Er hieß Pedro de Mendez und war ein artiger und großmütiger Mann. Er bat mich, ihm einen Bericht über mich zu geben, und wünschte zu wissen, was ich essen und trinken wolle; ich solle ebensogut bewirtet werden, wie er selbst lebe. Zugleich sagte er mir so viele verbindliche Sachen, daß ich mich wunderte, so viel Höflichkeit bei einem Yähu zu finden. Ich blieb jedoch still und mürrisch; der Geruch von ihm und seinen Leuten brachte mich einer Ohnmacht nahe. Zuletzt bat ich, man möge mir etwas aus meinem Kanu zu essen bringen; der Kapitän aber ließ für mich ein Huhn und eine Flasche ausgezeichneten Wein kommen und befahl dann, mich in einer sehr reinlichen Kajüte zu Bett zu bringen. Ich wollte mich nicht auskleiden, sondern legte mich, wie ich war, auf das Bett; nach einer halben Stunde, als ich glaubte, die Mannschaft halte ihr Mittagsmahl, stahl ich mich aus meiner Kajüte, ging an die Reling, um ins Meer zu springen und mich lieber schwimmend zu retten, als in Zukunft noch bei den Yähus zu leben. Ein Matrose verhinderte mich jedoch an der Ausführung meines Vorsatzes und stattete dem Kapitän hierüber Bericht ab; darauf wurde ich gefesselt und in meine Kajüte gebracht.
Nach dem Mittagessen kam Don Pedro zu mir und bat mich, ihm den Grund jener so verzweifelten Handlung zu sagen. Er gab mir die Versicherung, daß er mir alle ihm möglichen Dienste erweisen wolle, und sprach dabei so rührend, daß ich mich zuletzt herbeiließ, ihn als ein Tier zu behandeln, das einen kleinen Teil von Vernunft besitze. Ich gab ihm einen kurzen Bericht von meiner Reise, von der Verschwörung meiner Leute, von dem Lande, wo sie mich aussetzten, und von meinem dortigen fünfjährigen Aufenthalte. Der Kapitän betrachtete dies alles wie einen Traum oder wie ein Hirngespinst, so daß ich außerordentlich zornig wurde, denn ich hatte die Eigenschaft des Lügens, die allen Yähus, wo sie auch wohnen mögen, so eigentümlich ist, durchaus vergessen und dachte deshalb auch nicht an ihre Neigung, in bezug auf die Wahrheit gegen andere ihrer eigenen Gattung Verdacht zu hegen. Ich fragte ihn deshalb, ob es in seinem Vaterlande Gebrauch sei, ein Ding zu sagen, das nicht existiere, und gab ihm die Versicherung, ich habe beinahe die Bedeutung des Wortes Falschheit vergessen, und hätte ich tausend Jahre im Hauyhnhnm-Lande gelebt, so würde ich doch nie eine Lüge von dem geringsten Diener gehört haben. Es sei mir gleichgültig, ob er mir glaube oder nicht; als Dank für seine erwiesenen Gefälligkeiten wolle ich der Verderbnis seiner Natur so viel zugestehen, daß ich jeden Einwurf, den er mache, beantworten werde, so daß er die Wahrheit leicht entdecken könne.
Der Kapitän, ein verständiger Mann, bemühte sich mehrere Male, mich auf Widersprüchen zu ertappen, und hegte zuletzt eine bessere Meinung von meiner Wahrhaftigkeit; er fügte jedoch hinzu: Da ich eine so unverletzliche Anhänglichkeit an die Wahrheit besitze, so müsse ich ihm mein Ehrenwort geben, ihm auf dieser Reise Gesellschaft zu leisten, ohne irgendeinen Versuch gegen mein Leben zu machen, sonst werde er mich gefangenhalten, bis wir nach Lissabon kämen. Ich gab ihm das verlangte Versprechen, zugleich aber auch die Versicherung, ich wolle lieber die größten Leiden ertragen, als daß ich wieder unter die Yähus zurückkehre.
Unsere Reise verging ohne bemerkenswerten Vorfall. Aus Dankbarkeit gegen den Kapitän setzte ich mich bisweilen auf seine dringenden Bitten mit ihm zu Tische und suchte dann meine Abneigung gegen das Menschengeschlecht zu verbergen, obgleich sich diese mehrere Male Luft machte; dies schien der Kapitän aber nicht zu bemerken. Den größten Teil des Tages verschloß ich mich jedoch in meine Kajüte und vermied es, irgend jemand aus dem Schiffsvolk zu sehen. Der Kapitän bat mich öfter, meine Kleidung eines Wilden abzulegen, und wollte mir seinen besten Anzug leihen. Ich ließ mich jedoch nicht bewegen, irgendein Gewand anzulegen, das auf dem Rücken eines Yähus geruht hatte. Ich bat ihn, mir nur zwei reine Hemden zu leihen, die, wie ich glaubte, mich nicht sehr beschmutzen könnten, da sie, seitdem er sie getragen, gewaschen waren. Diese wechselte ich immer am zweiten Tage und pflegte sie auch selbst zu waschen.
Am 5. November 1715 landeten wir in Lissabon. Dabei drängte mir der Kapitän seinen Mantel auf, damit sich der Pöbel nicht um mich versammle. Er brachte mich in sein eigenes Haus und gab mir auf meine Bitte das höchste Zimmer im obersten Stockwerk an der Hinterseite des Gebäudes. Ich beschwor ihn, gegen alle Leute zu verheimlichen, was ich ihm über die Hauyhnhnms erzählt hatte, weil der geringste Wink über diese Geschichte nicht allein eine Masse Personen herbeiführen würde, die mich sehen wollten, sondern weil ich auch dadurch wahrscheinlich in Gefahr geraten müßte, verhaftet und von der Inquisition verbrannt zu werden. Der Kapitän überredete mich, einen neuen Anzug anzulegen, ich wollte jedoch dem Schneider nicht erlauben, mir das Maß zu nehmen. Da jedoch Don Pedro beinahe von demselben Körperbau war, so paßten mir die Kleider. Er versah mich auch mit anderen Bedarfsgegenständen, die ich vierundzwanzig Stunden lüftete, ehe ich sie gebrauchen konnte.
Der Kapitän hatte keine Frau und nicht mehr als drei Bediente, von denen keiner bei Tische aufwarten durfte; sein ganzes Benehmen war auch so artig und sein Verstand so ausgezeichnet, daß ich wirklich anfing, seine Gesellschaft erträglich zu finden. Er überredete mich, aus dem Hinterfenster zu sehen. Allmählich wurde ich auch in andere Zimmer gebracht, von wo aus ich auf die Straße blickte; sogleich aber fuhr ich erschrocken wieder zurück. Nach einer Woche verführte mich der Kapitän, an die Tür zu gehen; ich fand, daß mein Schauder sich allmählich verminderte, Haß und Verachtung schienen sich jedoch zu vermehren. Zuletzt war ich so kühn, in seiner Gesellschaft durch die Straßen zu gehen, verstopfte mir aber die Nase gehörig mit Raute und bisweilen mit Tabak.
Nach zehn Tagen legte es mir Don Pedro, dem ich Auskunft über meine häuslichen Angelegenheiten gegeben hatte, als meine Pflicht ans Herz, in mein Vaterland zurückzukehren und bei Frau und Kindern zu leben. Er sagte mir, ein englisches Schiff liegt gerade im Hafen bereit, und er werde mich mit allem Not wendigen versehen. Es würde langweilig sein, die Gründe, die er anführte, und meine Widersprüche zu wiederholen. Er sagte, es sei rein unmöglich, eine so einsame Insel, wie ich sie mir als Wohnort wünsche, aufzufinden. Ich könnte jedoch über mein eigenes Haus verfügen und meine Zeit in so abgeschlossener Weise, wie ich es wünsche, zubringen.
Zuletzt gab ich nach, da ich nicht anders konnte. Ich verließ Lissabon am 24. November in einem englischen Kauffahrteischiff. Wer der Kapitän war, wollte ich nicht erfragen. Don Pedro begleitete mich an Bord und lieh mir zwanzig Pfund. Er nahm von mir höflich Abschied und umarmte mich bei der Trennung, was ich so gut wie möglich ertragen mußte. Während dieser letzten Reise gab ich mich weder mit dem Kapitän noch mit einem seiner Leute ab, sondern verschloß mich in meine Kajüte, indem ich Krankheit als Vorwand gebrauchte. Am 5. Dezember 1715, neun Uhr morgens, warfen wir in den Dünen Anker, und um drei Uhr nachmittags kam ich wohlbehalten nach meinem Hause in Redriff.
Meine Frau und meine Kinder empfingen mich mit großer Überraschung und Freude, weil sie mich für tot gehalten hatten; ich muß jedoch offen gestehen, ihr Anblick erfüllte mich nur mit Haß, Ekel und Verachtung, und zwar um so mehr, da ich an meine nahe Verwandtschaft mit ihnen dachte. Ob ich mich gleich seit meiner unglücklichen Verbannung aus Hauyhnhnm-Land bereits daran gewöhnt hatte, den Anblick der Yähus zu ertragen und mich mit Don Pedro de Mendez zu unterhalten, so waren dennoch meine Phantasie und mein Gedächtnis fortwährend mit den Tugenden und Ideen der erhabenen Hauyhnhnms angefüllt. Wenn ich nun ferner bedachte, daß ich durch die Verbindung mit einer weiblichen Yähu der Vater mehrerer Yähus geworden sei, so empfand ich die äußerste Scham und Geistesverwirrung sowie auch den heftigsten Abscheu.
Sobald ich in mein Haus getreten war, umarmte mich meine Frau und gab mir einen Kuß; da ich nun an die Umarmungen eines so verhaßten Tieres schon lange nicht mehr gewöhnt war, fiel ich in Ohnmacht, die beinahe eine Stunde dauerte. Seit meiner Rückkehr nach England sind jetzt bereits fünf Jahre verflossen; im ersten Jahre konnte ich die Gegenwart meiner Frau und Kinder nicht ertragen; ihr Geruch war mir sogar unausstehlich; noch weniger konnte ich es leiden, daß sie mit mir in demselben Zimmer aßen. Bis auf diesen Augenblick dürfen sie nicht wagen, mein Brot zu brechen oder mit mir aus demselben Becher zu trinken; auch konnte ich es nicht erlauben, daß irgendeine Person meiner Familie mir die Hand berührte. Das erste Geld, das ich bekam, verwandte ich auf den Ankauf zweier junger Hengste, die ich mir in einem guten Stalle halte; sie sind meine besten Freunde, zugleich mit dem Stallknecht, denn meine gute Laune wird durch den Geruch, der im Stalle herrscht, wiederhergestellt. Meine Pferde verstehen mich ziemlich gut; ich unterhalte mich jeden Tag mit ihnen, und zwar gewöhnlich vier Stunden lang. Sie sind unbekannt mit Zaum und Sattel und leben in großer Freundschaft mit mir sowie untereinander.
Zwölftes Kapitel
Des Verfassers Wahrhaftigkeit. Sein Zweck bei der Herausgabe dieses Werkes. Sein Tadel über Reisende, die von der Wahrheit abweichen. Der Verfasser rechtfertigt sich gegen den Vorwurf böslicher Absicht. Widerlegung eines Einwurfes. Die Methode des Anbaues neuer Kolonien. Lob seines Vaterlandes. Das Recht der Krone auf die vom Verfasser beschriebenen Gegenden wird bewiesen. Schwierigkeit der Eroberung. Der Verfasser nimmt Abschied von seinem Leser, spricht von seiner zukünftigen Lebensweise, gibt guten Rat und schließt vorliegendes Buch.
Nun habe ich dir also, lieber Leser, eine getreue Geschichte meiner Reisen gegeben, die sechzehn Jahre und sieben Monate dauerten. In der Beschreibung habe ich weniger Schmuck der Rede als die Wahrheit im Auge gehabt. Ich hätte vielleicht, wie andere, mit sonderbaren und wahrscheinlichen Geschichten das Erstaunen erregen können; allein ich habe vorgezogen, nur die Tatsachen, und zwar in gerader Art und im einfachsten Stile, darzustellen. Mein Hauptzweck war nämlich, dich zu belehren, aber durchaus nicht, dich zu unterhalten.
Für uns, die wir fremde Länder bereisen, die von Engländern oder anderen Europäern selten besucht werden, ist es sehr leicht, wunderbare Land- und Seetiere zu beschreiben. Dagegen sollte es der Hauptzweck der Reisenden sein, durch ihre Berichte von fremden Orten die Menschen besser und klüger zu machen, ihre Seelen durch schlechtes und gutes Beispiel zu vervollkommnen.
Ich wünsche sehr, das Parlament möge ein Gesetz erlassen, wonach jeder Reisende, bevor er seine Berichte herausgibt, dem Lord-Kanzler einen feierlichen Eid schwören müßte, er wolle nur dasjenige drucken lassen, was seinem besten Wissen gemäß vollkommen wahr sei. Dann würde die Welt nicht länger der Täuschung ausgesetzt sein, die jetzt so üblich ist, weil manche Schriftsteller, damit ihre Bücher im Publikum desto mehr gelesen werden, den arglosen Leser mit den gröbsten Verfälschungen betrügen. Ich habe in meiner Jugend mehrere Reisebeschreibungen mit dem höchsten Entzücken gelesen. Da ich ja aber seitdem den größten Teil des Erdkreises selbst bereist habe und somit imstande war, manche fabelhaften Berichte nach eigener Beobachtung zu widerlegen, so habe ich einen heftigen Abscheu gegen solche Bücher erlangt, und ich ärgerte mich häufig, wenn ich die Leichtgläubigkeit des Menschengeschlechts so sehr mißbraucht sah; da nun meine Bekannten die Güte hatten, ihre Meinung dahin auszusprechen, meine unbedeutenden Bemühungen, um meine Landsleute zu belehren, würden von diesen nicht übel aufgenommen werden, so stellte ich als meinen hauptsächlichsten Grundsatz auf, nie von der Wahrheit abzuweichen und mich mit aller Strenge daran zu halten. Auch kann sich mir nicht die geringste Versuchung zum Lügen darbieten, solange ich die Lehren und das Beispiel meines edlen Herrn und der erlauchten Hauyhnhnms vor Augen habe, deren Schüler zu sein ich so lange die Ehre hatte.
... Nec, si miserum fortuna Sinonem
finxit, vanum etiam mendacemque improba finget.
... Hat das Geschick den Sino so elend gebildet,
wird es ihn nie zum Lügner, der Schmähliches kündet, noch machen.
Ich weiß sehr wohl, daß nur wenig Ruhm durch Schriften erlangt wird, die weder Genie noch Gelehrsamkeit und überhaupt kein Talent, sondern nur ein gutes Gedächtnis und ein genaues Tagebuch erfordern. Ich weiß ferner, daß Reisebeschreiber, wie die Verfasser von Wörterbüchern, durch das Gewühl und die Masse derer in Vergessenheit geraten, die nach ihnen kommen und deshalb oben schwimmen. Auch ist wahrscheinlich, daß Reisende, die später die von mir beschriebenen Länder besuchen, Irrtümer entdecken werden, wenn wirklich welche vorhanden sind, daß sie neue Entdeckungen hinzufügen und mich so außer Mode bringen, so daß sie meine Stelle einnehmen, worauf dann die Welt vergessen wird, daß ich jemals etwas geschrieben habe. Dies würde mir wirklich eine große Kränkung bereiten, wenn ich dies Buch des Ruhmes wegen verfaßt hätte; da ich jedoch ausschließlich das Wohl meines Vaterlandes im Auge hatte, so kann ich mich in meiner Erwartung unmöglich täuschen. Wer wird meine Berichte der ruhmwürdigen Hauyhnhnms lesen können, ohne sich seiner eigenen Laster zu schämen, obgleich er sich als das vernünftige und herrschende Tier seines Vaterlandes betrachtet? Ich will von den entfernten Nationen, wo Yähus die Regierung führen, nichts weiter sagen; von diesen sind aber die Brobdingnagier gewiß am wenigsten verdorben. Es würde zu unserem Glücke sein, wenn wir ihre weisen Grundsätze in Moral und Regierung annehmen würden. Ich vermeide es jedoch, noch weiterzusprechen, und überlasse dem verständigen Leser seine eigenen Überlegungen und die Anwendung der von mir gegebenen Beispiele.
Es ist mir sehr angenehm, daß dieses Werk wahrscheinlich keine Tadler finden wird. Welche Vorwürfe können denn einem Schriftsteller gemacht werden, der nur einfache Tatsachen erzählt, die sich in den entferntesten Ländern zutrugen, die uns nicht das geringste Interesse durch Handel oder durch diplomatische Beziehungen darbieten. Ich habe jeden Fehler sorgfältig vermieden, den man Reiseschreibern so oft und mit zu viel Recht zum Vorwurf macht. Außerdem lasse ich mich durchaus in keine Parteistreitigkeiten ein und zeige weder Vorurteil noch Böswilligkeit gegen irgendeinen Menschen oder gegen irgendeine Klasse von Menschen. Ich schreibe mit dem edlen Zweck, das Menschengeschlecht zu belehren und zu unterrichten. Auch kann ich, ohne das Gebot der Bescheidenheit zu verletzen, mit aller Dreistigkeit behaupten, daß ich diesem überlegen bin, denn ich habe durch meinen längeren Verkehr mit den ausgezeichneten Hauyhnhnms mancherlei Vorzüge gewonnen. Ich schreibe ohne eine Absicht auf Ruhm oder Nutzen. Ich habe es mir nie erlaubt, ein Wort niederzuschreiben, das als Tadel gelten oder durch Beleidigung verletzen könnte; sogar die empfindlichsten Leute werden dergleichen nicht vorfinden. Somit habe ich vollkommen das Recht, mich als tadellosen Schriftsteller hinzustellen, und die Zünfte der Erwiderer, Bemerker, Rezensenten, Spione und Entdecker werden niemals Gelegenheit finden, ihre Talente bei mir anzuwenden.