Als ich meine Besinnung wiedererlangt hatte, sagte er mir, er habe geglaubt, ich sei tot. Die Hauyhnhnms sind nämlich solchen Schwächen nicht unterworfen. Ich erwiderte mit schwacher Stimme: Der Tod würde ein zu großes Glück für mich gewesen sein. Ich könne zwar die Ermahnung der Versammlung und das dringende Verlangen seiner Freunde nicht tadeln. Ich glaube jedoch, meinem schwachen und verdorbenen Verstande gemäß, auch eine geringere Strenge wäre der Vernunft nicht widersprechend gewesen. Ich könne keine Stunde weit schwimmen, und das nächste Land würde ungefähr hundert Stunden entfernt sein. Eine Menge Materialien, die zur Verfertigung eines Fahrzeuges notwendig seien, fehlten in diesem Lande. Ich würde jedoch, aus Gehorsam und Dankbarkeit gegen Seine Gnaden, den Versuch machen, obgleich ich die Ausführung für unmöglich hielte, so daß ich schon jetzt mich als verloren betrachte; die sichere Aussicht auf einen unnatürlichen Tod sei das geringste meiner Übel. Sollte ich nämlich durch irgendeinen Zufall dem Tode entgehen, so könne ich doch unmöglich mit Gelassenheit daran denken, mein Leben wieder bei Yähus zuzubringen und aus Mangel an Beispielen, die mich auf die Pfade der Tugend führen und auf diesen erhalten würden, wieder in die alte Verderbnis zu versinken. Ich wisse sehr wohl, daß die Beschlüsse der weisen Hauyhnhnms zu richtig begründet seien, als daß ich, ein erbärmlicher Yähu, sie erschüttern könne. Ich sage ihm deshalb meinen gütigen Dank für die mir angebotene Hilfe seiner Diener bei Verfertigung eines Schiffes, bitte um die erforderliche Zeit für ein so schwieriges Werk und wolle mich bemühen, mein elendes Leben zu erhalten. Würde ich jemals nach England zurückkehren, so hege ich einige Hoffnung, meinem Geschlechte dadurch nützlich zu werden, daß ich den Ruhm der berühmten Hauyhnhnms feiere und ihre Tugenden dem Menschengeschlechte zur Nachahmung empfehle.
Mein Herr gab mir in wenigen Worten eine sehr gnädige Antwort; er genehmigte mir die Zeit von zwei Monaten, um mein Boot zu vollenden, und befahl dem fuchsroten Klepper, meinem Kameraden im Dienste (so darf ich ihn jetzt, da ich so weit von ihm entfernt bin, wohl nennen), meine Anleitung zu befolgen. Ich sagte nämlich meinem Herrn, dessen Hilfe werde genügen, und ich wußte, daß dieser mein Kamerad viele Zuneigung zu mir hegte.
Mein erstes Geschäft in seiner Gesellschaft bestand darin, daß ich zu dem Teil der Küste ging, wo meine rebellische Schiffsmannschaft mich hatte ans Land setzen lassen. Ich bestieg eine Höhe, sah nach allen Seiten in das Meer hinaus und glaubte im Nordosten eine kleine Insel zu bemerken. Dann nahm ich mein Taschenperspektiv zur Hand und konnte diese nach meiner Berechnung in der Entfernung von fünf Stunden deutlich erkennen. Der fuchsrote Klepper hielt die Insel aber nur für eine blaue Wolke, denn er hatte keinen Begriff, daß es noch ein Land außer dem seinigen gebe, und konnte deshalb entfernte Gegenstände auf der See nicht wie wir erkennen, die wir auf diesem Elemente ganz zu Hause sind.
Als ich die Insel entdeckt hatte, überlegte ich nicht weiter, sondern beschloß, diese solle fürs erste mein Verbannungsort werden.
Das übrige überließ ich dem Glück.
Ich kehrte nach Hause zurück, und nachdem ich eine Beratung mit dem fuchsroten Klepper gehalten, gingen wir beide in ein nicht weit von unserem Hause entferntes Gebüsch, wo ich mit meinem Messer und er mit einem scharfen Feuerstein, der nach Landessitte sehr geschickt an einem hölzernen Griff befestigt war, mehreres Eichengestrüpp von der Dicke eines Spazierstocks und einige größere Stöcke abschnitt. Ich will jedoch den Leser mit einer zu genauen Beschreibung meines Verfahrens nicht langweilen; es genüge die Bemerkung, daß ich im Verlaufe von sechs Wochen mit Hilfe des fuchsroten Kleppers, der die mühsamste Arbeit verrichtete, eine Art indianischen Kanus baute; es war jedoch bei weitem größer. Ich bedeckte es mit Yähu-Häuten und heftete diese mit Fäden aus Hanf, den ich selbst verfertigt hatte, dicht aneinander. Mein Segel bestand ebenfalls aus der Haut dieses Tieres; ich gebrauchte jedoch dazu die Häute der jüngeren, denn die älteren waren viel zu rauh und dick. Auch versah ich mich mit vier Rudern, legte in das Kanu einen Vorrat gekochten Fleisches von Kaninchen und Vögeln sowie auch zwei Gefäße, eines voll Milch und das andere voll Wasser.
Ich probierte mein Kanu in einem großen Teiche bei dem Hause meines Herrn und verbesserte dann die Mängel, die ich bemerkte, indem ich die Ritzen mit Yähu-Talg verstopfte, bis das Fahrzeug imstande war, mich und meine Fracht zu tragen. Als es nun in jeder Hinsicht vollendet erschien, wurde es von Yähus auf einem Wagen langsam an das Ufer gezogen, wobei der fuchsrote Klepper und noch ein anderer Bedienter die Treiber waren.
Als alles bereit und der Tag meiner Abreise angebrochen war, nahm ich von meinem Herrn, seiner Gemahlin und der ganzen Familie Abschied. Meine Augen schwammen in Tränen, und mein Herz war durch Gram erdrückt. Seine Gnaden beschloß jedoch, teils aus Neugier, teils aus Gütigkeit gegen mich (wenn ich dies Wort gebrauchen darf), mich in meinem Kanu zu sehen, und nahm mehrere seiner Freunde mit sich, die in der Nachbarschaft wohnten. Ich mußte ungefähr eine Stunde auf die Flut warten, und als ich dann bemerkte, daß der Wind für meine Fahrt nach der Insel günstig war, nahm ich zum zweitenmal Abschied von meinem Herrn. Als ich mich nun niederwerfen wollte, um seinen Huf zu küssen, erwies er mir die Ehre, ihn sanft an meinen Mund zu erheben. Ich weiß sehr wohl, daß man mich wegen der Erwähnung dieses letztern Umstandes sehr getadelt hat. Verleumder haben es für unwahrscheinlich gehalten, daß eine so erlauchte Person sich gegen ein so tief unter ihm stehendes Geschöpf herabließ. Auch habe ich nicht vergessen, wie gern einige Reisende sich außerordentlicher Gunstbezeigungen rühmen. Wären aber diese Verleumder mit dem edlen und höflichen Charakter der Hauyhnhnms besser bekannt, so würden sie bald ihre Meinung ändern.
Ich begrüßte die übrigen Hauyhnhnms in Gesellschaft Seiner Gnaden, stieg in mein Kanu und stieß vom Ufer ab.
Elftes Kapitel
Des Verfassers gefährliche Reise. Er kommt nach Neuholland und hofft, sich dort niederzulassen. Er wird von einem Eingeborenen durch einen Pfeil verwundet. Er wird gefangengenommen und mit Gewalt in ein portugiesisches Schiff gebracht. Die große Höflichkeit des Kapitäns. Der Verfasser kommt in England an.
Ich begann die verzweifelte Reise am 15. Februar 1715 um neun Uhr morgens. Der Wind war sehr günstig. Zuerst machte ich nur von meinen Rudern Gebrauch. Da ich jedoch bedachte, daß ich bald müde sein würde und daß der Wind umschlagen könne, wagte ich es, mein kleines Segel aufzuziehen, und kam hierdurch und mit Hilfe der Flut ziemlich schnell vorwärts. Mein Herr und seine Freunde blieben am Ufer, bis ich ihnen beinahe außer Sicht war. Auch hörte ich, wie der fuchsrote Klepper, der mich immer liebte, mir mehrere Male zurief: »Hnuy illi nyha majah Yähu«; das heißt: Hüte dich vor Gefahr, artiger Yähu.
Ich beabsichtigte, eine kleine unbewohnte Insel zu entdecken, die jedoch genügen würde, mich bei einiger Arbeit mit den notwendigen Bedürfnissen des Lebens zu versehen; dies hätte ich für ein größeres Glück gehalten, als wenn ich Premierminister am er sten europäischen Hofe geworden wäre, so furchtbar war mir der Gedanke, in die Gesellschaft und unter die Regierung von Yähus zurückzukehren. In solcher Einsamkeit, wie ich sie mir wünschte, konnte ich doch wenigstens meinen Gedanken nachhängen und mit Entzücken an die Tugenden der unnachahmlichen Hauyhnhnms denken, wobei mir keine Gelegenheit geboten wäre, in die Laster und Verderbnisse meines Geschlechts zu entarten.
Der Leser wird sich an meine frühere Erzählung erinnern, wie ich nach der Verschwörung meiner Schiffsmannschaft und während meiner Gefangenschaft mehrere Wochen lang in der Kajüte eingesperrt blieb, ohne die Richtung, die wir eingeschlagen hatten, zu wissen, wie mir ferner die Matrosen, als ich in das lange Boot gebracht wurde, mit wahren oder falschen Eiden die Versicherung gaben, sie wüßten nicht, in welchem Teile der Welt wir wären. Ich glaubte jedoch damals, wir befänden uns zehn Grad südlich vom Kap der Guten Hoffnung, ungefähr im fünfundvierzigsten Grade südlicher Breite. Dies konnte ich aus einigen Worten, die ich zufällig hörte, schließen, und die mir, wie ich glaubte, andeuteten, daß sie südöstlich nach Madagaskar steuerten. Obgleich diese Worte mir nur eine Vermutung an die Hand gaben, so beschloß ich doch, östlich zu steuern; denn ich hoffte, die südwestliche Küste von Neuholland oder vielleicht eine westwärts von diesem Lande gelegene Insel zu erreichen. Der Wind blies aus Westen, und um sechs Uhr abends war ich wenigstens achtzehn Seemeilen nach Osten gefahren, als ich eine kleine, ungefähr eine Seemeile weit entfernte Insel entdeckte, die ich dann auch bald erreichte. Sie bestand nur aus einem Felsen mit einem durch die Gewalt der Stürme natürlich gebildeten Damm. Hier brachte ich mein Kanu in Sicherheit, bestieg einen Teil des Felsens und konnte deutlich im Osten Land entdecken, das sich von Süden nach Norden hin ausdehnte. Die ganze Nacht blieb ich in meinem Kanu liegen; am Morgen setzte ich meine Reise weiter fort und erreichte nach sieben Stunden die südöstliche Spitze von Neuholland. Alles bestätigte die schon früher von mir gehegte Meinung, daß die geographischen Karten dies Land wenigstens um drei Grad zu weit nach Osten setzen. Vor mehreren Jahren machte ich hierüber meinem würdigen Freunde Hermann Moll eine Mitteilung und sagte ihm die Gründe, weshalb ich meine Gedanken für wahr halte. Er hat es jedoch vorgezogen, die Angaben anderer Schriftsteller zu befolgen.
Ich sah an der Stelle, wo ich landete, keine Einwohner. Da ich unbewaffnet war, wagte ich es nicht, zu tief in das Land hineinzugehen. An der Küste fand ich einige Schaltiere, die ich roh aß; denn ich wollte kein Feuer anzünden, aus Furcht, von den Eingeborenen entdeckt zu werden. So lebte ich drei Tage lang von Austern und Napfschnecken, um meine Lebensmittel zu sparen. Glücklicherweise entdeckte ich auch eine Quelle ausgezeichneten Wassers, was mir große Erleichterung gewährte.
Als ich mich am vierten Tage frühmorgens ein wenig zu weit in das Innere hineinwagte, erblickte ich ungefähr zwanzig bis dreißig Einwohner auf einer an fünfhundert Ellen von mir entfernten Höhe. Sie waren nackt und saßen sämtlich, Männer, Weiber und Kinder, an einem Feuer, das ich durch den Rauch erkennen konnte. Einer dieser Wilden bemerkte mich aber und setzte die anderen davon in Kenntnis, worauf fünf Mann auf mich zugingen und die Weiber und Kinder beim Feuer ließen. Ich lief so schnell wie möglich zum Ufer zurück, bestieg mein Kanu und stieß vom Lande ab. Als die Wilden mich fliehen sahen, liefen sie hinter mir her, und bevor ich weit genug in die See gekommen war, schoß einer davon einen Pfeil gegen mich ab, der mich am linken Kniegelenk verwundete; ich werde die Narbe mit ins Grab nehmen. Da ich besorgte, der Pfeil könne vergiftet sein, bemühte ich mich, als ich mich aus dem Bereich der Wilden fortgerudert hatte (an diesem Tage herrschte Windstille), die Wunde auszusaugen und sie dann so gut wie möglich zu verbinden.
Ich wußte nicht, was ich tun sollte, denn ich wagte nicht, an denselben Landungsplatz zurückzukehren. Somit steuerte ich nordwärts. Es erhob sich ein sanfter Wind, der aber nordwestlich und meiner Richtung entgegengesetzt war; ich wurde dadurch zum Rudern genötigt. Als ich mich nun nach einem anderen sichern Landungsplatz umsah, bemerkte ich in Nordnordost ein Segel, das mit jeder Minute deutlicher wurde. Ich bedachte mich lange, ob ich es erwarten sollte oder nicht; zuletzt aber erhielt meine Abscheu gegen das Yähu-Geschlecht die Oberhand, ich wendete mein Kanu, segelte und ruderte südwärts, bis ich denselben Damm erreichte, von wo ich am Morgen abgefahren war; denn ich zog es vor, lieber bei diesen Barbaren als bei den europäischen Yähus zu wohnen. Ich zog mein Kanu so nahe wie möglich an das Land und versteckte mich hinter einem Steine bei dem kleinen Bache, der, wie schon gesagt, ein ausgezeichnetes Wasser führte.
Das Schiff kam bis auf eine halbe Meile an diesen Damm und sandte sein großes Boot aus mit Gefäßen, um frisches Wasser einzunehmen (wie es schien, war der Ort Seefahrern schon hinlänglich bekannt). Ich bemerkte dies nicht eher, als bis das Boot beinahe das Ufer erreicht hatte; demnach war es mir unmöglich, einen anderen Ort, wo ich mich verbergen konnte, aufzusuchen. Die Matrosen besahen bei ihrer Landung mein Kanu, durchsuchten es gründlich und schlossen daraus, der Eigentümer müsse in der Nähe sein. Vier Matrosen blickten in jede Ritze und in jedes Loch, bis sie mich am Ende auffanden. Ich lag flach auf meinem Gesicht; einige Zeitlang betrachteten sie mit Staunen meine sonderbare und auffallende Kleidung, meinen Rock aus Häuten, meine Schuhe mit hölzernen Sohlen und meine Strümpfe aus Pelzwerk. Daraus schlossen sie jedoch, ich könne kein Eingeborener sein, da diesen Kleidung gänzlich unbekannt ist. Ein Matrose befahl mir schließlich in portugiesischer Sprache, aufzustehen und zu sagen, wer ich sei. Ich verstand das Portugiesische, stand auf und sagte, ich sei ein armer von den Hauyhnhnms verbannter Yähu und bitte nur, daß man mich abreisen lasse. Sie wunderten sich, daß ich in ihrer eigenen Sprache Antwort gab, und sahen an meiner Gesichtsfarbe, daß ich ein Europäer sein müsse; sie konnten jedoch nicht begreifen, was ich mit Yähus und Hauyhnhnms meinte, und brachen zugleich über meine sonderbare Redeweise, die dem Wiehern eines Pferdes glich, in ein lautes Gelächter aus. Furcht und Haß erweckten bei mir ein heftiges Zittern. Ich bat sie aufs neue, mich abreisen zu lassen, und näherte mich langsam meinem Kanu. Die Matrosen packten mich jedoch an der Brust und fragten mich, von welchem Lande und woher ich gekommen sei; außerdem wurden mir noch manche andere Fragen vorgelegt. Ich erwiderte: In England sei ich geboren und habe mein Vaterland vor ungefähr fünf Jahren verlassen; damals habe Frieden zwischen England und Portugal geherrscht; ich hoffe deshalb, daß man mich nicht als Feind behandeln werde, ich beabsichtige durchaus nicht, ihnen irgendeinen Schaden zuzufügen; ich sei nur ein armer Yähu, der irgendeinen einsamen Ort aufsuche, um seine übrigen unglücklichen Lebenstage dort zuzubringen.
Als jene Seeleute miteinander sprachen, glaubte ich, nie etwas Unnatürlicheres gehört zu haben; es kam mir vor, als wolle ein Hund und eine Kuh in England und ein Yähu in Hauyhnhnmland sprechen. Die ehrlichen Portugiesen erstaunten gleicherweise über meine sonderbare Kleidung und die Aussprache meiner Worte, die sie jedoch sehr gut verstanden. Sie erwiesen mir in ihren Reden sehr viel Menschlichkeit und sagten: Der Kapitän würde mich gewiß umsonst nach Lissabon bringen, von wo aus ich in mein Vaterland zurückkehren könne. Zwei Matrosen würden zum Schiff zurückkehren, den Kapitän von dem, was sie gesehen hätten, benachrichtigen und sich seine Befehle holen. Mittlerweile würden sie mich mit Gewalt in Sicherheit bringen, wenn ich nicht einen feierlichen Eid leistete, zu bleiben. Sie waren sehr neugierig, meine Geschichte zu erfahren; ich gab ihnen aber nur wenig Befriedigung, und sie glaubten, mein Unglück habe mir das Gehirn verwirrt. Nach zwei Stunden kehrte das Boot, mit Wassergefäßen beladen und dem Befehl des Kapitäns, mich an Bord zu bringen, wieder zurück. Ich flehte auf den Knien, mir die Freiheit zu lassen; allein alles war vergeblich. Die Männer banden mich mit Stricken und hoben mich in das Boot, von wo ich in das Schiff und dann in die Kajüte des Kapitäns gebracht wurde.