Tolmer schwieg. So gern er den Mann vor jenem gefährlichen Verbrecher gewarnt hätte, durfte er es in Gegenwart des Dritten nicht wagen, von dem er ja nicht wußte, ob er ihm trauen konnte. Auf dem Lande fand sich dazu vielleicht eher Gelegenheit. Jedenfalls hatte er genug von seinem Reisegefährten gesehen, um von dessen Ehrlichkeit überzeugt zu sein, und diesem selbst mußte ja daran liegen, den gefährlichen Menschen so bald wie irgend möglich unschädlich gemacht zu sehen.
Rasch verfolgte indessen das Boot seine Bahn. Immer höher und deutlicher tauchte das ferne Land der Känguruh-Insel aus dem Meer auf, und schon konnten sie die einzelnen Vorsprünge, ja bald darauf den Busch und die ihn überragenden höheren Bäume erkennen.
Die Brise ließ gerade jetzt ein wenig nach, und Rodwell verging fast vor Ungeduld, daß das Boot nicht mehr so flüchtig vorwärts schoß. Bald aber blähte sich das Segel wieder voll im Wind, und als die Sonne sank und Nacht das Meer deckte, waren sie dem Lande nahe genug gekommen, ihre Bahn trotz der Dunkelheit fortzusetzen. Rodwell kannte hier jeden Vorsprung der Küste, jede Klippe, und steuerte den schlanken Kahn mit sicherer Hand an den alten gewohnten Landungsplatz.
»So, und nun kommt, Fremder - ich habe Euch noch nicht einmal nach Eurem Namen gefragt«, sagte er, als er mit leichtem Schritt an Land sprang, es dem Matrosen überlassend, das Boot an der gewöhnlichen Stelle in Sicherheit zu bringen und Segel und Ruder zu bergen.
»Barner heiße ich«, sagte Tolmer, ihm etwas langsamer folgend, denn er wollte sich durch seinen recht bekannten Namen nicht vor der Zeit verraten.
»Gut denn, Mr. Barner, sagte Rodwell freundlich, »die Nacht müßt Ihr nun ohnehin mein Gast bleiben, da die Häuser in meiner Nachbarschaft noch gar spärlich gesät sind, und morgen bleibt Euch Zeit genug, den Wanderstab zu setzen, wohin es Euch beliebt.«
»Und hier ist Euer Haus?« fragte Tolmer, der sich in der Dunkelheit nicht zurechtfand.
»Gleich da drüben, hinter den einzelnen Bäumen, die Ihr dort gegen den helleren Himmel könnt abstechen sehen. Eigentlich müßten wir von hier aus auch schon das Licht im Innern erkennen können, aber meine Frau hat mich gewiß heute noch nicht erwartet.«
Er war, während er sprach, auf den bekannten Pfaden so rasch vorwärts geschritten, daß ihm Tolmer kaum zu folgen vermochte. Jetzt hatten sie die Gartentür erreicht, aber auch diese war ungewohnterweise verschlossen. Rodwell hob indes die leichte Gattertür aus den Angeln und führte seinen Begleiter den breiten kiesigen Gartenpfad entlang zum Hause, das sie jetzt mit seinen dunklen Umrissen dicht vor sich erkennen konnten.
Hier hatten sie bald die Haustür erreicht, an die Rodwell leise dreimal anklopfte. - Niemand antwortete ihm. Er klopfte stärker - alles blieb totenstill im Haus; kein Licht erschien, kein Schritt wurde laut.
»Sie kann doch noch nicht schlafen«, murmelte Rodwell vor sich hin, »es ist kaum acht Uhr.« Und lauter, kräftiger schlug er gegen die Tür, daß es durch das ganze Haus dröhnte. - Umsonst. Im Haus rührte und regte sich nichts.
Rodwell sprach kein Wort. Still und regungslos stand er an seiner eigenen Tür, und wie die Ahnung von etwas Entsetzlichem griff es ihm an die Seele und machte sein Blut in den Adern stocken.
Da knarrte im oberen Stock, gerade über der Tür, ein Fenster, und eine ängstliche Frauenstimme rief: »Wer ist da? - Seid Ihr es, Master?«
»Betsey!« rief Rodwell und holte tief Atem - es war ihm, als ob sich eine Zentnerlast von seiner Seele wälze. »Öffnet denn niemand, und schläft meine Frau schon so fest, daß sie mich gar nicht hört?«
»Ich komme gleich hinunter und mache die Tür auf«, sagte das Mädchen und verschwand vom Fenster.
Die beiden Männer wechselten indessen kein Wort miteinander. Mit fast krampfhaftem Griff hielt Rodwell die Klinke fest in seiner Hand, bis sie im Haus die Schritte des Mädchens hörten, das langsam die Treppe herunterkam und innen die beiden Riegel von der Tür zurückschob. Jetzt steckte sie den Schlüssel ein und schloß auf, und im nächsten Augenblick stand ihr Rodwell gegenüber.
»Ach du mein lieber Gott!« rief da das Mädchen, während ihr die Tränen aus den Augen stürzten, »ich kann ja nichts dafür - ich bin ja wahrhaftig unschuldig, wenn ich es mir auch gedacht habe, daß das Unglück noch geschehen würde.«
Rodwell war leichenblaß geworden. Er zitterte so, daß er sich an Tolmer halten mußte, um nicht umzusinken. Nur sein stierer Blick saugte sich an dem Mädchen fest, das ihr Antlitz in den Händen barg und laut und heftig schluchzte.
»Was ist vorgefallen, Betsey?« fragte er endlich mit leiser, völlig tonloser Stimme. »Wo ist - meine Frau - mein - Kind?«
»Fort!« stöhnte da das Mädchen, »O du lieber Gott, fort - fort - beide!«
»Die Schlange!« hauchte Rodwell, und Tolmer sprang hinzu und hielt ihn, denn er sah, wie der starke Mann in die Knie brach, und glaubte, daß er zu Boden stürzen würde. Aber der Unglückliche raffte sich mit fast übermenschlicher Anstrengung wieder empor und schritt, Tolmers Arm ergreifend, langsam in sein Haus.
Langsam und nur zögernd folgte das Mädchen den beiden Männern mit dem Licht, und Rodwells umherschweifender Blick hatte rasch auf dem dunklen Tisch einen kleinen zusammengefalteten Brief erkannt. Er nahm ihn hastig auf und wollte ihn erbrechen, hielt aber plötzlich wieder an und legte ihn auf den Tisch zurück. Dann warf er sich auf das Sofa und sagte mit ruhiger, fester Stimme:
»Erzähle mir, was hier vorgefallen ist, Betsey. Ich brauche dich nicht zu ermahnen, mir die lautere Wahrheit zu sagen. Wenn du einst selig zu werden hoffst, sprich und mach mich mit allem bekannt, und sei es das Schrecklichste.«
Das Mädchen konnte vor heftigem Schluchzen kaum reden, nach und nach aber brachte Tolmer, der seine ganze Ruhe behielt und von Anfang an schon ahnte, was hier vorgegangen war, alles, was Betsey wußte, aus ihr heraus.
Kapitän Howitt - Rodwell griff bei dem Namen fest und krampfhaft in die Lehne des Sofas - war während seiner Abwesenheit oft - ja alle Tage im Haus gewesen, zu früher und später Stunde, und hatte viel und heimlich mit »Mistreß« gesprochen. Wenn er fort war, hatte Mrs. Rodwell manchmal geweint, aber er sei immer wiedergekommen, und gestern abend seien sie miteinander im Garten spazierengegangen. Gestern abend sei auch der Kapitän zum erstenmal in einem Boot gekommen, und Mrs. Rodwell habe gesagt, sie wolle ein wenig damit in die Bay hinausfahren. Sie - Betsey - habe das nicht zugeben wollen und gemeint, es sei schon zu spät, Mistreß aber hätte darauf bestanden und wäre mit dem Kind im Arm und Kapitän Howitt an der Seite in das Boot gestiegen. Wie sie darin gewesen, habe die Mistreß noch eine Flasche Milch für das Kind verlangt, wenn es etwas unruhig werden sollte, dann seien sie mit Mr. Rodwells Knecht, der sonst die Pferde besorgt hat, hinaus in die See gefahren - immer weiter, bis es dunkel geworden und sie das Boot nicht mehr habe erkennen können. Dann sei sie aufgeblieben und habe bis zwölf Uhr in der Nacht gewartet, daß sie zurückkehren sollten - aber sie kamen nicht - weder Frau hoch Kind kehrten zurück, und als sie im Zimmer das Briefchen an den Herrn da auf dem Tische gesehen, da habe sie auch das Schlimmste schon gewußt und sich die Augen fast aus dem Kopf geweint vor Scham und Weh.
»Es ist gut, Betsey«, sagte Rodwell und winkte ihr mit der Hand, hinauszugehen. »Zünde das Licht dort drüben an und laß uns dann allein.«
»Welche Richtung nahm das Boot?« fragte Tolmer, während das Mädchen dem Befehl gehorchte.
»Gerade dem Festland zu«, lautete die Antwort, und froh, keine weitere Rede mehr stehen zu müssen, verließ das Mädchen rasch das Zimmer, riegelte die Haustür wieder zu und stieg in ihre eigene Kammer hinauf.
Rodwell stand indessen von seinem Sitz wieder auf, erbrach den Brief, trat damit zum Licht und überflog mit stierem Blick die Zeilen.
»Da nehmt und lest«, sagte er endlich, als er wieder und wieder hineingesehen und immer noch das verhängnisvolle Blatt nicht aus der Hand legen wollte. »Nehmt nur, Kamerad, und seht meine Schande da schwarz auf weiß. Das Schlimmste wißt Ihr doch, und da Euch Gott einmal in dieser schweren Stunde zu meinem Vertrauten gemacht hat, erfahrt auch das andere. Vielleicht gebrauch ich ohnedies Euren Rat - Eure Hilfe.«
Tolmer nahm den Brief und las:
»Charles, verzeihe Deinem treulosen Weib. Ein dunkles Verhängnis zwingt mich, den Frieden Deiner Schwelle, deren Segen ich nicht mehr verdiene, zu meiden. Ich bin namenlos unglücklich und doch nicht imstande, von dem Mann zu lassen, der meine Seele mit magischer Gewalt umstrickt hat. Du siehst mich nie wieder. Versuch nicht, uns zu folgen. Vom Festland aus schiffen wir uns nach Europa ein. Versage Deinem unglücklichen Kinde den väterlichen Segen nicht, und möge die Zeit einst kommen, wo Du nicht mehr mit Haß und Bitterkeit derer gedenkst, die sich einst so glücklich an Deiner Seite fühlte -
Deiner unglücklichen Jenny.«
Tolmer reichte den Brief schweigend zurück, den Rodwell fast bewußtlos nahm und in seiner Hand zusammendrückte.
»Sie sind nach Adelaide hinüber«, sagte er mit so leiser Stimme, als ob er sich vor den eigenen Lauten fürchtete.
Tolmer schüttelte den Kopf und meinte ruhig:
»Sie sind noch auf der Insel, so gut wie wir.«
»Ihr glaubt?« fuhr Rodwell rasch empor.
»Ich weiß es gewiß.«
»Ihr? - und woher?«
»Weil dieser Bursche - Howitt oder wie er sonst heißt - bei Nacht und Nebel, mit einer Flasche Milch statt Proviant und einer Frau mit ihrem Kind nie im Leben die Backstairs Passage passiert hätte. Er sowenig wie der Bursche, der mit ihm fort ist, sind Seeleute.«
»Ihr kennt ihn?«
»Ich denke ja, aber mehr noch als das, ich hoffe, seine Bekanntschaft in den nächsten Tagen zu erneuern.«
»Ich begreife Euch nicht.«
»Und doch ist alles mit wenigen Worten erklärt«, sagte der Polizeibeamte lächelnd. »Mein Name ist nicht Barner, sondern Tolmer.«
»Der Chef der südaustralischen Polizei?« rief Rodwell rasch und erstaunt.
»Derselbe, und dieser Kapitän Howitt, wie er sich hier genannt hat, ist der gefährlichste Buschranger, der unsere Wälder unsicher gemacht, das Leben und Eigentum unserer Bürger gefährdet hat. - Es ist der berüchtigte Gentleman John.«
Rodwell sah dem Sprechenden starr und entsetzt ins Auge, dann aber, als jener schwieg, barg er das Antlitz in den Händen und stöhnte:
»Mein armes, armes Weib - mein armes Kind.«
Tolmer übrigens, so leid ihm der Schmerz des Unglücklichen tat, kannte zu gut den Wert seiner Zeit, als daß er diese mit leeren Klagen vergeudet hätte.
Mit kurzen, aber klaren Worten schilderte er deshalb dem ihm mit steigender Aufmerksamkeit Zuhörenden die Begebnisse der letzten Zeit, die Flucht des Buschrangers und seine Verfolgung, bis er hier auf der Insel endlich seine Spur gefunden und den flüchtigen Sträfling selbst gesehen habe. Ebenso unbeschönigt erzählte er auch die von ihm belauschte Szene zwischen dem Verbrecher und der jungen Frau. Warum er diese damals nicht gewarnt? - Ihm lag alles daran, den Entflohenen einzufangen, und wie die beiden Leute zueinander standen, war es mehr als wahrscheinlich, daß sie Gentleman John die Gefahr verraten haben würde, in der er, einmal entdeckt, schwebte. Zugleich gestand Tolmer dem jungen Mann, daß er seine Bekanntschaft nicht zufällig gefunden, sondern diese, als er einmal seinen Namen gehört hatte, gesucht habe und daß seine beiden von Bewaffneten besetzten Boote noch in dieser Nacht an der Westküste der Insel landeten, dem Räuber die Flucht auf dem Schoner abzuschneiden.
Rodwell wollte freilich noch immer nicht glauben, daß die Flüchtigen auf der Insel geblieben wären; noch dazu, da das Mädchen gesehen haben wollte, wie sie bis tief in die Nacht vom Lande weggefahren wären. Tolmer jedoch, seit Jahren daran gewöhnt, nicht jeder Aussage Glauben beizumessen, schüttelte mit dem Kopf. Wer wußte denn, ob Betsey nicht mit im Geheimnis steckte? Und wenn nicht, hatte ihre Aussage doch, soweit sie die wirkliche Richtung eines Fahrzeuges betraf, nur wenig Wert. Gestern abend hatte außerdem Nordost bis Nordnordostwind vorgeherrscht, mit dem ein kleines Boot, das nicht recht gut am Wind lag, Kap Spencer nicht einmal erreichen konnte, während es, selbst ein Stück draußen in der See, mit Leichtigkeit abfallen und vor dem Wind irgendeinen Teil der Nordküste der Känguruh-Insel erreichen konnte. Außerdem lag flüchtigen Personen gewöhnlich daran, mögliche Verfolger auf eine falsche Spur zu bringen, nicht ihnen die wirklich genommene Richtung anzugeben, und demnach sprach denn alles nur dafür, daß Gentleman John, überdies des neugekauften Schoners ziemlich sicher, mit seiner schönen Beute noch auf der Insel weilte.
Für diese Nacht war freilich nichts mehr zu unternehmen, auch war Rodwell so erschöpft und niedergebrochen, daß er kaum seine Glieder zu regen vermochte. Tolmer bat ihn, sich niederzulegen, um für den nächsten Tag Kräfte zu sammeln - würde er sie doch wahrlich brauchen. Daraufhin band er seine wollene Decke, die er stets bei sich führte, auseinander, rollte sich hinein und legte sich ohne weitere Umstände auf das Sofa nieder.
Als Rodwell sein Schlafzimmer betrat und sein Blick auf das leere, ungemachte Bett des Kindes fiel, da brach noch einmal all der Jammer der zuletzt durchlebten Stunde, die Ahnung seines künftigen einsamen Lebens, mit voller Stärke über ihn herein. Neben dem Bett seines Kindes sank er auf einen Stuhl, und das müde, sorgenschwere Haupt auf die kleinen Kissen gelegt, blieb er in der Stellung, bis der Schlaf ihn übermannte.
Es war ein trauriges Erwachen, und mit ängstlicher Hast betrieb Rodwell die nötigen Vorbereitungen zu ihrem in seinem Erfolg so ungewissen Marsch. Aber seine ganze alte Festigkeit hatte er wiedergewonnen, an seinem Ziel war er sich klargeworden, und als ihn Tolmer fragte, was er zu tun gedenke, wenn sie die Flüchtigen wieder eingeholt hätten, erwiderte er mit fester Stimme:
»Ich will mein Kind zurück. Die unglückliche Frau hat sich ihr Los geworfen. Als sie mich verriet, da wählte sie ihre eigene Bahn, und der mag sie folgen. Ich will sie nur noch einmal wiedersehen, um das Kind, das mir gehört, von ihr zurückzufordern.«
»Und was soll mit ihr geschehen, wenn wir den Verführer haben?«
»Gott mag sie schützen und ihr verzeihen«, sagte Rodwell ernst.
»Gut denn«, sagte Tolmer, nach seinen Pistolen sehend und sie im Gürtel unter dem weiten Buschrock, den er angetan, bergend, »dann bleibt uns nur noch übrig, die Schlange zu finden, die Gift und Elend unter mehr als ein friedliches Dach gebracht hat. Beim ewigen Gott, das Maß des Burschen ist über und über voll, und es wird Zeit, mit ihm die Rechnung abzuschließen.«
Rodwell, der mit dem Entschluß zur Tat auch seine ganze Festigkeit und Ruhe wiedererlangt hatte, war indes zum Stall gegangen, um seine beiden Pferde zu satteln, und nach rasch eingenommenem Frühstück nahmen sie Proviant hinter sich aufs Pferd und sprengten in westlicher Richtung davon.
Die nächste Station, die sie erreichten, war die eines gewissen Motley, eines früheren Sträflings, der sich hier angesiedelt hatte und jetzt Besitzer ansehnlicher Herden war. Rodwell wollte hier die ersten Erkundigungen einziehen, Tolmer hinderte ihn aber daran. Es war nicht wahrscheinlich, daß die Flüchtigen, wenn sie wirklich in der Nähe gelandet wären, diesen seinem Haus so nahen Platz schon berührt haben sollten. Dann blieb es ebenfalls noch fraglich, ob Motley ihnen aufrichtige Antwort gab. Je später sie andere wissen ließen, welchem Ziel sie zustrebten, desto besser war es. Ein Geheimnis, das mehr als zwei Personen teilen, ist eben kein Geheimnis mehr.