Todmüde lagerte die kleine Schar endlich an einem Wasserloch, das sie mitten in einem Dickicht fanden, und zehrte von dem mitgebrachten Proviant; am nächsten Morgen wollten sie die Jagd von neuem aufnehmen. Aber auch der nächste Tag brachte kein besseres Resultat, und Tolmer behielt jetzt nur die Hoffnung, daß sie den Buschranger vielleicht dem anderen Trupp unter Borris in die Hände trieben. Mulligan konnte natürlich nicht wissen, daß er zwei Parteien auf seinen Fersen hatte.
Die Leute bekamen den entsetzlichen Busch an diesem Tag herzlich satt und einer oder der andere versuchte schon die Andeutung, daß der Schoner wahrscheinlich jetzt von Adelaide zurück sein und auf sie warten würde. Tolmer aber blieb unerbittlich und wollte von dem Schoner und einem Aufgeben seines Planes nichts wissen.
Am dritten Tag morgens passierten sie, einem kleinen Buschpfad folgend, der zur Küste führte, wieder ein Wasserloch, und hier fanden sie die ersten Spuren des flüchtigen Sträflings wieder. Er hatte dort getrunken. Deutlich konnten sie am Rande der Pfütze die Eindrücke seiner Knie und Hände erkennen, und dicht daneben lag ein kleiner blutbenetzter baumwollener Lappen. Er war also, wenn auch nur leicht, von einer der ihm nachgesandten Kugeln verwundet worden, und wenn sie ihn jetzt ohne Gewehr antrafen, konnte er ihnen kaum mehr entgehen.
Sosehr sie das ermutigte, in ihren Nachforschungen nicht zu ermatten, sosehr fühlte sich Tolmer selbst bald gehindert, die Verfolgung mit dem alten Eifer fortzusetzen. Er hatte nämlich am Morgen in einen scharfen Dorn getreten, und wenn er es auch am Anfang nicht besonders beachtete, verschlimmerte sich die Wunde durch die Anstrengung und den Staub mit jeder Stunde dermaßen, daß er zuletzt kaum noch von der Stelle konnte.
Auf dem Pfad, den sie jetzt verfolgten, hatten sie noch mehrmals des Buschrangers Fußspur gefunden, und Tolmer hinkte, auf den Arm eines seiner Leute gestützt, mit, so gut er konnte, bis sie endlich zur Küste kamen und hier eine kleine, ordentlich von Stämmen hergerichtete Hütte, eine Art Blockhaus, fanden. Sie war allerdings nicht bewohnt; Tolmer konnte aber nicht mehr weiter, und als er von den Leuten, die er ausgeschickt hatte, hörte, daß Mulligans Spur hier und da im Sande zu erkennen sei, beschloß er, hier ein paar Stunden zu rasten und seine Leute allein nach ihm auszuschicken. Tolmer folgerte, Mulligan müsse sich zur Küste gewandt haben, um dem Dornendickicht im Innern der Insel aus dem Wege zu gehen und um gleichzeitig rascher in einen anderen Teil der Insel zu gelangen.
Hatten sie bis nachmittag um drei Uhr nichts weiter von ihm gefunden, so sollte einer von ihnen dem Strand folgen, um Borris und die übrigen zu treffen und herbeizuholen, und die anderen sollten zu ihm zurückkehren.
Die Leute wollten Tolmer mit dem verwundeten Fuß nicht allein lassen, er schickte sie aber fort. Wasser floß in der Nähe, und er konnte die Zeit dazu benutzen, seinen Fuß ordentlich auszuwaschen und zu verbinden. - Er hatte sich aber zuviel zugemutet. Als er in die Hütte trat und seine Decke auf ein leeres Bettgestell warf, überkam ihn eine ganz ungewohnte Schwäche; sein Kopf schwindelte ihm, und er behielt eben noch Zeit, seine Flinte an die Wand zu lehnen und sich auf der Decke auszustrecken - dann vergingen ihm die Sinne, und er fiel in einen bewußtlosen Zustand, der mehrere Stunden gedauert haben mußte.
Wie er wieder zu sich kam, stand die Sonne schon hoch am Himmel, und er ging jetzt ernstlich daran, nach seinem Fuß zu sehen und ihn zu verbinden. Dann wollte er sich einen Becher Tee kochen, aber er fühlte sich noch zu matt, legte sich deshalb wieder auf das Lager und sah träumend zu dem Dach der Hütte hinauf, bis ihm die Augenlider zusanken und er in einen leichten, stärkenden Schlaf fiel. Bei seinem Erwachen stand ihm eine Überraschung bevor.
Es war ihm, als ob er seinen Namen aussprechen höre, und wie er, die Augen halb geöffnet, unwillkürlich und ohne den Kopf zu wenden, einen Blick nach der Tür warf, erkannte er dort die Gestalt eines Mannes, die den Eingang verdunkelte.
Das Herz hörte ihm auf zu schlagen, aber der nächste Augenblick rief ihn auch schon wieder zu voller Tätigkeit.
»Mr. Tolmer«, sagte die Stimme, und während er sich ganz langsam, keinen Schreck zu verraten, emporrichtete, sah er den Buschranger John Mulligan in der Tür stehen, seine eigene scharf geladene Doppelflinte in der Hand, die Hähne gespannt und die Läufe auf ihn gerichtet. Er hatte leichtsinnigerweise, als er sich wieder aufs Bett warf, die Waffe neben der Tür stehenlassen, und sein Leben war in diesem Augenblick in den Händen des Verbrechers und hing an dem Druck seines Zeigefingers.
»So, Mulligan«, sagte Tolmer, mit voller Geistesgegenwart die Gefahr überschauend, in der er sich befand, indem er die Beine von dem Bettgestell herunterließ, ohne jedoch aufzustehen. »Haben wir Euch endlich? Den langen Marsch im Busch hättet Ihr Euch und uns ersparen können, denn daß Ihr nicht fortkämt, sobald wir nur erst einmal auf Eurer warmen Fährte waren, mußtet Ihr wissen.«
»Ihr habt mich?« fragte der Flüchtling, indem ein hämisches Lächeln über seine bleichen Züge flog. »Wäre nicht übel. Ihr seid in meiner Gewalt, Tolmer, und was hindert mich, mit einem Fingerdruck Euch alles abzuzahlen, was Ihr mir schon in diesem Leben angetan habt?«
»Die Furcht vor dem Galgen, Mulligan«, sagte Tolmer, ohne eine Miene zu verziehen, »obgleich Ihr dem doch schwerlich entlaufen werdet. Aber habt Ihr mich wirklich für so blödsinnig gehalten, Euch ein geladenes Gewehr dort an die Tür zu stellen, und mich in eine andere Ecke aufs Bett zu legen? Die List war plump genug, aber sie ist doch geglückt.«
»Was meint Ihr damit?« rief der Buschranger, das Gewehr fester packend und einen scheuen Blick zurück über die Schulter werfend.
»Was ich damit meine?« sagte Tolmer ruhig, indem er ein Bein über das andere legte, »daß Ihr umstellt seid und ich hier nur auf dieser Pfeife einen einzigen Pfiff zu tun brauche, um meine neun Mann dazuhaben. Fort könnt Ihr nicht mehr. Herein haben sie Euch gelassen, hinaus kommt Ihr nicht, und ich hatte mich doch nicht geirrt, als ich mir dachte, Ihr würdet der Lockung nicht widerstehen können, ein Gewehr auf einen schlafenden Menschen anzulegen.«
»Mr. Tolmer«, sagte Mulligan finster, »Ihr werdet Euch erinnern, daß ich Euch geweckt habe. Es lag in meiner Macht, Euch eine Kugel durchs Hirn zu schießen.«
»Aus dem leeren Gewehr?« sagte Tolmer lachend. »Es stecken nur Zündhütchen darauf, daß es besser aussieht. Aber hört mich, Mulligan«, fuhr er plötzlich, als der Buschranger das Gewehr mißtrauisch betrachtete und nicht übel Lust zu haben schien, den Ladestock herauszuziehen, ernster und mit einem mehr teilnehmenden Ton fort: »Noch sind wir unter uns. Soviel ich weiß, ist Euch bis jetzt kein ernsteres Vergehen zur Last gelegt worden als die gelegentliche Erpressung von Proviant, die mit der Not entschuldigt werden kann. Ihr habt noch kein Blut vergossen, und wenn auch wieder eingefangen als Buschranger, steht Eure Sache noch immer nicht so schlimm. Ein oder zwei Jahre verschärfte Überwachung ist wahrscheinlich die Strafe, die Ihr bekommen werdet, und ich werde Euch durch meine Aussagen nicht tiefer hineinreiten. Stellt einmal das Gewehr an die Wand; ich mag nicht mit Euch reden, solange Ihr eine Flinte in der Hand habt, wenn sie auch nicht geladen ist.«
Mulligan sah ihn an und zögerte.
»Soll ich das Zeichen geben?« fragte Tolmer, »daß meine Leute Euch mit der Waffe in der Hand ertappen?«
»Ihr habt recht, Mr. Tolmer, sagte der Mann, dem die Ruhe des Polizisten imponierte. Der, den er vor wenigen Minuten noch in seiner Gewalt geglaubt, mußte wirklich Hilfe in seiner unmittelbaren Nähe haben, er wäre sonst wenigstens von seinem Erscheinen erschreckt worden oder hätte sich in anderer Weise verraten. Nach dieser Überlegung lehnte er das Gewehr an die Wand, Tolmer aber griff jetzt langsam in die Brusttasche, wo er ein geladenes Pistol stecken hatte. Jetzt fühlte er sich sicher, denn er war imstande, dieses zu ziehen und abzudrücken, ehe der Buschranger wieder zu dem Gewehr greifen konnte.
»So - ich sehe, Ihr seid vernünftig«, sagte er ruhig, ohne jedoch die Waffe hervorzuziehen oder im mindesten zu verraten, daß er sich nicht völlig sicher fühle, »aber Ihr seht bleich und elend aus, Mulligan. War denn das nun der Mühe wert, daß Ihr Eurer Strafe entsprangt, nur um ein solches Hundeleben im Busch zu fuhren?«
»Es ist ein Hundeleben«, knirschte der Mann leise vor sich hin, »und ein Hund möcht's nicht länger führen. Gehetzt wie ein Dingo, von den Kameraden verraten, fortwährend nur auf der Wacht, das elende Leben in Sicherheit zu bringen. Ich will's auch nicht länger führen; nehmen Sie mich in die Kolonie mit hinüber, Mr. Tolmer. Ich habe das wilde Treiben satt und übersatt.«
»Jetzt sprecht Ihr wie ein vernünftiger Mensch«, sagte Tolmer, von seinem Bett aufstehend. Er vergaß fast, daß er einen wunden Fuß hatte, so aufgeregt war er, nur erst sein Gewehr wieder in Händen zu haben! Wer stand ihm dafür, daß den Buschranger nicht in der nächsten Minute schon die Unterwerfung gereute? »Ihr sollt auch unterwegs ordentlich behandelt werden - wenn Ihr mir nämlich versprecht, Euch ordentlich zu betragen.«
Er ging zu ihm heran und stand jetzt neben seiner Waffe, ohne sie aber zu berühren. Zeigte er auch nur die geringste Furcht, so wußte er, daß der Mann, mit dem er es hier zu tun hatte, seinen Vorteil rasch genug nutzen würde. Außerdem konnte er nicht einmal richtig auftreten und wäre deshalb in einem Handgemenge augenblicklich unterlegen. Kein Laut war draußen zu hören; seine Leute waren vielleicht noch meilenweit entfernt.
»Aber die - anderen sind noch draußen im Busch«, sagte der Sträfling endlich nach einigem Zögern.
»Keiner mehr, Mulligan«, sagte Tolmer ruhig, »wir haben sie alle.«
»Alle?« rief Mulligan erstaunt aus.
»Alle miteinander - das heißt fünf und den Matrosen, der noch bei Euch war - ich weiß nicht, ob noch mehr im Busch herumliegen.«
»Nicht mehr als die«, sagte kopfschüttelnd der Sträfling, »es müßten denn ganz kürzlich neue herübergekommen sein, die ich noch nicht gesehen hätte.«
»Also habt Ihr mir weiter nichts zu sagen«, fragte Tolmer, indem er die Pfeife in die Hand nahm, als ob er das Zeichen geben wolle, »und ich kann meine Leute jetzt rufen?«
»Nichts weiter, Mr. Tolmer«, sagte Mulligan fast demütig, »aber Ihr werdet mir bezeugen, daß ich nicht das geringste Böse gegen Euch im Sinne gehabt.«
»Darauf gebe ich Euch mein Wort«, versprach ihm der Polizeimann, indem er jetzt langsam den Arm nach dem Gewehr ausstreckte und es an sich nahm. Ein Blick auf das Schloß versicherte ihn, daß die Zündhütchen noch darauf und zum Gebrauch bereit seien, und jetzt erst, als er sich ein paar Schritte von dem Flüchtling entfernt hatte und das Gewehr gegen ihn hob, war es, als ob eine Zentnerlast von seinem Herzen gewälzt wäre. Er holte aus voller Brust Atem und sagte dann, während ihn Mulligan erstaunt betrachtete:
»Jetzt seid so gut, Mate, und geht einmal dort in die Ecke des Hauses - dort hinüber, meine ich, ein Stück von der Tür fort.«
Der Buschranger zögerte - eine Ahnung, daß er sich habe überlisten lassen, schien in ihm aufzusteigen.
»Geht dort in die Ecke, John«, sagte Tolmer, aber mit fester Stimme, »ich möchte Euch nicht gern ein Leid tun, aber ich muß es, wenn Ihr die geringste Bewegung zur Flucht oder zum Widerstand macht.«
»Teufel«, zischte der Buschranger leise vor sich hin, »so war das alles nicht wahr, was Ihr mir da gesagt habt?«
»Kein Wort davon, John«, sagte Tolmer lachend, das Gewehr fest dabei im Anschlag, »nur das Versprechen, das ich Euch gegeben, halt ich. Was ich zu Euren Gunsten aussagen kann, soll geschehen.«
»Und Eure Leute?«
»Suchen Euch draußen am Strand oder in den Känguruhdornen, Gott weiß, wo - aber sie kommen hierher zurück, und bis dahin muß ich freilich Posten bei Euch stehen.«
Der Buschranger drehte sich um, ging in die Ecke, setzte sich auf den Boden nieder und drückte sein Gesicht grimmig auf die Knie.
Tolmer dauerte der arme Teufel, und er sagte freundlich:
»Seid guten Mutes, John, die Sache kann noch besser werden, als Ihr jetzt glaubt. Wenn Ihr Euch ruhig verhaltet, bis meine Leute kommen, und nicht den geringsten Widerstand leistet, will ich annehmen, daß Ihr alles gewußt und Euch mir freiwillig gestellt habt. Ihr werdet verstehen, daß Euch das beim Gouverneur hoch angerechnet würde.«
»Und wollten Sie das wirklich tun, Mr. Tolmer?« fragte Mulligan, rasch den Kopf hebend.
»Ich habe es Euch freiwillig zugesagt.«
»Dank Euch, Sir«, sagte der Mann aus vollem Herzen, »Menschenkräfte hätten's auch nicht länger ausgehalten. Seit zwei Tagen habe ich keinen Bissen, nur einen Trunk Wasser, über die Lippen gebracht; und der Streifschuß an der Schulter, gestern den ganzen Tag das Wundfieber und die Dornen haben mir schwer zu schaffen gemacht. Das Gefängnis ist eine Wohltat gegen ein solches Dasein.«
»Aber warum habt Ihr Euch nicht schon lange wieder gestellt?«
»Die Freiheit«, stöhnte der Mann, »die Freiheit! Ihr, die Ihr da draußen noch nie hinter den Eisenstäben gesessen, noch nie gehört habt, wie es klingt, wenn die Riegel hinter einem zugeschoben werden, Ihr wißt gar nicht, was es ist, ein freier Mensch zu sein.«
Er sank mit den Worten wieder in seine frühere Stellung zurück, und Tolmer, der sich jetzt ziemlich sicher fühlte, daß er für den Augenblick keinen weiteren Fluchtversuch von seinem Gefangenen zu fürchten habe, ging an das Bettgestell, nahm Brot und Fleisch, das er noch dort liegen hatte, und brachte es Mulligan.
Anfangs wollte er es nicht anrühren; aber nicht lange konnte er es neben sich liegen sehen. Sein kräftiger und jetzt bis zum Tod erschöpfter Körper forderte Nahrung, und sowie er den ersten Bissen gekostet hatte, schlang er auch das übrige rasch und gierig hinunter.
Eine volle Stunde mußte Tolmer noch warten, ehe die Seinen von ihrem natürlich erfolglosen Streifzug zurückkehrten. Sie hatten aber dabei ihre übrigen Gefährten getroffen, die eben im Begriff gewesen waren, den Schoner wieder aufzusuchen.
Borris war übrigens nicht wenig erstaunt, John Mulligan in Tolmers Gesellschaft zu finden, und das unwahrscheinlichste von allem war ihm, daß sich der Buschranger freiwillig gestellt haben sollte. Tolmer aber erklärte es in Mulligans Gegenwart, und als er noch die Wunde des Gefangenen hatte sehen lassen und indessen von der nächsten Station ein Pferd für ihn selbst herbeigeholt worden war, denn mit seinem wunden Fuß hätte er die Strecke nicht mehr marschieren können, setzte sich der kleine Zug in Bewegung.
Ein zu Jim Riddles Hütte geschickter Bote holte indessen den Matrosen von dort ab, brachte aber auch Jim mit, der sich selbst überzeugen wollte, ob sein »Freund«, der Buschranger, wirklich in sicherem Gewahrsam sei und ihm keinen unverhofften Besuch mehr abstatten könne. Nur unter dieser Bedingung wollte er länger auf der Känguruh-Insel bleiben.
Als sie an der Stelle angekommen waren, wo der Schoner auf die Polizeimannschaft wartete, stieg Tolmer vom Pferde. Bevor das Boot kam, um sie abzuholen, wollte er noch die alten Schüsse aus seinem Gewehr herausschießen und es frisch laden. Er nahm einen dickstämmigen Gumbaum aufs Korn - John Mulligan, von vier Polizeileuten bewacht, stand neben ihm -, zielte bedächtig und drückte ab. Klapp, versagte das rechte - klapp, das linke Rohr.