»Halt!« schrie der Korsar. »Seht Ihr denn nicht, daß der Tod hier wartet?«
Die Herzogin antwortete nicht; sie machte ihm ein Zeichen mit der Hand, als ob sie sagen wollte: »Ich habe keine Furcht.«
»Zieht euch zurück, Madame!« rief der Korsar in höchster Bestürzung.
Anstatt zu folgen, zog sie sich an den Tauen zur Schanze hinauf, hielt sich beim Weitergehen oben am Girksegelbalken fest und stieg dann in die große Schaluppe, die man mit dem Kran hinaufgezogen hatte, damit sie nicht von den Wellen fortgetragen werde. Dort kauerte sie sich nieder.
Der Korsar bedeutete ihr noch einmal, sich zurückzuziehen, doch sie schüttelte energisch den Kopf.
»Aber hier herrscht der Tod!« wiederholte er. »Geht in Euer Gemach zurück!«
»Nein«, erwiderte sie fest.
»Was wollt Ihr nur hier?«
»Den Schwarzen Korsaren bewundern!«
»Und Euch von dem Wogen forttreiben lassen ...«
»Das würde Euch nicht bekümmern!«
»Ich will nicht Euren Tod! Versteht Ihr wohl, Herzogin?« rief der Kommandant, dessen Stimme zum erstenmal leidenschaftlich klang.
Honorata lächelte, ohne sich zu rühren. Ihre Hände legten sich fest um ihr schweres Gewand; ihre Haare flatterten im Winde. So ließ sie die Wellen wild über sich schlagen, ohne die Augen vom Korsaren zu wenden. Er wußte jetzt, daß jede weitere Mahnung vergeblich wäre. Und er schien fast beglückt zu sein über die Gegenwart des jungen Weibes, das ebenso mutig wie er dem Tode ins Auge schaute. Wenn der Orkan seinem Schiff einen Moment Ruhe gönnte, wandte er sich der Herzogin zu und lächelte sie an. Und jedesmal begegneten sich dabei ihre Blicke. Honoratas Augen hatten jene merkwürdige Starrheit angenommen wie an dem Morgen, als sie auf dem Vorderdeck des Linienschiffs stand, in seinen Anblick versunken.
Diese Augen übten eine geheimnisvolle Macht über den Flibustier aus. Es überkam ihn eine Unruhe, die er sich nicht zu erklären vermochte. Auch wenn er sie nicht ansah, fühlte er ihren Blick und empfand einen unwiderstehlichen Reiz, immer wieder das Haupt nach ihr hinzuwenden.
Als die Wogen sich einmal mit Ungestüm über die »Fólgore« warfen, fürchtete er sich sogar vor diesem Blick.
»Schaut mich nicht an, Herzogin! Es geht um unser Leben.«
Sofort war der Zauber gebrochen. Honorata schloß die Augen und senkte das Haupt, indem sie ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckte.
Die »Fólgore« befand sich jetzt in der Nähe der Küste von Haiti. Beim Flammen der Blitze war es möglich, die hohen Ufer mit den vorgelagerten Klippen zu unterscheiden, an welchen das Schiff zerschellen konnte. Die Stimme des Korsaren drang durch Wellengebraus und Windgeheul.
»Wechselt ein Segel am Fockmast!«
Obwohl der Sturm das Meer hauptsächlich gegen die Südküsten Kubas peitschte, war er kaum weniger wild vor Haiti. Etwa fünfzehn, sechzehn Meter hohe Grundwellen brandeten um die Klippen, und mächtige Gegenwellen schlugen darüber.
Doch die »Fólgore« blieb standhaft. Sie fuhr an der Küste entlang wie ein Steamer mit Volldampf.
Von Zeit zu Zeit fluteten die Wogen bald über das Backbord, bald über das Steuerbord, doch immer hob der Korsar das Schiff mit kräftigem Steuerstoß empor und lenkte es auf die richtige Bahn.
Nachdem der Orkan seine volle Stärke erreicht, nahm er an Heftigkeit ab. Meist dauern diese fürchterlichen Stürme nur wenige Stunden. Die Wolken verteilten sich schon hier und da und ließen einige Sterne durchblicken. Der Wind pfiff nicht mehr so stark wie im Anfang. Doch das Meer war immer noch erregt. Es vergingen noch viele Stunden, ehe sich die vom Atlantischen Ozean in den Großen Golf gejagten Wassermassen beruhigten und verebbten.
Die ganze Nacht hindurch kämpfte das Piratenschiff gegen die von allen Seiten eindringenden Wogen, bis es endlich siegreich den Überwindkanal überstanden hatte und in die Meerenge zwischen den Großen Antillen und der Bahamainsel einlief.
Am Morgen, als der Wind sich von Osten nach Norden gedreht hatte, befand sich die »Fólgore« dem Kap von Haiti fast gegenüber.
Der Schwarze Korsar, dessen Kleider von Wasser trieften, war von dem langen Kampf erschöpft. Als man den kleinen Leuchtturm der Zitadelle des Kaps unterscheiden konnte, übergab er Morgan das Steuer und wandte sich nach der großen Schaluppe, wo die junge Flämin noch immer zusammengekauert saß.
»Kommt herauf, Herzogin! Auch ich habe Euch bewundert! Sicher hätte keine andere Frau dem Tod so verwegen ins Auge geschaut, wie Ihr es tatet!«
Honorata hatte sich erhoben und schüttelte das Wasser von ihren Haaren und Kleidern ab. Sie sah dem Kommandanten lächelnd in die Augen und sagte: »Kann wohl sein, daß keine andere Frau sich bei dem Wetter auf Deck gewagt hätte; aber auch keine andere darf sich rühmen, den Schwarzen Korsaren im Sturmgebraus gesehen zu haben!« Der Kapitän antwortete nicht. Er stand vor ihr und sah sie mit glühenden Blicken an. Dann aber umdüsterte sich seine Stirn wieder. Er murmelte, doch so leise, daß nur sie es hören konnte: »Ihr seid ein tapferes Weib! Schade, daß die traurige Prophezeiung der Zigeunerin mein Verhängnis ist!«
»Eine Prophezeiung?« fragte Honorata erstaunt.
»Ach, Narrheiten!« rief er.
»Solltet Ihr gar abergläubisch sein, Kapitän?«
»Vielleicht!«
»Ihr ...?«
»Ja, oft bewahrheiten sich Voraussagen!«
Er zeigte auf die See hinunter und fuhr fort: »Fragt diese da unten, die auf dem Meeresgrunde ruhen! Beide waren sie schöne, starke und kühne junge Männer. Bei ihnen ist die traurige Weissagung in Erfüllung gegangen. Vielleicht ... auch schon bei mir. Schon fühle ich hier im Herzen eine Flamme lodern, die ich nicht mehr löschen kann ... Es sei! Möge sich mein Schicksal erfüllen, wenn es so geschrieben steht! Den Tod im Meere fürchte ich nicht, und wo meine Brüder schlafen, kann auch ich Ruhe finden, aber erst dann, wenn mir der Verräter vorausgegangen ist.«
Er hob drohend die Faust und stieg von der Schanze herunter, indem er die junge Flämin, die sich seine Worte nicht erklären konnte, ratlos zurückließ.
Drei Tage später war das Meer ruhig geworden, und die »Fólgore« segelte bei günstigen Winden nach der Tortuga, dem gefürchteten Piratennest im Großen Golf.
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Das Freibeutertum
Als Frankreich und England im Jahre 1625 die Vorherrschaft Spaniens durch ununterbrochene Kriege zu brechen versuchten, warfen fast gleichzeitig zwei Schiffe, ein französisches und ein englisches, vor einem St. Cristoph genannten Inselchen Anker, das nur von einigen Karibenstämmen bewohnt war. Beide Fahrzeuge waren mit einer kleinen Anzahl kühner Korsaren bemannt, die sich in das Antillenmeer eingeschifft hatten, um den blühenden Handel der spanischen Kolonien zu schädigen.
Die Franzosen wurden von einem normannischen Edelmann, d'Enanbue, und die Engländer von Sir Thomas Warner befehligt.
Da die Insel fruchtbar und die Bewohner gefügig waren, ließen sich die Ankömmlinge dort nieder, teilten sich brüderlich das Stückchen Land und gründeten zwei kleine Kolonien. Fünf Jahre lang lebten sie so, friedlich den Boden bebauend und auf das Piratenhandwerk ganz verzichtend, als eines Tags ein spanisches Geschwader erschien und den größten Teil der Kolonie mitsamt ihren Bewohnern vernichtete, denn die Spanier betrachteten alle Inseln im Golf von Mexiko als ihr Eigentum.
Einige der Kolonisten entrannen der Wut der Spanier und retteten sich auf ein anderes, Tortuga Tortuga-Tartaruga (Tortue), Schildkröte, mit der die Insel Ähnlichkeit hat. genanntes Inselchen. Es lag nördlich von San Domingo, der Halbinsel Samana fast gegenüber, und war mit einen bequemen, leicht zu verteidigenden Hafen versehen.
Diese wenigen Männer wurden die Begründer jener verwegenen Flibustierrasse, die bald darauf die Welt durch ihre unglaublichen Unternehmungen in Staunen setzen sollte.
Während sich einige im Frieden dem Tabakbau widmeten, der auf diesem jungfräulichen Boden glänzend gedieh, strebten andere, kriegerisch Gesinnte nach Rache für die Zerstörung der beiden kleinen Kolonien. Sie befuhren als Seeräuber auf einfachen Booten das Meer zum Schaden der Spanier.
Bald wurde die Tortuga ein Zentrum. Viele französische und englische Abenteurer strömten ihm nicht nur aus dem nahen San Domingo, sondern auch aus Europa zu. Unter letzteren befanden sich hauptsächlich normannische Freibeuter.
Diese zumeist aus Leuten, die ihres Besitzes enteignet wurden, ferner aus Soldaten und beutegierigen Matrosen zusammengesetzten Scharen waren alle von dem Wunsche beseelt, ihr Glück zu versuchen und ihre Hand auf die reichen Minen zu legen, aus denen Spanien Ströme Goldes zuflössen. Als sie jedoch auf jener kleinen Insel nicht das fanden, was sie erhofft hatten, streiften sie wagemutig auf dem Meere umher. Sie glaubten sich um so mehr dazu berechtigt, als ihre Länder in fortwährendem Krieg mit dem spanischen Koloß waren.
Die spanischen Kolonisten auf San Domingo, die ihren Handel geschädigt sahen, wollten sich selbstverständlich dieser Räuber sofort entledigen. So benutzten sie den Augenblick, in dem die Tortuga fast ganz ohne Besatzung war, um sie mit stark bewaffneter Macht anzugreifen. Die Einnahme war leicht, und alle Piraten, die in die Hände der Spanier fielen, wurden niedergemacht oder gehängt.
Kaum erfuhren die auf dem Meere umherstreifenden Korsaren von dem angerichteten Blutbad, als sie Rache schworen. Nach verzweifeltem Kampf eroberten sie unter Willes' Befehl ihre Insel wieder und töteten die neue Besatzung. Unter den Kolonisten entstanden nunmehr heftige Streitigkeiten, da die Franzosen zahlreicher als die Engländer waren, was die Spanier benutzten, um abermals über die Tortuga herzufallen und die Einwohner zu verjagen, die sich in die Wälder von San Domingo zurückziehen mußten.
Wie die ersten Kolonisten von St. Cristoph die ersten Flibustier waren, so wurden die Flüchtlinge der Tortuga die ersten Bukanier (Büffeljäger). Die Kariben nennen das Trocknen und Räuchern der Häute der getöteten Tiere »bukan«, daher der Name Bukanier.
Diese Leute, die später die tapfersten Verbündeten der Piraten wurden, lebten wie die Wilden in elenden, aus Baumzweigen hergestellten Hütten. Ihr Anzug bestand nur aus einem groben Leinenhemd, das immer mit Blut getränkt war, einem Paar derber Hosen, Schweinslederschuhen und einem schäbigen Hut. Der breite Gürtel enthielt stets einen kurzen Säbel und zwei große Messer. Sie hatten nur einen Ehrgeiz: den Besitz eines guten Gewehr und einer Meute großer Hunde.
Familie besaßen sie nicht. Bei Morgengrauen gingen sie immer zu zweien, um sich gegenseitig helfen zu können, auf die Jagd nach wilden Ochsen, die in den Wäldern von San Domingo äußerst zahlreich waren. Des Abends kehrten sie dann, jeder mit einem Fell und einem Stück Fleisch zum Essen beladen, heim. Zum Frühstück begnügten sie sich mit dem Aussaugen der Markknochen.
Als sie sich zu einem Bund zusammengetan hatten, wurden sie den Spaniern bald lästig, so daß diese sie wie wilde Tiere verfolgten. Da es ihnen aber nicht gelang, sie zu vernichten, so erlegten sie alle wilden Ochsen selber und entzogen dadurch den armen Jägern jede Lebensmöglichkeit.
Nun rotteten sich die Bukanier und Flibustier unter dem Namen »Küstenbrüder« zusammen und kehrten nach der Tortuga zurück, nur von dem einen Wunsche beseelt, sich an den Spaniern zu rächen.
Diese tüchtigen Jäger, die nie ihr Ziel verfehlten, waren als Soldaten natürlich auch tüchtige Schützen, so daß sie für die Freibeuterei, die bald einen ungeheuren Aufschwung nahm, unentbehrlich wurden.
Die Tortuga blühte rasch auf und wurde der Zufluchtsort aller Abenteurer aus Frankreich, Holland, England und andern Ländern. Diese Männer standen meist unter dem Oberbefehl von Bertrand d'Orgeron, den die französische Regierung als Gouverneur dorthin gesandt hatte.
Den Krieg mit Spanien fortführend, begannen die Piraten ihre ersten kühnen Unternehmungen und griffen verwegen alle spanischen Schiffe an, die sie nur erreichen konnten.
Was an Kanonen fehlte, wurde durch die Büffeljäger ausgeglichen, die als unfehlbare Schützen mit wenigen Schüssen die spanischen Besatzungen erledigten. Ihre Kühnheit war so groß, daß sie sich daranwagten, die größten Schiffe zu überfallen, die sie mit wahrer Wut enterten. Nichts hielt sie zurück, weder Kanonen noch Flintenkugeln, noch hartnäckiger Widerstand. Es waren wirkliche »Desperados«, die jeder Gefahr trotzten und den Tod nicht scheuten, wahre Dämonen. Und für Höllengeister hielten sie auch die Spanier.
Selten nur gewährten sie den Besiegten Gnade, wie es andererseits ihre Gegner auch nicht taten. Sie behielten nur Personen höheren Ranges zurück, um große Lösegelder zu erlangen; die übrigen aber wurden ins Wasser geworfen. Auf beiden Seiten kämpfte man bis zur Vernichtung des Gegners.
Alle Seeräuber hatten gleiche Rechte, und nur bei der Teilung der Beute erhielten die Führer einen größeren Anteil. Nach Verkauf ihrer Beute wurden den Verwundeten und den Tapfersten Prämien verliehen. So bekamen diejenigen eine gewisse Summe, die zuerst auf das geenterte Schiff gesprungen waren, ebenso diejenigen, welche die feindliche Flagge heruntergerissen hatten. Ferner belohnte man auch jene, die unter Einsatz ihres Lebens Nachrichten über die Bewegungen oder über die Streitkräfte der Spanier brachten. Denen, die beim Angriff den rechten Arm verloren, wurde außerdem ein Geschenk von sechshundert Piastern zuteil, die ihren linken Arm einbüßten, fünfhundert Piaster, bei Verlust eines Beins vierhundert und den Verwundeten ein Piaster täglich zwei Monate lang.
An Bord der Piratenschiffe herrschten strenge Gesetze, welche die Korsaren in Zucht hielten. Wer seinen Platz während des Kampfs verließ, wurde mit dem Tode bestraft. Verboten war das Trinken von Wein und Likören nach acht Uhr abends, der Stunde, in der jedes Feuer erloschen sein mußte. Verboten waren Zweikämpfe, Streitigkeiten, Spiele jeder Art. Mit dem Tode bestraft wurde derjenige, der heimlich eine Frau, und sei es auch die eigene Gattin, mit an Bord brachte.
Verräter wurden auf verlassenen Inseln ausgesetzt, ebenso die, die bei der Verteilung der Beute sich unehrlicherweise etwas angeeignet hatten. Aber nur höchst selten sollen diese Fälle vorgekommen sein; denn die Korsaren waren von erprobter Ehrlichkeit.
Als die Flibustier sich in den Besitz mehrerer Schiffe gesetzt hatten, wurden sie kühner. Da die Spanier den Handel zwischen ihren Inseln aufgegeben hatten und es nun keine Segelschiffe mehr zu kapern gab, fingen die Korsaren ihre großen Unternehmungen an.
Montbars war der erste ihrer Führer, der zu Ruhm gelangte. Dieser Edelmann aus dem Languedoc hatte sich nach Amerika begeben, um die bedauernswerten, von den ersten spanischen Eroberern ausgerotteten Indianer zu rächen. Wie viele andere haßte auch er die Spanier glühend wegen der von Cortez in Mexiko und von Pizarro und Almagro in Peru begangenen Grausamkeiten. Er wurde ein so furchtbarer Gegner, daß man ihn nur noch den »Vernichter« nannte. Bald an der Spitze der Flibustier, bald zusammen mit den Bukaniern trug er die Brandfackel an die Küsten San Domingos und Kubas und metzelte eine große Anzahl Spanier nieder.