Wütend, daß der erste Angriff mißlang, drehte er sich mit erstaunlicher Schnelligkeit um, schlug mit einem kräftigen Tatzenhieb auf den Kopf des Gegners und riß ihm ein Auge aus. Dann war er mit einem Sprung wieder am Boden, etwa zehn Schritte weiter.
Das Reptil stieß ein langes Wut- und Schmerzensgeheul aus. Des Auges beraubt, war es dem gefährlichen Feinde gegenüber im Nachteil und versuchte jetzt, ans Moor zurückzugelangen. Wütend schlug es mit dem Schwänze und spritzte den Schlamm hoch auf.
Der Jaguar, der es immer beobachtete, stürzte zum zweitenmal vor, und zwar auf den Rücken des Tieres; doch diesmal versuchten sich seine Krallen nicht an dem undurchdringlichen Panzer.
Er beugte sich vor und riß ihm seine Eingeweide heraus.
Die Wunde mußte tödlich sein, doch besaß der Alligator noch zuviel Lebenskraft, um sofort zu unterliegen. Er befreite sich mit instinktivem Schütteln vor dem Feinde, indem er ihn auf das Röhricht warf. Dann stürzte er auf ihn zu, um ihn mit einem kräftigen Biß seiner zahllosen Zähne zu zerreißen. Doch unglücklicherweise konnte er mit seinem einen Auge nicht richtig zielen, und anstatt den Gegner gänzlich zu zermalmen, was leicht für ihn gewesen wäre, biß er ihm nur den Schwanz ab.
Der Jaguar stieß einen wilden Schrei aus, der ankündigte, daß der Schwanz abgetrennt war.
»Armes Tier!« rief Carmaux. »Ohne Schwanz wird es eine häßliche Figur machen!«
»Er wird sich schon rächen!« sagte der Spanier.
In der Tat hatte sich der blutdürstige Jaguar mit verzweifelter Wut wieder auf das Reptil geworfen. Er bearbeitete das Maul desselben unglaublich rasch mit seinen Krallen, um es zu zerreißen. Der blinde, schrecklich zugerichtete, bluttriefende Alligator kroch immer mehr ins Moor zurück. Sein Schwanz bewegte sich in mächtigen Schlägen, und seine Kiefer schlugen krachend aufeinander, ohne daß es ihm gelang, sich von der Bestie, die ihn immer mehr zerriß, zu befreien.
Plötzlich stürzten beide in den Sumpf und kämpften dort miteinander. Das aufgewühlte Wasser schäumte und färbte sich mit Blut. Dann erschien eins der Tiere wieder am Ufer.
Es war der Jaguar, aber in bedauernswertem Zustand. Blut und Wasser tropfen gleichzeitig von seinem Fell. Den Schwanz hatte er zwischen den Zähnen des Reptils gelassen. Der Rücken schien zerfleischt, eine Tatze gebrochen zu sein.
Mühsam kroch er ans Ufer, blieb von Zeit zu Zeit stehen und sah mit blitzenden Augen nach dem Moore hin. Endlich erreichte er das Röhricht, stieß ein letztes, drohendes Geheul aus und verschwand vor den Augen der Flibustier.
»Der hat seinen Teil bekommen!« sagte Carmaux.
»Ja, aber der Kaiman ist tot, und wenn er morgen wieder an die Oberfläche kommt, verzehrt ihn der Jaguar zum Frühstück«, meinte der Katalonier.
»Der Preis für das Frühstück war aber hoch!«
»Bah, diese Raubtiere haben ein dickes Fell! Er wird bald wieder heil sein!«
»Aber der Schwanz wächst ihm doch nicht wieder?«
»Nein, doch Zähne und Krallen genügen.«
Der Schwarze Korsar machte sich nun von neuem auf den Weg und ging am Ufer des Moors entlang. Als sie an der Stelle vorüberkamen, wo der Kampf stattgefunden, gewahrte Carmaux das verlorene Auge des Reptils am Boden.
»Puh!« rief er aus. »Wie häßlich! Noch nach dem Tode hat es einen Blick voll Haß und Wildheit beibehalten!«
Da nur Röhricht und Mucumucu am Ufer wuchsen, die sich leicht niederschlagen ließen, so konnten die Flibustier ihren Marsch beschleunigen. Doch mußte sie sich vor den in der Umgebung des Moors sehr zahlreichen Schlangen hüten. Glücklicherweise trafen sie wenig Jaracares an, Schlangen giftigster Art, die wie trockenes Laub aussehen und daher schwer zu erkennen sind. Aber Vögel gab es über den Wasserpflanzen und im Röhricht in Menge. Außer den Sumpfvögeln sah man schöne, Cigañas genannte Wasserhühner mit bunten Federn und langen Schwänzen, Massen von lärmenden Papageien, bald grün, bald gelb und rot; wunderschöne Cañindes, große, den Kakadus ähnelnde Papageien mit blauen Flügeln und gelber Brust, Scharen von Ticstics, unsern Sperlingen ähnliche Vögelchen.
Auch Affen kamen aus dem Walde, Weißkopfaffen mit langem, seidenweichem, schwarzgrauem Fell und einem langen, weißen Bart, der ihnen das Aussehen von Greisen gab.
Die Mütter, die ihre Kleinen auf den Schultern trugen, folgten den Männchen; aber als sie die Menschen sahen, flüchteten sie und überließen den Männchen die Sorge um den Rückzug.
Um Mittag gab der Schwarze Korsar das Zeichen zur wohlverdienten Ruhe; denn seine Leute waren fast zehn Stunden ununterbrochen unterwegs gewesen und nun todmüde.
Da sie die wenigen mitgenommenen Lebensmittel sparen wollten, machten sie sich sofort auf die Suche nach Wild und Früchten. Der Hamburger und der Neger hatten das Glück, unweit vom Moor eine herrliche, Bacaba genannte Palme zu entdecken. Dieselbe hatte karmesinrote Blüten und gibt eine Art Wein, wenn man sie anschneidet. Ferner eine Jabuticabeira, einen sechs bis sieben Meter hohen Baum mit dunkelgrünem Laub, der dicke, hellgelbe, apfelsinenähnliche Früchte trägt, deren zartes, saftiges Fleisch aber von einer festen, dicken Schale umgeben ist.
Carmaux und der Spanier dagegen bemühten sich um das Wild für die Abendmahlzeit.
Da sie am Ufer des Moors nur schwer zu erlegende Vögel sahen und auch kein kleines Schrot dafür besaßen, gingen sie in den Wald, in der Hoffnung, dort einen Kariaku, ein ziegenähnliches Tier, oder eine Pecari, eine Art Wildschwein, zu erjagen.
Währenddessen überließen sie den Gefährten das Anzünden des Feuers, da sie wohl wußten, daß der Korsar nicht lange rasten würde.
In fünfzehn Minuten hatten sie das dicke Röhricht passiert und befanden sich nun am Saum des Urwalds, der mit großen Zedern, Palmen aller Art, dornigen Kakteen, großen Helianthus und herrlichen Salvie fulgens, letztere mit wundervollen, karmesinroten Blüten, bestanden war.
Der Spanier blieb lauschend stehen, um irgendeinen Laut zu erhaschen, der auf die Anwesenheit eines Wildes hinwies; aber es herrschte tiefe Stille unter dem grünen Gewölbe.
»Ich fürchte, wir werden unsere Reserven angreifen müssen«, sagte er, bedenklich den Kopf schüttelnd.
»Vielleicht befinden wir uns im Bereich des Jaguars, vor dem das Wild schon längst geflohen ist!«
»Man scheint selbst keine Katze mehr zu finden!« seufzte der Katalonier.
»Du hast ja gesehen, daß sie nicht fehlen, aber was für welche! Treffen wir den Jaguar, so töten wir ihn!«
»Das Fleisch wäre gar nicht so schlecht, Carmaux, vor allem mit Rotkohl gekocht!«
»Also los, töten wir ihn!«
»Horcht!« rief der Spanier und hob den Kopf. »Ich glaube, wir können bald etwas Besseres töten!«
»Hast du ein Reh entdeckt, Herzensfreund?« »Seht Ihr den großen Vogel?«
Carmaux folgte seinem Blick und sah wirklich einen großen, schwarzen, häßlichen Vogel zwischen den Zweigen der Bäume fliegen.
»Ist das etwa das versprochene Reh?«
»Nein, das ist ein Gule-gule. Da seht, noch ein zweiter und dort unten noch mehr!«
»Töte sie mit einer Kugel, wenn du kannst!« meinte Carmaux ironisch. »Ich habe zu deinem Gule-gule kein Vertrauen.«
»Ich will ihn ja gar nicht haben! Im Gegenteil, er zeigt uns nur, daß es hier ausgezeichnetes Wild gibt!«
»Und welches?«
»Wildschweine!«
»Donnerwetter! Wie gern möchte ich jetzt ein Wildschweinkotelett verspeisen! Erkläre mir aber, was deine Gule-gule mit diesen Tieren zu tun haben.«
»Diese Vögel besitzen ein scharfes Auge. Entdecken sie Wildschweine von weitem, so fliegen sie hin, um sich den Bauch mit ...«
»Wildschweinbraten zu füllen!«
»Das nicht, aber mit Würmern, Skorpionen und Zungenasseln, welche die Wildschweine mit ihrer Schnauze beim Aufwühlen der Erde hinauswerfen, wenn sie sich Wurzeln und Knollen zur Nahrung suchen.«
»Sie fressen auch Zungenasseln?«
»Natürlich!«
»Und sterben nicht daran?«
»Nein, dem Gule-gule soll das Gift dieser Insekten nicht schaden.«
»Ich verstehe. Wir wollen die Vögel schnell verfolgen, ehe sie wegfliegen! Halte das Gewehr in Bereitschaft! ... Aber werden uns die Spanier nicht hören?«
»Dann muß der Korsar fasten!«
»Du sprichst wie ein Buch, Freundchen! Besser sie hören uns, und wir füllen uns den Magen, als daß unsere Kräfte abnehmen, daß wir sie nicht mehr verfolgen können!«
»Still!«
»Sind Wildschweine da?«
»Das weiß ich nicht; aber irgendein Tier muß nahe sein. Merkt ihr nicht, wie das Laubwerk sich dort bewegt?«
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Carmaux' Mißgeschick
Die beiden Jäger hatten sich hinter dem Stamm einer großen Samaruba verborgen. Die Zweige knackten hier und da, als ob die Bestie sich noch nicht über den Weg schlüssig wäre. Plötzlich tat sich das Gestrüpp auseinander, und Carmaux sah ein etwa fünfzig Zentimeter langes Tier mit rötlich-schwarzem Fell, kurzen Beinen und reichbehaartem Schwanz hervorspringen.
Er kannte es nicht und wußte auch nicht, ob es eßbar wäre. Als er es aber dreißig Schritt vor sich stehen sah, legte er doch das Gewehr an und feuerte. Es fiel, erhob sich jedoch wieder mit einer Behendigkeit, die anzeigte, daß es nicht schwer verletzt war, und kroch ins Gehölz.
»Verflucht! Aber es soll mir nicht weit kommen!«
Er stürmte vorwärts, ohne die Waffe wieder zu laden, verfolgte die Spuren des Tiers und hörte nicht auf den warnenden Zuruf des Spaniers.
»Nimm deine Nase in acht!«
Das Tier floh weiter, wahrscheinlich seinem Unterschlupf zu. Doch der gewandte Carmaux war ihm auf den Fersen. Mit dem Entersäbel in der Hand, wollte er es in Stücke schneiden.
»Ah, Brigant, du!« schrie er.
Das arme Tier hielt im Fliehen inne, verlor aber allmählich die Kräfte. Blutspuren auf Gras und Blättern zeigten, daß die Kugel getroffen hatte. Schließlich blieb es, erschöpft vom Lauf und Blutverlust, an einem Baumstamm stehen. Carmaux, der nun seiner sicher war, stürzte sich darauf, prallte aber sofort zurück; denn ein unerträglicher Gestank erstickte ihn fast.
»Zum Teufel!« brüllte er.
Ein heftiges Niesen bemächtigte sich seiner und hinderte ihn am weiteren Fluchen.
Der Spanier wollte ihm zu Hilfe eilen, blieb aber zehn Schritt vor ihm stehen, sich die Nase mit beiden Händen zuhaltend.
»Caramba!« sagte er. »Ich habe Euch doch geraten, nicht weiterzugehen, Caballero! Jetzt seid Ihr für eine Woche parfümiert. Ich habe keinen Mut, an Euch heranzukommen.«
»Bin ich denn verpestet? Ich fühle mich so elend, als ob ich seekrank wäre.«
»Flieht, damit ihr andere Luft atmen könnt!«
»Ich glaube, ich krepiere! Was ist denn nur geschehen?«
»Lauft doch davon, sage ich Euch! Flieht aus diesem unerträglichen Geruch, der schon die ganze Umgebung erfüllt!«
Mühsam erhob sich Carmaux und machte einige Schritte auf den Spanier zu, der sich schleunigst entfernte.
»Hast du Angst vor mir? Dann habe ich wohl die Cholera?«
»Das nicht, Caballero, aber ich fürchte, Ihr parfümiert mich auch.«
»Aber wo soll ich denn nur bleiben? Ich jage alle in die Flucht, selbst den Kommandanten!«
»Erst müßt ihr ausgeräuchert werden«, sagte der Spanier, der sich das Lachen verbiß.
»Etwa wie ein Hering?«
»Ja, nicht mehr und nicht weniger, Caballero!«
»Stinkt das nicht nach verfaultem Knoblauch? Ich habe das Gefühl, als ob mir der Schädel zerspringt!«
»Das glaube ich Euch. Es war der Surriljo, ein Stinkmarder, wohl der schlimmste der Sorte! Nicht einmal die Hunde können den Geruch vertragen.«
»Und woher hat das Tier diesen verdammten Geruch?«
»Aus einigen Drüsen unter dem Schwanz. Habt Ihr auch Flüssigkeit abbekommen?«
»Nein, dazu war ich zu weit ab!«
»Dann hattet Ihr Glück! Denn hätten Eure Kleider auch nur einen einzigen Tropfen dieses öligen Saftes abbekommen, so würdet Ihr die Reise unweigerlich nackt wie Vater Adam fortsetzen müssen!«
»Ich rieche schlimmer als ein Dunghaufen.«
»Laßt nur gut sein, wir räuchern Euch schon aus!«
»Zum Teufel mit allen Surriljos der Erde! Konnte mir etwas Schlimmeres passieren? Wir werden schön angesehen werden bei unserer Rückkehr! Man erwartet uns mit Wild, und statt dessen bringe ich eine Wolke von Gestank mit!«
Der Spanier lachte jetzt bei dem Jammer des Flibustiers aus vollem Halse. Er hielt sich immer von ihm entfernt und wartete, bis die Luft den armen Jäger etwas reinigte.
Stiller kam ihnen entgegen, in der Hoffnung, beim Schleppen des Wildbrets helfen zu können.
Als er aber in Carmaux' Nähe kam, ergriff er schleunigst die Flucht.
»Alle fliehen mich wie die Pest«, sagte Carmaux melancholisch. »Es wird mir nichts anderes übrigbleiben, als mir im Sumpf das Leben zu nehmen!«
»Ihr werdet nichts tun«, sagte der Katalonier energisch, »als eine Weile hierbleiben, bis ich zurückkehre!«
Carmaux nahm resigniert zu Füßen eines Baumes Platz und seufzte tief.
Nachdem der Spanier dem Kapitän das komische Abenteuer erzählt hatte, begab er sich mit dem Neger in den Wald und sammelte gewisse pfefferähnliche Kräuter. Diese legten sie dann zwanzig Schritt vor Carmaux entfernt nieder und zündeten sie an.
»Laßt Euch nur ordentlich ausräuchern!« sagte er lachend und entfloh wieder. »Wir erwarten Euch zum Frühstück!«
Ergeben setzte sich Carmaux dem dichten Rauch der Pflanzen aus.
Der Reisig strömte brennend einen so beißenden Geruch aus, als ob der Katalonier richtige Pfefferbeeren hineingestreut hätte. Obgleich die Augen des armen Flibustiers reichlich tränten, ergab er sich in sein Schicksal. Eine halbe Stunde später spürte er den Geruch nur noch wenig und entschloß sich, ins Lager zurückzukehren, wo die Gefährten soeben eine große Schildkröte zurechtmachten.
»Ist es erlaubt?« fragte er. »Ich hoffe doch, daß ich jetzt gereinigt bin!«
»Komm nur her!« rief der Korsar gutmütig. »Wir Seeleute sind ja an den scharfen Teergeruch gewöhnt, da werden wir auch dich ertragen können! Habt ihr im Walde geschossen?«
»Ich denke, daß man den Knall nicht weit gehört hat«, erwiderte der Spanier.
»Es wäre durchaus nicht von Vorteil, wenn die Flüchtlinge ahnten, daß sie verfolgt würden!«
»Ich glaube eher, daß sie davon überzeugt sind, Kapitän!«
»Woraus willst du das schließen?«
»Aus ihrem überstürzten Marsch!«
»Vielleicht drängt den Gouverneur noch ein anderer Grund zur Eile. Die Furcht, daß der Olonese Gibraltar überfällt!«
»Wollt Ihr denn Gibraltar angreifen?« fragte der Spanier unruhig.
»Vielleicht ... Wir wollen sehen!« erwiderte der Korsar ausweichend.
»Wenn das geschieht, kann ich nicht gegen meine Landsleute kämpfen«, sagte der Katalonier. »Ein Soldat darf die Waffen nicht gegen eine Stadt erheben, über deren Mauern die Fahne des Heimatlandes weht! Solange es sich um den Flamen handelt, helfe ich Euch. Aber mehr tue ich nicht. Ich lasse mich eher hängen!«
»Ich schätze deine Anhänglichkeit an das Vaterland«, erwiderte der Schwarze Korsar. »Sobald wir van Gould haben, bist du frei und kannst Gibraltar verteidigen, wenn du willst.«
»Ich danke Euch, Caballero, bis dahin stehe ich zu Eurer Verfügung.«
Sie setzten ihren Marsch am Ufer des Sumpfes fort. Die Hitze war entsetzlich, doch die Flibustier litten nicht sehr darunter, obgleich der Schweiß ihnen aus allen Poren drang. Außerdem blendete der Sumpf die Augen, so daß sie schmerzten, und gefährliche, das Sumpffieber erzeugende Miasmen stiegen auf.