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作者:德- Erich von Mendelssohn 当前章节:15616 字 更新时间:2026-6-18 20:16

»Ich finde den Gedankengang sehr interessant. Auch sehr wertvoll. Es ergeben sich aus ihm aber so viele Perspektiven, daß man Zeit braucht, um zu ihm Stellung zu nehmen. So im Augenblicke kann ich es nicht. Ich werde darüber nachdenken.«

Jetzt sprang Nechlidow mit einer solchen Heftigkeit auf, daß der Stuhl umfiel, auf dem er gesessen hatte. Er schrie:

»Es wird ja immer toller; jetzt ist es aber wirklich genug. Ich wenigstens habe keine Lust mehr, länger an der Komödie mitzuspielen. Wir kamen hierher, um die großen Menschheitsgedanken zu verwirklichen, die große, ruhige Linie auszufüllen. Und was geschieht? Hier ein Kompromißchen und dort ein Kompromißchen; überall Halbheiten, nichts Ganzes. Alles Wankelmütigkeit und Wunsch nach dem behaglichen, ruhigen Fahrwasser, nur um Gotteswillen keinen energischen Schritt. Was ist aus den Idealen geworden, mit denen wir hierherzogen? Phrasen, Worte, Andeutungen, keine Tat, keine Wirklichkeit.

Und heute kommt die Krone des Ganzen. Hier im Kreise der Gründer stellt Herr Allan seine logischen Experimente an, die weiter nichts sind, als eine Beschimpfung der menschlichen Vernunft, eine Erniedrigung der Sozietät. Wenn Herr Allan den dummen Orang-Utan wirklich so viel höher stellt, als den vernünftigen Menschen, mag er zu den Orang-Utans gehen. Aber statt ihn zurechtzuweisen, hören Sie sein kindisches und frivoles Geschwätz ernsthaft an, antworten ihm sogar, wollen sich die Sache sogar noch genauer überlegen.

Ich aber glaube an die menschliche Vernunft, die vielleicht sogar einmal in Allans Nachkommen die Sehnsucht zum Affen ertöten und volle Menschen aus ihnen machen wird.

Euch gebe ich auf; aber noch nicht die Sache, mit der ihr nur noch spielt. Ich werde versuchen, ob ich sie noch aus dem Schlamme retten kann, in dem ihr sie festgefahren habt.«

Er verließ das Zimmer und schlug die Tür mit Gewalt hinter sich zu.

11. Kapitel

Edgar Allan und Felix waren am Ende der Straße an der linken Seite der Bucht angelangt. Vor ihnen lag die ziemlich steile Felswand, wo es nur an einigen, und ziemlich weit von einander abliegenden Plätzen möglich war, Häuser zu bauen.

Beide trugen, des strömenden Regens wegen, dicke Gummimäntel und hohe Stiefel.

»Sehen Sie, Felix«, sagte Edgar Allan stehen bleibend und wandte sein scharfes Gesicht dem Knaben zu. »Hier ist der gebahnte Weg zu Ende, und die Steine fangen an. Hinter uns liegt die behagliche Wärme der Masse.« Die hagere, sehnige Gestalt hoch aufrichtend, sagte er, »ich bin der Erste, der hier hinaus zieht, aber glauben Sie mir, die andern sechs werden mir hierher folgen. Auch Nechlidow, obgleich er mich ermorden könnte, wenn ich es ihm jetzt sagte.«

Felix sah dem starken und einsamen Manne halb bewundernd und halb zweifelnd ins Gesicht. Er antwortete nichts.

Dann stiegen sie weiter, über die Felsblöcke und durch die schäumenden Regenbäche, und suchten einen Platz für Allans neues Haus.

In diesem Jahre war die Regenzeit heftiger als je vorher und machte fast jede Beschäftigung außer dem Hause unmöglich. Es war ein Glück, daß Edgar Allan bei der Stadtanlage so genau alle Eventualitäten berechnet hatte; sonst wäre wohl manches der kleinen Gärtchen fortgeschwemmt worden.

Paul Seebeck benutzte die Zeit der allgemeinen Untätigkeit zur Durchführung eines Planes, den er schon lange gehegt hatte. Allwöchentlich fanden jetzt im Volkshause Vorträge statt, die dann in der nächsten Nummer der von Herrn de la Rouvière mit Geschick geleiteten »Inselzeitung« gedruckt wurden.

Paul Seebeck selbst hatte den ersten Vortrag gehalten; ihm folgte Jakob Silberland mit einem ganzen Zyklus volkswirtschaftlicher Vorträge, und nach ihm behandelte Herr von Rochow verschiedene schöngeistige Gebiete.

Die »Inselzeitung« erwies sich nicht nur als notwendig, sondern auch als Machtfaktor: der Krüppel hatte der öffentlichen Kritik einen breiten Raum geschaffen, und mancher sprach lieber hier unter dem Schutze des Redaktionsgeheimnisses seine Meinung aus, als in den Versammlungen der Gemeinschaft. Herr de la Rouvière versah die Eingesandts mit zustimmenden oder abfälligen Glossen, und deshalb galt es, sich mit ihm gut zu stellen, wenn man einen Erfolg wünschte. Und Herr de la Rouvière empfing die Besucher an seinem Schreibtische, der so niedrige Beine wie der eines Knaben hatte, und besprach stundenlang mit dem Besucher dessen Anliegen, so daß jener mit der Gewißheit davon ging, daß seine Sache in guten Händen lag.

Gelegentlich suchte Herr de la Rouvière Frau von Zeuthen auf, und dort traf er zuweilen um die Teestunde Paul Seebeck, der einige freundliche Fragen an ihn richtete, die er bescheiden beantwortete, worauf er gewöhnlich bald fortging.

Als Frau von Zeuthen und Paul Seebeck so eines Tages allein geblieben waren, sagte sie:

»Ist es nicht eine Freude, zu sehen, wie er sich hier entwickelt. Da haben Sie wieder einem Menschen freie Entfaltungsmöglichkeit gegeben, einen Nährboden, wo er Wurzeln schlagen kann.«

Paul Seebeck antwortete nicht; Frau von Zeuthen sah ihn mit ihren großen, strahlenden Augen an und sagte:

»Sie stehen so sehr im Tagesbetriebe, müssen sich zu sehr mit widerwärtigen Kleinigkeiten herumschlagen. Hätten Sie etwas mehr Distanz – was Sie der Natur der Sache nach im Augenblicke nicht haben können – würden Sie sehen, wieviel Sie schon erreicht haben. Selbst in Nechlidows Überspanntheit liegt so viel Größe, die geweckt zu haben Ihr Verdienst ist.«

Paul Seebeck war aufgestanden und ging nervös im Zimmer auf und ab. Dann blieb er vor Frau von Zeuthen stehen:

»Es gibt Augenblicke«, sagte er, »wo ich meine, daß Nechlidow recht hat. Wenn ich aber dann an meinem Schreibtische sitze, meine Papiere heraussuche und mich frage, was ich denn hätte anders machen sollen, dann finde ich nichts. Es gibt so viele Gegenstände bei der Verwaltung eines Staates, die einfach in einer ganz bestimmten Weise und nicht anders erledigt werden müssen, ganz gleichgiltig, ob man konservativ oder liberal oder sonst etwas ist. Vom grünen Tische sehen manche Dinge eben ganz anders aus, als in der Praxis, und besonders für den, der die Verantwortung trägt.

Ich verstehe jetzt so gut eine Erscheinung, die mich früher so oft erstaunt hat: wenn in einem parlamentarisch regierten Lande die bisherige Oppositionspartei ans Ruder kommt und ihre bisherigen Führer Minister werden, erfolgt fast immer ein Bruch zwischen ihnen und ihrer eigenen Partei, die ihnen den Verrat an den Parteiprinzipien vorwirft. Die Sache liegt natürlich einfach so, daß unzählige Dinge – namentlich in der Verwaltung – mit Prinzipien gar nichts zu tun haben und ihrer Natur nach erledigt werden müssen. – Ich habe mir schon früher das gedacht, aber jetzt begreife ich es erst wirklich.

Hier kann man natürlich keine Grenze ziehen; es ist aber doch ein Unterschied, ob man überhaupt ein Ziel vor Augen hat, oder, auf ein paar bequeme Schlagwörter gestützt, alles ruhig fortwursteln läßt. In dieser Beziehung habe ich ein reines Gewissen.«

Paul Seebeck blieb stehn; er biß sich auf die Lippen und sagte:

»Wissen Sie, Gabriele, was ich mir selbst in jenen einsamen Stunden sage, wo man ehrlich gegen sich selbst ist? Ich will es Ihnen bekennen: wir schaffen hier nicht die realen Werte, die wir schaffen wollten, und unser ganzes Werk war vom ersten Augenblick an eine Unmöglichkeit. Das unendliche Leben läßt sich überhaupt nur in einem Sinne formen, und das ist in der Kunst, die immer einseitig und beschränkt und deshalb vollkommen ist. Silberland hat mich einmal einen Künstler genannt, und ich fühle, daß er recht hat, obwohl ich weder dichte noch male. Aber wie jeder schaffende Künstler hatte ich ein starres, unvollkommenes Material, in das ich den rauschenden Strom des Lebens zwängen wollte. Das waren die staatlichen Begriffe. – Wie hat doch Edgar Allan recht, und wie Nechlidow! – Aber statt zu sagen: als Künstler gebe ich eine ganz einseitige Stilisierung des Lebens, aber ich forme nimmermehr das Leben selbst, sagte ich: hier ist das Leben in seinen natürlichen Formen. Ich habe die unendliche Mannigfaltigkeit des Lebens unterschätzt und sehe, daß es an sich weder begreiflich noch faßbar ist, wenn man es eben nicht als Künstler einseitig stilisiert, und es in seinem Reichtum vorbeifluten läßt.

Und sehen Sie, Gabriele, dann sage ich mir: wir schufen hier nicht den Staat, und er wird nie geschaffen werden, wenn er sich nicht selbst aufbaut, wir schufen nur eine Fiktion des Staates, lassen die andern ein Theaterstück aufführen, dessen Autoren und Regisseure wir sind. Aber sie spielen nur so lange Theater, wie sie in unserem Bannkreise sind, nicht eine Minute länger! Dann gehen sie nach Hause und führen ein Leben, von dem wir nichts wissen, und das uns auch nicht interessiert.

Aber dann, Gabriele, dann sehe ich Menschen wie Silberland, die ohne zu zweifeln, arbeiten und an die Vollendung glauben. Und dann glaube ich auch selbst wieder daran, daß aus der Komödie Wahrheit werde.«

Er setzte sich in den tiefen Ledersessel, stützte das Kinn in die Hand und sah vor sich in den Raum. Frau von Zeuthen stand auf, trat vor ihn hin und legte ihre beiden Hände ihm auf die Schultern:

»Seebeck, ich gab Ihnen meinen Segen zu diesem Werke; ich gebe ihn Ihnen noch einmal zu seiner Vollendung.«

Er sank vor ihr nieder und umschlang mit solcher Heftigkeit ihre Knie, daß die hohe Frau schwankte. Da faßte er ihre Hände und drückte sie an sein Gesicht:

»Gabriele«, sagte er, »ich bin so einsam, so fürchterlich einsam. Und die Nächte sind so lang. Wenn alle die quälenden Gedanken kommen, dann sehne ich mich nach Ihnen, Gabriele, nach dir, du Hohe, Reine. Komm zu mir mit deinen kühlen, weißen Händen. Ich bin so fürchterlich allein.«

Sie hob ihn auf und zog ihn an sich. Er lehnte seinen Kopf an ihre Brust und schluchzte.

Langsam führte sie ihn zum Divan. Aber da sank Seebeck aufs neue vor ihr hin und barg sein Gesicht in ihren Schoß. Der große, starke Mann bebte am ganzen Körper, sie strich ihm lind über das Haar.

»Mut, Mut!« flüsterte sie ihm zu. »Ich kann nicht zu dir kommen; jetzt kann ich nicht zu dir kommen. Du würdest dein Werk vergessen und das darfst du nicht. Diese Insel ist der Inhalt deines Lebens; ihr mußt du leben, wenn es nötig ist, mußt – wirst du für sie zu sterben verstehen. Ihretwegen mußt du das Opfer deines Menschentums bringen.« Sie beugte sich tief zu ihm hinab und legte ihre kühle Wange an seine heiße:

»Glaubst du denn nicht, in wieviel schweren Nächten ich mich nach dir gesehnt habe, du starker, du guter Mann. Aber ich weiß, daß ich dich deinem Werke entziehen würde, statt es zu fördern. Und das darf nicht sein. Was ist das Liebesglück zweier armseliger Menschlein im Vergleich mit deinem Werke! Sei stark,« sagte sie, während sie sich wieder aufrichtete, »dazu will ich dir helfen. Aber deine Einsamkeit ist dein größtes Gut, sie gebar die neue Gemeinschaft, sie wird sie zur Höhe erziehen. Aber du darfst kein armer, schwacher Mensch werden: mehr wie ein Mensch mußt du sein.«

Da erhob Paul Seebeck den Kopf aus Frau von Zeuthens Schoß. Seine Augen wurden groß und starr. Langsam und schwer sprach er die Worte:

»Und ich schwöre Ihnen, Gabriele, von dieser Stunde an nur meinem Werke zu leben, und wenn es nötig ist, dafür zu sterben.«

Er stand schnell auf und trat ans Fenster. Durch den strömenden Regen blinkten einige Lichter, einige erleuchtete Fenster. Langsam drehte er sich herum und sah erst jetzt, daß das Zimmer fast dunkel war. Nur im Umriß sah er Frau von Zeuthen auf dem Divan sitzen. Mit gesenktem Haupte und schleppenden Schritten trat er auf sie zu, ergriff ihre Hand, die sie ihm nicht entzog, hielt sie lange in der seinen und zog sie dann langsam an seine Lippen.

Da erhob sich Frau von Zeuthen:

»Geh jetzt«, sagte sie fast hart, »geh zu deiner Arbeit.«

Er neigte kaum merklich den Kopf und verließ mit schnellen Schritten das Zimmer.

12. Kapitel

Der niederströmende Regen wurde schwächer. Man sah statt des ewig gleichmäßigen Graus am Himmel wieder Wolken, die langsam und schwer weiterzogen. Zuweilen blickte sogar ein blaues Stückchen Himmel aus ihnen hervor. Und endlich, endlich war der Himmel wieder rein, und die Sonne schien.

Ein schwerer, warmer Brodem stieg von den Gärten auf und lag wie ein Dunst von Leben und Fruchtbarkeit über der Stadt. Die Wasserrinnen an den Abhängen versiegten, in wenigen Tagen waren die Straßen wieder trocken.

Da wollte Paul Seebeck Frau von Zeuthens Kindern eine Freude machen und ließ sich zwei kräftige Pferdchen mit dicken, behaarten Beinen kommen.

An einem Sonntage machten sich Hedwig und Felix auf, um das Innere der Insel zu erforschen. In den Satteltaschen hatten sie Essen für sich mit, und auf den Rücken der Pferdchen hatten sie Heu aufgeschnallt.

Sie ritten langsam die Hauptstraße hinauf; als sie aber die Plattform erreichten, auf der das Volkshaus stand, stiegen sie ab, um die Tiere nicht zu überanstrengen, und führten sie am Zügel die Serpentinen hinauf. Als sie auf dem Hochplateau standen, sahen sie die Pyramide des Vulkans riesenhaft und scharf in die Höhe ragen. Ein ganz dünnes Wölkchen – kaum mehr als ein Schleier – schwebte über seiner Spitze.

»Da müssen wir hinauf«, sagte Felix und half Hedwig wieder in den Sattel, »was meinst du?«

Hedwig gab mit der Peitsche ihrem Pferdchen einen kleinen Schlag:

»Komm«, rief sie und galoppierte voran.

Sie waren immer noch auf dem gebahnten Wege, der der Arbeit am Staubecken wegen angelegt worden war, und nach einer halben Stunde hatten sie dieses erreicht. Sie sprangen von den Pferden, an denen der Schweiß herunterrann und setzten sich auf einige Steinblöcke.

Vor ihnen lag ruhig der See, aber von dem Meere her klang ein donnerndes Getöse zu ihnen hin.

»Weißt du, was Allan mir erzählt hat?« fragte Felix. »Er will im See einen künstlichen Schlammboden machen und Fische hineinsetzen. Er sagte, das wäre gar nicht so schlimm, er wüßte nur nicht, wie er verhindern sollte, daß die Fische mit dem Wasserfalle ins Meer gerissen würden. Aber das findet er sicher auch noch heraus!«

»Fische? Wie nett. Aber dann soll er auch Vögel hierherbringen.«

»Daran hat er auch schon gedacht; er will überhaupt alle möglichen Tiere hier wild aussetzen. Er weiß nur noch nicht welche. Aber er sagte, daß nach zehn Jahren die Insel alle möglichen Pflanzen und Tiere haben wird. Ich soll ihm bei der Arbeit helfen. Du, das wird wundervoll!« rief er.

»Aber wie sollen hier Tiere leben?« fragte Hedwig zweifelnd und sah sich in der öden Steinwüste um.

»Das geht schon. Allan sagte, das schwerste wären die Säugetiere. Mit den Fischen ist es nicht so schlimm, er will Tang massenhaft aus dem Meere hierherbringen und dann Süßwasserpflanzen hineinstecken. Wenn das alles richtig in Gang gekommen ist, bringt er Insekten und zuletzt die Fische. – Und mit den Vögeln, sagt er, wäre die Sache einfacher: einige Möven brüten ja schon. Man sollte nur an irgend einer Stelle, die so weit von der Stadt weg ist, daß der Gestank nicht hinkommt, regelmäßig tote Fische hinlegen, aber furchtbar viele natürlich, und dann würden die Vögel schon kommen. Aber wie er das mit den Säugetieren machen will, weiß er noch nicht recht; er sagt, es könnten zunächst nur Tiere sein, die von Fischen oder Vögeln leben. – Und bei der ganzen Arbeit soll ich ihm helfen, ist das nicht wundervoll?« rief er.

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