Nach einigen Minuten begann der Abenteurer nachzulassen. Er konnte seine Ruhe nicht mehr bewahren, da er die Gefahr fühlte, der er ausgesetzt war.
Der Korsar dagegen zeigte noch keine Spur von Ermüdung. Bei jedem Sprunge reizte er den anderen in immer stärkerem Maße. Äußerlich bewahrte er vollkommene Ruhe; nur seine in düsterm Feuer leuchtenden Augen verrieten die Erregung in seinem Innern. Diese Augen ließen nicht einen Moment die des Gegners los, als wollten sie einen Bann ausüben.
Der Zuschauerkreis hatte sich noch mehr geöffnet, um dem Abenteurer Raum zu verschaffen, der immer weiter zurückwich und sich schon der Wand näherte. Carmaux, der die Lösung des Kampfspiels voraussah, fing an zu lachen.
Plötzlich fühlte sich der Säbelheld an die Mauer gedrückt. Er war totenbleich. Kalte Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn.
»Genug!« stammelte er mit erlöschender Stimme.
»Nein«, erwiderte der Korsar kurz, »mein Geheimnis muß mit dir sterben!«
Der Gegner versuchte noch einen verzweifelten Schlag. Er kauerte sich nieder, stürzte dann vor und gab hintereinander drei bis vier Degenstöße. Der Korsar jedoch, fest wie ein Felsen, parierte mit derselben Geschwindigkeit.
»Nun werde ich dich an die Wand nageln!« sagte er.
Der Abenteurer, der voller Schrecken begriff, daß er verloren sei, wollte jetzt den Namen des Gegners hinausschreien.
»Zu Hilfe ...! Es ist der...«
Er kam nicht zu Ende. Das Schwert des Kapitäns war ihm in die Brust und dann weiter in die Mauer gedrungen.
Das Blut lief dem Besiegten aus dem Munde und rann über den Fellpanzer, der ihn nicht genügend geschützt hatte. Weit die Augen öffnend, fiel er zu Boden. Dabei zerbrach die Klinge, die ihn festgehalten hatte.
»Erledigt!« sagte Carmaux.
Hierauf beugte er sich über den Leichnam, nahm ihm das Schwert aus der Hand und reichte es dem Kommandanten, der mit finsterm Blick den Toten betrachtete.
»Da Eure Waffe zerbrochen ist, so nehmt nur diese! Wahrhaftig eine Toledoklinge!«
Der Korsar nahm wortlos den Degen und warf, nachdem er Hut und Mantel zusammengerafft, ein Doppelgeldstück auf den Tisch.
Dann ging er hinaus, gefolgt von Carmaux und dem Neger, ohne daß die andern in der Posada gewagt hätten, ihn zurückzuhalten.
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Der Gehenkte
Als der Kapitän und seine Gefährten auf der Plaza de Granada ankamen, war es schon dunkel, so daß man in zwanzig Schritt Entfernung niemand unterscheiden konnte.
Schweigen lag auf dem Platze, das nur hin und wieder von dem klagenden Krächzen einiger um die Galgen herumfliegender Vögel unterbrochen wurde. Die Flibustier schritten langsam vorwärts, wobei sie sich an den Häuserfassaden und an den Palmenstämmen festhielten. Auge und Ohren hatten sie offen und die Hand an den Waffen.
Wenn irgendein Geräusch widerhallte, blieben sie unter einem Baume oder unter einem Bogengang stehen, bis wieder Stillschweigen eingetreten war. Jetzt waren sie nur wenige Schritte von dem ersten Galgen entfernt, an dem, vom Nachtwind bewegt, fast nackt, ein armer Teufel baumelte. Da machte der Korsar seine Gefährten auf eine Gestalt aufmerksam, die an der einen Ecke des Gouverneurspalastes, dessen hohe Steinmasse vor dem Richtplatz emporragte, hin und her schritt.
»Potztausend«, murmelte Carmaux, »da ist ja der Wächter! Der wird uns die Arbeit verderben.«
»Aber Mokko ist stark«, bemerkte der Neger. »Ich werde mir den Soldaten da vornehmen!«
»Ja, und dabei die Hellebarde in den Leib kriegen, Gevatter Neger!«
Der Afrikaner lächelte, indem er seine zwei Reihen elfenbeinfarbiger Zähne zeigte, die so spitz waren, daß ihn ein Haifisch darum beneiden konnte.
»Mokko ist schlau und kann kriechen wie seine Zauberschlangen«, sagte er.
»Dann geh und beweise deine Tüchtigkeit!« erwiderte der Korsar.
»Ihr werdet sehen, Herr, daß ich den Mann da fangen werde, wie ich einst die Lagunenkrokodile fing!«
Er zog eine dünne Schnur aus geflochtenem Leder hervor, die in einen Ring endete, ein wirkliches Lasso, ähnlich, wie es die mexikanischen Vaqueros zur Stierjagd brauchen, und entfernte sich lautlos.
Der hinter einem Palmenstamm versteckte Korsar beobachtete ihn. Er bewunderte die Entschlossenheit des Schwarzen, der ohne Waffe war.
»Der hat Mut, was?« meinte Carmaux.
Der andere nickte wortlos. Sie sahen Mokko am Boden kriechen und sich langsam dem Gouverneurspalaste nähern.
Als der Neger bemerkte, daß der Soldat ihm den Rücken zuwandte, schlich er näher heran. Zehn Schritte von ihm entfernt, erhob er sich plötzlich, schwang zwei- oder dreimal das Lasso und lanzierte es mit sicherer Hand auf den Gegner.
Man hörte ein leises Schwirren, dann einen unterdrückten Schrei, und der Soldat lag am Boden, indem er die Hellebarde zur Erde fallen ließ und wie närrisch mit Armen und Beinen in der Luft herumfuchtelte und -strampelte.
Mokko wickelte ihn in die rote Schärpe, die er an seinem Gürtel trug, hob ihn auf wie ein Kind und warf ihn dem Kapitän vor die Füße.
»Du bist ein tapferer Mann«, sagte dieser. »Binde ihn jetzt an einen Baum und folge mir!«
Der Neger tat, wie ihm befohlen, unterstützt von Carmaux. Indessen betrachtete der Korsar die Gestalten, die an den Galgen hingen.
Mitten auf dem Platz blieb er vor einem Gerichteten stehen, der ein rotes Gewand trug und – welch bittere Ironie! – eine Zigarette zwischen den Lippen hielt.
Der Korsar seufzte schmerzerfüllt. Er konnte sich eines Aufschluchzens nicht erwehren.
Auf seinen Wink war der Neger, das Messer zwischen den Zähnen, an dem Galgen hinaufgeklettert und hatte den Strick abgeschnitten. Dann hob er ganz langsam die Leiche herunter. Carmaux stand ihm unten bei. Obgleich die Fäulnis schon eingetreten, nahm der Flibustier den Körper sanft in seine Arme und wickelte ihn in den Mantel, den ihm der Bruder des Toten gereicht hatte.
»Gehen wir!« sagte der Kommandant kurz. »Unsere Aufgabe ist erfüllt. Die Leiche des Tapferen wird dem Ozean übergeben werden.«
Der Neger nahm diese auf, und alle drei verließen schweigend den Platz. Noch einmal blickte sich der Kapitän zu den vierzehn andern Gehenkten um und winkte ihnen düster zu: »Lebt wohl, ihr unglücklichen Gefährten des Roten Korsaren! Bald wird euer Tod gerächt werden!« Dann wandte er sich zum Gouvernementspalaste: »Und wir, van Gould, haben beide noch abzurechnen!« Sie nahmen eiligst ihren Marsch auf, um so schnell wie möglich ans Meer und an Bord der »Fólgore« zu gelangen. Jetzt hatten sie in der Stadt nichts mehr zu suchen, in deren Straßen sie sich, infolge des Abenteuers in der Posada, doppelt unsicher fühlten.
Schon waren sie durch mehrere einsame Gassen gewandert, als Carmaux, der voranging, einige verdächtige Schatten unter einem Torbogen bemerkte.
»Langsam, langsam«, mahnte er. »Dort scheint man uns zu erwarten.«
»Könnten das etwa die Leute aus der Weinschenke sein?« fragte der Korsar.
»Es sind wirklich die fünf Basken mit ihren säbelartigen Dolchen!«
»Nur fünf? Die werden wir schon bewältigen«, meinte der Kapitän, sein Schwert ziehend.
»Meine Enterwaffe soll ebenfalls tanzen«, sagte Carmaux.
Drei in weite Mäntel gehüllte Männer hatten sich an der Ecke rechts aufgestellt, während zwei andere den Weg auf der linken Seite versperrten.
»Du wirst die zwei links und ich die drei rechts aufs Korn nehmen!« ordnete der Korsar an. »Und du, Mokko, kümmerst dich nicht weiter um uns, du flüchtest mit deiner kostbaren Bürde! Erwarte uns dann am Waldessaum!«
Die fünf Basken stellten sich nun mit ihren langen scharfen Waffen in Positur.
»Ah, seht! Wir scheinen uns nicht getäuscht zu haben«, sagte der eine.
»Gebt Raum!« schrie der Kommandant.
»Langsam, Caballero!« rief der Baske.
»Was wollt Ihr?«
»Eine kleine Neugierde befriedigen! Wissen, wer Ihr seid.«
»Der Mann, der alle umbringt, die sich ihm in den Weg stellen und ihm hinderlich sind.«
»Und wir sind die Leute, Caballero, die keine Furcht kennen und uns nicht umbringen lassen wie jener arme Teufel, den Ihr an die Wand genagelt habt. Erst Euren Namen und Titel! Sonst kommt Ihr nicht aus Maracaibo heraus! Wir stehen im Dienste des Gouverneurs und sind verantwortlich für Personen, die zu so später Stunde durch die Straßen spazieren.«
»Wenn Ihr meinen Namen wissen wollt, gut, so kommt her! Carmaux, du nimmst die beiden rechts!«
Letzterer hatte die Enterpike gezogen und war resolut auf die beiden andern losgegangen.
Die Basken hatten sich nicht von der Stelle gerührt. Sie warteten auf den Angriff der Flibustier, die Linke am Gürtel, die Rechte auf dem Knauf der Najava.
Als der Kapitän das sah, griff er die drei Gegner an und teilte rechts und links mit blitzartiger Geschwindigkeit Säbelhiebe aus, Carmaux desgleichen.
Die fünf Diestros aber erschraken nicht. Sie sprangen mit bewundernswürdiger Geschicklichkeit zurück, indem sie sich bald mit dem breiten Kolben ihrer Waffe, bald mit dem Mantel, den sie um den linken Arm gewickelt hatten, wehrten.
Die beiden Flibustier waren vorsichtiger geworden, als sie bemerkten, daß sie es mit gefährlichen Gegnern zu tun hatten. Nachdem sie sich überzeugt hatten, daß der Neger in der Dunkelheit mit dem Leichnam entkommen war, gingen sie von neuem drauflos.
Sie mußten sich beeilen; denn jeden Augenblick konnte eine Wache den Basken zu Hilfe kommen.
Der Korsar, dessen Schwert viel länger als das der Gegner, und dessen Geschicklichkeit in der Fechtkunst außergewöhnlich war, hatte leichteres Spiel als Carmaux, der sich mit seiner kurzen Enterwaffe in acht nehmen mußte.
Die sieben Männer kämpften schweigend. Bald gingen sie vor, bald zurück, bald sprangen sie rechts, bald links beim Kreuzen der Waffen.
Als der Kommandant plötzlich gewahrte, daß einer seiner Gegner das Gleichgewicht verlor und einen falschen Schritt machte, bei dem er die Brust freigab, traf er diese mit seinem Degen. Der Baske fiel, ohne einen Laut von sich zu geben.
»Einer wäre erledigt«, sagte der Sieger, »nun kommt ihr an die Reihe!«
Das jagte aber den beiden andern keinen Schrecken ein. Sie stellten sich fest vor ihm auf und wichen keinen Schrittbreit. Plötzlich stürzte der gewandteste von ihnen vor, indem er sich zur Erde bückte und den ihm den Arm schützenden Mantel vorschob. Dann aber sprang er mit einem Satze wieder auf und schwang den Degen zum Todesstoß.
Der Korsar warf sich flink zur Seite. Bei dem Hieb, den er führte, verwickelte sich jedoch seine Klinge in den Mantel des Gegners. Er stieß einen Wutschrei aus, doch gelang es ihm, sie zurückzuziehen. Nun mußte er die Stöße des zweiten Basken parieren. Dabei zerbrach seine Klinge.
Der Kapitän sprang entsetzt zurück, das zerbrochene Schwert in der Hand, und rief Carmaux zu Hilfe.
Der Flibustier, dem es noch nicht gelungen war, sich von seinen beiden Gegnern zu befreien, obgleich er sie gezwungen hatte, bis zur Straßenecke zurückzuweichen, kam in zwei Sätzen herbei.
»Himmel und Hölle«, rief er, »da sind wir in eine nette Gesellschaft geraten! Das kostet Arbeit!«
»Töten wir zwei der wütenden Hunde!« sagte der Korsar, indem er schnell seine Pistole aus dem Gürtel zog. Plötzlich gewahrte er einen Riesenschatten, der sich, mit einem Knüppel in der Hand, auf die vier beisammenstehenden und ihres Sieges sichern Basken warf.
»Mokko!« riefen die Flibustier zugleich aus.
Der Neger erhob den Stock und setzte ihn mit einer solchen Wucht und Wut in Tätigkeit, daß er die Unglücklichen sofort mit geschundenen Knochen zur Erde warf.
»Dank, Gevatter!« rief Carmaux froh. »Was für Hagelschläge waren das!«
»Fliehen wir!« rief der Schwarze Korsar. »Hier haben wir nichts mehr zu suchen!«
Einige von dem Geschrei der Geprügelten aufgeweckte Bürger öffneten die Fenster. Aber die beiden Flibustier und der Neger waren schon um die Straßenecke gebogen.
»Wo ist die Leiche?« fragte der Korsar.
»Schon außerhalb der Stadt!« antwortete Mokko. »Ich glaubte, daß ich hier sehr nötig sei, und bin daher wieder zurückgeeilt.«
»Ist niemand am Ausgang dieses Stadtviertels?«
»Niemand!«
»Kapitän!« rief jetzt Carmaux. »Eine Patrouille kommt!«
»Von woher?«
»Aus dieser Gasse dort!«
»Also schnell in die andere!«
»Aber Ihr seid wehrlos! Erlaubt, daß ich Euch meine Waffe zur Verfügung stelle! Ich habe den Dolch des getöteten Biskayers genommen, da ich mit ihm umgehen kann.«
Ein Trupp Soldaten näherte sich schnellen Schritts. Sie hatten wohl das Geschrei der Kämpfenden und das Waffengeklirr vernommen.
Die Flibustier eilten jetzt, von Mokko geführt, im Schatten der Mauer entlang. Eine Strecke weiter hörten sie den gleichmäßigen Schritt einer zweiten Patrouille.
»Verdammt!« rief Carmaux. »Wir werden umzingelt!«
»Vielleicht hat man uns verraten«, murmelte der Schwarze Korsar und blieb stehen.
»Jetzt gilt es, sich seiner Haut zu wehren! Mokko, dir vertraue ich den Leichnam meines Bruders an, den du an Bord meines Schiffes bringen sollst! Du findest unsere Schaluppe am Strande und wirst dich mit Stiller verständigen!«
»Ja, Herr!«
»Sollten wir hier überwältigt werden, so weiß Morgan, was er zu tun hat. Wenn du deinen Auftrag erfüllt hast, kehre zurück und schau, ob wir noch leben!«
»Ich kann mich nicht entschließen, Euch zu verlassen, Herr. Ich bin stark und könnte Euch von großem Nutzen sein.«
»Es liegt mir daran, daß mein Bruder ins Meer versenkt wird. Du wirst mir einen größern Dienst erweisen, wenn du dich an Bord meiner ›Fólgore‹ begibst.«
»Dann werde ich hoffentlich mit Verstärkung zurückkehren.«
»Morgan wird dich begleiten, dessen bin ich gewiß. Geh, die Patrouille kommt!«
Der Neger tat, wie ihm geheißen. Da der Weg indessen durch die Wachen versperrt schien, schlich er durch die Seitenpforte eines Gartens. Der Korsar sah ihm nach, bis er verschwunden war.
»Nun los auf die Patrouille! Gelingt es uns, mit einem plötzlichen Angriff durchzukommen, so können wir vielleicht das freie Gelände und dann den Wald erreichen!«
Sie befanden sich jetzt an einer Straßenecke und verbargen sich hinter einen Hausvorsprung. Die eine Patrouille war schon in Sichtweite, während man von der andern nichts mehr vernahm.
Die Hellebardiere hatten ihren Schritt verlangsamt. Einer von ihnen, wohl der Anführer, sagte: »Die Schurken können nicht weit von hier sein! Wir sind zu acht, und der Tavernenwirt hat uns von nur drei Flibustiern erzählt!«
»Der verdammte Wirt!« murmelte Carmaux. »Er hat uns verraten. Wenn ich ihn unter die Hände bekomme, werde ich ihm ein Löchelchen in den Bauch stoßen, daß der ganze Wein, den er in einer Woche ausgesoffen, herausfließt.«
Der Schwarze Korsar erhob den Säbel. »Los!« schrie er.
Die beiden Flibustier warfen sich mit Ungestüm auf die sich an der Straßenecke gerade umwendende Patrouille und teilten rechts und links Schläge aus.
Die von dem blitzartigen Angriff überraschten Soldaten konnten nicht Widerstand leisten. Sie wichen bald nach der einen, bald nach der andern Seite aus, um sich den Streichen zu entziehen.
Als sie sich von dem Schrecken erholt hatten, waren der Korsar und sein Gefährte schon längst verschwunden. Jetzt kam es ihnen erst zum Bewußtsein, daß sie es nur mit zwei Männern zu tun gehabt hatten. Darum stürzten sie ihnen nach und heulten aus voller Kehle: »Haltet sie, haltet sie, die Flibustier! Haltet sie!«