menschen ebensoviel wie von sich selbst. Und so viel Wissen und Arbeitskraft hat doch kein anderer Mensch.«
Die Tür wurde aufgerissen, und naß und zerzaust stürmte Felix herein.
»Weißt du Mutter, was Paul Herrn de la Rouvière vorgeschlagen hat? Er soll hier eine Zeitung gründen und außerdem die Protokolle der Versammlungen führen.«
»Schön, schön mein Junge«, sagte sie aufstehend. Erst jetzt gewahrte Felix Fräulein Erhardt, die gleichfalls aufgestanden und etwas zurückgetreten war. Er wurde glühend rot im Gesicht.
Frau von Zeuthen legte ihm den Arm um die Schulter und führte ihn Fräulein Erhardt zu.
»Mein Sohn Felix«, sagte sie.
Felix verbeugte sich ungeschickt und reichte Fräulein Erhardt die Hand, die jene einen Augenblick lang festhielt.
»Entschuldigen Sie, ich hatte Sie nicht gesehen«, sagte er.
Fräulein Erhardt schüttelte langsam den Kopf:
»Das tut nichts«, sagte sie und sah Felix mit ihren großen, schwarzen Augen an.
Frau von Zeuthen sah die Beiden aufmerksam an; dann wandte sie sich dem Tisch zu, auf den sie die Aktenmappe gelegt hatte, und sagte:
»Willst du etwas bei uns bleiben, mein Junge? Fräulein Erhardt und ich haben allerlei zu besprechen, was dich wohl auch interessiert. Sie will mich in meinen neuen Beruf als Reichsarchivarin einführen.«
»Bleiben Sie doch, Herr von Zeuthen«, sagte Fräulein Erhardt bittend, und Felix setzte sich bescheiden in eine Ecke.
Fräulein Erhardt aber öffnete die Aktenmappe und erklärte Frau von Zeuthen, wie sie das Archiv bisher verwaltet hatte.
10. Kapitel
In der nächsten Sitzung der Vorsteherschaft brachte Paul Seebeck auch die Schulfrage zur Sprache und legte einen Schulplan vor, den er gemeinsam mit Frau von Zeuthen ausgearbeitet hatte. Die anderen fanden nur wenig daran auszusetzen, und bald hatte der Plan die Form gefunden, in der er der Gemeinschaft vorgelegt werden sollte. Als die Arbeit beendet war, bat Paul Seebeck die anderen Herren, bei ihm zum Abendessen zu bleiben und teilte gleichzeitig mit, daß er auch Frau von Zeuthen, Nechlidow und Melchior eingeladen hätte.
Bei Tisch fragte Frau von Zeuthen nach dem Schicksale des Entwurfs, und Paul Seebeck machte sie mit den geringfügigen Änderungen bekannt.
»Es ist doch fast eine Vergewaltigung«, sagte Edgar Allan plötzlich, »daß man so einem armen Wurme tausend Dinge beibringt, auf die es von selbst nie verfallen wäre – lauter fertige, geprägte Begriffe, ein fertiges Weltbild, eine fertige Sprache. Nichts darf sich das Kind selber bilden, muß alles das gläubig hinnehmen, was die früheren Generationen ihm vorgekaut haben.«
»Na, wissen Sie was«, sagte Otto Meyer. »Wollen Sie die Kinder gleich nach der Geburt in die Wüste schicken, um sich Sprache und Bildung ganz aus eigener Kraft zu bauen? Ich glaube, Sie würden zu Ihrer Überraschung einige entzückende Orang-Utans vorfinden.«
Aber Edgar Allan hatte sich in seinem Gedanken festgebissen und ließ sich nicht beirren. Sein Mund verzog sich nur ein wenig spöttisch, als er Melchiors heißes Gesicht sah. Er wandte sich Otto Meyer zu und sagte ungewöhnlich lebhaft:
»Doch nicht, Herr Referendar. Die Kinder würden doch eine gewisse Disposition im Gehirn von ihren kultivierten Eltern mitbekommen haben, die sie eben doch auf eine etwas höhere Stufe als den Orang-Utan stellen würde.«
»Aha!« sagte Otto Meyer. »Da setzen Sie aber die kultivierten Eltern voraus. Seien Sie jetzt aber etwas radikaler in Ihren Gedanken und setzen Sie den Fall, daß alle Kinder von Weltbeginn an in die Wüste geschickt worden wären. Dann hätten sie keine kultivierten Eltern, mithin hätten die Kinder eben auch nicht jene Kultur-Disposition im Gehirn, wären also doch reine Orang-Utans.«
Edgar Allan lehnte sich in seinem Stuhle zurück und legte Messer und Gabel hin.
»Sie wollen mich aufs Glatteis führen, Herr Referendar, und sprechen dabei nur meinen Gedanken aus.«
Jetzt hielten alle mit dem Essen ein. Ganz leise klirrte es, als die Eßgeräte auf die Teller und Messerbänke gelegt wurden. Edgar Allan sah sich im Kreise um und sagte lächelnd:
»Ich weiß wirklich nicht, ob mein Gedanke eine so ungeteilte Aufmerksamkeit verdient. Er ist nicht viel mehr als ein logisches Experiment, doch scheint er mir wert zu sein, zu Ende gedacht zu werden. – Sehen Sie, meine Herren, und Sie, gnädige Frau, die so liebenswürdig sind, zuzuhören. Ich meine folgendes: eine gewisse Disposition zur Weiterentwicklung muß schon im Menschenaffen gelegen haben, der unser aller Stammvater ist, und zwar schon lange vor der Sprache, mithin vor Logik, geformten Begriffen und Möglichkeit einer Fortentwicklung anders als durch die Vererbung jener Kulturdisposition. Die Entwicklung ging ungeheuer langsam, aber sie schritt fort. Da kommt mit der Sprache ein ganz neues Element herein, ein völlig unnatürliches: die Erfahrungen werden nicht nur durch Vererbung jener Kulturdisposition den folgenden Geschlechtern überliefert, sondern in rein abstrakter Form, sie werden gesagt, und das Kind lernt sie als etwas zunächst Fremdes, ihm unnatürlich Hohes. Und so geht das weiter. Mit Hilfe der Sprache bekommen die Begriffe ein eigenes Leben, eine selbsttätige Existenz, und immer größer wird die Kluft zwischen dem natürlichen Menschen, der ja auch immer mit einer, eine Nuance höheren, Kulturdisposition geboren wird, und dem, zu dem die Sprache mit allen ihren Anhängseln uns macht. Wenn wir unseren Kindern weder Sprache noch sonst etwas mitgeben würden, als nur unsere Kulturdisposition, würden sie kurz gesagt harmonische und glückliche Menschen sein und nicht jenen Zwist zwischen dem eigenen und dem angelernten Ich in sich tragen, der uns alle verzehrt.« – Nach einer kurzen Pause fuhr er fort: »Stellen Sie sich einen Eskimo vor, den man aus Grönland nach Berlin gebracht hat, und der sich dort im Laufe einiger Monate akklimatisiert hat. Er trägt unsere Kleidung, benimmt sich korrekt, aber trotz alles angelernten Anstandes, den das Milieu ihm aufdrängt, in dem er sich gezwungenermaßen befindet, gehen seine Gedanken und Triebe ganz andere, viel primitivere, brutalere Wege. Er spielt dauernd Theater. Statt der rauhen Prosa, die ihm natürlich wäre, muß er unausgesetzt hohe Verse sprechen und diese mit einstudierten Gesten und Mienen begleiten. Der gute Mann hat im Laufe einiger Monate oder Jahre eine Entwicklung, die naturgemäß Tausende von Jahren gebraucht hätte, überspringen müssen, und seine ganze Existenz wird zu einer einzigen Lüge. Seien wir einmal ehrlich: ist das nicht ganz genau unsere Lage? – Ich überlasse Ihnen, die Parallele zwischen der Eingewöhnung des Eskimos in unsere Kultur und unserer Erziehung zu ziehen.«
Minutenlanges Schweigen folgte. Dann ergriff Herr von Rochow das Wort:
»Ich finde Ihren Gedanken wundervoll und unwiderleglich. Und doch, sehe ich die Sache von einer anderen Seite an, komme ich zu einem ganz anderen Resultat. Wenn ich mir nämlich einfach den jetzigen Menschen und seine Sprache vorstelle, würde ich sagen, daß Sprache und Begriffe nicht mit ihm Schritt gehalten haben, sondern zurückgeblieben sind und tatsächlich nicht das auszudrücken vermögen, was wir denken und fühlen. Und doch finde ich Ihre Gedanken unwiderleglich.«
Er schwieg; Edgar Allan sah sich im Kreise um, als erwartete er weitere Meinungsäußerungen. Sein Blick blieb an Melchior haften, der ihn mit aufgerissenen Augen und offenem Munde anstarrte.
Jakob Silberland räusperte sich und sagte:
»Wie sonderbar. Vor einigen Jahren, als wir sieben noch ganz allein hier auf der Insel waren, führten wir ein Gespräch über Staatsformen im Verhältnis zum Menschen. Und auch dort stießen wir auf denselben Widerspruch, daß sie sowohl als fortgeschritten, wie auch als zurückgeblieben in bezug auf den Menschen angesehen werden könnten.«
»Seltsam, daß derselbe Widerspruch heute in ganz anderem Zusammenhange wieder auftaucht. Ach, ich entsinne mich deutlich jenes Gespräches«, sagte Herr von Rochow.
»Na, das Problem ist doch ganz dasselbe«, sagte Otto Meyer. »Formen, die die Menschen im Zusammenspiele schaffen, in ihrem Verhältnisse zum einzelnen Menschen. Apropos »Problem«, Herr Melchior, haben Sie es gelöst?«
Aber Melchior hörte ihn nicht.
Edgar Allan ergriff wieder das Wort: »Ich finde etwas Niederdrückendes darin, daß die Arbeit des Einzelnen durch diese geistigen Verkehrsmittel zum Allgemeingut werden. Jeder Idiot schmarotzt an uns, saugt unsere Gedanken aus, verwässert sie bis zur Karrikatur – siehe die christliche Kirche im Verhältnis zu ihrem Gründer – und ist dann stolz auf seine Eigenschaft als Kulturmensch. Ich sehe darin eine Ungerechtigkeit.«
»Nein«, sagte Jakob Silberland, »Sie irren. Sie gehen von einer längst abgetanen Weltanschauung aus. Sie vergessen den springenden Punkt: es gäbe keinen großen Menschen, wenn es nicht ein Milieu gegeben hätte, das ihn zeugte. Die großen Menschen schulden ihre Existenz der Masse, und diese wiederum ihnen. Das ist ein ewiges Wechsel- und Zusammenspiel; eine natürliche Funktion des großen Organismus Menschheit.«
»Sie haben viel gelernt, verehrter Herr Doktor Silberland,« sagte Edgar Allan mit leichtem Spotte. »Außer den Begriffsbrillen, die die gütige Menschheit so liebenswürdig ist, uns in den ersten Jahren unserer Kindheit auf unsere Nase zu setzen, haben Sie auch noch einige grüne und blaue und seltsam gestrichelte aus eigener Initiative aufgesetzt. Ich beneide Sie um Ihr geordnetes Weltbild, bezweifle aber doch, daß es sich mit der Wirklichkeit deckt. Wenn ich von dem mir Eingeprägten absehe, wenn ich unbefangen auf die Wirklichkeit sehe – etwas, wozu Sie als gebildeter Mensch überhaupt nicht mehr imstande sind – sehe ich statt unserer fiktiven Ordnung in der Welt nur ein ungeheures, rätselhaftes Chaos.
Alle unsere Moralbegriffe, Staatsformen, Sprache, Gedanken sind doch nur ganz schwache, ganz schiefe Reflexe der inneren Entwicklungsgesetze der Menschheit, die wir nicht kennen und nie kennen werden. Denn diese kindlichen Abstraktionen haben nicht nur ein eigenes Leben bekommen und entfernen sich demnach mehr und mehr von den Realitäten, sie werden auch als primär angesehen, und man soll sich nach ihnen richten. Das ist nicht das Problem der Menschheit, aber der Wahnsinn der Menschheit. Und jeder Einzelne von uns hat keine andere Aufgabe, als soviel wie möglich das Gelernte zu vergessen und in die Tiefen des eigenen Ichs herabzusteigen, zu seinem eigenen Wesen, und sich dort über seine Stellung im Chaos zu orientieren. Auf irgend einem, noch so kleinen Gebiete wird er sich Meister wissen, dort seine Arbeit ausführen und die übrige Menschheit ihrem Schicksal überlassen. Wenn jeder so dächte, kämen wir vielleicht wieder in eine gesunde Entwicklung hinein. Wenn wir auf das forzierte Tempo verzichten, was die Menschheit bis jetzt angewendet hat, und uns einige millionenmal langsamer entwickeln, wird vielleicht noch einmal etwas aus den Menschen statt der Schattenwesen, die wir jetzt darstellen. Was meinen Sie, Seebeck?«