Ich muß jedoch gestehen, daß mir folgender Wink gegeben wurde: Als Untertan von England sei ich verpflichtet gewesen, nach meiner Rückkehr einem Staatssekretär eine Denkschrift zu überreichen; jedes von einem Untertan neu entdeckte Land gehöre der Krone. Ich bezweifle jedoch, daß Eroberungen in den von mir entdeckten Ländern so leicht sein würden wie die des Fernando Cortez über nackte Amerikaner. Die Liliputaner sind, wie ich glaube, durchaus nicht die Kosten wert, die eine Flotte und Armee zu ihrer Eroberung erfordern würde; es ist ferner eine große Frage, ob ein Angriff auf die Brobdingnagier verständig und ausführbar wäre. Ein englisches Heer oder eine Flotte würden auch dann in eine schlimme Lage geraten, wenn die fliegende Insel über ihren Häuptern schwebte. Die Hauyhnhnms sind zwar zum Kriege jetzt nicht vorbereitet, in der Kriegskunst sind sie vollkommen unerfahren und haben auch keine Wurfgeschütze. Jedoch angenommen, ich sei Staatsminister, so würde ich abraten, einen Angriff gegen sie auszuführen. Ihre Klugheit, Einstimmigkeit und Unbekanntschaft mit Furcht sowie ihre Vaterlandsliebe würden allen Mangel an Kriegskunst leicht ersetzen. Man denke sich 20000 Hauyhnhnms, die in die Mitte einer europäischen Schlachtlinie einbrechen, die Reihen verwirren, die Wagen umstürzen und die Gesichter der Soldaten durch furchtbare Hiebe ihrer Hinterhufe zu Brei zerschlügen. Auf sie könnte man mit Recht anwenden, was man dem Augustus nachgesagt hat: Recalcitrat undique tutus.1 Anstatt eine Eroberung dieser großmütigen Nation vorzuschlagen, wünschte ich vielmehr, sie wären fähig oder geneigt, eine genügende Anzahl Mitbürger abzusenden, um Europa zu zivilisieren und uns die ersten Grundsätze der Ehre, Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Vaterlandsliebe, Tapferkeit, Keuschheit, Freundschaft, des Wohlwollens und der Treue zu lehren. Die Namen dieser Tugenden befinden sich noch in jeder Sprache und kommen in älteren sowie neueren Schriftstellern häufig genug vor, eine Behauptung, die ich ungeachtet meiner geringen Belesenheit wagen darf.
Außerdem war ich noch aus einem anderen Grunde nicht sehr geneigt, die Besitzungen Seiner Majestät durch meine Entdeckungen zu vergrößern. Um die Wahrheit zu gestehen, so fühlte ich einige Gewissensbisse wegen der Gerechtigkeit, mit der Fürsten bei einer solchen Gelegenheit verfahren. Zum Beispiel: Eine Piratenmannschaft wird durch Sturm in eine unbekannte Gegend verschlagen; zuletzt entdeckt ein Matrose Land von dem Hauptmast aus; die Piraten ziehen an den Strand, um zu rauben und zu plündern, sie sehen ein harmloses Volk und werden mit Freundlichkeit bewillkommnet. Darauf geben sie dem Lande einen neuen Namen, nehmen davon förmlichen Besitz für ihren König, stellen eine faule Planke oder einen Stein als Denkzeichen auf; ermorden zwei, drei Dutzend Einwohner, nehmen ein paar andere als Muster mit Gewalt mit sich fort, kehren nach Hause zurück und erhalten ihre Verzeihung. Hier nun beginnt eine neue Herrschaft, die unter dem Besitztitel des göttlichen Rechts erworben ist. Mit der ersten Gelegenheit werden Schiffe dorthin gesandt, die Eingeborenen vertrieben oder vernichtet, ihre Fürsten gefoltert, um ihr Geld zu entdecken; es wird eine vollkommene Straflosigkeit für alle Handlungen der Unmenschlichkeit und Begierde ausgesprochen, so daß die Erde von dem Blute der Eingeborenen dampft, und diese verabscheuungswürdige Mannschaft von Schlächtern, die zu einer so frommen Expedition gebraucht wird, bildet eine moderne, zur Bekehrung und Zivilisierung eines barbarischen und abgöttischen Volkes bestimmte Kolonie.
Diese Beschreibung hat jedoch, wie ich betonen muß, durchaus keine Beziehung auf die britische Nation, die wegen ihrer Weisheit, Sorgfalt und Gerechtigkeit in Anlegung von Kolonien der ganzen Welt zum Muster dienen kann, die durch freigebige Schenkungen zur Verbreitung der Religion und Wissenschaft, durch die Wahl frommer, geschickter Hirten zur Ausbreitung des Christentums, durch das Verfahren, ihre entlegenen Provinzen mit nüchternen und verständigen Leuten aus dem Mutterlande zu bevölkern, durch gewissenhafte Ausübung der Gerechtigkeit, durch Ernennung von fähigen, der Bestechung unzugänglichen Kronbeamten und endlich durch die Absendung von wachsamen und tugendhaften Gouverneuren sich im höchsten Grade auszeichnet, wobei letztere keine anderen Zwecke verfolgen, als das Glück des Volkes, das sie regieren, und die Ehre ihres Königs zu fördern.
Da jedoch die Völker, die ich beschrieben habe, durchaus nicht wünschen, erobert und unterworfen oder durch Kolonisten ermordet und vertrieben zu werden; da sie auch keinen Überfluß an Gold, Silber, Zucker und Tabak besitzen, so hegte ich auch die demütige Meinung, sie seien kein passender Gegenstand für unsern Eifer, unsere Tapferkeit und unser Interesse. Wenn jedoch die, deren Geschäft es ist, sich mehr um diese Sache zu bekümmern, zufällig anderer Meinung sein sollten, so bin ich bereit, sobald ich behördlich aufgefordert werde, mein Zeugnis dafür abzulegen, daß kein Europäer vor mir diese Länder besucht hat. Hierunter verstehe ich jedoch nur, insoweit man den Einwohnern Glauben schenken darf und im Fall kein Streit über die beiden Yähus entstehen sollte, die man vor vielen Jahren auf einem Berge in Hauyhnhnm-Land gesehen haben will.
Die Förmlichkeit jedoch, im Namen meines Fürsten von dem Lande Besitz zu nehmen, ist mir niemals eingefallen. Wäre dies aber auch wirklich der Fall gewesen, so hätte ich, in Betracht des damaligen Standes meiner Angelegenheiten, wahrscheinlich aus Klugheit und Selbsterhaltung die Sache auf eine gelegenere Zeit verschoben.
Nachdem ich so den einzigen Tadel, der gegen mich als Reisenden erhoben werden kann, entkräftet habe, nehme ich hier zuletzt noch Abschied von allen meinen höflichen Lesern und kehre zu meinen Gedankenfreunden in meinen kleinen Garten bei Redriff zurück. Ich werde jetzt die ausgezeichnetsten Tugendlehren, die ich bei den Hauyhnhnms erlernte, anwenden und die Yähus meiner eigenen Familie, soweit solche Tiere diese begreifen können, darin unterrichten und so mich allmählich daran gewöhnen, den Anblick menschlicher Geschöpfe zu ertragen; ich werde die tierische Natur der Hauyhnhnms in meinem Vaterlande stets beklagen, jedoch aus Rücksicht auf meinen edlen Herrn, seine Familie, seine Freunde und das ganze Hauyhnhnms-Geschlecht ihre Personen stets mit großer Rücksicht behandeln; denn sie gleichen diesen in allen Zügen, wie sehr auch ihr Verstand entartet ist.
Vergangener Woche erlaubte ich meiner Frau, mit mir zu essen; sie mußte jedoch an dem entferntesten Ende eines langen Tisches sitzen und die ihr vorgelegten Fragen in aller Kürze beantworten. Da mir jedoch der Geruch eines Yähus noch immer anstößig ist, verstopfte ich mir die Nase mit Raute, Lavendel und Tabak. Obgleich es einem Manne in vorgerückten Jahren sehr schwer ankommen muß, alte Gewohnheiten zu verlassen, so hege ich doch noch die Hoffnung, daß ich bald meinen Yähu-Nächsten in meiner Gesellschaft werde dulden können, ohne, wie es jetzt noch der Fall ist, mich vor seinen Zähnen und Klauen fürchten zu müssen.
Meine Wiederaussöhnung mit der Yähu-Rasse im allgemeinen würde nicht so schwierig sein, wenn sie nur mit den Lastern und Torheiten zufrieden sein wollte, wozu sie die Natur berechtigt hat. Ich ärgere mich nicht im geringsten über den Anblick eines Juristen, Taschendiebes, Obersten, Narren, Lords, Spielers, Politikers, Kupplers, Arztes, Zeugen, Anstifters zum falschen Zeugnis, Anwaltes, Verräters oder desgleichen. Alle diese Erscheinungen sind dem natürlichen Laufe der Dinge gemäß. Sehe ich aber eine Masse von Häßlichkeit und Krankheit sowohl des Körpers wie der Seele von Stolz sich blähen, so ist meine Geduld sogleich zu Ende. Auch kann ich nicht begreifen, wie solch ein Laster und solch ein Tier zusammenpassen können. Die weisen und tugendhaften Hauyhnhnms, die an allen ausgezeichneten Eigenschaften, die ein vernünftiges Geschöpf nur ausschmücken können, so viel Überfluß haben, besitzen in ihrer Sprache keinen Namen für diese Laster. Diese entbehrt ohnehin der Ausdrücke, die etwas Böses bezeichnen, mit Ausnahme dessen, was sie an den verabscheuungswürdigen Yähus bemerken. Das Laster des Stolzes konnten sie aber bei diesen nicht ausfindig machen, weil sie die menschliche Natur nicht in dem Grade zu erkennen vermochten, wie dies in den Ländern, wo der Yähu herrscht, der Fall sein muß. Ich, der ich meine Erfahrung hatte, konnte jedoch einige Elemente des Stolzes bei den Yähus bemerken. Die Hauyhnhnms, die unter der Herrschaft der Vernunft leben, haben nicht mehr Stolz auf ihre guten Eigenschaften als zum Beispiel ich, daß mir weder ein Arm noch ein Bein fehlt. Jedermann wird sich dessen wohl nicht rühmen, solange er nicht verrückt ist, obgleich der Mangel jener Glieder ihn unglücklich machen müßte. Ich verweile länger bei diesem Gegenstande, weil ich die Gesellschaft eines englischen Yähus auf irgendeine Weise weniger unerträglich zu machen wünsche, und deshalb bitte ich diejenigen, die auch nur einen Schein von diesem lächerlichen Gebrechen haben, mir in Zukunft vom Leibe zu bleiben.
- Ende -