»Gott ist die Liebe, Miß, und Beide sind allmächtig! Sie kommt, sie ist da und gebietet im Augenblicke über die verborgensten Gedanken und die offensten Thaten des Menschen. Wer sie aus dem Herzen reißt, vernichtet dieses und mit ihm sich selbst.«
Sie legte ihre Hände flehend auf seinen Arm.
»O, thut das nicht; ich müßte mir ewig zürnen!«
Noch ehe er zu antworten vermochte, hatte sie das Zimmer verlassen und war auf den Balkon getreten. Er folgte ihr und nahm neben ihr Platz, ohne zu ahnen, daß der entflohene Pfahlmann in seinem eigenen Zimmer stehe und ihn beobachte.
»Nur zürnen, Miß? Wäre der Zorn das Einzige, was Ihr fühlen würdet?«
»Nein, noch viel, viel mehr!« hauchte sie.
»Was noch? O bitte, sagt es mir!«
Sie fühlte, über das Geländer gebeugt, die Berührung seines Armes und machte keine Bewegung, sich demselben zu entziehen.
»So Schreckliches, daß ich keinen Namen dafür finde.«
»Marga, darf ich lieben und hoffen?«
»Dort kommt Papa!« Sie trat in das Zimmer zurück. Ihr Auge leuchtete, und ihre Wangen glühten. »Bin ich denn dieser Liebe, dieser Hoffnung werth?«
»Marga, mein Leben, meine Seligkeit! Wäre ich der Größte unter den Großen der Erde, ich würde dennoch in Demuth um das kleinste Wörtchen bitten, wie ich es hören möchte!«
Der Bankier trat ein. Er war so aufgeregt, daß er die ungewöhnliche Haltung der Beiden gar nicht beachtete.
»Ihr habt Recht gehabt, Sir!« keuchte er mit fliegendem Athem. »Die Empfehlung war gefälscht. Wir müssen den Schurken haben!«
»Wir werden ihn bekommen, selbst wenn es ihm gelungen wäre, für jetzt zu entwischen. Ist er aber nach seiner Wohnung gegangen, was er sicher gethan hat, wenn er nicht vorher auf das Geschehene vorbereitet war, so wird Tim Summerland ihn sicher nicht aus dem Auge lassen. Ihr waret doch jedenfalls schon beim Prokurator oder auf der Polizei?«
»Nein, noch nicht! Ich habe in meinem Grimm und der Eile gar nicht daran gedacht![«]
»So müßt Ihr das Versäumte sofort nachholen. Ich gehe unterdessen zu Tim, um Euch dort zu erwarten.
Wir haben es mit einen [einem] ebenso raffinirten wie verwegenen Manne zu thun und dürfen keine Zeit verlieren!«
Sie gingen, und Marga blieb allein zurück. Sie nahm auf dem Sopha Platz und öffnete ihr Album. Hier war das Gedicht verborgen, welches sie aus der Zeitung geschnitten hatte. Sie las es wieder und immer wieder.
»Ich undankbare Thörin! Solch ein Glück, solch eine Seligkeit sich beinahe zu verscherzen! Ja, er hat Recht, die Liebe kommt, sie ist da und gebietet; so war's bei mir, so war's bei ihm, und jedes Zagen ist Sünde. O Mutter, könntest Du doch leben und sehen, wie froh, wie unendlich froh das Herz Deines Kindes ist!«
Sie bog sich in die weiche Lehne zurück, schloß die Augen und träumte süße, holde Bilder, die ihrem selig ahnenden Herzen entstiegen. So lag sie lange, lange. Da erklangen draußen Schritte; es klopfte, und ehe sie sich noch erhoben hatte, stand der Geliebte vor ihr. Er sah den Zeitungsausschnitt in dem geöffneten Album liegen und wußte nun, daß sie sich nur mit ihm beschäftigt habe.
»Ich komme als Bote. Wilson ist seither nicht in seiner Wohnung gewesen. Die Policemen suchen ihn an den Orten, wo er zu verkehren pflegte, und da er ihnen persönlich unbekannt war, muß sich Papa an der Nachforschung betheiligen. Er läßt bitten, nicht in Sorge um ihn zu sein. Auch ich werde mit Summerland nach ihm suchen, vermuthe jedoch, daß er Stenton bereits verlassen hat. In diesem Falle weiß ich genau, wohin er sich wendet, und werde ihm noch in der Nacht folgen. Darf ich dann um die Freundlichkeit bitten, mich bei Mutter Smolly zu entschuldigen, von der ich doch unmöglich Abschied nehmen kann.[«]
»Ihr wollt fort, ihm nach, wollt Euch in die Gefahr begeben, von ihm - nein, nein, das darf ich nicht gestatten, das kann ich unmöglich zugeben! Bleibt, Sir, bleibt, und überlaßt die Verfolgung des Bösewichts der Polizei!«
Er lächelte glücklich und überlegen dabei.
»Gegenüber einem offenen Feinde, und das ist er mir nun, kenne ich keine Gefahr. Auch ist meine Abreise ja noch nicht sicher bestimmt; es ist ja möglich, daß er die Stadt noch nicht verlassen hat; dann fällt er gewiß in unsere Hände, und ich bleibe hier.«
»So versprecht mir, auf alle Fälle noch einmal hier vorzusprechen! Ich bleibe wach, bis Papa kommt und ich genaue Nachricht habe.«
»So werde ich wiederkehren. Bis dahin aber - gute Nacht!«
Er reichte ihr die Hand. Sie sah seinen bittend-fragenden Blick und fühlte seinen leisen Versuch, sie an sich zu ziehen. Sie schlang aus eigenem Antriebe die Arme um ihn.
»Richard, erhalte Dich mir. Schone Dich, wenn Du ihn triffst!«
Ihre Lippen trafen die seinen in einem leisen, schnellen Kusse, dann entschlüpfte sie ihm in das Nebengemach.
Dort vertauschte sie das Salonkleid mit einem bequemen Negligé und hatte eben diese Beschäftigung beendet, als sie bemerkte, daß er in seine Wohnung gegangen sein müsse, da die Fenster derselben erleuchtet waren. Jedenfalls verließ er diese bald wieder; sie wollte ihn sehen und begab sich auf den Balkon.
Nach einiger Zeit öffnete sich auch drüben die Thür zum Altane, und er trat heraus, um nach Summerland zu blicken, der ihn abholen sollte. Er winkte grüßend mit der Hand herüber, und sie erhob die ihrige zur Antwort, stockte aber mitten in der Bewegung. Ein Schatten glitt an den zwei Fenstern des Studirzimmers vorüber und im nächsten Augenblick sah sie im Innern des nach dem Balkon offenen Raumes das Gesicht Wilsons erscheinen.
Ein jäher Schreck durchzuckte sie, aber im Moment hatte sie sich wieder gefaßt, erhob den Arm und rief:
»Wilson hinter Dir!«
Er wandte sich um, keinen Augenblick zu früh, denn schon stand der Genannte hinter ihm und hatte das Messer zum Stoße gezückt.
»Hilfe, Hilfe!« schrie Marga in wahrer Todesangst. Sie sah nur noch, daß die beiden Männer auf dem Altane mit einander rangen, dann sprang sie in das Zimmer zurück, die Treppe hinab, über die Straße hinüber und flog dort athemlos zu seiner Wohnung empor. Sie trat gerade in dem Momente ein, als Forster den Balkon verließ.
»Richard, wo ist er? Ich tödte ihn!«
Beim ersten Angriffe Wilsons war sie in Ohnmacht gefallen, hier aber zeigte sie sich über alles Erwarten muthig und geistesgegenwärtig. Der eine Kuß hatte sie verpflichtet, für den Geliebten Alles, selbst das Leben zu wagen.
»Fort. Ein Sprung vom Altane hat ihn gerettet, während ich ihn loslassen mußte, um das Messer zu entfernen.«
»Du blutest! Er hat Dich verwundet! Um Gott, zeige schnell her!«
»Es ist nichts, Marga, zwei kleine Fleischwunden. Laß mich, ich muß ihm nach!«
»Nicht um die ganze Welt!«
Er wollte ihr enteilen; obgleich ihn ihr Hiersein mit namenlosem Entzücken erfüllte; sie aber hing sich so fest an ihn, daß er Gewalt hätte brauchen müssen, um loszukommen.
»Bitte, Marga, er wird mir entgehen!«
»Laß ihn, laß ihn! Ich müßte vor Sorge sterben, wenn ich Dich so von mir ließe. Komm, entferne den Rock; laß mich die Wunden sehen!«
Er sah, daß hier jeder Widerstand vergeblich sei, und folgte ihrem Gebote. Wilson hatte ihm einen Schnitt in die Linke und einen Stich in den Arm versetzt. Beide waren nicht gefährlich, verursachten aber eine heftige Blutung. Er blickte ihr lächelnd zu, als sie diese zu stillen versuchte und dann einen kunstgerechten Verband anlegte.
»So«, meinte sie, als sie fertig war, »jetzt ist keine Besorgniß mehr nöthig, Du böser, lieber Mann. Aber ohne Deine Marga wärst Du ihm nachgesprungen und hättest Dich unterwegs vielleicht gar verblutet.«
»Nein, ohne meine Marga wäre ich schon früher ein Kind des Todes gewesen, denn ohne Deinen Warnungsruf hätte mich sein Messer hinterrücks getroffen. Wie soll ich Dir danken, Du herrliches, entzückendes Wesen!«
Er zog sie mit herzlicher Innigkeit an sich.
»Damit, daß Du mich immer, immer so lieb behältst wie jetzt!« flüsterte sie, sich zärtlich an ihn schmiegend.
Sie war so reizend in dem duftigen Gewande, daß er für Augenblicke den Flüchtling vergaß und nur Liebe und Seligkeit von ihren Lippen trank. Doch nicht lange, sa [so] ertönten draußen Schritte und Summerland trat ein. Er machte nicht wenig erstaunte Augen, als er das Mädchen erblickte, und es wurde ihm in kurzen Worten Alles mitgetheilt.
»Er ist hier gewesen? Damn! Hat er Euch bestohlen, Sir?«
»Weiß nicht, Tim, habe auch keine Zeit mehr, darnach zu forschen; hat er es gethan, so werde ich es schon merken. Jetzt aber müssen wir hinter ihm her.«
»Natürlich. Aber nehmet einen Revolver mit oder so etwas Aehnliches; der Kerl darf nicht mit Seide angefaßt werden!«
Sie verließen die Wohnung. Forster begleitete Marga bis in die ihrige und schloß sich dann dem auf ihn wartenden Gefährten an.
»Wohin jetzt?« frug dieser.
»Nirgends hin als wieder in mein Haus. Ich werde nach dem Dienstmädchen sehen, das mir soeben eingefallen ist. Ohne Sarah hat er nicht zu mir gekonnt; sie muß uns Aufschluß geben und das Weitere wird sich dann schon finden!«
»All reihgt [right], Sir! Dieser Gedanke ist nicht schlecht; Master Wilson mag einstweilen laufen, meinetwegen bis Babylon, wo die Weiden standen, welche die sieben fetten Kühe des Königs Pharao wegfraßen, wir holen ihn doch noch ein und helfen ihn [ihm] zu einem guten Stricke; das ist so sicher wie meine Mütze!«
IV.
Ein steifer Nordost wehte und schwellte die Segel der Vereinigten-Staaten-Brigg »Union«, daß sie vor dem Winde über die Wogen dahinflog, graziös zur Seite geneigt und sich den scharfen Bug mit großflockigem Gischte beschäumend.
Sie war nach Vera Cruz bestimmt, um Farbehölzer nach Galveston zu bringen, und hatte nur zwei Passagiere an Bord, die eben jetzt an der Reiling standen und einer Tintorera zuschauten, welche seit Kurzem dem Schiffe folgte. Diese gefräßigste und gefährlichste aller Haifischarten liebt die Nähe der Küste und war somit ein sicherer Beweis, daß das Ziel der Reise nicht mehr fern sei.
Der Eine der Passagiere war in ein hequemes [bequemes] Grau gekleidet und trug den in diesen Breiten gebräuchlichen Panamahut; der Andere stack in einem ausgefransten Habit von Büffelhaut und trug auf dem Kopfe eine Mütze, die während der ganzen Fahrt die muntere Aufmerksamkeit der Matrosen erregt hatte. Beide waren im Passagierbuche als Mr. Richard Forster und Mr. Tim Summerland eingetragen und schienen außerordentliche Eile zu haben, nach Vera Cruz zu kommen.
»Seht nur das Ungethüm, Sir, was für einen Rachen und welch große Augen es hat. Wer zwischen solche Zähne kommt, der ist nicht so glücklich wie der Prophet Elias, der drei Monate und sechs Tage im Bauch eines Walfisches zubrachte, bis ihn dieser auf den Libanon speite! Und Ihr meint wirklich, daß es Leute giebt, die nur mit dem Messer in der Faust in das verteufelte Wasser springen, um sich mit dem Ungethüm herumzubalgen? Ich danke für eine solche Passion. Ich will doch lieber zwischen eine Heerde angeschossener Büffell [Büffel] gerathen, als mich von einem solchen Viehzeug verschlingen lassen und dann extra ersaufen! Das Wasser ist ganz gut, das haben wir ja in dem Llano estacado gesehen, aber in solchem Haufen beisammen wie hier ist es eine gefährliche Erfindung, und ich will froh sein, wenn ich einige Quadratschuh festen Boden unter mir habe!«
»Das wird noch vor Abend der Fall sein, Tim, wie mir der Kapitän sagte. Und wenn es mit der Postverbindung klappt, so sind wir morgen schon in Mexiko.«
»Das soll mich freuen! Aber ungeheuer ärgerlich würde es sein, wenn wir uns auf falscher Fährte befänden und umsonst über die mechante Pfütze herübergeschwommen wären.«
»Man darf diese Möglichkeit nicht außer Rechnung bringen, doch glaube ich, richtig zu vermuthen, wenn ich meine, daß wir diesen reichen Plantagenbesitzer aus Texas bei seinem Bruder, dem ehrenwerthen Alkalden Don Antonio Molez, finden werden.«
»Wenn es so ist, Sir, so jage ich ihm gleich im ersten Augenblicke mein Messer in den Leib für den Diebstahl, den er an Euch verübt hat.«
»Ich glaube sehr, daß wir Beide, Olbers und ich, wieder zu dem Unsrigen kommen. Sarah sagte, daß sie eine ganze Menge Goldstaub und Nuggets bei ihm gesehen habe, und dieser Werth wird mehr als hinlänglich gewesen sein, die Kosten seiner Reise zu decken. Die Papiere des Bankiers hat er natürlich gegen andere vertauscht.«
Jetzt trat der Kapitän hinzu. Forster hatte zu seiner Freude einen Studiengenossen in ihm gefunden und ihm daher die Veranlassung zu seiner Reise und ihren Zweck mitgetheilt.
»Wie lang fahren wir noch, Williams?«
»In zwei Stunden sind wir im Hafen. Hier hast du das Rohr. Gestern schnitten wir den Wendekreis und doublirten dann die Höhe von Tampico. Der Streifen vor uns ist die Küste vom wahren Kreuze.«
Wirklich erkannte Forster einen dunklen Streifen, welcher den Horizont abschloß.
»Kennst Du den Fahrplan der Post?«
»Nein. Jedenfalls wirst Du nicht lange zu warten brauchen. Du glaubst also wirklich, den Kerl in Morelia zu finden?«
»Wahrscheinlich. Behaupten aber kann ich es nicht.«
»Ich möchte annehmen, daß er in Texas ist. Er muß dort bekannt sein, sonst hätte er nicht so viel von dem Lande gesprochen, welches eine solche Ausdehnung besitzt, daß er trotz der Sorge um eine etwaige Verfolgung seine Spekulation dort ins Werk zu setzen vermag. Denke nur daran, daß es kein Vereinigten-Staaten-Territorium, sondern eine mexikanische Provinz ist und seine Auslieferung langwierige Unterhandlungen voraussetzen würde, während welcher ihm eine Flucht zehnmal gelingen könnte.«
»Deine Ansicht in Ehren, aber ich kann mich ihr nicht anschließen. Sein ganzes Aeußere deutet auf spanische Abkunft, und Mexiko ist ihm jedenfalls bekannter als Texas; sein Bruder lebt dort, den ich keineswegs für seinen Stiefbruder halte. Master Wilson wird wohl ursprünglich ein Sennor Molez gewesen sein. Zwar glaube ich auch wie Du, daß er auf die Ausführung seiner Spekulation nicht verzichten werde; aber die Grants sind in Texas und nur mit Mühe und durch langwierige Vermittelung, in Mexiko aber aus erster Hand und viel billiger zu haben. Vielleicht steht er in Beziehung zu einer bei der Verwaltung der Staatsländereien betheiligten Persönlichkeit oder hofft, durch den Alkalden in eine solche zu treten. Gelingt ihm sein Vorhaben, so wird er keineswegs nach Texas ziehen, sondern die Grants sofort mit Gewinn zu verkaufen suchen und sich dann für immer unsichtbar machen.«
»Well, Sir, so ist's richtig«, meinte Summerland; »aber wir werden dafür sorgen, daß er ein wenig mehr als ehrliche Leute sichtbar sein wird, nämlich fünf Ellen hoch am Stricke, wenn ihn mein Messer nicht etwa schon vorher gekitzelt hat!«
»Wie lange bleibt die "Union" im Hafen liegen?«
»Das ist unbestimmt«, antwortete Kapitän Williams; »je nach der Leichtigkeit, mit welcher es mir gelingt, die Ladung zusammenzubringen. Willst Du wieder mit retour?«
»Ich würde mit Niemandem lieber fahren als mit Dir.«
»So spute Dich, Deinen Mann zu fangen, und bringe ihn gleich mit, damit ich seine interessante Bekanntschaft mache!«
»Wenn ich dies könnte! Zwar bin ich mit polizeilichen Vollmachten versehen, aber auf diese hin stehen mir leider nur die Behörden der Vereinigten Staaten zu Diensten. In Mexiko gelten sie gleich Null.«