Die Gattinnen und Töchter beklagen, daß sie auf die Insel beschränkt sind, obgleich ich diese für den angenehmsten Ort der ganzen Welt halte. Wie sehr sie auch im Überfluß leben, wollen sie die Welt sehen und die Vergnügungen der Hauptstadt genießen, was ihnen aber ohne besondere Erlaubnis des Königs nicht gestattet ist. Diese Erlaubnis wird aber nur nach vielen Schwierigkeiten erlangt, da die Personen von Stande häufig erfahren haben, wie schwer es ist, ihre Frauen zur Rückkehr zu überreden. Mir wurde erzählt, eine vornehme Hofdame, die bereits mehrere Kinde hatte und an den Premierminister, den reichsten Untertan des Königreiches, vermählt war, der, schön und in sie verliebt, in der besten Gegend der Insel wohnt, sei unter dem Vorwande, ihre Gesundheit zu verbessern, nach Lagado gereist und habe sich dort mehrere Monate lang verborgen, bis der König einen Befehl, sie aufzusuchen, absandte. Hierauf fand man sie in einer elenden Spelunke, und zwar ganz zerlumpt, da sie ihre Kleider verpfändet hatte, um einen alten und häßlichen Bedienten zu ernähren, der sie täglich prügelte und aus dessen Gesellschaft sie widerstrebend fortgeführt wurde. Obgleich ihr Gemahl sie mit aller nur möglichen Güte und ohne den geringsten Vorwurf empfing, verstand sie es dennoch wieder, sich hinabzustehlen. Sie begab sich mit allen ihren Juwelen zu demselben Galan, und man hat seitdem nichts mehr von ihr gehört.
Der Leser glaubt vielleicht, diese Geschichte habe sich in Europa, vielleicht in England, aber nicht in einem so entfernten Lande ereignet. Er muß jedoch bedenken, daß die Launen der Weiber nicht auf ein besonderes Klima oder Volk beschränkt und bei Weibern überhaupt allgemeiner sind, als man wohl glauben sollte.
Nach ungefähr einem Monat hatte ich bedeutende Fortschritte im Erlernen der Landessprache gemacht und war imstande, die Fragen des Königs zu beantworten, wenn ich die Ehre einer Audienz erhielt. Seine Majestät zeigte aber nicht die geringste Neugier in betreff der Gesetze, Regierungsform, Geschichte, Religion oder der Sitten jener Länder, die ich bereits gesehen hatte, sondern beschränkte ihre Fragen auf den Zustand der mathematischen Wissenschaften. Der Bericht, den ich gab, wurde mit größter Gleichgültigkeit und Verachtung von dem König angehört, obgleich die Klatscher an beiden Seiten ihre Maschinen häufig in Wirksamkeit setzten.
Drittes Kapitel
Ein durch neuere Philosophie und Astronomie aufgelöstes Phänomen. Die Fortschritte der Laputier in letzterer Wissenschaft. Das Verfahren des Königs bei der Unterdrückung von Aufständen.
Ich ersuchte den König um Erlaubnis, die Merkwürdigkeiten der Insel ansehen zu dürfen. Seine Majestät hatte die Gnade, mir diese zu erteilen, und befahl meinem Lehrer, mich zu begleiten. Ich wollte hauptsächlich wissen, welchen künstlichen und natürlichen Ursachen die Insel ihre Bewegungen verdanke, und will hierüber dem Leser einen wissenschaftlichen Bericht erstatten.
Die fliegende oder schwebende Insel ist kreisförmig, sie beträgt siebentausendachthundertsiebenunddreißig Ellen oder vier und eine halbe Meile im Durchmesser und enthält somit zehntausend Morgen Land. Die Dicke beträgt dreihundert Ellen. Der Boden erscheint denen, die sie von unten erblicken, als eine ebene Fläche von Diamant, die zur Höhe von zweihundert Ellen aufsteigt. Über dieser Fläche liegen mehrere Mineralschichten in gewöhnlicher Ordnung und über diesen eine Lage von fetter Ackererde in der Tiefe von zehn oder zwölf Fuß. Die abhängige Lage der Oberfläche, vom Umfange nach dem Mittelpunkt, ist die natürliche Ursache davon, daß Tau und Regen, der auf die Insel fällt, in kleinen Bächen nach der Mitte fließt und sich dort in großen Becken sammelt, die ungefähr eine halbe Meile im Umfang haben und zweihundert Ellen vom Mittelpunkte entfernt sind. Die Sonne verdunstet dieses Wasser dauernd am Tage, so daß es nicht überfließen kann. Da der König außerdem nach Belieben die Insel über die Wolken und die Dunstregion erheben kann, vermag er das Niederfallen des Regens und des Taues, wie er will, zu regulieren. Die höchsten Wolken können ja nach der Behauptung der Naturforscher nicht über eine Stunde steigen; in diesem Lande hat man wenigstens diese Beobachtung gemacht.
Im Mittelpunkt der Insel befindet sich eine Spalte von fünfzig Ellen im Durchmesser, durch die die Astronomen in ein großes Gebäude hinabsteigen, das deshalb Flandona gagnole oder die Astronomenhöhle heißt und hundert Ellen über der Oberfläche des Diamanten liegt. In dieser Höhle brennen fortwährend zwanzig Lampen, die durch den Reflex des Diamanten nach allen Seiten hin ein starkes Licht ausstrahlen. Der Ort ist mit einer großen Menge von Astrolabien, Sextanten, Quadranten, Teleskopen und anderen astronomischen Instrumenten versehen. Die größte Merkwürdigkeit, wovon das Schicksal abhängt, besteht in einem Magnetstein von ungeheurer Größe, der an Gestalt einem Weberschiff ähnlich ist. Er beträgt sechs Ellen in der Länge und am dicksten Teil wenigstens drei Ellen. Dieser Magnet wird durch eine starke, diamantene Achse gehalten, die durch die Mitte geht; man hat ihn so genau im Gleichgewicht aufgestellt, daß die schwächste Hand ihn drehen kann. Er ist von einem hohlen Zylinder aus Diamant eingefaßt, der vier Fuß in Tiefe und Dicke, zwölf Ellen im Durchmesser beträgt und in horizontaler Lage von acht diamantenen, sechs Fuß hohen Füßen gehalten wird. In der Mitte der konkaven Seite befindet sich eine zwölf Zoll tiefe Rinne, worin die Enden der Achse laufen und nach Bedarf gedreht werden.
Der Stein kann durch keine Kraft fortgebracht werden, weil der Reif und das Fundament mit dem diamantenen Körper zusammenhängen, der den Boden der Insel bildet.
Mittels dieses Magnetsteins wird die Insel gehoben, gesenkt und fortbewegt. In bezug auf das von dem König beherrschte Land besitzt der Stein am Ende eine anziehende Kraft und an dem anderen eine abstoßende. Richtet man den Magneten in die Höhe, so daß die anziehende Kraft der Erde zugerichtet ist, so senkt sich die Insel; richtet man das abstoßende Ende nach unten, so steigt die Insel; erhält der Stein eine schräge Richtung, so bewegt sich die Insel in dieser Weise. Der Magnet äußert seine Kräfte stets in paralleler Richtung.
Durch die schräge Bewegung wird die Insel zu den verschiedenen Teilen des Reiches geführt. Um diese Reiseart zu versinnbildlichen, mag AB eine quer durch das Gebiet von Balnibarbi gezogene Linie bedeuten, CD den Magneten darstellen, wovon D das abstoßende, C das anziehende Ende ist; die Insel selbst schwebt über C. Erhält nun der Magnet die Richtung CD mit dem abstoßenden Ende nach unten, so bewegt sich die Insel nach D. Ist sie in D angekommen, mag man den Stein auf seiner Achse drehen, bis das anziehende Ende auf E gerichtet ist, und die Insel wird sich darauf nach E bewegen; wird der Stein nun wieder gedreht, bis er die Stellung EF annimmt, mit dem abstoßenden Ende nach unten, so wird die Insel in schräger Richtung nach F steigen, und richtet man sie durch die Anziehung nach G, so wird er sich nach G erheben und von G nach H kommen, wenn man das abstoßende Ende gerade nach unten stellt. Indem man so die Richtung des Steines verändert, läßt man die Insel in schräger Richtung fallen und steigen (letzteres ist jedoch nicht sehr bedeutend) und transportiert sie von einem Teil des Landes zum anderen.
Man muß jedoch bemerken, daß diese Insel sich nicht über das Königreich hinaus bewegen und auch nicht höher als zwei Stunden steigen kann. Die Astronomen, die dicke Bücher über den Stein geschrieben haben, erklären dies aus folgender Ursache: Die magnetische Kraft wirke sich nicht über vier Meilen weit aus, und das Mineral, das auf den Stein einwirkt und im Innern der Erde und in dem Meere bis auf die Entfernung von sechs Stunden, vom Ufer an gerechnet, verborgen liegt, sei nicht auf dem ganzen Erdkreis verbreitet, sondern allein auf das Gebiet des Königs beschränkt. Sonst würde es durch den Vorteil der höheren Lage sehr leicht sein, ein jedes Land zu unterwerfen, das im Bereich des Magneten liege.
Liegt der Magnet mit dem Horizont parallel, so steht die Insel still. Da seine Enden sich dann in gleicher Entfernung von der Erde befinden, wirken sie mit gleicher Kraft. Das eine zieht nach oben, das andere nach unten; somit kann auch keine Bewegung stattfinden.
Der Stein steht unter Leitung mehrerer Astronomen, die ihm auf Befehl des Königs die verschiedenen Richtungen geben. Diese verbringen den größten Teil ihres Lebens in der Beobachtung der Himmelskörper, und zwar durch Hilfe von Gläsern, welche die unsrigen bei weitem übertreffen. Obgleich die Teleskope nur drei Fuß Länge haben, vergrößern sie doch mehr als unsere von hundert Fuß und zeigen auch die Sterne mit größerer Deutlichkeit. Dieser Vorteil hat die Laputier in den Stand gesetzt, Entdeckungen zu ma chen, die wir in Europa nicht ahnen. In ihrem Katalog befinden sich zehntausend Fixsterne, während doch die größten Verzeichnisse, die wir besitzen, kaum ein Drittel dieser Zahl enthalten. Sie haben auch zwei Trabanten des Mars entdeckt, deren nächster von seinem Hauptplaneten so weit entfernt ist, wie dessen Durchmesser dreimal beträgt, und der entferntere fünfmal; ersterer läuft um den Mars in zehn, letzterer in einundzwanzig und einer halben Stunde. Das Quadrat der periodischen Umdrehung beider steht in demselben Verhältnis wie der Kubus ihrer Entfernung vom Zentrum des Mars, und dies beweist, daß sie nach denselben Gesetzen der Schwere regiert werden wie die übrigen Himmelskörper.
Außerdem haben die Laputier neununddreißig verschiedene Kometen beobachtet und ihre Bahnen mit großer Sicherheit beschrieben. Ist dies wirklich der Fall (und sie behaupten es mit dem größten Selbstvertrauen), so wäre zu wünschen, daß ihre Berechnungen allgemein bekannt würden; die Theorie der Kometen, die bei uns bis jetzt sehr lahm und mangelhaft ist, würde dadurch dieselbe Vollkommenheit erreichen wie andere Teile der Astronomie.
Der König würde der unumschränkteste Fürst der Erde sein, wenn er seine Minister überreden könnte, ihm hierin behilflich zu sein. Diese aber besitzen Güter auf dem Festlande und sagen sich, daß das Amt eines Günstlings ein sehr ungewisser Besitz sei. Deshalb wollen sie nie ihre Einwilligung dazu geben, ihrem Vaterlande zur Sklaverei zu verhelfen.
Wenn eine Stadt Meuterei und Empörung beginnt, in heftigen Parteikampf gerät oder die gewöhnlichen Abgaben nicht bezahlen will, so bringt sie der König durch zwei Methoden wieder zum Gehorsam. Das erste und mildere Verfahren besteht darin, daß er die Insel über einer solchen Stadt und dem sie umgebenden Gebiet schweben läßt, wodurch er die Einwohner des Sonnenscheins und des Regens beraubt und folglich Krankheiten und Teuerung bei ihnen entstehen läßt. Verdient ihr Verbrechen eine größere Strafe, so werden sie zugleich von oben mit großen Steinen beworfen, gegen die sie sich nicht anders schützen können, als daß sie sich in Keller und Höhlen verkriechen, während die Dächer ihrer Häuser zertrümmert werden. Bleiben sie dann noch immer hartnäckig und drohen sie sogar mit einem Aufstande, so läßt der König ihnen die Insel auf den Kopf fallen, wodurch sowohl Häuser als auch Menschen vernichtet werden. Dies ist jedoch nur ein außerordentliches Mittel, wozu der König nur selten genötigt wird und was er auch nicht in Anwendung zu bringen wünscht. Ferner wagen auch die Minister nicht, ihm eine Handlung anzuraten, wodurch sie dem Volke verhaßt und ihre eigenen Güter, die unten liegen, zerstört würden. Die Insel ist nämlich eine Domäne der Krone.
Es findet sich jedoch noch ein anderer Grund, weshalb die Könige dieses Landes stets einer so furchtbaren Handlung abgeneigt sind, wenn sie nicht durch die äußerste Not dazu gezwungen werden. Wenn nämlich die zu verwüstende Stadt große und spitze Felsen enthielte, wie dies in größeren Städten nicht ungewöhnlich ist, da die Einwohner eine solche Lage, wahrscheinlich um jene Katastrophe zu verhindern, häufig gewählt haben, oder eine Stadt viele Kirchtürme und steinerne Pfeiler besitzen sollte, so möchte die untere Fläche der Insel, obgleich sie aus Diamant besteht und zweihundert Ellen dick ist, durch den plötzlichen Stoß zerbrechen, oder wenn sie den Feuern der Häuser zu nahe käme, einen Riß bekommen, wie bei uns ein Schornstein, mag er auch von Stein und Eisen erbaut sein. Das Volk ist mit allen diesen Umständen genau bekannt und weiß sehr wohl, wie weit es seinen Eigensinn treiben darf, bis Freiheit und Eigentum in Gefahr geraten. Der König, wenn er am heftigsten gereizt und entschlossen ist, eine Stadt in einen Schutthaufen zu verwandeln, läßt die Insel nur langsam hinabsinken, wobei er zärtliche Liebe zu seinen Untertanen als Vorwand angibt, jedoch in Wirklichkeit die Besorgnis hegt, einen Riß in dem diamantenen Boden zu verursachen. Alle Naturforscher sind nämlich der Meinung, in diesem Falle würde der Magnet die Insel nicht mehr tragen können und die ganze Masse würde zu Boden fallen müssen.
Durch ein Grundgesetz des Königreichs darf weder der Monarch noch seine zwei ältesten Söhne die Insel verlassen, auch nicht die Königin, bis sie ihr Kindbett überstanden hat.
Viertes Kapitel
Der Verfasser verläßt Laputa. Reise nach Balnibarbi; er kommt in der Hauptstadt an. Die Beschreibung der Hauptstadt und des umliegenden Landes. Der Verfasser wird von einem vornehmen Manne gastfreundlich aufgenommen. Seine Unterhaltung mit diesem.
Quälereien habe ich zwar auf dieser Insel nicht erleiden müssen, ich hielt mich jedoch für vernachlässigt und sogar auch teilweise für verachtet. Weder der König noch das Volk zeigten Interesse für irgendeine andere Kenntnis als Mathematik und Musik, worin die Laputier mir überlegen waren und mich deshalb geringschätzten. Als ich die Merkwürdigkeiten der Insel gesehen hatte, war mein größter Wunsch, sie zu verlassen, denn ich war der Einwohner herzlich müde. Sie waren wirklich in zwei Wissenschaften, für die ich die größte Achtung hege und womit ich auch nicht unbekannt bin, im höchsten Grade ausgezeichnet, allein zugleich so sehr in ihre Spekulationen vertieft, daß ich mich niemals in unangenehmerer Gesellschaft befunden habe. Ich unterhielt mich während meines zweimonatigen Aufenthaltes allein mit Weibern, Klatschern und Pagen, wodurch ich mich zuletzt sehr verächtlich machte. Diese waren jedoch die einzigen Leute, von denen ich vernünftige Antworten erhalten konnte.
Durch angestrengtes Studium hatte ich mir eine bedeutende Kenntnis der Landessprache verschafft. Es war mir aber langweilig, auf einer Insel zu bleiben, wo ich so wenig Ermutigung erhielt, und ich beschloß deshalb, sie mit der ersten Gelegenheit zu verlassen.
An dem Hofe befand sich ein vornehmer Mann, der mit dem König nahe verwandt war und allein deshalb mit Achtung behandelt wurde. Im übrigen hielt man ihn für die unwissendste und dümmste Person. Er hatte der Krone viele ausgezeichnete Dienste erwiesen, besaß Talente und äußere Bildung, Rechtschaffenheit und Ehrgefühl, allein durchaus kein musikalisches Gehör, so daß seine Feinde behaupten konnten, er habe häufig den Takt falsch angegeben. Auch konnten ihm seine Lehrer nur mit äußerster Schwierigkeit die leichtesten mathematischen Sätze beibringen. Er hatte die Güte, mir häufig Gunstbezeigungen zu erweisen, und wünschte Kenntnis von den Angelegenheiten Europas, von den Gesetzen, Gewohnheiten und Wissenschaften der verschiedenen von mir bereisten Länder zu erhalten. Er lieh mir ein aufmerksames Ohr und machte verschiedene sehr weise Bemerkungen über meinen Bericht. Er hatte zwei Klatscher, jedoch nur, um sich der Sitte zu fügen, denn er brauchte sie nicht, ausgenommen, wenn er bei Hofe war oder zeremoniöse Besuche abstattete. Wenn wir allein waren, befahl er ihnen gewöhnlich, sich zu entfernen.