»Was fürchtest du denn?«
»Der Boden weicht mir unter den Füßen! Das zeigt an, daß wir uns bei einem Moor befinden.«
»Da werden wir kostbare Zeit verlieren!« seufzte der Korsar.
»In einer halben Stunde graut schon der Morgen! Glaubt Ihr, daß die Flüchtlinge keine Hindernisse antreffen, Kapitän?«
»Also warten wir den Sonnenaufgang ab!«
Sie lagerten sich nun zu Füßen eines Baumes und harrten mit Ungeduld auf das Schwinden der Finsternis.
Der große, zuerst so stille Wald hallte von tausend seltsamen Geräuschen wider. Tausende und Abertausende von froschartigen Tieren, Kröten, Ochsenfröschen und »Parraneca« erhoben ihre Stimmen und verursachten einen Höllenlärm. Man hörte Gebell, endloses Gebrüll, langes Kreischen, Knarren, ein Gurgeln wie von hundert Kehlen, dann ein wütendes Hämmern, als ob ein Heer von Tischlern im Walde zimmerte, und ein Knirschen, das von Hunderten von Dampfsägen herzurühren schien.
Von Zeit zu Zeit erregten scharfe Pfiffe unter den Bäumen die Aufmerksamkeit der Flibustier. Sie rührten von gewissen Eidechsen her, die zwar klein waren, aber so mächtige Lungen hatten, daß ihre lauten Stimmen mit Lokomotiven hätten wetteifern können.
Endlich fingen die Sterne an zu verblassen, und eine kurze Dämmerung begann, die Nacht zu verscheuchen, als plötzlich in der Ferne eine schwache Detonation erfolgte, die sich nicht mit dem Gequak der Frösche verwechseln ließ.
Der Korsar sprang auf und fragte den Spanier, der sich ebenfalls erhoben hatte: »War das nicht ein Schuß?«
»Es scheint so«, erwiderte dieser.
»Könnte er von den Flüchtigen herrühren?«
»Ich vermute es.«
»Also dürften sie nicht allzu weit von uns sein!«
»Da kann man sich leicht irren, Herr. Unter diesen grünen Gewölben hallt das Echo in unglaublicher Entfernung wider!«
»Der Tag beginnt; wir können also weitergehn, wenn ihr nicht übermüdet seid!«
»Wir ruhen uns später aus«, sagte Carmaux.
Jetzt drang der erste Tagesschimmer durch die gigantischen Blätter der Bäume und weckte die Bewohner des Waldes.
Die Tucanen (Pfefferfresser) schwangen sich bereits auf die höchsten Gipfel der Bäume und ließen ihre unangenehmen, an das Knarren eines schlecht geölten Rades erinnernden Stimmen ertönten. Sie haben einen Schnabel, der so groß ist wie ihr ganzer Körper, aber so schwach, daß die armen Vögel ihre Nahrung in die Höhe werfen müssen, um sie beim Niederfallen aufzufangen. Andere unter den dichtesten Pflanzen versteckte Vögel schmetterten aus vollem Halse ihre Baritontöne do-mi-so-do. Die Kassicken zwitscherten und schaukelten sich auf ihren seltsamen börsenförmigen Nestern, welche an den biegsamen Zweigen der Wurzelbäume oder an den äußersten Spitzen der Riesenblätter der Maot hingen, während die zierlichen Fliegenschnäpper wie geflügelte Juwelen von Blume zu Blume flogen. Ihr grünes, blaues und schwarzes Gefieder mit goldenen und kupferfarbenen Reflexen schillerte in den ersten Strahlen der Sonne.
Einige Affenpärchen verließen ihr nächtliches Versteck, reckten die Glieder und gähnten, das offene Maul zur Sonne gewandt.
Zumeist waren es Barrigudos, sechzig bis achtzig Zentimeter große Wollaffen, mit einem Schwanz, der länger als ihr ganzer Körper ist, mit weichem, auf dem Rücken tiefschwarzem und am Bauche grauem Fell und einer Mähne auf den Schultern. Etliche hatten sich an den Schwänzen aufgehängt und schaukelten an den Zweigen, indem sie Schreie ausstießen, die wie »eske-eske« klangen. Andere, die boshaft und unverschämt waren, begrüßten mit Grimassen die Flibustier und bewarfen sie mit Früchten und Blättern.
Mitten in den Palmblättern bemerkte man auch Scharen zierlicher Micos (Silberäffchen), die so klein sind, daß man sie in die Tasche stecken kann. Sie kletterten behend die Zweige auf und nieder und suchten Insekten zu ihrer Nahrung. Doch als sie die Menschen entdeckten, brachten sie sich schleunigst auf den höchsten Ästen in Sicherheit und schauten sie von oben mit ihren klugen, ausdrucksvollen Augen an.
Bäume und Dickicht wurden jetzt spärlicher auf diesem wassergetränkten und wahrscheinlich tonhaltigen Boden. Die herrlichen Palmen waren verschwunden und machten Gruppen kleiner Weiden Platz. Letztere sterben in der Regenzeit ab und erscheinen in der trockenen Jahreszeit wieder. Auch seltsame Bäume mit sehr dickem Stamm im untern Teil standen dort. Dieser ruhte in einer Höhe von zwei bis drei Zentimeter auf sechs bis acht kräftigen Wurzeln. In einer Höhe von fünfundzwanzig Meter entfalteten sie ihre großen, gezähnten Blätter ringsum wie einen Sonnenschirm.
Aber bald verschwanden auch diese letzten Bäume. Man sah nur noch Massen von Calupo, einer Pflanze, deren Früchte, in Stücke geschnitten und ein wenig gegoren, ein erfrischendes Getränk liefern, und dicke fünfzehn, sogar zwanzig m hohe Bambusstauden, deren Umfang nicht zu umspannen war.
»Ehe wir diesen Wald verlassen, werdet ihr hoffentlich noch eine gute Tasse Milch genehmigen«, sagte der Spanier.
»Oh!« rief Carmaux vergnügt. »Hast du eine Kuhherde entdeckt?«
»Das nicht, aber den Milchbaum.«
»Gut! Melken wir den Milchbaum!«
Er ließ sich von Carmaux ein Fläschchen reichen und näherte sich einem etwa zwanzig m hohen Baume mit breiten Blättern und dickem, glattem Stamm, der auf kräftigen Wurzeln ruhte, die über der Erde lagen, als ob sie unter derselben nicht genügend Platz gefunden hätten. Mit einem Schwertstoß drang er tief ins Mark ein. Gleich darauf floß aus der Wunde eine weiße, dickliche Flüssigkeit, die in Farbe und Geschmack der Milch ähnelte.
Alle löschten erfreut ihren Durst, schritten aber dann sofort weiter, zwischen Bambusstauden hindurch, unter ohrenbetäubendem Lärm, den das schrille Pfeifen der Eidechsen verursachte.
Der Boden wurde immer weicher. Bei jedem Schritt drang Wasser hervor und bildete Pfützen, die sich rasch vergrößerten.
Scharen von Wasservögeln zeigten die Nähe eines großen Sumpfes an. Man sah Schwärme von Schnepfen und Anhingas, Vögel mit einem so langen und dünnen Hals, daß sie auch Schlangenvögel genannt werden. Sie hatten ein sehr kleines Köpfchen, einen geraden, scharfen Schnabel und seidige, silberschimmernde Federn. Auch Scharen kleinster Sumpfvögel erblickte man, kaum so groß wie Elstern, mit dunkelgrünem, am Rande dunkelviolettem Gefieder.
Der Spanier verlangsamte seinen Schritt aus Furcht, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Ein Fallen und Gurgeln wurde hörbar.
»Aha! Wasser!« rief er aus.
Plötzlich ertönte ein rauher, langer Schrei, doch nicht aus unmittelbarer Nähe.
»Hast du das gehört?« fragte Carmaux erschrocken.
»Ja, den Schrei eines Jaguars!«
Sie blieben stehen, mit den Füßen auf Bambusrohr, das sie hingelegt hatten, um nicht im Schlamm zu versinken.
Das Gebrüll des Raubtiers ließ sich nicht mehr hören, wohl aber ein heiseres Murren, das seine Wut anzeigte.
»Vielleicht fischt das Tier gerade!« meinte der Spanier.
»Fischen? Soviel ich weiß, haben die Jaguare doch keine Angelhaken«, sagte Carmaux trocken.
»Aber Krallen und einen Schwanz!«
»Wozu soll denn der Schwanz dienen?«
»Nun, um die Fische anzuziehen!«
»Hängen sie sich vielleicht Würmer an die Schwanzspitze?«
»Nein. Sie bewegen mit den langen Haaren nur ganz sanft die Wasserfläche!«
»Und dann?«
»Nun, dann kommen die beutegierigen und auch die neugierigen Fische an die Oberfläche, wo sie der Jaguar mit einem Tatzenschlag geschickt fängt!«
Der Neger, der höher stand als die andern, hatte den Jaguar erblickt.
»Er steht am Ufer des Moors und scheint nach etwas auszuspähen!«
Der Korsar ging dem Neger nach, um das Raubtier zu beobachten.
»Seid vorsichtig, Herr!« riet der Spanier.
»Wenn er uns den Weg nicht verstellt, brauchen wir ihn ja nicht anzugreifen.«
Auch die andern schlichen, hinter hohem Röhricht versteckt, ganz leise vorwärts mit gezückten Schwertern.
Nach zwanzig Schritten gelangten sie an das Ufer des großen Moors, das sich inmitten des Urwaldes auszudehnen schien. Es war ein schlammiges, von den Abgängen des ganzen Waldes gebildetes Becken. Das Wasser war von den tausend und abertausend verfaulenden Pflanzen fast schwarz geworden und hauchte giftige Miasmen aus, die bei den Menschen tödliches Fieber hervorrufen. Überall wuchsen Wasserpflanzen jeder Art. Mucumucusträucher mit breiten, schwimmenden Blättern; Gruppen von Arum, dessen herzförmige Blätter aus einem Blütenstengel hervorsprießen; ferner Muricien, die an der Oberfläche des Wassers bleiben. Endlich entfaltete die größte unter den Wasserpflanzen, die herrliche Victoria regia, ihre oft eineinhalb Meter umfassenden Blätter, die wie ungeheure Teller aussahen. Ihre umgebogenen Ränder waren mit langen, spitzen Dornen bewaffnet. Inmitten der riesigen Blätter erhoben sich die prächtigen Blüten wie weißer Atlas mit rosa abgetönten Strichen von einzigartiger Schönheit.
Kaum hatten die Flibustier einen Blick auf das Moor geworfen, als sie ganz nahe ein dumpfes Knurren vernahmen.
»Der Jaguar!« rief der Spanier erschrocken. »Da steht er am Ufer – auf der Lauer!«
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Jaguar und Krokodil
Fünfzig Schritte von ihnen entfernt stand am Rand eines Gehölzes ein prachtvolles, tigerähnliches Tier, in einer Haltung gleich den Katzen, wenn sie auf Mäusefang ausziehen. Es war fast zwei Meter lang, also wohl eines der größten seiner Art, mit einem über achtzig Zentimeter langen Schweif und einem kurzen, dicken Hals wie dem eines jungen Stiers. Seine kräftigen muskulösen Tatzen waren mit mächtigen Krallen versehen.
Sein dichtes, weiches Fell war von außerordentlicher Schönheit, gelblich-rötlich gefärbt, mit schwarzen, rot umränderten Flecken, die an den Seiten kleiner und auf dem Rücken größer und häufiger waren und dort einen breiten Streifen bildeten.
Die Flibustier erkannten in diesem Tier sofort einen Jaguar, das mächtigste Raubtier Amerikas, weit gefährlicher als der Kuguar oder die großen, grauen Bären der Rocky Mountains.
Diese Tiere, die man von Patagonien bis zu den Vereinigten Staaten findet, sind der Schrecken Amerikas, so furchtbar wie der Tiger, aber auch so behend, kräftig und wild wie diese.
Meist wohnen sie in den feuchten Wäldern und an den Ufern der Moore und riesigen Flüsse, vor allem des Rio de la Plata, des Amazonenstroms und des Orinocos, da sie, was bei den Katzen seltsam ist, das Wasser lieben.
Die Verwüstungen, die diese Tiere anrichten, sind schrecklich. Da sie einen phänomenalen Appetit besitzen, greifen sie jedes Wesen an, das ihnen begegnet. Die Affen können sich nicht retten; denn die Jaguare klettern so behend auf die Bäume wie die Katzen. Die Büffel und Pferde auf den Faktoreien können sich wohl mit Hörnern und Hufen verteidigen, fallen ihnen aber doch zum Opfer; denn die blutdürstigen Räuber springen mit einem blitzartigen Satz auf ihre Rücken und zerschmettern ihnen mit einem einzigen Tatzenschlag die Wirbelsäule. Nicht einmal die Schildkröten können entkommen, obwohl sie einen sehr widerstandsfähigen Körper besitzen. Die mächtigen Krallen der Raubtiere dringen durch den doppelten Panzer der Aruaschildkröte hindurch und ziehen das schmackhafte Fleisch heraus.
Gegen die Hunde hegen sie eine tiefe Abneigung. Wenn sie auch ihr Fleisch nicht schätzen, so holen sie sie doch am hellichten Tage aus den Indianerdörfern heraus.
Auch die Menschen werden nicht verschont. Viele arme Indianer zahlen jährlich ihren Tribut an den blutgierigen Räuber. Auch wenn sie anfangs nur verwundet sind, sterben sie an den tiefen Rissen, die ihnen die Krallen dieser Tiere beibringen.
Der Jaguar, der am Rande des Moors lauerte, schien die Nähe der Flibustier gar nicht bemerkt zu haben; denn er zeigte keine Spur von Unruhe. Unentwegt starrte er auf das schwärzliche Gewässer des großen Sumpfs, als ob er eine Beute unter den breiten Blättern der Victoria regia erspähen wolle.
Er kauerte im Röhricht nieder, doch so, daß er jeden Augenblick losspringen konnte.
Seine Schnurrhaare bewegten sich leise vor Ungeduld und Zorn, und sein langer Schweif strich lautlos über die Spitzen des Rohrs.
»Worauf wartet das Tier?« fragte der Korsar, der van Gould und dessen Eskorte ganz vergessen zu haben schien.
»Es späht nach einer Beute«, antwortete der Spanier.
»Vielleicht nach einer Schildkröte?«
»Nein!« rief der Neger. »Es wartet auf einen ebenbürtigen Gegner. Schaut dorthin, nach den Blättern der Victoria regia! Seht Ihr da nicht ein Maul auftauchen?«
»Unser ›Kohlensack‹ hat recht«, sagte Carmaux. »Ich sehe etwas unter den Blättern, das sich bewegt!«
»Es ist das Maul eines Kaimans, Freundchen!« belehrte ihn Mokko.
»Eines Krokodils?« fragte der Korsar.
»Ja, Herr!«
»Also die Jaguare greifen sogar diese riesenhaften Reptilien an?«
»Gewiß!« entgegnete der Katalonier. »Wenn wir still sind, werden wir einem furchtbaren Kampfe beiwohnen.«
»Hoffentlich dauert er nicht lange!«
»Es sind beide ungeduldige Gegner und werden mit den gegenseitigen Bissen nicht knausern. Ah... da zeigt sich schon der Jacarè!«
Die Blätter der Victoria regia teilten sich plötzlich und ließen zwei riesenhafte Kiefer mit langen, dreieckigen Zähnen sehen, die sich nach dem Ufer zu ausdehnten.
Als der Jaguar das Krokodil näherkommen sah, erhob er sich und trat einen Schritt zurück. Er mußte diese Bewegung aber nicht aus Furcht vor den beiden Kiefern ausgeführt haben, sondern augenscheinlich in der Absicht, den Gegner auf das Land zu locken, um ihn seines Hauptverteidigungsmittels, nämlich der Beweglichkeit, zu berauben. Sind diese Tiere einmal aus dem Wasser heraus, so fühlen sie sich sehr behindert.
Durch diese Bewegung wohl enttäuscht, stürzte der Kaiman vor, indem er mit seinem mächtigen Schwanz die Blätter der Victoria regia glatt abmähte und großen Wellenschlag verursachte. Als er am Ufer Fuß gefaßt hatte, blieb er stehen und zeigte seinen gräßlichen, weit geöffneten Rachen.
Es war ein großer, fast fünf Meter langer Alligator, dessen Rücken Wasserpflanzen bedeckten, die ihm im Schlamm gewachsen waren und die er sich zwischen seinen knöchernen Schuppen einverleibt hatte.
Er schüttelte sich, so daß das Wasser rings um ihn aufspritzte; dann stürzte er sich auf seine kurzen Hinterpfoten und stieß einen Schrei aus, der wie das Weinen eines Kindes klang.
Statt ihn anzugreifen, war der Jaguar zurückgesprungen. Nun aber war seine Haltung erst recht sprungbereit.
Minutenlang sahen sich schweigend der König der Wälder und der König der Moore mit gelblichen, wild blitzenden Augen an, dann ließ ersterer ein ungeduldiges Knurren ertönen und krümmte sich fauchend wie eine wütende Katze.
Der furchtlose Kaiman, der sich seiner Stärke und der Kraft seiner Zähne voll bewußt war, bewegte sich weiter vor und schlug rechts und links mit seinem schweren Schwanze.
Das war der Augenblick, auf den der listige Jaguar gewartet hatte. Er machte einen hohen Sprung in die Luft und fiel auf den Gegner nieder. Aber seine stahlharten Krallen durchdrangen nicht die knöchernen Schuppen des Reptils, die es wie ein fester Panzer schützen, durch den keine Kugel dringt.