»Allerdings«, sagte Rotkopf, die Tasche etwas lüftend und dann über die linke Schulter hängend, »doch es ist nicht so weit bis zu unserem Lager, und ich werde sie schon fortbringen.«
»Rotkopf«, sagte da Gentleman John, indem er ihm vertraulich auf die Schulter klopfte, »ich habe Euch nicht umsonst hierher beschieden - ich habe noch ein Geheimnis, das ich Euch anvertrauen möchte - wenn ich eben auf Eure Verschwiegenheit und Treue rechnen könnte.«
»Und das wäre?« rief Rotkopf, indem er überrascht zu seinem Hauptmann aufsah.
»Ich habe hier in der Nähe Geld vergraben«, flüsterte ihm dieser zu, indem er sich wie scheu und vorsichtig dabei umsah.
»Alle Teufel«, rief Rotkopf mit unterdrückter Stimme, »und wo da?«
»Wir wollen zum Haus gehen, dort will ich Euch den Fleck beschreiben.«
»Zum Haus? - Hm«, sagte der Buschranger, »ja - recht gern - aber könnt Ihr es mir nicht hier sagen?«
»Hab ich dich, Bursche?« sagte da John lachend, indem er einen Schritt zurücktrat und sein Gewehr aufgriff, aber dabei noch immer vorsichtig ihn zwischen sich und dem Hause hielt. »Rühr dich jetzt von der Stelle, und du bist -«.
»Teufel!« rief der also überlistete Leutnant, indem er den sich dessen nicht gleich versehenden Buschranger unterlief und mit seinen Armen umschlang, »hierher, zu Hilfe - hierher - verdammt, wenn ich dich nicht - «
»Danke dir«, sagte Gentleman John ruhig. Mit raschem Griff hatte er aber auch in demselben Moment ein Pistol aus seiner Tasche gerissen, und während er es in das Ohr seines Leutnants abdrückte, flog sein Blick schon zu dem Haus hinüber, aus dem jetzt Tolmer mit gespannter Flinte herbeisprang, seinem Verbündeten beizustehen.
Gentleman John wollte rasch sein eigenes Gewehr aufgreifen, Rotkopf aber riß es durch das Gewicht seines stürzenden Körpers mit sich zu Boden nieder, daß sich beide Läufe entluden, und der Buschranger sah jetzt sein Heil gegen den besser bewaffneten Feind nur in rascher Flucht. Den anderen Angreifer hielt er natürlich für einen der im Busch verlassenen Bande, der nicht wagen durfte, ihm weit gegen die Ansiedlung hin zu folgen, und in schnellem Sprung einen Baum zwischen sich und den Verfolger bringend, floh er mit raschen Sätzen den nur hier und da bewaldeten Hang hinauf.
Tolmer feuerte sein Rohr auf ihn ab; das Gestrüpp entzog aber den Flüchtigen gleich darauf seinen Blicken, und es blieb ihm jetzt keine andere Wahl, als so rasch wie möglich seine Leute zu erreichen und den offenen Kampf gegen den Verbrecher und seinen Trupp zu beginnen.
Sein Schuß war aber doch nicht ohne Wirkung geblieben, denn wenn er den Räuber auch nicht in seiner Flucht hemmte, hatte ihn doch ein Schrotkorn in die Seite getroffen. Trotzdem, und den Schmerz verbeißend, gewann der bald die offene Stelle der Ansiedlung und eilte in die Hütte, in der Jenny auf ihn wartete.
Die unglückliche Frau saß am Kamin, das Haupt auf die Lehne des Stuhles gedrückt, auf dem sie ruhte, und regte sich nicht, als er die Tür öffnete.
»Jenny!« rief John, »komm - der Augenblick zur Flucht ist da - mein Schiff liegt bereit, uns aufzunehmen. Komm, Herz, ermanne dich und laß das dumpfe Brüten. - Tot ist tot, und alle Tränen erwecken dein armes Kind doch nicht wieder zum Leben.«
»Tot ist tot«, stöhnte da die arme Frau, indem sie das bleiche Antlitz und die tränenlosen Augen zu ihm erhob. »Sagst du mir das, Mörder meines Kindes?«
»Unsinn, Schatz!« rief der Räuber, in aller Hast seine im Zimmer umhergestreuten wenigen Habseligkeiten und Waffen zusammenraffend. »Was kann ich dafür, daß das schwache Ding die Strapazen unseres Marsches nicht ertragen hat. Hab ich es nicht den halben Tag geschleppt? - Aber eile dich - weiß der Teufel, wie die Kunde so rasch über die Insel gekommen ist; dein Mann, mein Schatz, ist hinter uns her, und wir müssen wahrhaftig machen, daß wir an Bord kommen.«
»Dort liegt es«, rief da plötzlich die Frau, den Arm von sich gestreckt, mit glanzlosem Blick ins Leere starrend, »dort, dort, in seinem armen, kalten Bett - in der harten, erbarmungslosen Erde, die es hält und nimmer, nimmer wiedergeben will - kein warmes Tuch dabei, seine zarten Glieder einzuhüllen - kein Kissen, das kleine, liebe Haupt darauf zu betten - nicht einmal einen kahlen, harten Sarg für das Wesen, für das ich mit Freuden mein Leben hingegeben hätte. Fort - fort von mir!« schrie sie plötzlich, seine nach ihr ausgestreckte Hand mit Abscheu zurückstoßend, »fort, oder beim ewigen Gott da droben, ich schlage meine Zähne in dein Fleisch und würge dich, wie du mein Kind gewürgt hast.«
»Wahnsinnig, bei allem, was da lebt«, brummte der Buschranger vor sich hin, »und der ganze Aufenthalt umsonst. Da bleibt mir freilich nichts anderes übrig, als -«
Die Tür wurde in diesem Augenblick aufgerissen, und Bradleys erschrecktes, totenbleiches Gesicht zeigte sich darin.
»Unke«, rief ihm der Kapitän entgegen, »was bringst du?«
»Der Schoner ist genommen!« rief der Unglücksbote, den Verdacht und sein Aussehen rechtfertigend. »Polizeiboote haben ihn geentert und die Masten gekappt.«
»Die Masten gekappt?« rief John erschrocken.
»Es ist alles vorbei«, sagte der Bursche, »und die Boote rudern schon wieder an Land. Uns bleibt keine andere Zuflucht als der Busch.«
John knirschte die Zähne wild aufeinander, aber das einmal Geschehene ließ sich nicht mehr ändern, die nun abgeschnittene Flucht zu Wasser konnte nach dieser Richtung hin nicht mehr erzwungen, sondern mußte auf andere Weise versucht werden. Deshalb seine Waffen ergreifend, warf er noch einen Blick auf die erstaunt zu ihm aufschauende Frau und winkte dann Bradley, ihm zu folgen.
Wie er nur vor die Hütte trat, sah er schon, daß sein Begleiter die Wahrheit gesprochen hatte. Der Schoner draußen lag als Wrack vor seinem Anker, und während Bewaffnete aus einem schon gelandeten Boot ans Ufer sprangen, eilten andere von dem Hauptstationshaus auf seine Wohnung zu. Kamen sie als Freunde oder Feinde? - Er hatte nicht Lust, ihr Kommen abzuwarten, und flüchtete, von Bradley dicht gefolgt, mit langen Sätzen dem nächsten Dickicht zu.
Schon hatte er dieses erreicht, schon verbargen ihn die nächsten Gumbüsche den Augen der Verfolger, als dicht vor ihm eine dunkle Gestalt sich wie aus dem Boden hob und ihm die Arme bittend entgegenstreckte. Es war Lloko, den Opossummantel locker um die Schulter geschlagen.
»Halt!« rief sie ihm mit mehr drohender als bittender Stimme entgegen, da er fast scheu vor ihr zurückweichen und an ihr vorübereilen wollte, und hielt ihn am Rock fest. »Halt! Falscher weißer Mann - du mußt mich mitnehmen.«
»Ist denn der Teufel heute in die Weiber gefahren?« rief John, mit eiserner Faust die schwache Hand der Frau ergreifend. Aber schon hatte Lloko die andere in seinen Gürtel gekrallt und schrie mit wilder, gellender Stimme: »Teufel - ja, das ist Euer Wort für alles, was bös und schlecht ist - Teufel. Das ist dein Name, Gentleman John!«
»Fort mit dir!« rief der gereizte Räuber, und sein Faustschlag traf die Unglückliche so hart an der Stirn, daß sie den Gürtel losließ und halb bewußtlos zu Boden taumelte. Im nächsten Augenblick waren die beiden Männer auch schon im Busch verschwunden.
Gentleman John hätte übrigens nicht in so großer Eile zu sein brauchen, denn die aus der Station zu ihm Hinüberspringenden waren nur Bloome und dessen Bruder gewesen, die ihr Fahrzeug im ersten Augenblick von Buschrangern überfallen glaubten und den vermeintlichen Kapitän zu Hilfe holen wollten. Nur zu bald sollten sie aber aus solchem Irrtum gerissen werden, denn wenn sie schon die übereilte Flucht des vermeinten Freundes stutzen machte, benahmen ihnen die rasch erkannten Uniformen der Polizeisoldaten den letzten Zweifel.
Tolmer hielt sich jedoch nicht mit langen Erklärungen auf. Er glaubte nämlich sicher, daß sich der entflohene Räuber auch nach dem Tod Rotkopfs ohne weiteres seiner Bande wieder anschließen würde, um mit dieser vereint verzweifelten Widerstand zu leisten. Wußte er doch nicht, daß ihn Gentleman John für einen seiner eigenen Schar gehalten hatte und in jedem den Verräter sehen mußte. Hier nun lag für die kleine Truppe Polizeisoldaten der einzige Vorteil darin, die erste Überraschung der Buschranger zu benutzen, einen entscheidenden Schlag gegen sie zu führen. Einmal zersprengt, würden sie schon zu überwältigen sein.
Kaum im Busch angelangt, trafen sie da auf die noch immer halb betäubte Lloko, an der die Leute, ohne sie weiter zu beachten, rasch vorbeistürmen wollten. Tolmer erkannte aber augenblicklich in ihr das Weib des Räubers, und, der Szene an dem Hause eingedenk, rief er seinen Leuten ein Halt zu, das arme, hilflose Wesen erst wieder zu sich zu bringen. Einer der Konstabler hatte eine Flasche mit Brandy bei sich, und Lloko, als ihr die Schläfe damit gerieben und ein paar Tropfen eingegeben waren, erholte sich bald genug, sich aufzurichten.
Erstaunt sah sie sich inmitten der vielen fremden weißen Männer, und ihr erstes Gefühl war, in den Busch zu fliehen, um ihnen zu entgehen. Tolmer aber trat ihr in den Weg und sagte freundlich:
»Fürchte nichts von uns. Wir wollen das Land nur von denen säubern, die Haß und Feindschaft zwischen schwarzen und weißen Stämmen säen, von Raub leben und von Blut sich nähren. Weißt du, wen ich meine?«
Das Weib sah ihn mit großen, stieren Augen an und rief:
»Ihr sucht Gentleman John!«
»Allerdings«, sagte Tolmer rasch, »weißt du, wo er ist?«
»Fluch ihm!« rief da Lloko, während die Erinnerung an die erlittene Schmach das Blut in ihre dunkle Schläfe jagte, »er hat mich geschlagen, und die Hand möge sein Gott dort oben verdorren lassen, die gegen meine arme Schläfe traf.«
»Das soll unsere Sorge sein, ihm das zu besorgen«, sagte lachend Borris. »Hier auf der Insel haben wir ihn sicher, und er kann uns nicht entgehen.«
»Und wißt Ihr, wo Ihr ihn findet?« fragte da Lloko plötzlich, während ihr Blick rasch und forschend von einem der Männer zum anderen flog.
»Ich denke ja«, erwiderte Tolmer, »er wird wohl wieder zu seinen Freunden am Torrensberg geflohen sein.« »Freunden?« rief Lloko, verächtlich den Kopf zurückwerfend. »Der Verräter hat keinen Freund, seit er Lloko geschlagen. Kommt - kommt!« rief sie plötzlich, sich gewaltsam emporraffend und den Arm Tolmers ergreifend, »ich will Euch führen. Wie ein Dingo auf der Fährte des speergetroffenen Känguruhs, so will ich an seinen Schritten hängen. - Kommt - er hat mich geschlagen - der Kopf brennt mir, wo mich seine Hand traf - wenn der Schmerz nachläßt, hab ich die Rache vielleicht vergessen.«
Ihren Mantel dabei fester um sich schlagend, drückte sie die ihr nächststehenden Männer zurück, dort, wo Gentleman John vorbeigesprungen war, die frischen Spuren wieder aufzufinden.
Borris hielt es nun freilich für bedenklich, der Führung einer Australierin zu vertrauen, die sie ebensogut zum besten haben konnte. Tolmer aber kannte die Australier besser. Er begriff, welche Leidenschaft in diesem Augenblick in dem Herzen dieses Weibes wühlte, und bedachte sich keinen Augenblick, den ihrem Zweck günstigen Moment zu benutzen.
Lloko hatte indessen trotz des trockenen Bodens und darauf verstreuten dürren Laubes die Spuren der beiden Männer rasch aufgefunden und folgte ihnen, ohne sich nach den Weißen auch nur weiter umzusehen. Diese waren indessen durch den größten Teil des letzten Trupps der Polizeisoldaten noch verstärkt worden, da der seeuntüchtig gemachte Schoner den etwa am Strand befindlichen Verbrechern keinen Weg zur Flucht mehr bot, und nur erst, als Lloko an dem Pfad vorbeieilte, der, wie Tolmer recht gut wußte, zu dem Versteck am Torrensberg hinführte, hielt er es für nötig, ihre Führerin darauf aufmerksam zu machen.
Lloko erwiderte aber kein Wort. Mit der ausgestreckten Hand deutete sie auf den Boden vor sich, auf dem die Weißen allerdings auch nicht die geringste Spur mehr entdecken konnten, und schritt weiter. - Folgte doch kein Schweißhund je der Spur eines angeschossenen Wildes sicherer als sie den Fährten des Mannes, der ihren Stamm betrogen und verraten und der es jetzt gewagt hatte, sie zu mißhandeln.
So blieben sie in den Spuren des Räubers, bis der Abend dämmerte und eine weitere Verfolgung unmöglich machte. Das wildeste Dickicht hatten sie dabei zu passieren, Stellen, an denen sich die Weißen in den Känguruhdornen oft nur so Bahn brechen konnten, daß sie sich mit Schulter und Rücken hindurchpreßten. Lloko achtete nicht darauf. Ihren Fellmantel um sich geschlagen und rücksichtslos, ob ihr die Dornen Arme und Füße wund rissen, war sie den Spuren gefolgt, bis sie die Dunkelheit zwang, davon abzustehen, und in der Fährte kauerte sie nieder unter einem Baum, verhüllte ihren Kopf mit dem Opossummantel und weigerte sich, sowohl zu dem bald darauf von den Weißen entzündeten Feuer zu kommen, als irgendeine Nahrung von ihnen anzunehmen.
Tolmer, der Lloko übrigens sich selbst überließ, begriff allerdings noch nicht recht, wohin die beiden Verbrecher geflohen sein könnten, denn daß Gentleman John mit seinem Begleiter nach Point Marsden zurückkehren würde, war ihm nicht wahrscheinlich. Nichtsdestoweniger vertraute er dem Scharfsinn Llokos genug, nicht an ihrer richtigen Führung zu zweifeln, und beschloß, jedenfalls noch bis morgen mittag ihrer Leitung zu folgen.
Am nächsten Morgen waren sie schon vor Sonnenaufgang wieder gerüstet, und sobald nur der dämmernde Tag Licht genug in den Wald warf, die Spuren wieder zu erkennen, folgte ihnen Lloko mit altem Eifer.
Kaum eine Stunde aber war sie darauf hingegangen, als sie plötzlich stehenblieb und die Nase emporhob, wie ein Hund es tut, wenn er das Wild wittert.
»Komm, komm, Lloko«, sagte Borris, der es bemerkte und dem das nicht gefallen mochte, »guck auf den Boden und laß die Faxen. Daß du ein Auge wie ein Falke hast, kann ich bezeugen, denn wo nur irgend der Boden weich war, haben wir die Fährten der beiden Schufte hinter dir gefunden; aber auf das Riechen wollen wir uns doch lieber nicht verlassen.«
»Ich rieche Rauch«, sagte die Frau, ohne die Worte des Fremden zu beachten oder ihn auch nur eines Blickes zu würdigen.
»Das kann wohl möglich sein«, flüsterte Tolmer. »In dem verdammten Dickicht hier haben die verzweifelten Burschen auch nicht bei Nacht und Nebel fortkommen können und sind jedenfalls liegengeblieben. Vielleicht treffen wir sie im Lager.«
Vorsichtig setzten sie ihren Weg fort. Wenn aber auch Lloko den Rauch richtig gespürt hatte, fanden sie nur noch das halb niedergebrannte Feuer. Die beiden Buschranger hatten ihre Flucht wahrscheinlich, wie die Polizisten ihre Verfolgung, mit anbrechendem Tag fortgesetzt. Von hier aus schienen sie aber eine andere Richtung genommen zu haben, und Lloko, die ihr eine Zeitlang folgte, faßte plötzlich Tolmers Arm und flüsterte:
»Das Boot! - Sie wollen sicher zu dem versteckten Boot!«
»Und so wird's auch sein!« rief Tolmer, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, »und wir kommen nachher gerade zeitig genug an den Strand, sie in der Ferne absegeln und uns auslachen zu sehen. Daß ich an das verdammte Boot nicht früher gedacht habe und einen von den unseren hierherum geschickt habe, ihre Flucht abzuschneiden.«