Da der sumpfige Wald jetzt ein Ende nahm, stießen sie wieder auf Bambus, Palmen jeder Art, Buchsbaum und Pflanzen mit riesengroßen Blättern, beladen mit Blüten und Früchten. Auch Papageien erblickten sie wieder und hörten in der Ferne das ohrenbetäubende Geschrei von Affen, was Carmaux wütend machte, weil er sie nicht schießen durfte.
»Ich werde später wieder zu Kräften kommen«, brummte er, »und dann esse ich zwölf Stunden hintereinander Wild.«
Der Schwarze Korsar hatte all die Strapazen und Entbehrungen, wie es schien, mit Leichtigkeit überwunden.
Plötzlich hielt er lauschend inne. Hinter einem kleinen Gebüsch hörte er deutlich zwei Männer sprechen.
»Diego«, sagte eine schwache Stimme, als ob sie am Erlöschen wäre, »nur einen Schluck Wasser, einen einzigen Schluck... bevor ich die Augen für immer schließe!«
»Ich kann doch nicht, Pedro«, antwortete eine andere, röchelnde Stimme. »Ich kann nicht!«
»Mit uns ist's aus ... Diese verdammten Indianer ... sie haben mich zu Tode verwundet!«
»Und ich habe Fieber ... das mich töten wird.«
»Wenn sie zurückkommen ... werden sie uns nicht mehr finden.« »Der See ist nah... und der Indianer weiß ... wo ein Kahn ist... Ah! Kommt da nicht jemand?«
Der Korsar drang in das Dickicht mit hochgehobener Pistole.
Dahinter lagen unter einem großen Baum zwei blasse, nur mit Lumpen bedeckte Soldaten. Als sie den bewaffneten Mann erblickten, rafften sie sich mit aller Kraft auf und wollten kniend nach ihren Gewehren greifen. Sie fielen aber sofort wieder um, da ihre Kräfte versagten.
»Wer sich rührt, ist des Todes!« rief der Kapitän drohend.
Einer der beiden Soldaten sagte traurig: »Ach, Caballero!... Ihr würdet nur Sterbende töten.«
In diesem Moment traten auch die andern in die Hecke. Als der Spanier die Soldaten erblickte, schrie er auf: »Pedro! ... Diego!...«
»Der Katalonier!« kam es von den Lippen der beiden.
»Ich bin's, Kameraden!«
»Still, still! Regt euch nicht auf!« sagte Ventimiglia. »Könnt ihr mir angeben, wo sich der Gouverneur befindet?«
»Er ist seit drei Stunden fort von hier!« antwortete Pedro.
»Ist er allein?«
»Mit einem bestochenen Indianer, der uns als Führer diente, und seinen zwei Offizieren. Der Indianer wollte ihm zu einem Kahn verhelfen.«
»Freunde«, rief der Schwarze Korsar. »Wir müssen weiter, wenn uns van Gould nicht entwischen soll!«
»Herr«, bat jetzt der Spanier, »wäre es nicht schlecht von mir, wenn ich meine armen Kameraden hier verließe? Der See ist nah, ich habe meine Aufgabe erfüllt. Ich würde meiner Rache entsagen, um diesen Unglücklichen zu helfen!« »Gut, du bist frei! Aber ich glaube, daß deine Hilfe hier unnütz sein wird«, fügte der Korsar leise hinzu.
»Vielleicht kann ich sie noch retten!«
»Ich lasse Mokko bei dir. Meine beiden Flibustier genügen!«
»In Gibraltar sehen wir uns wieder, Kapitän, ich verspreche es Euch!«
»Haben deine Kameraden noch Lebensmittel?«
»Ja, Zwieback, Herr!« antworteten die Soldaten.
»Und Milch!« Der Katalonier warf bei diesen Worten einen Blick auf den Baum, unter dem die beiden Verwundeten lagen.
Und sofort hatte er mit der Navaja einen tiefen Schnitt in den Stamm gemacht, der allerdings kein echter Milchbaum, sondern nur eine Massuranduba war. Man schätzte dieselbe ihres weißen, sehr nahrhaften Saftes wegen, der auch einen milchähnlichen Geschmack hat. Freilich darf man nicht allzu großen Gebrauch davon machen, da er schlimme Störungen verursachen kann. Der Katalonier füllte die leeren Flaschen der Flibustier, gab ihnen noch Gebäck aus dem Vorrat der Spanier mit und sagte: »Geht, Caballeros, sonst wird euch van Gould noch entschlüpfen!«
Der Schwarze Korsar wollte die drei Stunden Vorsprung, welche die Flüchtlinge hatten, durch schnellen Lauf einholen und das Ufer des Sees erreichen, bevor die Dunkelheit anbrach. Es war schon fünf Uhr nachmittags. Glücklicherweise lichtete der Wald sich immer mehr. Die Bäume waren nicht mehr mit Lianen verbunden, sondern standen in einzelnen Gruppen, so daß die Piraten geschwind einherschreiten konnten, ohne sich erst durch Abschneiden der Pflanzen Bahn brechen zu müssen.
Sie spürten bereits die Nähe des Sees. Die Luft wurde frischer und salzhaltiger. Auch sahen sie schon Wasservögel, zumeist Bernacles, die man in großer Anzahl an den Ufern des Maracaibogolfs findet.
Der Kapitän beschleunigte seinen Schritt.
So stellte er Carmaux und Stiller, die kaum noch weiterkonnten, auf eine harte Probe.
Um sieben Uhr, gerade als die Sonne hinter den Bergen verschwand, bemerkte er, daß seine Begleiter zurückblieben. Er bewilligte ihnen eine Ruhepause von einer Viertelstunde, in der sie ihre Flaschen leerten.
Der Kommandant jedoch gönnte sich keine Rast. Während Stiller und Carmaux ruhten, untersuchte er die Umgegend nach den Spuren der Flüchtlinge, aber vergebens.
»Weiter, Freunde, nehmt noch einmal eure Kraft zusammen!« sagte er, seine Gefährten aufmunternd. »Morgen könnt ihr nach Belieben ausruhen. Das Seeufer muß nahe sein!«
Sie nahmen den Marsch durch das Dickicht von neuem auf. Die Dunkelheit brach herein, und das Geheul von wilden Tieren ließ sich aus dem Innern des Waldes vernehmen. Da hörten sie plötzlich Wellen rauschen und sahen zwischen den Bäumen einen Feuerschein.
»Der Golf! Und jene Flamme drüben am Waldesrand zeigt das Lager der Flüchtlinge an!« schrie freudig der Korsar. »Auf! Nehmt die Waffen!«
Sie eilten auf das Feuer zu, waren aber bitter enttäuscht, als sie nicht den Feind selbst, sondern nur Spuren seines Aufenthalts fanden, Reste eines gebratenen Affen und eine zerbrochene Flasche.
»Zu spät!« rief Ventimiglia zähneknirschend. »Eilen wir ihnen nach! Sie können kaum an der Küste sein. Vielleicht in Kugelweite!« Die Waldung hörte plötzlich auf, und ein niedriger Strand wurde sichtbar, gegen dessen Sand die Wellen plätscherten.
Beim letzten Abendschimmer bemerkte Carmaux, wie ein Indianerkanu gen Süden, also in Richtung Gibraltar, in Eile das Weite suchte.
»Van Gould!« schrie der Schwarze Korsar. »Halt, oder du bist ein Feigling!«
Einer der vier Männer im Kanu erhob sich, und ein blitzartiger Schein ging von ihm aus. Die Flibustier hörten das Sausen einer Kugel, welche in einen nahestehenden Baum schlug.
»Ah! Verräter!« rief der Kapitän in höchster Wut. »Schießt auf ihn!«
Stiller und Carmaux befanden sich schon in kniender Stellung und legten ihre Gewehre an. Einen Augenblick danach widerhallten zwei Schüsse.
Ein Schrei ertönte, und man sah, wie jemand im Kanu zu Boden sank; das Boot entfernte sich schneller nach der Südküste zu und verschwand in der Dunkelheit, die, wie immer in diesen Gegenden, mit blitzartiger Geschwindigkeit eintrat.
Außer sich vor Zorn, lief der Korsar das Ufer entlang, in der Hoffnung, irgendeinen Kahn zu finden.
Plötzlich rief Carmaux: »Seht, Kapitän!«
Zwanzig Schritte entfernt, lag eine kleine Bucht, welche die Ebbe trocken gelassen hatte. Dort fanden sie ein Indianerkanu, das heißt einen ausgehöhlten Baumstamm.
Der Kommandant und seine beiden Begleiter hatten mit einem starken Stoß das Boot ins Wasser gestoßen.
»Sind Ruder dabei?« fragte er.
»Ja, Kapitän!«
»Also ihm nach!« »Muskeln anstrengen, Stiller!« schrie der Biskayer. »Im Rudern haben die Seeräuber keine Rivalen!«
»So! Eins ... zwei! ... « zählte der Hamburger, indem er sich über das Ruder beugte.
Der Kahn verließ die Bucht und schoß pfeilschnell über den Golf, den Spuren des Gouverneurs von Maracaibo nach.
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Die spanische Karavelle
Das Kanu mit van Gould war jetzt mindestens schon eintausend Schritt voraus. Trotzdem hatten die Korsaren den Mut, es zu verfolgen. Seine Insassen, der Gouverneur und die beiden Offiziere, konnten nur ihre Waffen gebrauchen; vom Rudern verstanden sie nichts. Desto mehr galt aber die Geschicklichkeit des Indianerruderers, der sie bediente.
Obgleich von den langen Märschen und dem Hunger sehr müde, bewegten Stiller und Carmaux doch den Baumkahn mit staunenswerter Schnelligkeit. Sie waren sicher, das feindliche Kanu einzuholen, fürchteten aber, daß irgendein unvorhergesehenes Ereignis die Verfolgung hemmen könnte.
Der Schwarze Korsar, der vorn saß, mit der Büchse zwischen den Händen, ermunterte sie ohne Unterlaß.
Als sie etwa fünf Minuten in voller Fahrt waren, bekam ihr Kanu einen Stoß.
»Himmel! Donnerwetter!« schrie Carmaux. »Eine Sandbank?«
Der Korsar beugte sich über Bord und bemerkte vor dem Boot eine dunkle Masse. Schnell griff er mit beiden Händen danach, bevor sie unter dem Schiffskiel verschwand.
»Eine Leiche!« rief er.
Mit einem Ruck hob er den Körper empor. Es war die Leiche eines spanischen Hauptmanns, dem der Kopf durch einen Gewehrschuß gespalten war.
»Es ist einer der Begleiter van Goulds«, sagte er und ließ die Leiche wieder ins Wasser fallen.
»Sie haben ihn in den See geworfen, damit ihr Boot leichter wird!« bemerkte Carmaux, indem er weiterruderte. »Munter, munter, Stiller! Die Schurken können nicht mehr weit sein.«
In demselben Augenblick schrie der Schwarze Korsar: »Da sind sie!«
Er bemerkte in einer Entfernung von sechs-, siebenhundert Metern eine glänzende Furche, welche von Minute zu Minute leuchtender wurde. Der Schein mußte von dem Boot ausgehen, das eine mit Fischeiern gesättigte Wasserstraße durchfuhr.
»Ob wir sie noch erreichen werden, Stiller?«
»Sicher!« »Mach größere Ruderschläge! Wir strengen uns dabei weniger an, und es geht schneller.«
»Ruhe!« sagte der Kapitän. »Vergeudet eure Kräfte nicht durch das viele Reden!« Er stand mit dem Gewehr in der Hand aufrecht und suchte seinen Feind.
Mit einem Male legte er an, beugte sich über Bord und schoß. Der Knall verbreitete sich über den ganzen See, aber es folgte kein Laut, der angekündigt hätte, daß jemand getroffen war.
»Fehlgegangen!« sagte Carmaux. »Ihr wißt, in einem Boot läßt sich schwer zielen!«
Da der Kapitän nicht antwortete, fuhr er fort: »Jetzt sind wir nur noch fünfhundert Schritt von ihnen entfernt! Gut ausholen, Stiller!«
»Meine Muskeln zerspringen schon!« erwiderte der Hamburger, der wie eine Robbe schnaufte.
Der Abstand zwischen beiden Fahrzeugen wurde immer kleiner, trotzdem sich der Indianer drüben ungeheuer anstrengte. Hätte er einen zweiten Ruderer seiner Rasse gehabt, würde er die Distanz leicht überwunden haben; denn die südamerikanischen Rothäute sind unübertreffliche Bootsleute. Jetzt konnte man das Boot genau ausmachen, weil es die phosphoreszierende Wasserstrecke durchquerte. Der Indianer war am Schiffsheck und ruderte mit aller Kraft, während der Gouverneur und seine Begleiter ihm so gut wie möglich halfen. Einer saß an Backbord, der andere an Steuerbord.
Der Korsar erhob zum zweiten Male sein Gewehr.
»Ergebt euch, oder ich schieße!«
Niemand antwortete. Im Gegenteil, das Schiff wendete plötzlich und schlug die Richtung nach der sumpfigen Küste ein, vielleicht um ein Versteck im nahen Flusse Rio Catatumbo zu finden.
Auch auf einen dritten Anruf wurde keine Antwort erteilt.
»Dann stirb, Verräter!« schrie Ventimiglia.
Er legte sein Gewehr nochmals auf van Gould an, der nur noch dreihundertundfünfzig Schritt von ihm entfernt war. Das Boot schwankte aber durch die schnellen Ruderschläge gewaltig, was ihm das Zielen sehr erschwerte.
Dreimal mußte er zielen. Beim viertenmal feuerte er los.
Dem Schuß folgte Geschrei. Man sah eine Gestalt ins Wasser fallen.
»Getroffen!« riefen Carmaux und Stiller zugleich.
Der Mann, der ins Wasser fiel, war aber nicht der Gouverneur. Es war der Indianer.
Der Kapitän stieß einen Fluch aus.
»Beschützt ihn denn die Hölle? Gut, fangen wir ihn lebend!«
Das feindliche Boot war davongeeilt, ohne den Indianer konnte es aber nicht weit kommen.
Es handelte sich nur noch um wenige Minuten. Carmaux und Stiller hofften, es gleich zu erreichen. Noch hatten sie Kraft!
Als der Gouverneur und seine Begleiter einsahen, daß sie gegen die Flibustier nicht ankämpfen konnten, nahmen sie die Richtung nach einer kleinen, etwa fünf-, sechshundert Meter entfernt liegenden Insel.
»Wenn sie dort landen, entwischen sie uns nicht mehr!« rief Carmaux.
»Um Gottes willen!« rief Stiller erschrocken aus. »Wir sind verloren!«
In diesem Moment hörte man eine Stimme: »Wer da?«
»Spanier!« antworteten der Gouverneur und seine Begleiter.
Hinter einem Vorgebirge der Insel erschien plötzlich ein Schiff, das mit vollen Segeln auf beide Boote zusteuerte.
»Nanu, sollte das schon einer unserer Segler sein?« fragte Carmaux.
Der Kapitän neigte sich wütend über den Rand des Kanus. Seine Augen blitzten wie die eines Tigers.
»Es ist eine spanische Karavelle!« rief er plötzlich. »Verdammt, daß er uns wieder entwischt!... Rudert nach der Insel, noch ehe das Fahrzeug uns fangen kann!«
Das Kanu bewegte sich unter dem Schutz der Felsen weiter.
Inzwischen hatte die Karavelle das Boot, in dem der Gouverneur saß, an Bord genommen.
Mit einem Male sah man die Matrosen eiligst die Segel brassen.
»Schnell!« rief der Korsar, dem nichts entgangen war. »Die Spanier wollen Jagd auf uns machen. Wir sind ja nur einhundert Schritt vom Ufer entfernt!«
In diesem Augenblick blitzte es an Bord des Schiffes hell auf, man hörte Kanonen donnern, deren Kugeln krachend in einen Baumgipfel schlugen.
Die Karavelle hatte die Landzunge passiert und wendete jetzt. Sie ließ mehrere Boote ins Wasser, um das Kanu zu verfolgen.
Carmaux und Stiller verdoppelten ihre Kräfte. Kurz vor dem Ufer fuhren sie auf eine Sandbank. Der Korsar stürzte sofort ins Wasser, lief zu den ersten Bäumen am Strand und versteckte sich dahinter. Die beiden Bootsleute ließen sich über Bord gleiten und duckten sich unter Wasser, da sie wieder eine Lunte auf dem feindlichen Schiff bemerkt hatten. Dies Manöver rettete sie. Gleich darauf prasselte ein zweiter Kugelregen auf die Sträucher und Palmenblätter des Gestades, während einige schwere Geschosse ins Boot schlugen. Die beiden auf so wunderbare Weise geretteten Flibustier kletterten eiligst ans Ufer und verbargen sich im Gesträuch.
»Seid ihr verwundet?« fragte der Kapitän besorgt.
»Flibustier werden nicht getroffen«, entgegnete Carmaux.
Die drei Seeleute suchten nun zwischen den dichtstehenden Pflanzen eine sichere Zuflucht und kümmerten sich nicht um die aus verschiedenen Schaluppen gezielten Gewehrschüsse.
Die Insel mochte einen Kilometer Umfang haben und mußte sich vor der Mündung des Rio Catatumbo befinden, eines sich in den See unterhalb Suanas ergießenden Stroms. Sie erhob sich in Kegelform in eine Höhe von drei- bis vierhundert Metern und war mit reicher Vegetation bedeckt, zumeist Zedern, Baumwollbäumen, stacheligen Euphorbien und Palmen verschiedene Art.
Als die Korsaren zu den Abhängen des Gipfels gelangt waren, ohne einem lebenden Wesen begegnet zu sein, machten sie eine kleine Ruhepause, da sie völlig erschöpft waren.
Beim Weitergehen mußten sie sich durch Säbelhiebe durch die dichte Vegetation Bahn schaffen. Nach zwei Stunden erreichten sie endlich den fast nackten, nur von wenigem Gesträuch und Felsen umgebenen Gipfel. Da der Mond schien, konnten sie die Karavelle gut unterscheiden. Sie war dreihundert Schritt vom Ufer entfernt verankert, während drei Schaluppen sich an der Stelle befanden, wo die Indianerpiroge zertrümmert lag.