Karl May
Der Pfahlmann
Inhaltsverzeichnis
I.
II.
III.
IV.
I.
Zwischen Texas, Neu-Mexiko, dem Indianer-Territorium und dem nach Nordosten streichenden Ozarkgebirge liegt eine weite Landesstrecke, über welche die Natur nicht weniger Schauer gelegt hat, als wie dergleichen die asiatische Gobi oder die afrikanische Sahara dem Menschen furchtbar machen. Kein Baum, kein einsamer Busch giebt dem brennenden Auge einen willkommenen Anhaltspunkt; kein Hügel, keine einzige namhafte Erhöhung unterbricht die todesstarre, eintönige Ebene; kein Quell erquickt die lechzende Zunge und bringt Errettung vor dem Verschmachten, dem Jeder anheimfällt, der aus der Richtung geräth und den Weg verfehlt, welcher nach den Bergen oder einer der grünenden Prairien führt. Sand, Sand, wieder Sand und nichts als Sand ist hier zu sehen, und nur zuweilen stößt der kühne Jäger, der sich in diese Oede wagt, auf eine Strecke, welcher ein vorübergehender Regen eine scharfe, stachelige Kaktusvegetation entlockt hat, die der Fuß meidet, weil sie ihn verletzt, die Thiere verwundet und einen Tropfen Saft enthält, welcher die glühende Zunge nur auf einen Augenblick zu kühlen vermöchte.
Und doch durchziehen einige wenige Straßen dieses furchtbare Land. Der Mensch ist Meister der Schöpfung und macht sich selbst ihre starrsten, widerstrebendsten Punkte unterthan. Hinauf nach Santa Fé, an die Creeks, Springs und Goldfeder der Felsenberge und hinunter über den Rio Grande nach dem reichen Mexiko führen sie; aber es sind keine Straßen, wie die Civilisation sie dem Verkehr bietet, sondern was man so nennt, besteht in nichts als dürren Stangen, die man von Zeit zu Zeit in den Sand gesteckt hat, um die Richtung anzuzeigen, welcher der langsam dahinschleichende Ochsenkarrenzug oder der schnellere Trapper und Pfadfinder zu folgen hat. Wehe dem, der diese Zeichen, von denen dieser Theil des Südwestens den Namen Llano estacado erhalten hat, verfehlt oder wenn sie von wilden Indianerhorden oder räuberischen Jägerbanden entfernt wurden, um ihn in die Irre zu führen. Er ist verloren! -
»Gott sei Dank!« seufzte er auf. »Das giebt vielleicht Hülfe. Komm, mein braves Thier, komm! Nimm Dich noch einige Minuten zusammen, bis wir den Mann da drüben erreichen!«
Er stieg ab, ergriff die Zügel und schleppte sich und das Pferd vorwärts, und zwar so, daß seine Richtung und diejenige des Mannes, den er gesehen hatte, in einem spitzen Winkel zusammentreffen mußten. Als er sich ihm näherte, erkannte er zu seinem Erstaunen, daß dieser Mann ein Fußgänger war. Dies Erstaunen war sehr gerechtfertigt, denn jeder Westmann weiß, daß ein Mensch in dem Llano estacado ohne Pferd verloren ist.
Der Andere erblickte ihn jetzt und blieb stehen, um ihn herankommen zu lassen. Er war unbewaffnet und hatte am Riemen einen Flaschenkürbis umhängen. Als sie sich einander genug genähert hatten, rief er dem Reiter entgegen:
»Heigh-day, ist das ein Wunder und eine Freude, einen lebenden Menschen hier in dieser trostlosen Oede zu sehen! Aber sagt einmal, Sir, seid Ihr ein ehrlicher Mann, oder gehört Ihr zu den Kerls, die man hier noch mehr als anderswo zu meiden hat?«
»Das Erstere, das Erstere! Ihr habt nichts zu besorgen. Ich habe mich verirrt und bin dem Verschmachten nahe. Habt Ihr vielleicht Wasser in Eurem Kürbis?«
»Nur noch einen Schluck.«
»Gebt her, gebt her, sonst falle ich um!«
»Hm! Es geht mir fast ebenso, aber dennoch sollt Ihr den Schluck haben. Ihr habt ein ehrliches Gesicht. Da, nehmt!«
Er hielt ihm den Flaschenkürbis hin, und der Andere sog begierig den geringen Rest bis auf den letzten Tropfen ein.
»Thank you!« sagte der Reiter. »Nun habt aber Ihr nichts zu trinken.«
»Werden bald Etwas bekommen, Etwas, was hier außerordentlich selten ist.« Dabei zeigte er nach einem kleinen Wölkchen, welches sich eben jetzt über den Horizont erhoben hatte. »Aber sagt, Sir, wer seid Ihr, und wie kommt Ihr nach dem gefährlichen Llano estacado?«
»Ich komme von Santa Fé, bin den Comanchen echappiert und wollte hinauf nach den Bergen, um über den Red Revier [River] nach Arkansas zu gehen. Mein Name ist Richard Forster, und meine Heimath ist Frankfurt [Frankfort] in Kentucky.«
»Richard Forster? - Frankfurt [Frankfort] in Kentucky? - By god, Sir, dann sage ich Euch hundertfachen Dank für dies Zusammentreffen! Ihr seid der berühmte Mann, der die schönen Lieder macht, die weit über die Staaten hinaus gedruckt und gelesen werden?[«]
Der Andere nickte lächelnd.
»Richtig gerathen! Ich bin der Mann, der »Savannenbilder« dichten wollte und deshalb in die Prairie ging, um sich von den Kojoten beinahe auffressen zu lassen.«
Er stand jetzt gerade und aufrecht da, die Arme in die Hüften gestemmt, eine echte, rechte Kentuckygestalt. Die blonden Locken, lange Zeit ungepflegt, hingen ihm lang auf die breiten Schultern herab; die tiefblauen Augen glänzten wieder lebensvoll und die erst so bleichen, männlich schönen Züge begannen sich wieder zu röthen.
»Oder von den Comanchen aufspießen und am Pfahle martern zu lassen. Auch ich bin vor Kurzem ein Weniges mit ihnen zusammengekommen, Sir, und wurde von ihnen
verfolgt bis in dieses verdammte Sandmeer, wo sie wieder umkehrten. Ich glaube, es war dieselbe Truppe, die auch Euch zwischen die Pfeile nahm.«
»Möglich! Aber nun will ich dieselbe Frage aussprechen, die Ihr mir vorhin vorlegtet.«
»Ihr? Sagt nur immer Du, Sir! Ich bin weder Präsident noch Gouverneur und mag von Ihr nichts hören. Wie ich heiße? Tim Summerland, so ist mein Name, seit ich lebe, und so wird er auch bleiben, bis ich meinen Skalp verliere, oder von irgend einem Grizzly mit Haut und Haar verschlungen werde. Habt Ihr vielleicht von Bill Summerland gehört, dem Lawyer?«
»Meinst Du den berühmten Advokaten Bill Summerland in Stenton, Arkansas?«
»Denselben. Er ist mein Bruder und zu ihm wollte ich. Ich hätte ihm eine verteufelte hübsche Ladung von Goldstaub und Nuggets mitgebracht, die ich droben am Canadian geholt hatte, aber die Pfahlmänner haben sie mir abgenommen.«
»Die Pfahlmänner?«
»Ja, die Pfahlmänner. Oder wißt Ihr noch nicht, welchen Schuften man diesen Namen giebt? Es giebt allerlei Gesindel, welches aus gewissen Gründen die Staaten verlassen mußte und hier sicher vor den Armen der Jury zu sein scheint. Es zieht in verschiedenen Trupps umher[,] plündert, mordet, treibt allen möglichen Unfug und hat es ganz besonders auf die Voyageurs und Karawanen abgesehen, welche gezwungen sind, die Todessteppe zu durchschneiden. Um diese irre zu führen, ziehen sie die Pfähle heraus und entfernen sie, oder stecken sie in falscher Richtung ein. Ist dann der Wanderer halb verschmachtet, so fallen sie über ihn her und - nun ja, jetzt wißt Ihr, warum man sie die Pfahlmänner nennt. Als wir die Spanisch-Piks und den Canadian verließen, waren wir über die zwanzig wohlbewehrten Westleute. Sie alle fielen unter den Tomahawks und Pfeilen der Comanchen, bis auf mich und noch Zwei. Wir konnten uns nur durch den Llano estacado retten und hatten bereits das größere Stück derselben zurückgelegt, als die Pfähle aufzuhören begannen. Dies mahnte uns zur Vorsicht; aber trotz aller List und Achtsamkeit wurden wir überrumpelt. Es war mitten in der Nacht. Ich entkam im Dunkeln aus dem Handgemenge, aber so, wie Ihr mich hier seht, ohne Pferd und Waffen. Nur den Flaschenkürbis mit dem Wasser rettete ich. Aber der alte Tim Summerland wird schon wieder zu einer Büchse und einem Pferd kommen.«
Er hielt inne. Der Nomade des Westens ist meist ein schweigsamer Gesell, und Tim Summerland hatte die längste Rede seines Lebens gehalten. Der gute Mann sah nichts weniger als gentlemanlike aus; die Strapazen hatten seinen Körper und noch mehr seine Kleidung mitgenommen, aber sein Gesicht zeigte eine jener nicht seltenen Trapperphisiognomien [Trapperphysiognomien], in welchen sich der Ausdruck ungemeiner List und Verschlagenheit mit dem der Ehrlichkeit und Treue paart.
»Was die Büchse betrifft, so kann schon jetzt geholfen werden«, meinte Forster. »Ich habe außer meinem Doppelläufer einen famosen Stutzen dort am Sattel hängen, den Du haben kannst, Tim; für Munition und Proviant ist gesorgt; nur Wasser, Wasser, das ist nöthig, nicht blos für uns, sondern noch vielmehr für mein Thier, ohne welches wir verloren sind. Aber, Gott sei Dank, Du hast Recht gehabt; die Wolke wächst zusehends; sie nimmt schon fast den halben Himmel ein, und ich glaube, vor dem Verschmachten sind wir nun sicher!«
»Das ist so gewiß wie meine Mütze! In fünf Minuten kommt der Guß, Sir, das könnt Ihr glauben, denn Tim Summerland ist nicht zum ersten Mal in der Todessteppe und kennt ihre Launen wie seinen Kugelbeutel. Macht nur, daß Ihr das Pferd anpflockt und das Pulver verwahrt, sonst ists um Beides geschehen.«
Er nahm seine Mütze ab. Es war eine Kopfbedeckung, die ihres Gleichen suchte. Von ihm selbst vor langen Jahren mittelst Hirschsehnen aus einem Stück Bärenfell zusammengenäht, hatte sie wohl schon ursprünglich eine außergewöhnliche Form besessen; dann waren ihr im Laufe der Zeit die Haare bis auf einige zerstreute Troddeln abhanden gekommen, die lang und schmutzig braun an der nackten Haut hingen wie Blutegel, die sich in das Fell verbissen hatten; tausendmal vom Regen durchnäßt und ebenso oft von der Sonne wieder getrocknet, hatte das Prachtstück jetzt eine geradezu unbeschreibliche Gestalt angenommen und lag auf dem Kopfe, wie eine ausgedorrte Qualle oder ein Stück ausgelaugte und ausgebratene Dachpappe, welches die Hitze in Halbkugelform gezogen hat. Solche Ausrüstungsstücke sind in der Prairie gar nichts Seltenes; sie haben dem Besitzer ihre guten Dienste geleistet, werden von ihm heilig gehalten und selbst dann nicht abgelegt, wenn er auf kurze Zeit mit der Civilisation in Berührung kommt.
Zwar war die Luft jetzt noch schwüler als vorher, aber die beiden Männer fühlten sich schon durch die Hoffnung auf den Regen gekräftigt, und auch das Pferd hielt den Kopf schnaubend in die Höhe. Sein Instinkt ließ es die nahe Rettung erkennen. Es wurde fest angepflockt; Forster sorgte dafür, daß Proviant und Munition nicht von der Nässe erreicht werden konnten, und kaum war dies geschehen, so brach es los, nicht allmälich [allmählich], wie in anderen Zonen, sondern plötzlich wie eine [ein] See, der vom Himmel stürzt und Alles in die Erde schlagen will. Die Jäger tauchten bei dem ersten Drucke der furchtbaren Tropfenmasse förmlich auf den Boden nieder; dann aber hielt Summerland seine Mütze verkehrt dem niederströmenden Elemente entgegen. In wenigen Augenblicken war sie gefüllt.
»Cheer up, Sir, nehmt Euren Hut, und macht's wie ich! Auf Euer Wohl und dasjenige des alten Tim Summerland!«
Er goß das Wasser, trotzdem es verschiedene Ingredienzen in der Kopfhaut vorgefunden hatte, in den weitgeöffneten Mund, schnalzte mit der Zunge, als habe er einen Humpen echten New-Hampshire-Whiskey ausgeleert, und hielt die Bärenhaut wieder empor, um den labenden Trunk zu wiederholen.
Forster folgte der Aufforderung. Die trotz der dichten und ausgetrockneten Kleidung bald bis auf die Haut durchdringende Nässe wirkte auf seinen Körper wie Balsam auf eine offene Wunde. Die ganze Fülle der früheren Kraft und Freudigkeit kam über ihn, und auch das Pferd wieherte laut und schlug vorn und hinten aus, um die Rückkehr des beinahe entwichenen Lebens zu erkennen zu geben.
Weit über eine Stunde lang gossen die Schleußen des Himmels ihre Ströme unvermindert hernieder, dann hörte die Fluth ebenso plötzlich auf, wie sie begonnen hatte.
»'sdeath, war das eine Sündfluth!« meinte Summerland. »Ich wollte, die ganze Comanchen- und Pfahlmännersippschaft wäre darin ersoffen, wie der König Belsazar im rothen Meere, als er die Egypter erschlagen wollte. Wie ist's Euch, Sir?«
»So gut und wohlig, als säße ich in irgend einer "dearness spelunk" von St. Louis oder Cincinnati«, antwortete der Gefragte mit einem heiteren Lächeln über die geschichtliche Verwechslung, deren sich sein Gefährte schuldig gemacht hatte. »Ich fühle mich so vollständig erfrischt und munter, daß ich sofort aufsteigen und davonreiten möchte.«
»Wird auch das Beste sein! Jetzt ist die Luft kühl und stärkend; das müssen wir benutzen, [benutzen.] Come on, setzt Euch auf; wir wollen machen, daß wir aus dieser verteufelten Steppe heraus und in ein Land kommen, wo es ein wenig Gras und einige Bäume giebt!«
»Willst Du nicht zuvor ein Stück Fleisch nehmen? Ich bin damit zur Genüge versehen.«
»Gebt her! Doch das läßt sich im Gehen thun.«
»Im Gehen! Nein, Du sollst auf das Pferd. Ich bin besser auf den Füßen.«
»Meint Ihr etwa, Tim Summerland, der alte Trapper und Goldsucher, setzt sich wie St. Mary auf den Esel und läßt Euch als Joseph daneben herhumpeln bis in den Distrikt Mesopotamien hinein? Da irrt Ihr Euch gewaltig. Ich habe eine Portion Wasser bekommen und werde laufen wie ein Cheyennehäuptling. Das Thier ist Euer; darum müßt Ihr reiten!«
»Well, so wechseln wir ab. Aber die Richtung, Tim, über die müssen wir uns doch vorher einigen!«
»Nord und Süd kenne ich genau und Ihr jedenfalls auch; aber das ist nicht genug. Die Hauptsache ist, zu wissen, nach welcher Gegend wir das grüne Land am Schnellsten erreichen.«
»So sag Deine Meinung. Du kennst ja den Estacado besser als ich.«
»Hm, wenn die Pfähle nicht fortgewesen wären, so könnte man sich leicht entscheiden; so aber muß man sich sehr besinnen, um nicht vielleicht gar noch tiefer in die Wüste zu gerathen.«
»Ich schlage Nordostnord vor. In dieser Richtung sah ich vorhin einige Coyoten laufen. Kein Raubthier kann lange ohne Wasser sein, und ich vermuthe, daß dorthin welches zu finden sei und in Folge dessen Vegetation und Futter für das Pferd.«
»Ihr seid ein Dichter, Sir, und solchen Gentlemen ist nicht viel Praktik zuzutrauen, weil sie gewöhnlich ganz wo anders zu Hause sind, als gewöhnliche Menschenkinder, die keine Verse machen. Das hätte ich beinahe auch von Euch gedacht; jetzt aber muß ich Abbitte thun, denn ich sehe, daß Ihr das Auge dort habt, wo es hingehört. Vorwärts also, nach Nordostnord!«
»Nimm vorher den Stutzen und mein Bowiemesser; die Büchse und den Tomahawk behalte ich für mich. Auch muß ich laden. Man kann nicht wissen, was Einem begegnet.«
»All right! Gebt her, ich werde Eurem Schießzeuge keine Schande machen.«
Nach einem kurzen Aufenthalt des Ladens verließen sie den Ort, der ihnen so verhängnißvoll hätte werden können. Das Pferd war vollständig munter und wohlauf und trug seinen Reiter mit der früheren Leichtigkeit; doch war zu denken, daß dies nur eine vielleicht bald vorübergehende Folge des Regenbades sei. Es hatte seit längerer Zeit kein Gras gehabt, und die zurückgekehrten Kräfte konnten nur durch ein baldiges Futter erhalten werden.
Dennoch hielt es brav aus bis gegen Abend, wo alle Anzeichen verriethen, daß es wieder zu ermatten beginne.
Summerland blieb stehen und streckte den Kopf vor; ein eigenthümlicher Geruch machte ihn aufmerksam. Auch Forster sog die Luft ein.
»Kaktus,« meinte er, »wir müssen ihm ausweichen.«
»Ausweichen? Das fällt dem Tim Summerland gar nicht ein. Gerade hin zu ihm müssen wir; das ist so sicher wie meine Mütze.«