Es mochte etwa eine Stunde vergangen sein; er hatte sein Brotbacken lange beendigt, die Laibe auf dem an der Wand stehenden Tisch aufgestellt, seine Hütte notdürftig ein wenig ausgekehrt und lag jetzt auf einer alten wollenen Decke behaglich ausgestreckt am Feuer, das langweilige Buschleben in Australien verwünschend, als er draußen vor der Hütte Schritte hörte.
Haben sie ihn schon? dachte er bei sich, als er rasch den Kopf der Tür zudrehte - draußen stand jemand, aber er öffnete nicht. »Wer ist da?« rief der junge Bursche, von seiner Decke emporspringend, aber er sollte nicht lange im Zweifel gelassen werden, denn schon im nächsten Augenblick ging die Tür auf und der Buschranger stand auf der Schwelle.
»Hallo, Jim, wie geht's?« sagte der Mann, indem er einen gierigen Blick zu dem Brot hinüberwarf. »Habt wieder einen hübschen Vorrat angelegt. Das ist recht - wollte nur noch einmal nachfragen, ob Ihr meinen Wunsch nicht vergessen habt, da die Luft noch rein ist - schaute nur erst einmal durch die Ritzen, ob Ihr allein wäret.«
»Wer soll einen hier in dem blutigen Busch besuchen?« sagte der junge Bursche, der fühlte, daß er erblaßt sein mußte, und sich rasch zum Feuer niederbeugte, seine Bewegung zu verbergen.
»Nun«, sagte der Buschranger lachend, »gelte ich nicht als Besuch? Aber das ist brav - rückt den Teetopf zum Feuer und laßt mich was Warmes haben. Ich bin ein wenig in Eile und möchte wieder fort.«
Er war wieder zur Tür gegangen, neben der er seine Muskete an die Wand lehnte, und sah durch die Spalten ins Freie.
»Doppelte Portionen?« fragte Jim, der sich indessen wieder gesammelt hatte. »Erst laßt Ihr Euch Euer Essen in den Busch tragen, weil's Euch nicht gefällig ist, es hier zu verzehren, und dann kommt Ihr auch noch hierher wegen einer übrigen Mahlzeit. Zum Henker auch, Mate, Ihr wißt doch ebensogut wie ich, daß wir hier im Busch nicht aus dem großen Sack leben, sondern vom Master unsere festgesetzten Rationen bekommen, mit denen wir haushalten müssen. Sind die verzehrt, wo hernehmen und nicht stehlen?«
»Nur nicht hitzig, Mate«, sagte der Buschranger, während er sich ruhig an den Tisch setzte, ein Stück von dem frischen Damper abschnitt und sich den Teller herüberzog, auf dem noch einige Scheiben kaltes Hammelfleisch lagen. »Ihr habt doch nicht heute schon das Brot hinausgeschafft?«
»Gewiß hab ich«, sagte der Hutkeeper. Es liegt an der Stelle, die Ihr mir gestern angegeben habt, und Fleisch dazu und ein Becher Tee.«
»Hm«, meinte der Buschranger, mit vollen Backen dabei kauend.
»Das mit dem Tee ist unbequem. Da, füllt mir einmal das kleine Säckchen mit Tee - einen Becher hab ich selbst, ich werde ihn mir dann lieber draußen kochen. Hier ist auch ein Beutel für Zucker, bin gerade jetzt ein wenig knapp mit Proviant.«
»Und die Portionen im Busch?« fragte Jim Riddle, der unschlüssig die ihm gereichten Leinwandsäckchen in der Hand behielt.
»Die nehme ich auf dem Rückweg mit«, sagte Mulligan völlig ungerührt, »macht Euch keine Sorge deshalb, Mate, gegessen wird's; und ich weiß, Ihr gebt's gern, wenn Ihr auch jetzt ein verdammt albernes Gesicht dazu schneidet. Aber eilt Euch ein wenig, ich habe weder Lust noch Zeit, mich hier eine Stunde zu Euch zu setzen.«
Jim wußte wirklich nicht gleich, was er tun sollte. Draußen lagen die Polizeileute auf der Lauer, und hier saß der Bursche bei ihm in der Hütte so behaglich und wie daheim, als ob er der Stationseigentümer wäre und nur eben einmal, auf Besuch, seine Herden revidieren wolle. Böse durfte er ihn aber auch nicht machen, und wenn er ihm jetzt das Verlangte gab, was tat's? Ging er doch dann hinaus, sich die anderen Lebensmittel abzuholen, und mußte dann jedenfalls der Polizei in die Hände fallen - nachher bekam er alles wieder. Zeit war's aber in der Tat, daß dem frechen Gesellen das Handwerk einmal gelegt würde.
Der Buschranger blieb indessen nicht ruhig am Tisch sitzen, sondern warf dann und wann einen Blick hinaus, ob die Luft noch rein sei, beendete aber nichtsdestoweniger in aller Ruhe seine Mahlzeit, und erst, als Jim ihm das Verlangte in die Leinwandbeutel gegeben hatte, sagte er:
»So, dank Euch, Mate, und zum Beweis, daß ich es gut mit Euch meine, noch eine Warnung. Es sind nämlich von drüben eine Anzahl von Spionen herübergekommen, die sich hier um lauter Sachen kümmern, die sie nichts angehen. Wenn sie hier zu Euch kommen sollten, versteht Ihr mich, so wißt Ihr nicht, daß ich auf der Welt bin. Soll ich Euch deutlicher sagen, was ich meine?«
»Dank Euch, das tut's«, entgegnete mürrisch der junge Bursche.
»Es freut mich, daß Ihr so rasch begreift«, sagte Mulligan. »Ihr seid gefällig gegen mich gewesen, und es wäre mir unangenehm, wenn ich Euch etwas antun müßte. Fangen werden sie mich doch nicht, und wenn sie die Insel wieder verlassen haben, sind wir beide immer noch zusammen.«
Er war wieder aufgestanden, steckte das Erhaltene ohne weiteres vorn in sein Buschhemd, nahm seine Muskete auf und trat in die Tür.
»Merkwürdig schwüle Luft heute«, sagte er, indem er erst nach dem Himmel hinauf und dann auf den Hutkeeper sah. »Ihr seid auch verdammt still heute, Mate. Ich glaube beinahe, Ihr seid krank, denn Ihr seht käseweiß im Gesicht aus.«
»Ich? - Mir fehlt nichts«, erwiderte der Hutkeeper, der um alles in der Welt den Buschranger nicht mochte merken lassen, was in ihm vorging.
»Ich will Euch was sagen, Mate«, bemerkte dieser nach einer kleinen Weile, in der er ihn scharf und mißtrauisch beobachtet hatte, »ein kurzer Spaziergang wird Euch guttun. Wie wär's, wenn Ihr mich ein Stück begleitet, nur bis dorthin, wo das Essen liegt?«
»Ich kann die Hütte nicht verlassen«, rief der junge Bursche, unwillkürlich drehte er sich aber zu dem Buschranger um - hatte dieser Verdacht geschöpft?
John Mulligan fing den Blick auf und fühlte im Nu, daß hier nicht alles in Ordnung sei. Gewohnt aber, jeder Gefahr kaltblütig zu begegnen, und neu gestärkt von der tüchtigen Mahlzeit, ließ er sich nichts merken, sondern sagte nur gleichgültig:
»Ich weiß jetzt wahrhaftig gar nicht mehr, welchen Platz ich Euch für den Proviant bestimmt hatte. Zeigt mir nur die Stelle; daß Ihr für kurze Zeit Eure Hütte verlassen müßt, nehm ich schon auf mich.«
»Ihr habt gut auf Euch nehmen«, brummte Jim.
»Weshalb ist es Euch denn auf einmal so fatal, mit mir zu gehen, he?« fragte da der Buschranger, ihn scharf fixierend.
»Fatal? - Gar nicht«, sagte Jim, anscheinend gleichgültig, denn er durfte den Menschen nicht mißtrauisch machen. »Meinetwegen, wenn Euch ein Gefallen damit geschieht. Aber dann kommt auch, daß ich bald wieder zurück sein kann.«
»Erwartet Ihr Besuch?«
»Ja, den Schäfer und seinen Hund«, brummte Jim, »das ist der ganze blutige Besuch, den man hier in der Wildnis erwarten kann.« Damit griff er nach seinem alten Strohhut und schritt zur Tür, um den Buschranger, wie der es verlangte, zu begleiten.
Jim hatte dabei auch seinen eigenen Plan entworfen. Die Sache mußte bald gefährlich für ihn werden, denn in wenigen Minuten wußte der Räuber, daß er von ihm verraten worden war. Deshalb galt es, ihn jetzt unschädlich zu machen; und selbst von rechter Körperkraft, wenn auch John Mulligan im Einzelkampf vielleicht nicht gewachsen, wollte er jedenfalls das Seine dazu beitragen, ihn unschädlich zu machen. Aus diesem Grunde schritt er dicht neben dem Buschranger hin und wollte ihn fassen, sobald sie den im Hinterhalt liegenden Polizeileuten nahe genug wären. So lange, bis er Hilfe bekam, wußte er recht gut, daß er ihn halten konnte. John Mulligan hatte aber einmal Verdacht geschöpft und ließ sich nicht so leicht überlisten. Als sie ein Stück vom Hause fort waren und sich dem Busch näherten, sagte er:
»Wißt Ihr was, geht Ihr voran. Ihr kennt den Weg besser.«
»Und Ihr mit dem geladenen Gewehr hintendrein?« entgegnete der Hutkeeper, dem der Vorschlag nicht im mindesten gefiel.
»Ich tu Euch nichts, habt keine Angst«, sagte der Buschranger lachend, aber jetzt schon mit vorsichtig gedämpfter Stimme. »Ihr seid ja mein Freund, versteht Ihr, und bis ich nicht Beweise vom Gegenteil erhalte, habt Ihr nichts zu fürchten. Nun! - Wird's bald?«
Jim Riddle mochte sich nicht widersetzen, denn sie waren noch zu weit von Hilfe entfernt. Mürrisch steckte er deshalb die Hände in die Taschen und schlenderte voraus. Aufmerksam aber spähte er dabei überall umher, ob er noch keinen der ausgestellten Posten erkennen könne - sie mußten jetzt in deren Nähe sein.
John Mulligan gebrauchte indessen ebenfalls seine Augen, denn das ganze Benehmen seines Führers fiel ihm auf. Er konnte aber nirgends etwas Verdächtiges oder Außergewöhnliches erkennen - und doch lag einer der Polizisten kaum fünfzig Schritt von ihm entfernt verborgen, horchte den nahenden Schritten und wunderte sich, wer in aller Welt aus dieser Richtung zu ihnen kommen könne.
Jim Riddle sah jetzt den umgestürzten Gumbaum, an dessen Wurzel er den Anführer der Polizei versteckt wußte. Weiter durfte er nicht vor dem geladenen Gewehr des gefährlichen Burschen an die Fremden herangehen, denn wer wußte, ob der ihn nicht gerade aus Wut und Rache zuerst niedergeschossen hätte. Er blieb stehen und sagte, sich halb trotzig, halb mürrisch zu dem Buschranger wendend:
»Da, dort drüben ist der Platz; jetzt könnt Ihr ihn allein finden; überhaupt denk ich, daß Ihr im Busch besser Bescheid wißt als ich.«
»Das könnte sein, mein Bursche«, flüsterte der Buschranger, die Worte aber, die er sprach, kaum beachtend. Sein Blick hing an einem Gumbusch, der so nicht gewachsen war, wie er da halb umgefallen stand, und dicht daneben war ein dunkler Fleck, aus dem er ebenfalls nicht klug werden konnte. So nur den Arm gegen den Hutkeeper ausstreckend, ohne sein Auge von dem verdächtigen Gegenstand abzuwenden, fuhr er fort: »Halt, bleibt einen Augenblick hier, Jimmy. Seht einmal, was ist das dort drüben, Kamerad?«
Jim Riddle warf einen Blick dort hinüber. Der Buschranger hatte Verdacht geschöpft, und das war vielleicht der letzte ihm gegebene Moment, den Verbrecher zu fassen und sich selbst vor seiner Rache zu schützen.
»Wo?« fragte er und trat dicht an den Räuber heran.
»Dort drü...«
Er beendete seine Worte nicht, denn Jim warf sich auf ihn, ergriff mit der Hand die Muskete, mit dem anderen Arm umschlang er den von ihm Abprallenden und stieß dazu ein gellendes Hilfegeschrei aus.
Tolmer hatte indessen von da, wo er lag, die beiden kommen sehen und ahnte leicht den Zusammenhang, war aber auch nicht imstande, irgend etwas anderes zu tun, als still und regungslos liegenzubleiben. Er wußte recht gut, daß der Buschranger augenblicklich einen Hinterhalt vermuten würde, sowie er das Geringste sich bewegen sah, und seine einzige Aussicht auf Erfolg war, ihn so nahe als irgend möglich herankommen zu lassen. War Mulligan erst nur einmal an den Außenposten vorbei, konnte er ihnen nicht mehr entgehen.
Der schlaue Buschranger ließ sich aber nicht so leicht überlisten, und dennoch schien der verzweifelte Angriff des Hutkeepers alle seine Vorsicht unnütz gemacht zu haben.
Als Jim Riddle nämlich um Hilfe rief, sprangen die versteckten Polizeisoldaten fast zugleich aus ihrem Hinterhalt hervor. Auch Tolmer lief, was er laufen konnte, zu der Stelle, wo der Hutkeeper den Buschranger festgeklammert hielt und ihn niederzuwerfen versuchte. Dem Sträfling lag vor allen Dingen daran, sein Gewehr freizubekommen, und in der ersten Überraschung des Angriffs hatte er nicht einmal die von allen Seiten auftauchenden Feinde bemerkt. Ein einziger Blick auf die herbeispringenden Gestalten genügte aber, ihm die ganze Gefahr seiner Lage zu verraten, und mit einem wilden Fluche den Hutkeeper mit der Faust gegen die Stirn schlagend, daß dieser halb betäubt den Griff lockerte, gelang es ihm wenigstens, sich von dem ihn umklammernden Arm für einen Augenblick frei zu machen - aber das Gewehr ließ Jim nicht los.
Wieder führte der Buschranger einen wilden Hieb nach den Schläfen des jungen Burschen, der diesem hätte verderblich werden können. Jim aber verstand genug von der edlen Kunst der Selbstverteidigung und parierte den Schlag, und rechts und links sprangen jetzt die Polizisten herbei, ihm den Weg nach beiden Seiten abzuschneiden. Er mußte fliehen, und während er die Muskete losließ und Jim, der mit aller Kraft daran zog, hintenüber stürzte, sprang der Buschranger zu den nächsten Bäumen, die er in wenigen Sätzen erreichte und nun zwischen sich und seinen Verfolgern behielt, um vor ihren Kugeln geschützt zu sein.
»Feuer!« schrie Tolmer, der für einen erfolgreichen Schrotschuß noch zu weit entfernt war, »Feuer!«
Die Polizeisoldaten hatten bis jetzt nicht schießen dürfen, da sie ebenso leicht den Buschranger wie den Hutkeeper hätten treffen können. Jetzt, da sie beide getrennt sahen, sprangen sie zur Seite, freies Ziel auf den Flüchtigen zu bekommen, und zwei oder drei Kugeln knallten hinter ihm drein. Einmal war es, als ob er getroffen wäre. Er »zeichnete«, wie die Jäger sagen, aber es war nur ein Moment; im nächsten Augenblick warf er sich in ein dickes Gebüsch, das ihn vollständig verbarg, und alles weitere Suchen nach ihm blieb erfolglos. Er war und blieb verschwunden.
Wohl hatte ihn Jim, da er ihm die Waffe entrissen, für den Augenblick unschädlich gemacht, aber wie leicht konnte sich der verwegene Mensch eine andere Flinte verschaffen; und daß er dann an dem armen Teufel von Hutkeeper Rache nehmen würde, war gewiß. Jim Riddle stand auch, wie er das Resultat erfuhr, ratlos und sich hinter dem Ohr kratzend neben dem erbeuteten Gewehr und meinte:
»Na ja, da haben wir die Geschichte, gerade wie ich's mir gedacht. Ich sollt euch die Kastanien aus dem Feuer holen, und nun verbrenne ich mir die Pfoten dabei; jetzt sitz ich da und kann mich freuen. Gehangen will ich aber werden, wenn ich eine einzige blutige Stunde in dem Nest hier noch allein sitzenbleibe, daß mich der Halunke eines Morgens an meinem eigenen Feuer über den Haufen schießt wie ein Opossum. Entweder laßt Ihr mir eine Wache hier, bis Ihr ihn fest habt, oder ich bin mit von der Partie und fahre nach Adelaide hinüber.«
Jim Riddle beharrte auf seinem Vorsatz, und da Tolmer einsah, daß es gut sein würde, die Hütte zu bewachen, weil Mulligan, wenn sie ihn wirklich nicht fänden, recht gut hierher zurückkommen könne, sich zu rächen, so beschloß er einen Mann hierzulassen. Sehr erwünscht kam ihm dabei das Anerbieten des Matrosen, bei dem Hutkeeper auszuhalten, bis sie ihn wieder abholen würden. Der Seemann hatte das Herumkriechen im Busch schon lange satt bekommen, und die Ruhe war ihm sehr erwünscht. Mit dem Gewehr des Buschrangers waren sie auch bewaffnet; Tolmer ließ ihnen Pulver und Blei dazu da und ging dann mit seinem kleinen Trupp daran, die Verfolgung des Flüchtlings mit allen Kräften aufzunehmen.
Eine Strecke weit konnten sie seinen Weg, wo er in die Domen hineingebrochen war, spüren, und an den grünen Stachelblättern fanden sie sogar an zwei Stellen ein paar Tropfen Blut, aber nichts weiter. Sowie er den mehr offenen Wald erreicht hatte, war auf dem harten Boden kein Eindruck mehr zu erkennen, und vergebens suchten sie den Busch bis zur völligen Dunkelheit nach allen Richtungen hin ab.