Die Matrosen waren schon ausgeschifft, hatten jedoch nicht vorzudringen gewagt, da sie wohl fürchteten, in dem dichten Pflanzenwuchs leicht in eine Falle zu geraten. So hatten sie sich an der Küste um ein Feuer gelagert, wahrscheinlich um die zahllosen Schwärme wilder Mücken zu verscheuchen.
»Sie werden den Sonnenaufgang abwarten und uns dann verfolgen«, meinte Carmaux. »Ein Dämon muß den Gouverneur schützen. Jetzt ist er uns schon zum zweiten Male entschlüpft!«
»Was sollen wir tun, wenn die Karavellenbesatzung zum Angriff auf diesen Kegel vorgeht?« fragte Stiller.
»Ach, mach dir keine Sorge, in Maracaibo haben die Spanier das Haus des Notars angegriffen, und doch sind wir glücklich entkommen!«
»Ja«, warf der Korsar ein, »dies ist aber nicht das Haus des Notars! Auch haben wir keinen Grafen Lerma hier, der uns helfen könnte!«
»Also glaubt Ihr wirklich, Kapitän, daß wir unsere Tage am Galgen beschließen müssen? Ach, wenn der Olonese doch käme!«
»Der wird noch in Maracaibo plündern. Sonst müßte er schon hier sein!«
»Wo wolltet Ihr ihn treffen, Herr?«
»An der Mündung des Catatumbo.« »Dann haben wir ja die Hoffnung, ihn eines Tages hier zu sehen. Er wird sich ja nicht ewig in Maracaibo aufhalten!«
»Werden wir aber dann noch leben? Glaubst du, daß van Gould uns ruhig hier auf dem Kegel sitzen läßt? Nein, mein Lieber! Er wird das möglichste versuchen, uns in seine Hand zu bekommen noch vor Ankunft der Flibustier! Vielleicht hängt er den Strick schon an die Rahe für uns!«
Über den Gipfel des Hügels waren große Steine verstreut. Die beiden Seeleute wälzten sie heran und errichteten damit eine Art Schanze. Sie war kreisrund, zwar niedrig, aber doch genügend, um die Flüchtlinge in liegender oder kniender Stellung zu schützen. Diese anstrengende Arbeit dauerte zwei Stunden. Dann schleppten sie noch Massen stacheliger Pflanzen herbei und bauten damit einen Heckenzaun, der den Händen und Beinen der Gegner gefährlich werden konnte.
»Nun haben wir eine kleine Festung!« sagte Carmaux, sich vergnügt die Hände reibend.
»Eins aber fehlt noch«, bemerkte der Hamburger. »Die Speisekammer der Garnison!«
»Donnerwetter, ja! Wir haben auch nicht ein einziges Biskuit mehr zum Knabbern!«
»Und können diese Steine nicht in Brot verwandeln. Also plündern wir den Wald, Freund Stiller!«
Carmaux sah nach oben, wo der Kommandant einen Beobachtungsposten eingenommen hatte.
»Ist schon Bewegung da unten in die Truppe gekommen?«
»Noch nicht!«
»Dann können wir noch auf die Jagd gehen! Bei Gefahr ruft uns durch einen Flintenschuß, Kapitän!«
Die beiden Flibustier fanden zu ihrer Freude auf dem Abhang ein Stück urbar gemachter Erde. Wahrscheinlich hatte ein Indianer die Fruchtbäume einst dort gepflanzt. Sie ernteten Kokosnüsse, Orangen und Palmkraut, was ihnen das Brot ersetzen sollte. Außerdem fanden sie eine große Sumpfschildkröte. Wenn sie sich einrichteten, konnten sie wenigstens vier Tage von den Vorräten leben.
Außer den Früchten und dem Reptil hatten sie noch etwas Wichtiges entdeckt, das ihnen dazu nützen konnte, die Feinde eine Zeitlang vom Leibe zu halten. Es war eine von den Eingeborenen »Niku« genannte Pflanze.
Carmaux überließ sich einer unbändigen Heiterkeit.
»Mein lieber Stiller, wir werden den Matrosen etwas zu kosten geben, sollten sie Angriffslust zeigen! In diesem Klima gibt es Durst, und auf der Karavelle werden sie nichts zu trinken kriegen! Paß auf, der Niku wird Wunder wirken!«
»Ich habe nicht viel Vertrauen in die Sache.«
»Donnerwetter! Ich habe es doch früher einmal probiert und wäre beinahe krepiert vor Schmerzen.«
»Kommen die Spanier denn hierher, um zu trinken?«
»Na, hast du noch andere Seen in der Umgebung gesehen?«
»Nein!«
»Dann sind sie doch gezwungen, ihren Durst in dem Teich zu stillen, den wir entdeckt haben!«
»Ich bin doch neugierig auf die Wirkungen deiner Pflanze!«
»Ich werde sie dir zeigen, wenn die Bande von fürchterlichem Leibkneifen gequält wird!«
»Und wann vergiften wir das Wasser mit dem Niku?«
»Sobald wir sicher sind, daß unsere Feinde den Hügel angreifen!«
»Wißt Ihr, daß die ganze Insel schon von Schaluppen umgeben ist?«
»Hinter diesen Felsstücken und Dornenhecken können wir die Blockade bis zur Ankunft des Olonesen aushalten!« rief Carmaux.
»Aber vierzig Mann sind schon ausgeschifft!«
»Das sind schon eine ganze Menge, aber ich rechne auf meinen Niku. Wollt Ihr mit mir kommen, Kapitän? Die Spanier brauchen mindestens drei Stunden, ehe sie oben sind. Stiller hält inzwischen hier Wache.«
Sie stiegen inzwischen den bewaldeten Hügel bis zu einhundertundfünfzig Metern hinab, wobei sie Scharen von schwatzenden Papageien aufscheuchten, bis zu einem kleinen Teich mit unzähligen, lianenähnlichen Schlingpflanzen. Carmaux schnitt mit seinem Entersäbel Massen von diesen bräunlichen, von den Indianern Venezuelas und Guanayas »Niku« (botanisch: Robinien) genannten Halmen ab und band sie zu Bündeln zusammen. Dann legte er sie auf einen Stein am Ufer und schlug mit einem langen Baumzweig kräftig auf dieselben ein, so daß der Saft in den Teich tropfte. Erst färbte sich das Wasser weiß wie Milch, worauf es eine schöne Perlmutterfarbe annahm, die sich aber auch bald verflüchtigte. Zuletzt war das Becken wieder klar, und niemand konnte ahnen, daß es einen wenn auch nicht gefährlichen, so doch wenig angenehmen, berauschenden Stoff barg.
Plötzlich schlugen die Fische wild um sich, wanden sich vor Schmerzen und wollten aus dem Wasser heraus. Carmaux benutzte gleich die Gelegenheit, seine Vorräte für die Belagerung zu ergänzen. Er erklärte dem Kapitän, daß die Kariben auf diese Weise ihre Fische fangen. Es gelang ihm mit wenigen Schlägen, große Stachelrochen zu erwischen. Der Korsar war inzwischen schon vorausgegangen.
Mit einem Male krachte ein Schuß. Carmaux fiel um und blieb unbeweglich liegen.
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Die Erstürmung des Kegels
Als der Kapitän den Schuß hörte, glaubte er, daß sein Flibustier auf ein Tier gefeuert hätte.
Er rief nochmals seinen Namen. Ein leises Zischen wie von einer Schlange antwortete ihm. Das machte ihn stutzig. Hinter einem großen Simarubebaum verborgen, spähte er nach allen Seiten.
Da sah er, wie sich die Gräser drüben leicht bewegten. Das Ohr auf die Erde geduckt, hörte er ein Rascheln, das der Boden deutlich übertrug.
Carmaux kroch vorsichtig näher. Er hatte weder seine Büchse noch seine Fische losgelassen.
»Bist du getroffen worden?« fragte ihn der Korsar besorgt.
»Ich bin lebendiger denn je. Aber wo mag der Kerl geblieben sein, der auf mich geschossen hat?«
Da sich niemand zeigte, kletterten sie eiligst den steilen Abhang wieder hinauf. Einer von ihnen ging immer rückwärts, den Gewehrlauf auf den Wald gerichtet.
»Sie werden uns erst die Nacht angreifen. Inzwischen bereiten wir unser Essen! Für uns den Fisch – für sie das Blei! Wir wollen sehen, wer besser verdaut!«
Kaum hatten die Flibustier den ersten Bissen im Munde, als ein mächtiger Kanonenschuß vom Meer her dröhnte. Eine zweite Kugel großen Kalibers traf den Felsgipfel über ihnen und zersprang mit großem Getöse.
»Sie wollen uns pulverisieren und wie die Rochen zerquetschen!« rief Carmaux. »Aber wenn die Karavelle uns beschießt, so beschießen wir die Spanier!«
»Hat dir ein Sonnenstich dein Gehirn verbrannt?« fragte Stiller. »Wo hast du denn die Kanonen her?«
»Wir rollen einfach die Steinblöcke den Abhang hinunter! Der ist so steil, daß diese großen Geschosse kaum unterwegs haltmachen!«
»Die Idee ist gut! Verteilen wir uns!« rief jetzt der Kapitän. »Jeder auf seinen Posten! Nehmt euch in acht, daß ihr keine Kugelsplitter bekommt!«
Inzwischen versuchten die Matrosen der Karavelle von zwei Seiten aus, die steilen Abhänge des Kegels zu erklimmen.
Man hörte, wie sie sich durch Zerschneiden der Lianen und Wurzeln nur schwer im Dickicht Bahn brachen. Die einen gingen durch eine Art Cañtildeon, die andern nahmen den Weg um den Teich.
»Halten wir den Trupp zuerst auf, der uns im Rücken bedroht!« befahl der Korsar.
Und auf seinen Wink rollten die Flibustier nun eine Anzahl Blöcke den Abhang hinunter. Diese stürzten lawinenartig in die Tiefe, Bäume und Sträucher mit sich reißend. Bald hörte man unten Schreckensrufe und Gewehrschüsse.
»Ich glaube, sie haben genug!« rief Stiller, der von seinem Standpunkt aus beobachten konnte. »Ich sehe schon wieder viele absteigen und unter den Bäumen verschwinden. Andere aber klettern die Cañonwände hoch!«
»Noch eine Ladung!«
Und wieder wälzten sie Felsstücke den Hang hinab. »Nun zu den andern!«
»Wenn die nicht schon inzwischen bei der Hitze ihren Durst im Teich gelöscht haben, Kapitän! Dann sind sie von der Kolik erfaßt worden und belästigen uns nicht mehr!« Alle drei horchten angestrengt nach jener Seite. Sie hörten keinen Laut mehr.
»Entweder sind sie stehengeblieben aus Furcht vor den verheerenden Wirkungen unserer Artillerie, oder sie schleichen leise wie die Schlangen an uns heran«, meinte der Kommandant.
Stiller, der am Rand des Felsens stand, duckte sich und schoß in den Wald hinein. Der Schall hallt lange unter den Bäumen wider. Aber nichts erfolgte darauf. Nun feuerte man nach allen Richtungen, auch diesmal ohne Antwort zu erhalten.
»Diese Stille beunruhigt mich«, sagte Carmaux.
Auch der Korsar war unruhig geworden. Er befürchtete einen Hinterhalt der Spanier.
»Hoffentlich gibt es keine unangenehme Überraschung!«
»Mir wäre auch ein ordentliches Gewehrfeuer lieber!«
Plötzlich schrie Stiller von oben belustigt herab: »Dort unten am Ufer benehmen sich die Soldaten wie Verrückte! Sie halten sich alle den Bauch.«
»Ah, der Niku hat seine Schuldigkeit getan!« lachte Carmaux. »Könnten wir ihnen nicht ein Beruhigungsmittel durch Flintenpillen schicken?«
»Nein, laßt sie in Ruhe! Wir müssen unsere Munition für den entscheidenden Augenblick aufsparen. Außerdem tötet man nicht Menschen, die sich nicht verteidigen können.«
»Kapitän, da der erste Angriff der Feinde mißlang, wollen wir den Waffenstillstand mit der Fortsetzung unseres Mahles ausfüllen! Wir haben noch Schildkröte und Fisch.«
Während sich die beiden Seeleute wieder am Herdfeuer beschäftigten, um den Rochen fertigzubraten, begab sich der Korsar auf seinen Beobachtungsposten. Die Karavelle hatte ihren Ankerplatz noch nicht verlassen, doch herrschte auf der Brücke eine ungewöhnliche Bewegung. Es schien, als ob man sich dort um eine große Kanone zu schaffen machte, die auf der Schiffsschanze mit dem Lauf nach oben stand, als ob das Feuer gegen die Kegelspitze wieder eröffnet werden sollte. Die vier Schaluppen segelten längs des Strandes hin. Man befürchtete wohl einen Fluchtversuch der Belagerten. Diese hatten aber doch weder Boote zur Verfügung, noch konnten sie die große Entfernung schwimmend durchmessen!
Nach einiger Überlegung schlug der Kapitän seinen Leuten vor, den Durchbruch der Blockade zu wagen und sich einer der Schaluppen zu bemächtigen.
»Wie lange braucht ihr bis zur Catatumbomündung?«
»Vielleicht eine Stunde kräftigen Ruderns. Es sind jedoch viele Sandbänke davor, so daß man Gefahr läuft, bei zu schneller Fahrt zu stranden.«
»Wird uns aber nicht die Karavelle verfolgen?« fragte Stiller.
»Wenn auch! Wir wollen es, sobald der Mond aufgegangen ist, unternehmen!«
Während des ganzen Tages gaben weder van Gould noch die Matrosen der Karavelle ein Lebenszeichen von sich. Sie waren so sicher, die drei auf der Spitze des Kegels nistenden Flibustier früher oder später zu fangen, daß sie einen Angriff für überflüssig hielten.
Sicherlich dachte man, sie durch Hunger und Durst zur Übergabe zu zwingen, um so mehr, als der Gouverneur den berühmten Korsaren lebend haben wollte, um ihn, wie dessen Brüder, auf der Plaza von Maracaibo zu hängen.
Als der Abend kam, trafen die Flibustier ihre Vorbereitungen zum Abmarsch. Sie verteilten die Munition, so daß auf jeden ungefähr dreißig Schüsse kamen, und verließen in völliger Stille ihr kleines befestigtes Lager.
Wie Reptilien krochen sie den Abhang hinunter. Sie tasteten den Erdboden mit den Händen ab, damit die trockenen Blätter nicht raschelten. Auch mußten sie acht geben, daß sie nicht in eine Spalte oder Schlucht fielen.
»Ich habe in der Nähe einen Zweig knacken hören!« flüsterte Carmaux plötzlich.
Alle drei lauschten, im Grase ausgestreckt, mit verhaltenem Atem.
»Glaubst du, daß wir sie fangen werden, Diego?« fragte eine Stimme.
»Ja, aber sie werden sich tüchtig verteidigen! Der Schwarze Korsar soll für zwanzig kämpfen!«
»Warum brennen die Lagerfeuer noch unten?«
»Um die Flibustier zu täuschen. Der Gouverneur wollte es so. Er ist listig.«
»Er ist ein Kriegsmann!«
»Eine schöne Summe hat er uns ausgesetzt: zehntausend Piaster zum Essen und Trinken! Carrai!«
Der Schwarze Korsar und seine beiden Leute hatten sich nicht gerührt. Sie lagen unbeweglich zwischen den Gräsern, hielten aber die Gewehre im Anschlag, um im Notfall zu feuern.
Mit ihren scharfen Augen sahen sie die beiden Matrosen behutsam durch Laub und Lianen streichen. Sie waren schon an ihnen vorüber, als der eine stehenblieb: »Hast du nichts gehört, Diego?«
»Nein, Kamerad!«
»Mir war, als ob ich einen Atemzug vernahm!« »Es wird ein Insekt oder eine Schlange gewesen sein!«
Nach diesem kurzen Gespräch verschwanden die beiden im Schatten der Pflanzen.
Die drei Flibustier warteten noch einen Augenblick, dann schlichen sie weiter.
»Ich hätte keinen Heller mehr für unsere Haut gegeben«, bemerkte Stiller. »Einer von ihnen ist so nahe an mir vorübergegangen, daß er mich beinahe getreten hätte!«
»Das wird eine böse Überraschung, Carmaux, wenn sie nur Dornen und Steine finden!«
»So werden sie diese statt uns dem Gouverneur bringen!«
»Vorwärts!« mahnte der Korsar.
Der Abstieg erfolgte ohne Hindernis. Sie nahmen den Weg durch den Cañon, möglichst weit von der Karavelle entfernt. Noch vor Mitternacht gelangten sie an den Strand.
Vor ihnen lag eine der vier Schaluppen. Ihre aus zwei Matrosen bestehende Mannschaft war an Land gegangen und schlief, in Sicherheit gewiegt, an einem halberloschenen Feuer.
»Sollen wir die beiden Matrosen nicht töten?« fragte Carmaux.
»Nicht nötig«, antwortete der Korsar. »Schnell! Schiffen wir uns ein! In wenigen Minuten werden die Spanier unsere Flucht bemerkt haben.«
Mit einem leichten Stoß stießen sie die Schaluppe ins Wasser, sprangen hinein und ergriffen die Ruder.
Sie waren schon eine Strecke weit und hofften bereits, ohne Störung entfliehen zu können, als plötzlich Gewehrschüsse oben von der Kegelspitze ertönten. Die Spanier hatten das Lager erreicht.
Die beiden Matrosen erwachten jedoch von den Schüssen. Als sie sahen, daß ihre Schaluppe fort war, stürmten sie an den Strand und brüllten wie besessen: »Halt! Halt! Wer da!... Zu den Waffen!«
Dann knallten Gewehrschüsse.
»Der Teufel hole euch!« brach Carmaux los, als ihm eine Kugel das Ruder dicht am Bootsrand zerschmetterte.